Eine Sternstunde

Von Icon MitgliederbereichUlrike Kegler

Seit Tagen schaue ich missmutig auf die Schule. Es ist viel Unschönes passiert.

Toiletten sind beschmiert. Es ist laut, dreckig und unordentlich. Viel Gerenne und Getobe. Am Nachmittag habe ich das Gefühl, als könne das Schulhaus die zurückgehaltenen Energien der Kinder und Jugendlichen nicht mehr halten. In der Lehrerkonferenz haben wir darüber gesprochen. Alle sind betroffen. Wir sehen die Probleme und sind alle sehr angestrengt.

Heute fehlen mehrere Kollegen. Ich entscheide mich, gleichzeitig die Klasse mit den Jahrgangstufen 1, 2 und 3 als auch den 9. Jahrgang zu betreuen. Die Kleinen haben Freiarbeit mit mir. Die Großen hätten eigentlich Englisch. Ich verabrede mit den Großen, dass sie nach ihrer Pause in den bereits laufenden Unterricht mit den Kleinen kommen.

Nun muss man wissen, dass die Kleinen eine wunderbare Gruppe sind. Die Kinder sind so offen und lebendig, so neugierig, staunend und aufmerksam. Sie überraschen mich jede Woche in diesen beiden Stunden. Ihre Konzentration, ihr freundlicher und wacher Umgang, ihre Ideen und kreativen Arbeitsweisen, besonders aber ihre Klarheit und Ernsthaftigkeit beeindrucken mich jedes Mal aufs Neue. Wie ich in die Klasse komme, sind schon alle bei der Arbeit. Vier Kinder sitzen an einem Tisch und schreiben etwas über „Kartoffeln.“ Zwei Mädchen bereiten einen Vortrag über Bären vor. Ein Junge malt aus einem Buch eine Streichholzmaschine ab. Meine größte Bewunderung geht an zwei Jungen, die eine Fahrradzeichnung fortführen, die sie vor Wochen auf meine Anregung begonnen haben. Schöne Fahrräder haben sie aus einem Buch abgezeichnet, jetzt sind sie fast fertig. Ich frage sie, warum sie gerade jetzt an den Fahrrädern weiter zeichnen. Lasse antwortet, dass sie schließlich in der letzten Stunde mit mir diese Arbeit angefangen hätten. Wegen der Herbstferien haben wir uns länger nicht gesehen. Die Arbeit wollen sie jetzt bei mir beenden. Diese Kinder aus der 2. Klasse haben also eine Arbeit tatsächlich solange beiseite gelegt, bis für sie der richtige Zeitpunkt zur Beendigung gekommen ist.

Jetzt kommen die Großen. Sie sind auch Lieblingsschüler, aber auf ganz andere Weise. Mit Marc hatte ich am Morgen eine Auseinandersetzung. Ich bin dabei laut geworden, konnte meinen Ärger über seine höchst wahrscheinliche Beteiligung am Beschmieren der Toiletten nicht zurückhalten. Er hat alles bestritten.

Yvonne Sandy, Jaqueline und Julia gehören zu den Mädchen, die so viel Aufmerksamkeit verlangen, dass sie mich zuweilen überanstrengen. Was haben sie wohl alles zu kompensieren? Armin, Stefanie und Melanie sind auch keine unbeschriebenen Blätter. Ricardo ist gar nicht einfach. Aber gut, nun sind sie da, jetzt sind sie die Richtigen.

Auf dem Flur erkläre ich den Jugendlichen, dass sie gleich hervorragend arbeitende kleine Kinder sehen werden. Sie sollen sie erst mal zehn Minuten, möglichst unbemerkt beobachten. Danach sollen sie ein Kind aussuchen, dem sie ihre Hilfe anbieten. Zum Schluss sollen sie aus einem englischen Bilderbuch vorlesen. Die Jugendlichen freuen sich.

