Friedrich-Schiller-Gymnasium, Marbach

Friedrich-Schiller-Gymnasium MarbachLehrer müssen auf zwei Beinen gehen

Das Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach ist eine Schule mit fast 2000 Schülern. Sie gehört zu den fünf Schulen, die am 10. Dezember 2007 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden. „Wir wollen niemanden verlieren! Wir versuchen aus allem das Beste zu machen!“ So lautet das Motto des Schulleiters Günter Offermann. Es durchdringt die ganze Schule.

Ein Überblick von Reinhard Kahl und ein Gespräch mit dem Schulleiter Günter Offerman von Christina Birkner.


An diesem Gymnasium bleibt kaum ein Schüler mehr sitzen. Und die wenigen die wiederholen, haben sich aus persönlichen Gründen freiwillig dafür entschieden. „Alle kommen ans Ziel“, sagt Schulleiter Günter Offermann voller Stolz.

Wie geht das? Es gibt Klassen für Hochbegabte und Sommerkurse für die Schwächeren, die vor allem von Schülern betrieben werden. Auch über das Jahr gibt es das Schülertutoriat. „Die besseren Schüler betreuen die schlechteren und um die Tutoren kümmern sich die Lehrer.“ Auch ein Gymnasium kann ein Netzwerk des Lernens werden – es muss kein Stundenplan der Belehrung sein. Das bedeutet Kleinarbeit. Schon nach ein paar Wochen des neuen Schuljahres spricht die Klassenkonferenz über Schüler, die mehr Aufmerksamkeit und Hilfe brauchen. An der Schule wurde der Diagnose- und Therapielehrer erfunden. Wenn man den Schulleiter reden hört, wird klar, dass es für eine gute Schule Ideen und Methoden braucht, aber vor allem Beseelung.

Offermann ist fest davon überzeugt, dass „jeder, der bei uns anheuert, auch ankommt.“ Zu diesem Ziel gibt es an diesem Gymnasium viele unterschiedliche Passagen. Neuerdings soll zum Beispiel Chinesisch als zweite Fremdsprache eingeführt werden. (Ein entsprechender Antrag ist beim Kultusministerium Baden-Württemberg gestellt.) Ein Techniklabor, das seinesgleichen sucht, wird gerade aufgebaut. Internationale Begegnungsklassen öffnen die Schule zur Welt hin und in der Tüftler AG kriechen Schüler tief in die Dinge hinein. Internationalität und Technik kommen zum Beispiel in einem Solaranlagen-Projekt mit Indien zusammen. Die Anlagen werden dort nicht nur montiert; Schüler halten auch Vorträge. Spätestens dann wissen sie, wozu sie Englisch sprechen müssen.

Wenn man nicht mehr genau sagen kann, was das Ziel und was das Nebenprodukt des Unterrichts und der anderen Schulaktivitäten ist, kann man sich sicher sein, dass das Hauptziel der Schule gelungen ist: Wissen und Kompetenzen der Schüler zu vernetzen.

So Schule zu machen, sei wie mit Lego zu spielen, sagt der Schulleiter, ein ständiger Umbau. Und das in einer der größten Schulen mit fast 2000 Schülern?

Schulleiter Günter Offermann über Vielfalt und Verantwortung in einem Gymnasium im Gespräch mit Christina Birkner

Günter Offermann, Schulleiter Herr Offermann, können sie das Programm Ihrer Schule in einem Satz bringen?

Das Motto heißt: Biete den Kindern so viele Angebote, dass jeder das tun kann, was er oder sie am besten kann. Denn das steigert die Motivation. Dann halten sie auch bei unliebsamen Fächern durch.

Und das in einer so großen Schule? Geht bei fast 2000 Schülern der Einzelne nicht leicht verloren?

Sie werden es nicht glauben, das Gegenteil ist der Fall. Wir erhöhen dadurch für alle die Wahlmöglichkeiten. Vielleicht hätten Sie Recht, wenn wir die große Schule nicht als große Chance für die Vielfalt der Menschen und der schulischen Inhalte sehen würden.

