Der Ravensberg, Kiel
von Hannelore Ohle-Nieschmidt

logo_ravensberg Am Beruflichen Gymnasium „Der Ravensberg“ entscheidet nicht die Herkunft der Schüler über ihre Zukunftschancen. Möglichst alle werden entsprechend ihren Fähigkeiten gefördert. In der Oberstufe gibt es sechs Profile – u. a. Darstellendes Spiel und „Europa“ mit drei Fremdsprachen. Sie werden im festen Klassenverband unterrichtet. Der Ravensberg war 2007 für den Deutschen Schulpreis nominiert.


Eine Schule wie das Leben

Kletterrosen ranken über das Sprossenfenster im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Gebäudes, Sonnenlicht fällt schräg auf den Boden. Ruhig ist es, nur gelegentlich fällt eine Tür ins Schloss und
Schritte hallen durch den Flur. In der Eingangshalle des „Ravensberges“ fühlt man sich wie in einem alten Gutshaus, nicht wie in einer Schule. Im ersten Stockwerk die Gegenwelt. Dienstleistungsunternehmen
„Der Ravensberg“: Ein dreisprachiges Leitsystem führt den Besucher durch das Gebäude des Beruflichen Gymnasiums und des Abendgymnasiums „Der Ravensberg“ in Kiel. Der freundliche Mensch an der Infotheke weiß, wo man erwartet wird. Sich willkommen zu fühlen ist schön! Wer kennt nicht das Verlorensein in menschenleeren Schulgängen. Auf die Besucherin wartet ein engagierter Terminplan. Zwei Tage voll mit Präsentationen, Abteilungsleiter-Sitzungen, Klassenrats-, Evaluations- und,Lernvereinbarungsgesprächen. Das ist kein ausgewähltes Besucher-Programm, das ist Alltag am Ravensberg. Annähernd 1800 meist erwachsene Schülerinnen und Schüler besuchen einen der sechs Bildungsgänge der Berufs- oder Berufsfachschule, des Fach- oder Abendgymnasiums. Die Berufsschulen

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Recht und Verwaltung bzw. Foto und Medien bilden Fachangestellte oder Kaufleute im Einzelhandel aus. Die Berufsfachschulen führen zum mittleren Abschluss oder zur Fachhochschulreife, am Fach- oder Abendgymnasium gelangt man zur allgemeinen Hochschulreife. Viele der Schülerinnen und Schüler verdienen ihren Lebensunterhalt selbst. Der Ravensberg ist eine Schule in städtischer Trägerschaft. An ihr unterrichten 62 Lehrerinnen, 62 Lehrer sowie 12 Künstler, „Fahrendes Volk“, wie die externen Unterstützer auch liebevoll genannt werden.

Veränderungsprozess über zehn Jahre

Wie in vielen Schulen, die eigene Wege gehen, herrschte auch am Ravensberg Unzufriedenheit über die erzielten Erfolge. Nur etwa die Hälfte der Gymnasiasten erreichte das Abitur und die Schule wurde mehr als Durchlaufstation verstanden, die Schülerinnen und Schüler identifizierten sich nicht mit ihr. Die sechszügige Profil-Oberstufe im festen Klassenverbund, Lernzeiten von 90 statt 45 Minuten und die Abschaffung des Pausenzeichens leiteten die Wende ein. Heute erwerben die Schüler innerhalb von drei Jahren Methoden-, Team- und Kommunikationskompetenz. Jedes Halbjahr wird ein fächerübergreifendes Projekt erarbeitet, das oft auch einer außerschulischen Öffentlichkeit präsentiert wird.

„Zwischen zehn und zwölf Jahre dauert so ein Veränderungsprozess, bis es rund läuft und man nachhaltige Erfolge verbuchen kann. Aber zu Ende ist so ein Prozess nie – sollte er nicht sein, denn Stillstand ist Rückschritt“, sagt Schulleiter Wulf Wersig (60). Inzwischen ist der Ruf der Schule ausgezeichnet und die Nachfrage enorm. Auf 168 Plätze im Beruflichen Gymnasium kommen inzwischen 700 Bewerbungen. Stolz schwingt mit, wenn Schüler sagen: „Ich bin ein Ravensberger“.

