"Da steckt Musik drin": Im Herbst startet der Musikkindergarten Hamburg

Interview mit Maria Willer zur Gründung des Musikkindergartens Hamburg

Wie würden Sie den Musikkindergarten Hamburg beschreiben?

auftaktkonzert_mk_hh_klIch habe festgestellt, dass es einfacher ist, zu erklären, was wir nicht sind. Denn wenn die Menschen hören, dass in unserer Kita regelmäßig Musiker aus der Staatsoper zu Besuch kommen werden, dann entsteht schnell ein Vorurteil. Also: Der Musikkindergarten Hamburg ist keine Kaderschmiede für zukünftige Supergeiger oder –pianisten. Wir werden keine kleinen Mozarts und Beethovens hervorbringen – wahrscheinlich. Dafür aber Kinder, die in den Genuss frühkindlicher Bildung kommen.
(Foto: Auftakt-Konzert mit Daniel Hope, Simone Young, Olivia Jeremias  - von links nach rechts)

Was unterscheidet den Musikkindergarten von anderen Kindergärten in Hamburg?

 

Eigentlich sind wir eine ganz normale Kita. So wie es die Hamburger Bildungsempfehlungen für Kindertagesstätten vorsehen umfasst unsere pädagogische Arbeit alle Bereiche von Bewegung und Kommunikation über Wahrnehmung der sozialen und kulturellen Umwelt bis hin zu ersten naturwissenschaftlichen Erfahrungen, bildnerischem Gestalten und natürlich Musik. Die Musik ist dabei aber mehr als nur ein Bildungsbereich. Sie umhüllt, das gesamte Lernen. Dadurch, dass sie nicht nur zu gewissen Zeiten oder einem Stundenplan folgend angeboten wird, begleitet sie das Lernen. Sie ist sozusagen ein Botenstoff für das gesamte Lernen. Mit der Musik werden wir viel mehr erobern als nur ein Verständnis für Rhythmik, Klänge und Noten. Das gemeinsame Musizieren schult die soziale Kompetenz und fördert die Wahrnehmung von sich selbst als Teil einer Gruppe. Hören und Wiedergeben fördert die Sprachentwicklung. Rhythmus und Bewegung unterstützen die motorische Koordination. Erlebnisse mit Klang und Akustik führen zu den Naturwissenschaften. Auch erste Erfahrungen mit Zahlen und Strukturen können bei der Musik und beim Singen gemacht werden.


Wie kam es zu diesem Projekt?

Im Herbst 2007 hatte ich Kontakt zu Linda Reisch, der Geschäftsführerin des Musikkindergarten Berlin, aufgenommen. Über meine Arbeit als Moderatorin bei Klassik Radio hatte ich von dem Projekt dort gehört und war gespannt, Genaueres zu erfahren. Schlussendlich war ich so begeistert von der pädagogischen Idee, die dahinter steht, und etwas verwirrt, dass sich aus Hamburg noch niemand anderes bei den Berlinern mit einem Interesse gemeldet hatte, dass ich damals entschied: Dann ist es jetzt wohl Zeit, so etwas auch für Hamburg auf die Beine zu stellen!


Was passierte danach?

Erst einmal musste ich mir Gedanken machen, ob ich so ein Projekt alleine machen will, ob ich andere finde, die so etwas machen können oder ob ich mir einen Partner suche, mit dem man es gemeinsam tun kann. Letzteres war die Lösung. Nachdem ich mir einige Träger angeschaut und gesprochen habe, fiel die Wahl auf die Stiftung Kindergärten Finkenau. Ein Träger, der seit über 20 Jahren mittlerweile 25 Einrichtungen in Hamburg betreibt. Die drei Geschäftsführer, Uta Mette, Konrad Mette und Inge Schüler, sind extrem erfahrene, hoch motivierte und neugierige Menschen. Damit war der pädagogische Partner gefunden. Nun musste noch die Musik ins Spiel kommen. Zusammen mit Frau Reisch und einem netten Gruß von Daniel Barenboim (Initiator des Berliner Musikkindergartens) auf den Lippen haben wir bei Hamburgs Generalmusikdirektorin, Simone Young, vorgesprochen. Ihr gefiel die Idee von Anfang an. Aber sie hat zuerst das Orchester und den Chor gefragt, – denn das Engagement der Musiker und Sänger ist ja voll ehrenamtlich – hat die Zustimmung dort abgewartet und uns dann die Kooperation mit der Staatsoper zugesagt.