Sie verstehen sofort, dass sie jetzt nicht reden dürfen und bewegen sich von den Kleinen fast unbemerkt im Raum, suchen sich still ihren Platz und beobachten. Mandy mit offenem Mund, Sheela lächelnd. Anatol ist versunken. Die Kinder haben die Großen zumeist gar nicht bemerkt. Nur zwei fragen mich, was die wollen. Die Kinder arbeiten weiter. Dann flüstere ich den Großen zu auf den Flur zu kommen. Sie schwärmen geradezu von dem, was sie gesehen haben. Ich erzähle die Geschichte mit dem Fahrrad. Sie sind ebenso begeistert wie ich. Ihre Gesichter sind gelöst. Ob sie sich schon ein Lieblingskind ausgesucht hätten, mit dem sie arbeiten wollten? „Oh ja!“

„Dann seht, ob es eure Hilfe will. Wenn es sich gestört fühlt, geht lieber zu einem andern Kind.“ Das sei die Rolle eines Montessori-Lehrers, sehen wann er und ob er überhaupt gebraucht wird. Sich sonst respektvoll im Hintergrund halten. Die Jugendlichen gehen wieder in die Klasse. Einige finden ihr Kind, andere nicht. Jetzt sind ausgerechnet diese Jugendlichen schüchtern. Mandy zum Beispiel, die eben noch auf dem Schulhof laut „Arschloch“ in ihr Handy gebrüllt hat.

Sie fangen an die Kleinen zu bewundern. Wie selbstständig sie sind und wie toll sie arbeiten. Ronny sagt, dass er „sein“ Kind nur stören würde und so habe er sich lieber nicht eingemischt. Richtig, finden alle, da dürfe man nicht stören. Das könnte mich zum Schmunzeln bringen, wenn ich daran denke, wie viel ihrer Zeit sie mit Störungen verbringen. Aber davon jetzt zu sprechen, wäre ein Fehler. Sie haben Feuer gefangen. Sie sehen, wie lustvoll es sein kann zu lernen. Sie sind jetzt „Sehende“.

Zum Schluss sollen die Großen aus englischen Bilderbücher vorlesen. Ob die Kinder dafür wohl ihre Arbeit beenden würden? Nach kurzer Zeit haben sich kleine Gruppen gebildet. Das „süße Gemurmel“ kommt auf. Dieser Moment ist so schön, dass ich nur noch beobachte und genieße: Hier sitzen nun 30 Menschen auf 43 Quadratmetern und sind mit sich und den anderen zufrieden. Sie nehmen einander vollkommen ernst. Sie haben sich etwas zu geben. Dabei entstehen Freude und die Schönheit des Augenblicks!

Am Ende des Unterrichts hole ich alle noch einmal zum Kreis zusammen. Wir setzen uns auf den Boden. Ich erzähle den Kleinen, warum die Großen heute da sind, dass sie eigentlich Englisch hätten und da könnten wir uns doch auf Englisch vorstellen. Ein kleiner Junge erzählt gleich von seinem vierjährigen Aufenthalt in Indien, auf Englisch. Sierra erklärt, dass ihre Mutter Amerikanerin ist und sie zuhause englisch sprechen, auch mit ihrem deutschen Vater. Da staunen die Großen. Als die Kleinen gegangen sind, wollen die Großen ihre Eindrücke loswerden. Das müsse man öfter machen.

Die Neuntklässler haben noch Zeit. Wie wäre es eines der englischen Bilderbücher gemeinsam zu lesen. Sie schämen sich, sagen, sie könnten kein Englisch. Eine Schülerin lacht den Vorleser beim ersten Versprecher aus. Aber sie versteht sofort, dass man nie jemanden wegen eines Fehlers auslachen dürfe. Das sei beschämend und völlig überflüssig, weil es niemandem weiter helfe. Von da an trauen sie sich vorzulesen. Niemand lacht mehr. Als sie daran erinnert werden, dass es nun woanders weiter geht, wollen sie die Runde gar nicht beenden. „Och, können wir nicht weitermachen?“