Landstreichler - Mit Kindern sechs Monate auf Reise

amatomkraftwerkJana Reiche gründete, gemeinsam mit anderen Eltern, die Freie Schule Baek in der Prignitz. Eher zufällig wurde sie deren Schulleiterin. Als nach sechs Jahren alles in sichere Bahnen gelenkt war, nahm sie sich und ihre Kinder aus der Schule und ging auf Tour durch halb Europa.

Der Erfahrungsbericht einer Welt(en)reisenden.



1995 zogen mein Mann und ich, beide noch an der Fachhochschule Potsdam studierend, in die Prignitz, um auf einem alten Bauernhof mit vielen Tieren und einem großen Garten zu leben. Die Prignitz, im Norden Brandenburgs gelegen,

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wirbt mit dem Slogan „Zwischen Hamburg und Berlin“ und das ist es vielleicht auch, was sie kennzeichnet. Ein Land im Zwischenraum. Der Charme einer unberührten Landschaft, in der Platz zum Wachsen ist. Von Anfang an waren wir mit Aufbauarbeit in allen Lebensbereichen beschäftigt.

Als unser Sohn geboren wurde, vergrößerte sich für uns das Bedürfnis nach einer Bildungseinrichtung, in der Kindern respektvoll und ihnen gemäß begegnet wird. Aus einer bereits etablierten Bewegung im soziokulturellen Bereich bildete sich ein Netzwerk von Menschen, vereint durch die Suche nach einem Ort für ihre Kinder, nach der Vision einer gelungenen pädagogischen Begleitung, aber auch nach einem guten Grund in einer strukturschwachen Region zu bleiben. 1999 entwickelte sich so aus 15 Elternpaaren in Baek eine Bildungsinitiative mit dem Ziel, reformpädagogische Grundsätze in der Praxis zu leben und die Region als Standort in künftige Vorhaben zu integrieren.

familienansichten Nach monatelangen, oft sehr emotional verlaufenden Diskussionen gründeten wir den „Landweg e.V.“, darauf folgte die Praxis. Wir suchten eine Person, die unsere „Freie Schule Baek“ leiten würde. Da wir nichts versprechen konnten, außer einer guten Zusammenarbeit mit der Gemeinde Groß Pankow (wie wir heute wissen, mehr wert, als wir damals dachten), engagierte Eltern (auch ein Geschenk) und ein reformpädagogisches Konzept (ebenfalls ausgereifter, als wir damals ahnten), gab es niemanden, der unser Angebot annehmen wollte . Der Reiz ist vielleicht nicht so groß, wenn Beamtenstatus und geregelte Arbeitszeiten auf der anderen Seite der Waage liegen. So übernahm ich die Verantwortung für dieses Projekt, das ich mit initiierte. Ich gab vorsichtshalber bekannt, dass ich in meiner Schulzeit trotz ausgezeichnetem Abschluss wenig gelernt, im Lehrerstudium nichts in der Praxis Brauchbares erfahren und als diplomierte Sozialpädagogin sowieso andere Pläne hatte. Dass ich aber auch die Chancen sehen könne.
Die Angst, in ein Berufsfeld zurückzukehren, von dem ich mich verabschiedet hatte, war unermesslich groß. Außerdem wollte ich meinem Sohn eine omnipräsente Mutter ersparen. Ich versprach dem ersten Durchgang, also den ersten sechs Kindern und deren Eltern, dass ich sechs Jahre an der Schule bleiben und dann neu sortieren würde. Was ich nicht ahnte, dass dieses aus nächtelangen Diskussionen entwickelte Konzept bis heute fast bis ins kleinste Detail im pädagogischen Alltag Bestand hat, selbst die Tagesstruktur für alle Kinder der 1-6 verbindlich erhalten geblieben ist. Und dass neben diesen anrechenbaren Dingen jeder Tag an dieser Schule ein Glückstag sein würde.

Trotzdem wollte ich sechs Jahre später meinen Entschluss eines frei gewählten Ausstiegs nicht ändern. Als Pädagogin mit Montessori-Diplom schien es mir fast eine Verpflichtung, die Welt zu erkunden, zumal ich schon in frühster Jugend reiste. Außerdem kennt jeder das Dilemma des sozialen Engagements, für Familie und Regeneration bleibt immer zu wenig Zeit, das ist aber notwendig, um mit gleichbleibender Freude zu arbeiten.

Im Sommer 2007 war es dann soweit. Ich verabschiedete mich aus einer gewohnten und geliebten Tätigkeit, um gemeinsam mit meinem Mann und Ana, 8 Jahre und Elias, 12 Jahre, für ein halbes Jahr durch Europa zu reisen. Eine in der Region ansässige Pädagogin, die den Mut hatte, ihren Beamtenstatus zu riskieren, übernahm meine Funktion als Schulleiterin. Finanzielle Absicherung, Schulstandort, Teamsituation, Wahrnehmung im Landkreis Prignitz, Zusammenarbeit mit den Eltern, all diese oft heiklen Baustein waren abgesichert und stabil. Ein guter Zeitpunkt für einen Perspektivwechsel.
rigaturmWir kauften einen Übertragungswagen des Rundfunks Berlin-Brandenburg, welchen Elias und sein Vater in dreimonatiger Arbeit zum Wohnmobil mit kleiner Küche, Klapptisch, Betten und Minibibliothek umbauten. Der Schulrat genehmigte unsere Reise durch Europa für ein halbes Jahr, die Schule sowieso. (Und so wird mir die Prignitz in ferner Zukunft unter anderem – auch durch das Mitwirken des Schulrates – wegen ihrer geradezu revolutionär handelnden Verwaltung in Erinnerung bleiben.) Wir fuhren Mitte August los.

