Enja Riegel im Interview

Enja Riegel beim AdZ-Kongress 2007 Enja Riegel, ehemalige Direktorin der Helene-Lange-Schule, gründet den privaten "Campus Klarenthal". Eltern empfiehlt sie, gegen die staatliche Schulpolitik zu protestieren.

Ein Interview mit AdZ-Gründungsmitglied Enja Riegel in der Frankfurter Rundschau.

"Private Schulen sind besser, weil sie mehr Freiheit haben"

Sind Privatschulen besser, Frau Riegel?

Nicht zwangsläufig. Ich kenne allerdings eine Reihe von sehr guten Privatschulen, die eine andere Erziehung und anspruchsvolle Ausbildung praktizieren - und nicht allzu viele staatliche Schulen, die das auch tun.

Was heißt andere Ausbildung?

Weg vom Pauken, weg von den mit Stoff überladenen Lehrplänen, hin zu einer Erziehung, bei der der ganze Mensch mit seinen Sinnen einbezogen wird. Wo Kinder selber forschen, Herausforderungen meistern und zu Höchstleistungen ermutigt werden.

Viele Neugründungen, steigende Anmeldezahlen. Woher kommt der Boom bei den Privaten?

Die Zahlen steigen in der Tat sprunghaft. Ursache ist die große Unzufriedenheit mit den staatlichen Schulen…

Die offensichtlich sehr gewachsen sein muss.

Ja, sicher. Eltern, die sich über die Bildung ihrer Kinder Gedanken machen, suchen immer häufiger solche Angebote, die das ganze Kind betrachten, ihm sein eigenes Tempo geben, auf seine Fähigkeiten und Bedürfnisse eingehen.

Warum gerade jetzt?

Es gibt da einen Kulminationspunkt, und das ist Pisa. Bis dahin haben wir geglaubt, wir hätten das beste Schulsystem. Plötzlich wurde klar: Wir sind Mittelmaß. Das war ein bitteres Erwachen. Aufgeklärte Eltern suchen spätestens seitdem bessere Alternativen, und manche sagen: Ich bin bereit, etwas dafür zu bezahlen und auf etwas anderes zu verzichten.

Ist die Unzufriedenheit mit den staatlichen Schulen berechtigt?

Völlig.

Sollen also möglichst alle Eltern Privatschulen wählen?

Nein, man muss ihnen sagen, ihr habt recht mit Eurer Unzufriedenheit. Ihr solltet massenhaft auf die Straße gehen und protestieren. Das unterstütze ich. Staatliche Schulen müssen sich endlich auf den Weg machen.

Was schreiben Sie auf Ihr Protestplakat?

Schluss mit der frühen Trennung. Das ist das Grundübel in den deutschsprachigen Ländern. Kinder werden mit zehn Jahren auf die unterschiedlichsten Schularten verteilt, obwohl erwiesen ist, dass das für die Kinder schlecht ist, dass man so früh keine sichere Prognose stellen kann, dass sie - nach Leistung sortiert - weniger lernen.

Also Gesamtschule für alle?


Man braucht eine Schule, in der die Kinder bis zum Ende der Pubertät gemeinsam lernen. Das ist Weltstandard. Auf meinem Plakat steht auch, dass kein Kind sitzen bleiben darf. Und alle Schulen müssen die Kinder behalten, die sie haben. Die Lehrer sollten die Verantwortung für alle Kinder übernehmen und wissen, die behalte ich und muss jeden Einzelnen zum höchsten ihm angemessenen Abschluss führen.

Nicht alle Privatschulen sind Gemeinschaftsschulen oder verfolgen reformpädagogische Ansätze. Viele Neugründungen funktionieren eher nach dem Prinzip: Eltern zahlen ein paar hundert Euro im Monat drauf, und bekommen dafür kleinere Klassen und schönere Räume. Haben diese Eltern gute Gründe für ihr Tun?

Aber natürlich. Eltern leben in dem Glauben, wenn sie für die Schule zahlen, wird ihr Kind auch irgendwie zum Abitur geschleust. Das ist nicht immer das Beste für das Kind, aber in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit und globaler Konkurrenz sucht man natürlich den zukunftsträchtigsten Abschluss. Doch viele Eltern wollen auch noch etwas anderes, dass ihr Kind nämlich den Tag über in einer Gemeinschaft gut aufgehoben ist.

Sollte nicht der Staat dafür sorgen, dass alle Kinder eine solche gute Bildung erhalten?

Das ist meine Forderung. Dass eben nicht nur eine kleine Gruppe, die die Wege kennt und es sich leisten kann, dieses Ziel erreicht. Und der Staat kann das tun. Wenn er denn nur wollte. Es gibt ja staatliche Schulen, die zeigen, dass man mit dem Geld, das der Staat zur Verfügung hat, wunderbar Schule machen kann. Das zeigt immer wieder der Deutsche Schulpreis, den etwa die Offene Schule Waldau und gerade jetzt die Helene-Lange-Schule bekommen haben. Beides sind Versuchsschulen des Landes Hessen.

Sie haben die Helene-Lange-Schule 20 Jahre geleitet, bis 2003. Was haben Sie anders gemacht?

