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Archiv der Zukunft - Netzwerk - Lob der Vielfalt (Schulpreis 2006)
Lob der Vielfalt (Schulpreis 2006)

Reinhard Kahl über die Sieger beim Deutschen Schulpreis 2006

Grundschule Kleine Kielstraße So ein düsterer Dezembermorgen. Das Gebäude wird „brandschutzsaniert“. Aber in den dämmrigen Fluren leuchten Kinder. Einige lassen Luftballons steigen, die mit der herausströmenden Luft Propeller antreiben. Großes Hallo und Staunen über die Flugobjekte, wenn sie einen Moment unter der Decke kleben oder wild am Boden herum trudeln. In der Klasse hilft die Lehrerin bei der Montage. Andere Kinder lesen, spielen oder reden. Manche suchen im Regal nach Material. Dabei ist es noch keine 8 Uhr. Wir sind in Dortmund Nord, ein sogenannter Brennpunkt, Grundschule Kleine Kielstraße. In die Klasse gehen der erste und zweite Jahrgang gemeinsam.

Darin ähneln sich die guten Schulen. Die Lehrerinnen und Lehrer erwarten die Kinder bereits in der Klasse. Sie sind wie Gastgeber. Sie haben sich und den Raum vorbereitet, heißen die Kinder willkommen und die legen sofort los. Diese Schulen sehen in der Verschiedenheit der Kinder keinen Nachteil. Im Gegenteil. Mit altersgemischten Gruppen versuchen sie diese noch zu verstärken.

Fünf nach acht müssen alle da sein. Lehrerin Julia Herdramm stellt jetzt den Kassettenrecorder an. Die Kinder versammeln sich zum Morgenkreis auf Sitzklötzen vor der Tafel, die ist vollständig von Plakaten verdeckt. Die Überschrift „Luft und Wind.“ Darunter Stichworte wie „Drachen brauchen Luft“ oder „Was kann Luft?“ Auch der Morgenkreis ist ein Merkmal der fünf Schulen, die am 11. Dezember den Deutschen Schulpreis aus der Hand von Bundespräsident Horst Köhler erhielten. Die Dortmunder Grundschule Kleine Kielstraße bekam den mit 50. 000 Euro dotierten ersten Preis. Aber davon weiß an diesem Morgen noch niemand etwas. 480 Schulen haben sich beworben. 18 wurden nominiert. Und an fast jeder der 18 nominierten und vielen anderen ließe sich zeigen, wie Schulen in Deutschland gelingen – trotz der Bildungspolitik, wie man in der Bosch-Stiftung hinter vorgehaltener Hand sagt. Die Stiftung hat diesen Preis in diesem Jahr zum ersten Mal ausgelobt. Er soll ein Institution werden.

Im Morgenkreis in der Grundschule Kleine Kielstraße wird der Tagesablauf besprochen. Datum und Wochentag werden von einem Schüler an der Wand neu gesteckt. Eine Übung, denn viele sind ja noch beim Lesen- und Zählenlernen und zugleich eines der vielen Rituale, die den Tag ordnen.

Schon beginnt das Brainstorming um Luft und Wind. Es wird gepustet, gepfiffen und berichtet, dass einen so ein Wind sogar umhauen kann. Was ist Luft? Die Lehrerin zündet ein Teelicht an und stürzt ein Wasserglas darüber. Bald geht die Kerze aus. Nimmt sie einen Glaskrug, dauert es länger. Warum? Jetzt gießt Frau Herdramm eine rosa gefärbte Flüssigkeit um das Teelicht und stürzt wieder das Glas darüber. Kurz nachdem die Flamme erloschen ist, steigt der Wasserspiegel innerhalb des Glases. Pooh. Lauter staunende Gesichter. Was da alles an Erklärungen kommt. Die Lehrerin macht die Kinder nicht mit ihren Antworten satt. Ihr Unterricht produziert erst mal Aufmerksamkeit. Gelangweilt guckt niemand. An Tischen, in kleinen Gruppen, manchmal auch am Boden geht es weiter. Jedes Kind hat seinen Wochenplan, ein individueller Lehrplan mit besonderen Aufgaben. Einheit schafft das große Thema Luft und Wind. An ihm arbeiten alle acht Eingangsklassen der Schule. Das Lehrerteam hat es ausgearbeitet. Jeder Lehrer hat andere Aufgaben oder Experimente vorbereitet. Zum Beispiel wird ein Luftballon unter ein Buch gelegt. Ein Kind bläst ihn auf. Das Buch hebt sich. Ja, Luft ist nicht nichts. Wer wollte daran von diesen Erst- und Zweitklässlern noch zweifeln? Und es ist noch keine neun Uhr. Jeder könnte auf die Frage, was er heute gelernt hat, schon viel erzählen.