Das müssen Sie erklären.

Zu vielen Schülern gehören auch viele Lehrer. Und viele Lehrer machen viele Angebote. Darin liegt der große Vorteil, nicht nur für den einzelnen Schüler. Schüler können aus einem vielfältigen Angebot nach individuellem Interesse Fächer auswählen. Wegen des vielfältigen Angebotes der Schule erhalten Lehrer im Wahlbereich die Chance und auch die Notwendigkeit, für das je eigene Lehrangebot zu werben.

Eine Art Wettbewerb?

Ja, wenn Schüler aus einem so vielfältigen Angebot wählen dürfen, müssen Lehrer ,wie auf einem Markt kreativ, begeisternd und auch mit Herzblut sich und ihr Fach präsentieren. Sie müssen mit ihrer Leidenschaft bei den Schülern Leidenschaften wecken. So erhält ein Lehrer die Chance, Vorbild zu sein! Er wird aus dieser Konstruktion heraus gerade dazu verführt. Wenn jeder Lehrer seine pädagogische Nische hat, dann war die Schule „listig“.

Listig? Und Sie, der Schulleiter, sind in diesem Spiel der schlaue Fuchs?

Das haben Sie gesagt.

Gibt es denn auch Probleme?

Natürlich gibt es auch an unserer Schule Schüler, die Probleme mit der Schule, mit der Familie oder andere ganz persönliche Schwierigkeiten haben. Es gibt doch immer Schüler, deren Lebensweg nicht so geradlinig verläuft. Vor allem um diesen Schülern zu helfen, haben wir verschiedene Unterstützungssysteme geschaffen.

Welche?

Ja, zum Beispiel unsere Sommerschule. Oder den Diagnose- und Therapielehrer. Außerdem spezielle Lernbegleiter. Es gibt auch den Schülermentor, also der gute Schüler hilft dem schwächeren Schüler. Das ist ein Prinzip unserer Schule, dass keiner mit seinen Problemen allein gelassen wird.

Das hört sich gut an. Aber wie geht das praktisch, keinen Schüler mit seinen Problemen allein zu lassen?

Wenn ein Schüler bei uns am Ende des Schuljahres eine 5 in einem Fach hat, dann bekommt er folgenden Hinweis in Form eines freundlich verfassten Briefes: „Du solltest deine Mängel im Fach XY beheben und wir helfen dir dabei!“ Wer im Schuljahr bummelt, muss eben in den Ferien schaffen. Zum Nulltarif gibt es kein Abitur.

Dann fallen also die Ferien aus?

Nein. Dieses Unterstützungssystem „Sommerschule“ findet vierzehn Tage zu Beginn und vierzehn Tage gegen Ende der Sommerferien statt. Es wird von zwei Lehrkräften organisiert. Etwa hundertfünfzig Schüler nehmen an dieser Nachhilfeschule teil.

Wie sieht denn dieses Niemanden-allein-lassen im Alltag aus?

Eine andere Form der Unterstützung durch die Lehrer nenne ich den „wahrnehmenden Spürsinn“. Ein Beispiel von vorhin: Ein Klassenlehrer kommt zu mir und erzählt, dass es Probleme mit einem neu aufgenommenen Schüler gebe. Der Schüler habe auf die Frage, woran es denn wohl läge, geantwortet, er wolle eigentlich gar nicht auf das Gymnasium gehen, er wolle Koch werden.

Jetzt ist es meine als auch die Aufgabe des Lehrers herauszufinden, warum der Schüler jetzt gerade Koch werden möchte. Was müssen wir tun, damit wir ihn entsprechend seiner Begabung fördern und vielleicht doch wieder motivieren können, ein paar Schritte bei uns weiter zu machen, vor allem, wenn wir recht bald feststellen, dass er hochbegabt ist.

