Neue Max-Brauer-Schule

eigenwillige Schulen Die Hamburger Max-Brauer-Schule ist Integrierte Gesamtschule mit Grundschule, gymnasialer Oberstufe und Aufbaugymnasium. Sie gehört zu den Netzwerken Selbstverantwortete Schulen und Club-of-Rome-Schulen. 2006 wurde sie mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.

Die Neue Max-Brauer-Schule und ihr Weg dorthin - Geschichte und Idee dazu stellte die Schulleiterin Icon Mitgliederbereich Barabara Riekmann auf dem Kongress "Treibhäuser & Co" vor. Die Kongress-Präsentation und weiterführende Materialien finden Sie am Ende dieses Beitrags.

Den Anfang macht ein Porträt der Schule, das im März 2007 entstand.

Die Auflösung der Fächer – Die Neue Max-Brauer-Schule

von Icon MitgliederbereichNils Wiegert und Holger Braune

Die 1979 gegründete Hamburger Max-Brauer-Schule (MBS) hat sich im Jahr ihres 25-jährigen Jubiläums umbenannt. „Neue Max-Brauer-Schule“ (NMBS) heißt sie nun – und das aus gutem Grund. Man meint die frischen Farben an den Wänden noch zu riechen, meint die Handwerker noch zu hören, wie sie bald über dieses bald über jenes Bauvorhaben im Rahmen einer umfangreichen, gelungenen Sanierung der NMBS beraten. Aber die in zwanzig Teilabschnitten seit 1982 schrittweise erfolgte Sanierung ist ebenso wenig der Hintergrund der Umbenennung wie die Teilnahme der NMBS am Hamburger Schulversuch „Selbstverantwortete Schule“ und die mit den zusätzlichen Freiheiten zur Selbstorganisation einhergehenden Verbesserungen und Veränderungen im Unterricht. Es ist auch nicht so, dass die MBS plötzlich die Reformpädagogik entdeckt hätte. Das Lehrerkollegium dachte bereits seit den 80er Jahren, als noch niemand den Sinn des Kompositums „Pisaschock“ erahnen konnte, nicht nur über Themen wie Wochenarbeitsplan, offene Lernformen oder Epochenunterricht laut nach, sondern setzte gleichermaßen mutig wie besonnen die Resultate dieser Überlegungen tatsächlich um. „Neu“ meint demzufolge hier nicht den Neubeginn einer zuvor maroden, halbtoten Institution; auch liegt kein Hauch von Revolution in diesem kleinen Adjektiv, es ist eher evolutionär gemeint: Die NMBS war niemals alt und bedurfte keines Neuanfangs, um einer Schließung zu entkommen; das einzig Neue zwischen dem gewissermaßen alltäglichen, ungewöhnlich gewöhnlichen Neuen an der quicklebendigen NMBS besteht im Grunde lediglich darin, dass sich dies nun auch im Namen widerspiegelt.

Die letzte Evolutionsstufe der NMBS lässt sich in dem Bild eines auf sieben Säulen ruhenden Giebels nachzeichnen, der die Lerner und Lehrer symbolisiert. Der Skizzierung dieses Bildes ist jedoch vorauszuschicken, dass die NMBS, in der etwa dreißig Prozent der eintausendzweihundert Schüler Deutsch nicht als Muttersprache sprechen und deren Schülerschaft sich aus mehr als fünfundzwanzig Nationen zusammensetzt, Heterogenität als Chance begreift und auf individualisiertes Lernen setzt. Allein auf diese Weise können die Lehrpersonen den vielfältigen Lerntypen gerecht werden bei gleichzeitigem Bemühen, die aus zweiundzwanzig Lernern bestehenden Stammgruppen im Interesse sozialer Stabilität in möglichst vielen Lernbereichen nicht zu verändern oder gar zu trennen. Diese Symbiose aus Vielfalt und Konstanz wickelt sich wie ein roter Faden um die sieben oben erwähnten Säulen, schafft Identität und setzt produktiv Kräfte frei, welche sich nicht nur in Lernerfolgen messen lassen, sondern auch in vielfältigen Auszeichnungen der Schule ihren Ausdruck finden, wobei an dieser Stelle nur drei Ehrungen genannt werden sollen: „Umweltschule in Europa“ (1998, 2001, 2004), „Theodor-Heuss-Medaille“ (2003) und Preisträger beim „1. Deutschen Schulpreis“ (2006).

Die erste Säule - Das Lernbüro: In zehn Zeiteinheiten pro Woche (eine Zeiteinheit entspricht den klassischen fünfundvierzig Minuten), die zu fünf Blöcken von je neunzig Minuten zusammengefasst werden, erarbeiten sich die Lerner individuell ein Basiswissen in den Fächern Deutsch (bzw. Deutsch als Fremdsprache), Mathematik und Fremdsprachen. Die Lerner bilden dabei sukzessive eine Methoden- und Lernkompetenz heraus und erweitern diese, weil unterschiedliche Lernformen ausprobiert werden können und so erfahrbar gemacht wird, wie jeder Einzelne welche Herausforderung effektiv und sinnvoll bewältigt. Erreichte Lernziele werden durch Zertifikate bestätigt.