Zur gleichen Zeit lernen zwei Räume weiter Mütter Deutsch und noch einen Raum weiter werden in dieser Zeit deren Kleinkinder betreut. Vier von fünf Kindern der Schule haben Migranten als Eltern. Die Schule hat sich darauf eingestellt. Schulleiterin Gisela Schultebrauks konnte von einer Wohnungsbaugesellschaft 9000 Euro im Jahr für diese Kurse organisieren. Zehn Prozent der Mütter machen mit. Die Eltern werden mit den Kindern schon ein Jahr vor der Einschulung zu einem Test eingeladen. Dann bekommen alle einen Förderbrief mit Angeboten. Die Reihe solcher Ideen an dieser Schule ist lang. „Im Grunde ist die Schule,“ sagt die Schulleiterin, „eine Antwort auf die Kinder, ein ständiger Dialog.“

Gegen 9´30 ist es bei den Schülern Zeit für eine Pause und zum Frühstück. Kein Gong, keine Klingel unterbricht. Das wurde alles abgeschafft. Aber nicht ersatzlos. Die Rhythmisierung des Schultages ist an die Stelle getreten. Auch so ein Charakteristikum der guten Schulen.

Zum Beispiel in der ebenfalls prämierten „Offenen Schule Kassel Waldau.“ Hier werden die üblichen sechs Stunden des Schulvormittags auf die Zeit von 8´45 bis 14´45 gestreckt. Viele Pausen. Bereits ab 7´30 kommen die ersten Schüler. Dann sind auch schon einige Lehrer da, etwa sich um von ihnen Dinge, die der eine oder andere Schüler nicht verstanden hat, noch mal genau erklären zu lassen.

In Kassel Waldau wurde die Schule schon Mitte der 80er Jahre neu erfunden. Damals, erinnert sich die Schulleiterin Bärbel Buchfeld, war diese Gesamtschule ungefähr dort angekommen, wo im Frühjahr 2006 die Berliner Rütli Schule stand, ganz am Boden. Es war eine dieser an Massentierhaltung erinnernden Gründungen aus den 70er Jahren. Die hessische FDP Landtagsabgeordnete Ruth Wagner schrieb das Konzept für eine „Offene Schule.“ Es sollte die Idee einer Schule für alle gegen die anonymen und häufig verwahrlosten deutschen Gesamtschulfabriken verteidigen. Die Kassler Schule wurde daraufhin umgebaut und in lauter kleine Schulen aufgeteilt. Jeder Jahrgang eine kleine Schule mit einem Lehrerteam, das sich die Zeit und die Arbeit selbst einteilt. Die Klassenräume wurden um atriumähnliche Innenräume gebaut, vom dem auch das Zimmer des Lehrerteams abgeht. Die Schule ein Ort, an dem sich die Kinder und Jugendlichen zu Hause fühlen, in dem die Lehrer die Kinder und nicht die Fächer unterrichten. Es gelang.

Kassel Waldau besteht vor allem aus Plattenbauten. 25 Prozent der 6000 Einwohner sind arbeitslos. An der letzten Bundestagswahl beteiligte sich gerade mal ein Drittel. Diese Schule aber schafft es, dass 60 Prozent der Schüler nach der 10. Klasse zur Fachoberschule oder in die Oberstufe des Gymnasiums gehen. Übrigens ist bei den ausländischen Kindern, die nahezu die Hälfte ausmachen, der Anteil genauso hoch. Etwa die Hälfte der Plätze an der Schule sind Kindern aus dem Stadtteil vorbehalten. Die anderen kommen aus der ganzen Stadt. Zuletzt gab es 700 Bewerber für diese 70 freien Plätze in den fünften Klassen. Aus der Problemschule wurde die Magnetschule der Stadt, zumal für bürgerliche Kreise.

Ähnlich geht es auch der ebenfalls preisgekrönten Braunschweiger Gesamtschule „Franzsches Feld.“ „Wenn wir nur die besten nähmen,“ sagt Schulleiter Andreas Meisner, „hätten wir nur gymnasial empfohlene Kinder.“ Auch an dieser Schule machen nach der 10. Klasse fast zwei Drittel weiter Richtung Hochschulreife. Aber nur ein Drittel brachte aus der Grundschule die sogenannten Gymnasialempfehlung mit.

Bis auf die Dortmunder Grundschule, die auf Platz eins gesetzt wurde – nur der erste Platz wurde hervorgehoben, die anderen wurden in keine Reigenfolge gebracht – wurden nur Gesamtschulen ausgezeichnet. Neben der Schule aus Kassel und Braunschweig die Jenaplan-Schule Jena und die Max-Brauer-Schule aus Hamburg Altona. Die Jury, so war zu hören, hat sich sehr darum bemüht, ein Gymnasium dabei zu haben ist, aber sie konnte kein hervorragendes finden. Zur Jury gehören Pisa Chef Manfred Prenzel und der Generalsekretär der Kultusministerkonferenz Erich Thies, der Chef der niederländischen Schulinspektion und Bildungsforscher aus der Schweiz und Österreich. Kein parteiliches Gremium. Haben sie mit den fünf eigenwilligen Schule nicht die Vision einer Schule der Zukunft zusammengestellt?