Das ist ja nun alles schon fast drei Jahre her. Warum dauert das alles so lang? Wo gab es Schwierigkeiten und wie gelang es Ihnen sie zu umschiffen?

kran_mk_hh_klEs hat uns viel Geduld und Mühe gekostet, den richtigen Ort für den Musikkindergarten Hamburg zu finden. Über ein Jahr. Aber das Warten hat sich gelohnt. Letzte Woche haben nun endlich die Innenausbauarbeiten auf der 600 qm großen Fläche in den Schanzen-Höfen begonnen.

Der Standort im Schanzenviertel ist perfekt. Dort existiert die Mischung in der Bevölkerung, die wir uns in der Elternschaft wünschen. Und dazu sind wir nur eine S-Bahn-Station von der Staatsoper entfernt. So ist es für die Musiker einfach, zu uns zu kommen. Und auch für uns ist es unkompliziert, mit den Kindern die Staatsoper zu besuchen. Man kann sogar zu Fuß durch den Park Planten un Bloomen gehen.

Zur weiteren Verzögerung hat auch noch das Bewerbungsverfahren um die Fördermittel aus dem Krippenausbauprogramm geführt. Ursprünglich sollte ja der Träger unsere neu gegründete gGmbH sein. Da wir aber noch eine so junge Unternehmung sind, haben wir die Fördergelder nicht bekommen. Da wäre ein kompliziertes Bürgschaftsverfahren in Kraft getreten, das wir zeitlich nicht mehr untergebracht bekommen haben. So hat nun die Stiftung Kindergärten Finkenau die Trägerschaft übernommen.

(Foto: Beginn der Bauarbeiten, Juni 2010)


Welche Unterstützung haben Sie gefunden?

Es ist schön zu erleben, dass sich viele Menschen von unserem Konzept begeistern lassen. Und so können wir uns schon jetzt für einiges an Hilfe bedanken. Das geht los bei unserem Anwalt, der pro bono unseren Gesellschaftsvertrag aufgesetzt hat. Über die Designagentur, die uns unser Logo entwickelt und die Website gestellt hat. Wir haben auch schon ein paar Geldspenden für Musikinstrumente sammeln können. Und die Hamburger Sparkasse finanziert uns den Bau eines schallisolierten Musikraums.

Das Thema Fundraising wird bei uns aber wohl immer ganz weit vorne auf der To-Do-Liste stehen. Denn eine Kita, die hervorragend ausgestattet ist mit Musikinstrumenten, die einen sehr guten Personalschlüssel hat, damit zum einen das anspruchsvolle Konzept umgesetzt und zu anderen noch weiterentwickelt werden kann und die ihre Mitarbeiter mit Fortbildungen und Zusatzausbildungen fördert – das steckt leider nicht im Kita-Gutschein drin. Das Geld müssen wir noch extra besorgen.

Die Alternative einen Privatkindergarten zu betreiben, den die wohlhabenden Eltern stark bezuschussen, ist aber definitiv keine. Der Musikkindergarten Hamburg soll offene Türen für Kinder aus allen finanziellen Schichten haben! 

 

Wann können hier in Hamburg die ersten Kinder aufgenommen werden? Wie wählen Sie die Kinder aus?

Am 15. September diesen Jahres gehen wir in Betrieb. Natürlich nehmen wir zum Beginn nicht gleich alle 120 Kinder auf. Das geht 2010/11 Schritt für Schritt. Nach sechs bis acht Monaten Betrieb sind wir dann voll belegt. Die Gruppenzusammenstellung ist aber schon erfolgt. Ende Mai konnten wir die Eltern informieren, wer einen Platz für sein Kind bekommt und wer leider nicht. Wir hatten mehr als doppelt so viele Bewerbungen als Plätze. Das war schon traurig, so vielen Familien absagen zu müssen. Bei der Zusammenstellung der Gruppen haben wir im Prinzip auf eine größtmögliche Heterogenität geachtet. Bei Alter, Geschlecht und auch familiärem Hintergrund. So haben wir Eltern, die in akademischen Berufen arbeiten genauso wie im Handwerk oder in Kreativberufen. Das ist auf jeden Fall eine bunte Mischung geworden.