Die zweite Säule - Der Projektunterricht: Zwölf auf sechs Blöcke verteilte Zeiteinheiten sind für das Projektlernen vorgesehen. Die Themen der Projekte sind fächerübergreifend und lassen ein tiefes Eindringen in die Thematik zu, da zur handlungsorientierten Beschäftigung mit jedem der sechs pro Jahr zu bearbeitenden Projekte volle sechs Wochen zur Verfügung stehen. Die Ergebnisse werden vor den Mitschülern und den Eltern präsentiert.

Die dritte Säule - Lernen in der Werkstatt. Vier aus zwei Zeiteinheiten bestehende Werkstätten werden pro Woche von den Lernern je nach Interesse besucht, wobei der Besuch ausgewählter Werkstätten (z.B. Notenkunde, Computerführerschein, Holz- und Metallarbeit), Pflicht ist, da in ihnen Grundkenntnisse vermittelt werden. Am Ende jeder Werkstatt steht ein Produkt, das in einem Zertifikat bewertet und in der Schule öffentlich ausgestellt wird. Die Leitung von Werkstätten übernehmen übrigens nicht nur Lehrer, auch schulexterne Experten stellen den Lernern aber auch den Lehrern ihr Wissen und Können zur Verfügung.

Die vierte Säule - Außerschulisches Lernen. Basale Erfahrungen, die im Schulalltag nicht zu erwerben sind, decken Berufspraktika und Projektreisen ab, ein sechswöchiger Segeltörn etwa oder ein ökologisches Forschungsprojekt im Harz. In diesen Phasen erfahren sich die Lerner als ganze Person, sie entwickeln ihre Sozialkompetenz weiter und erleben praktisches Handeln.

Die fünfte Säule - Lernen in einer Ganztagsschule. Die NMBS ist eine verbindliche Ganztagsschule, die dem Lernen aber auch der Erholung und Freizeit Raum schenkt. Den ganzen Schultag von acht bis sechzehn (am Freitag bis dreizehn) Uhr sind die Lehrer für die Lerner ansprechbar, können die Lerner sich üben, schrittweise selbstverantwortet zu lernen. Dies gelingt schwerlich in einem fünfundvierzigminütigen Unterrichtswechsel. Nachhaltiges Lernen ist an eine individuelle Zeitstruktur, an ein individuelles Lerntempo gebunden und darf nur nachrangig administrativ-organisatorischen Erwägungen unterliegen. Diesen Raum bietet die NMBS.

Die sechste Säule - Teamstrukturen: Lehrerteams aus sechs bis neun Lehrern, die nach Möglichkeit zusammen jeden Fachbedarf abdecken, sind verantwortlich für die Organisation des Lehr-Lerngeschäfts sowie die Betreuung der Lerner eines Jahrgangs. Damit hört die Kooperation an der NMBS nicht an der Schwelle zum Lehrerzimmer auf. Die Lerner befinden sich in einer überschaubaren Sozialstruktur mit mehreren Ansprechpartnern. Zusätzlich bemühen sich die Lehrerteams Kontakte zu schulexternen Einrichtungen, Institutionen, Vereinen und Betrieben herzustellen und zu pflegen, damit auch in Zukunft ein breites Projektangebot realisiert werden kann.

Die siebte Säule - Architektur. Um all diesen Anforderungen gerecht zu werden, bedarf es einer Architektur, insbesondere Innenarchitektur, die individuellem Lernen Raum gibt. Doch ist eine Ganztagsschule mehr als ein Ort des Lernens, auch für Erholung und Freizeit sind architektonische Bedingungen notwendig. Die NMBS verfügt über diese und wird sie weiter entwickeln.

Die Neue Max-Brauer-Schule ist eine gesunde, tolerante, neugierige und leistungsorientierte Schule, deren Entwicklung dem organischen Prozess einer Evolution gleichkommt. Sie folgt keiner Ideologie, sondern allein der Maxime, das bestmögliche zum Wohle der Kinder und Jugendlichen zu erkämpfen und immer wieder weiterzuentwickeln. Die Auflösung der Fächer in der Profiloberstufe, die noch weiter gehende Überantwortung der Verantwortung für das eigene Lernen an die Schüler ist eine eindrucksvolle neue Stufe dieser Weiterentwicklung, die es nun zu erproben und zu optimieren gilt.

Max Brauer Schule

Video

Inzwischen wird in der MBS auch der Unterricht ab Klasse 5 umgestaltet. Die Fächer wurden abgeschafft. Die Schüler beginnen morgens im Lernbüro. Dann geht es weiter mit Projekten, die mehrere Wochen dauern, und in Werkstätten.


Video aus „Wir können auch anders“ von Reinhard Kahl, Archiv der Zukunft