Unsere Reise führte uns durch Polen, nach Litauen, Lettland und Estland, bekannt als Baltikumstaaten, wiederum durch Polen in die Ukraine, von dort nach Rumänien, durch Bulgarien, kurz in die Türkei, weiter nach Griechenland und von dort mit der Fähre nach Italien.

Ein kleiner Ausschnitt unserer Erlebnisse:
Wir haben Europa erfahren und Regionalität erlebt. Hauptstädte und das ländliche Leben sind vor allem in Osteuropa ein unvorstellbarer Gegensatz, Stretchlimousinen und Pferdefuhrwerke bewegen sich aneinander vorbei. Die Landschaft rührte uns oft an, z.B. die Weite im Baltikum, die „Mondlandschaft“ der Wanderdünen in Polen, die Überschwemmungen und verbrannten Landschaften in Griechenland, die Schönheit der Donau. Das Flüchtlingsdrama an der griechischen Küste hat viele Fragen in Bezug auf Recht und Gerechtigkeit aufgeworfen. Wir waren in Italien an einsamen Stränden und an Kulturdenkmälern, wo im Herbst kaum noch Touristen verweilen. Seit Bulgarien wissen wir, dass Seepferdchen für Fischer Abfall sind und auch wenn wir eine Hand voll gerettet haben, sterben morgen wieder 15-20. Unser LKW kann einen tiefen Fluss durchqueren, wenn rumänische LKW-Fahrer das abnicken. Menschen, die unter einfachsten Bedingungen leben, teilen ihr Weniges. Überall in Europa leben engagierte, mutige Menschen und hinterfragen handelnd die Verhältnisse. Es ist notwendig, Englisch zu sprechen. Eine verbindliche Tagesstruktur hilft allen. Verschieben von Vorhaben führt immer zum Vergessen. Wir haben viele Schulen und Kindergärten besucht und stellten dabei fest, reformpädagogische Einrichtungen sind in Osteuropa nur einer Elite vorbehalten.

Und eine kleiner Ausschnitt unserer Fragen, die auftauchten (ein wirklich kleiner Ausschnitt):
Warum heißen Seepferdchen nicht Meerpferdchen? Welches ist das kleinste Land der Welt? Was sind Pandemien? Wie entstehen Wanderdünen? Warum klatschen die Taucher die Tintenfische wie Lappen auf den Beton und das mehrmals? Warum kontrollieren uns die Grenzer nicht, könnten wir auch schmuggeln? Was ist die Lebensart der Seepferdchen? Wie kam es zu den Bränden in Griechenland? Hat Metro mit Metropole zu tun? Sind die Karpaten ein Falten- oder ein Bruchschollengebirge? Warum haben so viele Menschen in Europa das Naziregime geduldet, sogar unterstützt? Wofür wird der alternative Nobelpreis vergeben? Wird es in Italien irgendwann aufgrund des Klimawandels keine Landwirtschaft mehr geben? Wie wollen wir leben? Warum läuten am Silvesterabend in Florenz die Glocken nicht?

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Wir wissen nun, Zeit ist tatsächlich relativ und eines der größten Geschenke, das jedem zur Verfügung steht. Die Erfahrung von Stille und Einfachheit in einem geschützten Umfeld ist die einzige Möglichkeit, nachhaltige Erkenntnis zu erlangen.

Nun sind wir wieder in Deutschland. Unsere Kinder besuchen seit Januar 2008 ihre Schule. Wir haben aus jedem Land einen kleinen Erinnerungskoffer mitgebracht und unsere Mails aus der Welt durch erzählte Berichte ergänzt. Ich arbeite 2 Tage in Baek und 2 Tage an der weiterführenden Schule im Primarbereich, berate ansonsten in der verbleibenden Zeit Bildungsinitiativen in Gründungsphasen und Schulen, die Unterstützung brauchen. Elias wird ab dem Sommer 2008 am Potsdamer Filmgymnasium sein, Anastasia die 4. Klasse besuchen. Es gefällt uns wieder in der Prignitz zu sein, auch wenn wir uns wundern, wie schnell wir uns in unsere gewohnten alltäglichen Abläufe begeben haben. Wir hoffen, wach zu bleiben im Erkennen von Notwendigkeiten.

Mir ist bewusst, dass wir in einer sehr privilegierten Situation waren, aber ich weiß auch, von dem Mut, der dazu gehört sich aus einer abgesicherten und vor allem geliebten Situation zu verabschieden, um seinen Anspruch an Wahrhaftigkeit und seine Überzeugungen immer wieder aufs Neue zu überprüfen und sich nicht auszuruhen auf dem Gefühl, dass etwas gelungen ist.

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