Ich habe diese Schule geleitet wie ein Unternehmen. Ich habe mir gesagt, ich bekomme Geld, ein Haus, Personal und damit habe ich auch die Verantwortung, etwas daraus zu machen. Und dafür habe ich zusammen mit dem Kollegium alle Nischen genutzt, die das Schulrecht lässt.

Welche Nischen sind das?

Wir haben das Gymnasium zu einer Schule für alle Kinder gemacht. Kein Kind muss gegen seinen Wunsch die Schule verlassen. Alle machen dort ihren Abschluss. Es gibt kein Sitzenbleiben, keine Noten in Klasse 5 und 6, keine Aufteilung in Leistungskurse, keine Angst, keine Langeweile. Dafür braucht man eine Pädagogik, in der der Lehrer die Kunst beherrscht, jedes Kind auf seinem Niveau zu fördern. Und diese Kunst ist in Deutschland nicht sehr verbreitet. Außerdem haben wir die große Schule in sechs kleine unterteilt. Jeder Jahrgang wird von einem Team von sechs bis acht Lehrern betreut.

Sind Lehrer zu bequem, Schulleiter zu ängstlich?

Erst einmal muss der Staat den Schulen mehr Freiheit geben, ihr Personal auszusuchen, es weiterzubilden, die Ziele auf dem eigenen Weg zu erreichen. Und der Staat muss begabte Schulleiter suchen und ausbilden - jemanden, der darauf Lust hat, der was von der Sache versteht, der Risikobereitschaft mitbringt, der Menschen führen kann und eine Vision von guter Schule hat.

Aber der Wettbewerb zwischen privaten und staatlichen Schulen ist unfair. Die Privaten haben meist zusätzliche Mittel durch das Schulgeld der Eltern und Zuwendungen von Fördervereinen oder Unternehmen. Sie haben dann kleinere Klassen, modernere Gebäude und Arbeitsmittel. Da können staatliche Schulen doch nicht mithalten.

Alles das könnte die staatliche Schule auch. Man kann mit dem gleichen Geld, das der Staat für seine Schulen ausgibt, eine sehr gute Schule machen. Wir haben das an der Helene-Lange-Schule gezeigt. Im Übrigen ist es gar nicht so leicht, Eltern in großer Zahl zu finden, die Schulgeld zahlen wollen und können.

Es tun aber immer mehr Eltern.

Die Schulen müssen sich dafür auch sehr anstrengen. Auch, um die guten Lehrer zu halten, die ja jederzeit Beamte beim Staat werden können. Privatschulen bieten dafür die Chance, dort neue Pädagogik zu praktizieren, mit anderen zusammenarbeiten, Kinder zu ermutigen statt zu beschämen, sie ganzheitlich zu erziehen. Das ist attraktiv für Lehrer und Eltern. Auch staatliche Schulen, die heute schon so arbeiten, können sich die Lehrer aussuchen, weil viele dort hinwollen.

Warum tun die Schulen das nicht?

Es gibt die guten Vorbilder, aber es fehlt die Ermutigung von oben - vom Ministerium - diesen Weg zu gehen. Die guten Ideen und Konzepte, die in den Versuchsschulen entwickelt wurden, verbleiben dort. Sie werden nicht auf alle Schulen übertragen. Wenn ein Konzern wie Volkswagen so viel Geld in die Entwicklung eines neuen Modells investiert hätte, würde das in Serie gehen. In Hessen geschieht das bei den Schulen aber nicht, das Interesse seitens der Kultusbürokratie ist gering, das Signal "wir wollen das" fehlt.

Wird sich das ändern?

Ja, wenn immer mehr engagierte Eltern Privatschulen bevorzugen.

Werden die Privatschulen die staatlichen antreiben?

Diese Konkurrenz kann das öffentliche Schulwesen in der Tat beleben.

Sind Privatschulen besser?

Ja, sie sind besser.

Sie gründen nun selbst in Wiesbaden eine Privatschule. Warum tun Sie das, mit immerhin, pardon, fast 70 Lebensjahren?

Ich möchte zusammen mit einer Gruppe von Mitstreitern noch einmal zeigen, wie Kinder vom Kindergarten bis zum Abitur gemeinsam leben und anspruchsvoll lernen können. Die Gründung dieser neuen Schule Campus Klarenthal ist gedacht als Modell für die öffentliche Schule. Alle sind eingeladen: kommt und lernt.

Was unterscheidet diese Schule von der Helene-Lange-Schule?

Die äußeren Bedingungen: der Park, der Wald, die Gewächshäuser. Dann die größere Freiheit in der Gestaltung des Unterrichts mit zwei Lehrkräften pro Klasse, der Tagesablauf von morgens bis abends mit täglichem Singen, Sport und Tiere füttern. Ein Theater im Zentrum für Musik, Tanz, Schauspiel. Die Auswahl der besten Lehrer und weiterer Fachkräfte, wie Schauspieler, Gärtner oder ein Boxer. Wenn man so Schule macht, braucht man kein Erziehungslager.

Interview: Peter Hanack