Schule war einmal Muße

BZ-Interview mit Reinhard Kahl

Der Journalist Reinhard Kahl gilt als einer der besten Kenner des deutschen Schul- und Bildungswesens. Bekannt gemacht hat ihn sein Dokumentarfilm „Treibhäuser der Zukunft. Wie in Deutschland Schulen gelingen“. Bei den baden-württembergischen Theatertagen in Freiburg gestaltet er am kommenden Wochenende unter dem Motto: „Schule träumen im Theater“ mehrere Veranstaltungen. Petra Kistler fragte ihn nach seinen Beweggründen.

BZ: Herr Kahl, „Schule träumen im Theater“ – was kann man sich darunter vorstellen?

Reinhard Kahl: Der derzeit laufende Bildungsstreik zeigt: Das Thema Bildung hat zwar die Mitte der Gesellschaft erreicht, aber seinen Ort noch nicht gefunden. Das Theater ist ein wunderbarer Ort, an dem auch sofort deutlich wird, dass Bildung etwas anderes ist als Standards erfüllen und in einem Jahr schneller fertig zu werden. Bildung ist immer auch die alte Fragenach dem richtigen Leben.

BZ: Das klingt nach einer Veranstaltung fürs gehobene Bildungsbürgertum.

Kahl: Hoffentlich nicht! Es gibt in Freiburg viele Eltern, die etwas anders machen wollen, die werden andere Eltern mitbringen. Wir haben Referenten wie den Hirnforscher Gerald Hüther oder den Arzt und Kinderforscher Remo Largo, die ganz klar und unakademisch sprechen.

BZ: Sie wollen Schulen zu Lernlandschaften umbauen, den Wandel vom Belehren zum Lernen schaffen. Was braucht es dafür?

Kahl: Es braucht eine gute Atmosphäre. Es braucht eine Institution, in der Kinder und Jugendliche willkommen sind und keiner sagt: Wo sind jetzt die blinden Passagiere? Wo sie nicht eingeordnet werden, sondern daran geglaubt wird, dass in jedem viel mehr steckt, als wir uns vorstellen können. Ein Ort, an dem sich Kinder und Erwachsene gegenseitig positiv überraschen. Das ist möglich. Das Problem ist, dass viele nicht daran glauben.

BZ: Haben Sie Beispiele, die zeigen, dass es geht?

Kahl: Die gibt es überall. Auch davon wird in Freiburg die Rede sein. Ich war vergangene Woche für einen Film über Bildungshäuser – Baden- Württemberg will bekanntlich die Kindergärten und die Schulen zusammenführen – an derLabor-Schule in Bielefeld. Wir haben dort zwei Tage gefilmt, und der Kameramann sagte mir, er habe in den zwei Tagen nicht ein gelangweiltes Gesicht gesehen. Der Normalzustand ist doch eher, dass viele Schüler ihre müden Körper in die Schulen tragen und dann geht die Fantasie spazieren. Eine unglaubliche Energievergeudung.

BZ: Liegt dies an der Begeisterungsfähigkeit des Lehrers? Oder liegt es am System?

Kahl: Das System besteht doch aus Menschen. Aber das System ist widersprüchlich. Es gibt doch immer mehr, die wissen, dass das Zeitalter, in dem Menschen wie Maschinenmodule leben und arbeiten sollen, ausläuft. Diese Krisensituation, in der wir uns befinden, ist auch eine mentale Krise. Aus der Schule einen Ort zu machen, wo Menschen auch etwas wollen und nicht immer nur fragen, was sie sollen, das ist ein Gebot der Stunde.

BZ: Dann muss auch über die Schule anders diskutiert werden: weg von den Systemfragen.

Kahl: Vor allem aber weg von immer noch deutlichen Spuren und Gräben des mehr als 30-jährigen deutschen Bildungskrieges. Wir müssen aus Schulen Orte machen, die ihre eigene Biografie entwickeln. Für mich ist völlig klar, dass Schulen, die das tun, sich nicht primär als auslesende Anstalten verstehen können; als Anstalten, die mit ihren Abschlüssen geizen. Sie müssen um Anschlüsse bemüht sein. Auf diesem Umweg kann man auch das leidige Problem des drei- oder fünfgliedrigen Schulsystems lösen – wenn der Impuls von den Schulen kommt.

BZ: Zwei Tage „Schule träumen im Theater“. Was soll von den Vorträgen, Workshops, Tanz, Theater und Diskussionen bleiben?

Kahl: Ganz Freiburg und die Region soll vom Lernvirus angesteckt werden. Lernen als das von Eros aufgeladene Projekt des eigenen Lebens zu begreifen und nicht als das Eingewöhnen in Fremdsteuerung. Nicht, Lehrer, sagt uns doch, was ihr prüft, dann pauken wir es und vergessen es wieder. Abschied von dieser elenden Bulimie-Schule hin zu dem, was Schule bei den alten Griechen mal war: Schule war Muße, Freiheit von Geschäften. Die List einer solchen Schule ist, dass sie am Ende viel produktiver ist als die Schule des fremdbestimmten Lebens.