Damit Schulentwicklung gelingt, ist eine vertrauensvolle, kollegiale Zusammenarbeit und Offenheit im Umgang mit Fehlern Kern aller Prozesse. Durch die Oberstufen-Profile arbeiten relativ feste Teams zusammen. Wechselnde Teamsprecher bzw. -sprecherinnen moderieren die Sitzungen, sammeln Vorschläge für Veränderungen und sorgen dafür, dass Konzepte erarbeitet und umgesetzt werden. Man trifft sich nicht nur in sondern auch außerhalb der Schule, um dienstliche Themen zu besprechen. Es gibt eine Kultur des Feierns und des Lobens. Beides hat einen festen Platz im Schulleben.

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Jeden mitnehmen

Alle verbindet die Verpflichtung, keinen Schüler aufzugeben, was vermutlich nicht trotz sondern wegen der heterogenen Lerngruppen möglich ist. Das System ist von der Berufs- über die Berufsfachschule bis zum Gymnasium durchlässig. Jeder hat „die Guten“ als Beispiel vor Augen. An ihnen kann man sich orientieren, ihnen kann man nacheifern. Jeder Einzelne wird ermutigt, jeder Einzelne unterstützt. Lernprobleme werden besprochen und gemeinsam wird mit dem Lehrer/ der Lehrerin nach Lösungen gesucht. Meist ist das ein Plan zur Selbstdisziplinierung, zu dem man sich verpflichtet. Über ihn wird ein Lerntagebuch geführt.

Kontrolle als Normalzustand ist ein weiterer Grund für den Erfolg der Schule. Kontrolle wird nicht verstanden als negative Überwachung sondern dient der Einhaltung von Regeln, auf die sich alle verständigt haben. Verständigt hat man sich am Ravensberg auch darauf, Lehrer von Schülern evaluieren zu lassen. Selbstverständlich wird darüber gewacht, dass dies auch geschieht. Lehrer und Schüler bilden Teams. Diese Teams treffen Vereinbarungen – auch die sind einzuhalten. Das klingt einfach, muss aber in einer Schulkultur verankert sein.

EVA und KLARA – Zwei, die zusammengehören

EVA ist so ein Beispiel. EVA bedeutet „Eigenverantwortliches Arbeiten“. Die Schüler unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander. Das klappt nicht immer, vor allem, wenn man zwischen 14 und 16 ist. Also so richtig in der Pubertät und damit in einer Phase, in der das Rollenverhalten erprobt sein will, in der die Hormone Ping-Pong spielen und alles andere wichtiger ist als Lernen und konzentriertes Arbeiten.

Wenn es bei EVA hakt, tritt KLARA, der Klassenrat in Aktion. Dort geschieht Erstaunliches. Diejenigen, die sich gestört fühlen, besprechen mit den Störern, wie die Situation verbessert werden kann. Der Lehrer/ die Lehrerin ist zwar anwesend, hat aber nicht die Gesprächsführung. Die liegt, wie die Verantwortung für das Protokoll und für das Einhalten des Zeitplans, bei einem Schüler/ einer Schülerin. Im Fall der Störer werden Vorschläge gesammelt, diskutiert und verworfen. Schlussendlich vereinbaren alle die Einrichtung von vier Lernteams mit unterschiedlichen Schwerpunkten, von Mathe über Naturwissenschaften bis Deutsch. So fällt die Konzentration leichter. Aber die Lehrer sollen bitte ab und an vorbeischauen, um die Anwesenheit zu kontrollieren. Dieser Wunsch wird ins Protokoll aufgenommen.

Hier lernen die jungen Erwachsenen die Welt kennen, die sie nach der Schule erwartet. Zum Argumentations-Werkzeugkasten der Lehrer gehört deshalb auch die Erinnerung daran, dass die Schüler schlicht einen Job zu erledigen haben, der von der Gesellschaft finanziert wird.