Vieles an diesen Schulen ist ähnlich, doch jede hat ihre Biografie, jede ist eine lernende Organisation. Die Schule in Jena beginnt mit der Vorschule und geht bis zum Abitur, das mehr als die Hälfte der Schüler ablegt. Im Thüringer Zentralabitur bringt sie es auf den Schnitt von 1,5. Im Landesschnitt sind es 2,3. Wie macht die Schule das? Die Schüler lernen überwiegend in jahrgangsgemischten Gruppen, den sogenannten Stammgruppen, zu der jeweils drei Altersjahrgänge gehören. Diese Altersmischung hat den Vorteil, dass die Schüler viel voneinander lernen und dass bei Lehrern gar nicht erst die Illusion aufkommen kann, sie könnten im Gleichschritt den Stoff durchziehen. Auch hier gibt es den Wochenplan, den die Schüler mit ihren Lehrern aufstellen. Individualisierung und Gemeinschaft sind das pädagogische Yin und Yang. Sie bilden ein Spannungsfeld. Jeder Schüler kann nach seinem Tempo arbeiten. Diese Eigenzeit der Kinder ist für die Schulleiterin Gisela John „die wirkliche Demokratisierung der Schule.“ Sie findet im Unterricht statt. Oder wenn jeder Schüler zweimal im Jahr seine Leistungen in einem Brief an den Lehrer selbst einschätzt. Der Lehrer oder die Lehrerin antworten darauf wiederum mit einem Brief. Erst dann schreiben sie Noten. Es folgt ein Gespräch mit allen, auch den Eltern. Gisela John schwärmt von der Ehrlichkeit der Schüler sich selbst gegenüber.

Die verbreitete Schülerstrategie im Unterricht lieber intelligent zu gucken und nur keine dummen Fragen stellen, gilt hier nicht. Aber der Verzicht auf den Bluff kann wohl nur gelingen, weil die Schüler ihre Schwächen nicht verbergen müssen. Sie dürfen Fehler machen, aber möglichst nicht immer die gleichen. Für den Pädagogikprofessor Peter Fauser, Vorsitzender der Jury des Deutschen Schulpreises, ist dies das Betriebsgeheimnis der guten Schulen: „Sie lernen von den Problemen ihrer Schüler.“ Wagen Schüler diese Offenheit und Lernbereitschaft, wenn sie bei schlechten Leistungen fürchten müssen als für die Schule ungeeignete Schüler zu gelten?

In der Max-Brauer-Schule in Hamburg Altona sollen schon in der Grundschule die Kinder Chef ihres Lernens werden. Zum Beispiel stehen in einer zweiten Klasse mit 23 Kindern 23 Körbe mit verschiedenen Aufgaben bereit, in jedem Korb 23 Aufgabenzettel. Für jeden Aufgabenkorb ist ein Kind der Chef und nur die Chefs besprechen ihre Fragen mit der Lehrerin. Die anderen Kinder gehen erst mal zu den Chefs. Aber viele Jahre blieben solche Lernformen auf die Grundschule beschränkt. Nun wird die ganze Schule, die von der Vorschule bis zum Abitur geht und bei Pisa bestens abschnitt, Schritt für Schritt zur „Neuen Max-Brauer-Schule“ umgegründet. Eine Lehrergruppe hat über Jahre ihre „Traumschule“ konzipiert und die Schulkonferenz hinter sich gebracht. Jetzt wurden für die Schüler der fünften und sechsten Klassen Lernbüros eingerichtet, in denen jeder morgens an etwas anderem arbeitet: Mathe, Schreiben, Lesen. Man könnte auch sagen, jeder arbeitet an sich selbst. Die Lehrpläne wurden in „Kompetenzraster“ umformuliert. Darüber sprechen die Lehrer teaching by walking around mit ihren Schülern und sagen stolz: Nie mehr Dompteur sein! Neben Lernbüros gibt es Projekte zum Beispiel in Naturwissenschaften. Eine dritte Säule dieser von den Lehrern neu entworfenen Schule sind Werkstätten vor allem für die ehemals musischen Fächer.

Am Anfang fürchteten auch die reformfreudigsten unter diesen Pädagogen ihre Schüler würden so lange Zeitintervalle vielleicht gar nicht durchhalten. Im Lernbüro arbeiten Elfjährige nun morgens zwei Stunden selbständig. Dann machen sie sich an Projekte, mit einem Thema, das über Wochen läuft. Aber schon nach kurzer Zeit kam die Überraschung. Die Stunden reichen nicht. Die Schüler wollen mehr. Und auch die Lehrer verbringen nun mehr Zeit in der Schule. Sie gehen später und zufriedener, wenn auch nach wie vor manchmal erschöpft nach Hause. Aber sie sind nicht mehr so genervt vom täglichen Kleinkrieg und kaum noch, wie sonst so häufig, leer mangels Resonanz.