Wir reden schon die ganze Zeit über Aspekte der Schule, die in mancher Schule kaum Thema sind.

Lehrer müssen nicht nur den fachlichen, sondern auch den pädagogischen Aufgaben gerecht werden. Das wäre bei einer günstigeren Lehrer-Schülerrelation, vor allem in schwierigen Klassen, natürlich leichter. Ein Lehrer muss auf zwei Beinen gehen, dem pädagogischen und dem fachlichen Bein. Nur dann kommt er gut voran.

Nun zum anderen Bein, den Inhalten und Fächern. Sie haben ja noch ein zweites Motto: „Wir machen das Beste draus.“

Ja, mit dieser Wegweisung wird seit 15 Jahren Schulentwicklungsarbeit am Friedrich-Schiller-Gymnasium geleistet. Die Schule greift Entwicklungen der Gesellschaft auf und gestaltet sich nach der sich verändernden Umgebung immer wieder neu, um damit den Schülern neue Möglichkeiten zu öffnen, in denen sie sich als leistungsfähig und erfolgreich erfahren können. Wer eine gute Schule machen will, muss sich bewegen, muss neue Wege suchen, muss innovatives Denken ermöglichen und zulassen.

Das klingt etwas allgemein.

Man kann sich eine Schule wie ein Legohaus vorstellen, das aus vielen Steinen zusammengesetzt ist. Kaum meint man, alle Steine verbaut zu haben, fängt man schon wieder damit an, einige wegzunehmen und an einer anderen Stelle anzulegen. Die Schule wird permanent verändert. Als ich vor siebzehn Jahren hier anfing, habe ich da weitergemacht, wo mein Vorgänger aufgehört hatte.

Ein Beispiel?

Vor zwanzig Jahren war es fast nicht möglich, nach China zu reisen. Das hat sich geändert. Ich halte es für meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Chinesisch in der Schule unterrichtet wird.

Ein anderes Beispiel: Vor zwanzig Jahren gab es noch nicht das Fach „Naturwissenschaft und Technik.“ Ich finde, es gibt keine Allgemeinbildung ohne Technikbildung Deshalb haben wir das Fach „Naturwissenschaft und Technik (NwT)“ an einem allgemein bildenden Gymnasium erfunden. Deshalb wird es an unserer Schule auch ein Techniklabor geben. Das Fach NwT wurde vor fünfzehn Jahren im Auftrag des Ministeriums bei uns an der Schule und danach an einigen weiteren Gymnasien entwickelt. Der Versuch gelang und hatte zur Folge, dass seit diesem Schuljahr alle Gymnasien Baden- Württembergs das Fach „Naturwissenschaft und Technik“ haben.

Aber das Gymnasium bleibt ein Gymnasium?

Ein Gymnasium von heute kann man nicht mit einem Gymnasium von vor zwanzig Jahren vergleichen. Und sicher auch nicht mit einem in zwanzig Jahren. Wichtig ist, dass die Schüler und der Unterricht im Zentrum stehen. Vor zwanzig Jahren gab es keine Hochbegabtenklassen und auch nicht die besondere Förderung am anderen Ende des Spektrums. Heute führen wir solche Klassen und fördern die Hochbegabten Am besten ist es, wenn man muss ein Gymnasium so konstruiert, dass sich der Erfolg zwangsläufig ergibt. Vor allem muss man mit Prophezeiungen darüber, was ein Schüler kann oder nicht, vorsichtig sein. Die meisten Propheten behalten nicht Recht.

Noch mal zu den verschiedenen Schulformen, die wir in Deutschland haben. Wie gehen Sie damit um?

Wir kooperieren! Wir arbeiten mit einer Haupt- und einer Realschule zusammen. Wir wollen von den jeweiligen Stärken profitieren. Wir denken zum Beispiel an gemeinsame Projekte, etwa im Bereich Technik oder Sport, wo wir Wege zur Zusammenarbeit suchen. Langfristig gewinnt für uns nur der, der kooperiert.