Rainbow-Nation Ravensberg

interkultfest2007-009_s_o Annähernd 50% der Vollzeitschüler am Ravensberg sind nicht-deutscher Herkunft. Grundlage für eine erfolgreiche Teilhabe an Beruf und Gesellschaft ist die korrekte Beherrschung der deutschen Sprache und der Benimmregeln der Gesellschaft. Das ist nicht neu. Der Ravensberg bietet jedem Schüler/ jeder Schülerin die Teilnahme an Benimm- und Deutsch-Förderkursen an. Sie sind freiwillig. Dadurch entsteht eine Dynamik, die man mit einer Verpflichtung zur Teilnahme wohl kaum erreichen würde. „Wir haben mit den Förderkursen erst begonnen. Es ist nicht einfach für die Schüler, denn sie besuchen sie zusätzlich zum Unterricht. Aber diejenigen, die nicht teilnehmen, sehen die Fortschritte der anderen. Das legt die Basis für einen großen Anstrengungswillen“, freut sich Pressereferentin Raika Wiethe.

Darstellendes Spiel als verpflichtendes Unterrichtsfach

Dass zur ganzheitlichen Bildung des Menschen Musik und Darstellende Kunst gehören, ist keine neue Erkenntnis. Dass, wer auf den Beruf vorbereitet wird, möglichst von Profis lernen sollte, ist auch nicht revolutionär, sondern konsequent gedacht. Am Ravensberg nutzt man diese Chance als zusätzliches Angebot. Profi-Künstler, das sogenannte „Fahrende Volk“, aus den Bereichen Schauspiel, Choreographie, Tanz/ Ballett, Schreiben und Bildende Kunst kommen regelmäßig in die Schule, um zu unterrichten. Uta Homeyer, Abteilungsleiterin des Beruflichen Gymnasiums weiß, dass „es keine bessere Möglichkeit für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen gibt als die Auseinandersetzung mit Theater, Bildender Kunst und Musik“.

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Aus dem engen Kontakt mit dem Theater Kiel ist eine vertragliche Zusammenarbeit entstanden, die zu einem der engagiertesten Projekte geführt hat, das es jemals am Ravensberg und am Kieler Schauspielhaus gab. Ein Jahr lang haben die Schülerinnen und Schüler des 12. und 13. Kulturprofil-Jahrgangs unter der Leitung des Schauspielers Matthias Unruh, des Musikers Axel Riemann und der Choreographin Nicole Borowy am Kieler Theater die Rockoper „Jesus Christ Superstar“ einstudiert. Zehn Aufführungen wurden in den regulären Spielplan übernommen, sämtliche Vorstellungen waren ausverkauft. Was für eine Erfahrung für junge Menschen auf der Suche nach ihrer Rolle in der Welt!

Die Zukunft hat schon begonnen

Die Stadt Kiel wird den Ravensberg mit einer anderen Schule zusammenlegen und zum Regionalen Schulzentrum machen. Das wird einen enormen Change-Prozess in Gang setzen, dessen Ausgang offen ist. Da aber Stillstand Rückschritt bedeutet, und einer wie Wulf Wersig nach wie vor Visionen hat, sieht man Chancen in dieser Veränderung. „Der Neubau bietet uns die Möglichkeit, endlich eine Mensa für mehr als 600 Personen zu bauen. Die Architekten haben unsere Idee der Clusterbildung und damit die Öffnung der Räume aufgegriffen. Damit könnte mein Wunsch in Erfüllung gehen, dass sich das eigenverantwortliche, selbständige Lernen fest im Denken aller und auch räumlich verankern lässt. Eine Schule mit pädagogischen Inseln, wo alle intrinsisch motiviert und selbstgesteuert arbeiten, das wäre wunderbar. Ich hoffe, dass auch nach der Zusammenlegung und nach dem Neubau die Identifikation von Schülern und Lehrern mit ihrem Ravensberg genauso groß ist wie heute.“

Fotos: Günter Riesinger und Klaus Rambow