Was sind die nächsten Schritte?

schluesseluebergabe_mk_hh_klWir stecken in den letzten Zügen unserer Personalauswahl. Die ersten acht bis zehn Mitarbeiter werden noch im Laufe des Junis ihre Verträge unterschreiben können. Da wir ja aber erst im Frühjahr 2011 auf 100 Prozent laufen, können wir uns für die Suche nach ca. vier weiteren Mitarbeitern noch ein wenig Zeit lassen. Wir suchen im Moment zwei Heilpädagogen, die möglichst einen musischen Hintergrund mitbringen sollen. Und auch männliche Bewerber waren bisher sehr zurückhaltend. Wer weiß, vielleicht kommt da ja noch was. Wäre schön. Und dann werden wir natürlich mit dem Innenausbau, der Einrichtung, dem Einarbeiten des Teams, usw. vollauf beschäftigt sein, bis es dann im September losgeht.

(Foto: Schlüsselbergabe mit Konrad Mette, Uta Mette, Frank Seitz (GF des Fleischgroßarkts Hamburg, Vermieter des Musikkindergartens Hamburg und Maria Willer - von links nach rechts).

 

Was begeistert Sie für den Musikkindergarten?

Da ich ja selbst nicht aus der Pädagogik komme, lerne ich jeden Tag ganz viel spannende Dinge von meinem Partner, der Stiftung Kindergärten Finkenau. Und tagtäglich wächst in mir die Überzeugung, dass wir ganz viel Gutes tun werden für das Aufwachsen und Lernen der Kinder. Ich wünsche mir natürlich, dass wir mit unserer Arbeit langfristig Akzente setzen, und dass unsere Ergebnisse auch für andere Kitas anwendbar gemacht werden können. So dass sich das Prinzip „Bildung durch Musik“ wie ein Lauffeuer verbreiten wird. Barenboim sprach einmal in einem Interview von der „Revolution von unten“. Das hat mich irgendwie angesteckt. Warum diskutiert man über Elite-Universitäten, wenn man nicht erst einmal mit dem Potential arbeitet, das da ist? Das erscheint mir nicht sinnvoll. Wenn Deutschland in Sachen Bildung wieder mitspielen will, dann müssen wir mit der Förderung der Kleinsten beginnen, und zwar auf die spielerische Art und Weise, die den Kindern entspricht. Da steckt Musik drin!

Maria Willer, die Initiatorin des Musikkindergartens Hamburg, ist 32 Jahre alt. Sie arbeitet als Moderatorin bei Klassik Radio und ist Mutter einer 9-jährigen Tochter.

Das Interview führte Cornelia Hoyer, Archiv der Zukunft-Netzwerk Redaktion

Fotos: Die Fotos wurden von Maria Willer zur Verfügung gestellt.

 

Weitere Informationen:

Homepage des Musikkindergartens Berlin: http://www.musikkindergarten-berlin.de/

Musik bildet - Hauptseite:  http://www.adz-netzwerk.de/Musik-bildet/

Idee und Ziele des Musikkindergartens Berlin: http://www.adz-netzwerk.de/Idee-und-Ziele-des-Musikkindergartens-Berlin.php

Aufgaben und Projekte des Musikkindergartens Berlin: http://www.adz-netzwerk.de/Aufgaben-und-Projekte-des-Musikkindergartens-berlin.php

Materialien zum Musikkindergarten: http://www.adz-netzwerk.de/Materialien-zum-Musikkindergarten-Berlin.php

Interview mit Maria Willer, Musikkindergarten Hamburg: http://www.adz-netzwerk.de/Da-steckt-Musik-drin-Im-Herbst-startet-der-Musikkindergarten-Hamburg.php

Kongressvortrag von Matthias Hülsen: http://www.adz-netzwerk.de/Chancenlos-Kinder-aus-unterprivilegierten-Verhaeltnissen.php


Diskussionsforum zu "Musik bildet":
http://www.adz-netzwerk.de/Uberlegungen-zu-Musik-bildet.php