Überlegungen zu "Musik bildet"

von Rainer Naujoks

Mit einigen ungeordneten Fragen wollen wir die Diskussion beginnen, weitere sollten hinzukommen. Auf Antworten sind wir gespannt.

Diskutieren Sie diese Fragen im Forum!

Zu fragen wäre z.B.:

-    Welche Rolle spielt Musik an den der Reformpädagogik verpflichteten oder nahestehenden Einrichtungen? Trügt der Eindruck, dass auch hier relativ wenig konkret dafür getan wird (Ausnahmen bestätigen - wie immer - die Regel)?


-    Wie sieht es aus mit der immer wieder geforderten Professionalisierung der LehrerInnen und ErzieherInnen im Bereich Musik? Andererseits: bedarf es der Professionalisierung, damit z.B. KindergärtnerInnen wieder regelmäßig mit den Kindern singen?


-    Warum singt der Chemielehrer nicht einfach mal mit seiner 9. Klasse, wenn (Freitag, 5. Stunde Chemie) alle kurz vorm Tiefschlaf sind?


-    Wie kommt es, dass ein so hoher Prozentsatz der Instrumentalschüler den Unterricht abbricht? Wie kommt es, dass so viele Instrumentalschüler als Erwachsene ihr Instrument nie wieder in die Hand nehmen?


-    Sollte man Musik nicht besser als „Grundprinzip“ verankern, als sie in ein Nebenfach abzuschieben?


-    Geht es nicht vielmehr um „Musik machen“ als um „Musik unterrichten“?


-    Unterrichten wir Musik, um die Kinder zu befähigen, Kunst zu machen?


-    Welche Schlussfolgerungen ziehen wir aus der Tatsache, dass sehr viele Kinder und Jugendliche sich in der Tat intensiv mit Musik und Musikmachen beschäftigen (und übrigens dabei oft sehr intensiv üben), dieses aber zum großen Teil jenseits und außerhalb der musikalischen Unterweisung in pädagogischen Einrichtungen geschieht. Erreichen wir mit unseren Bemühungen um musikalische Bildung überhaupt die (musikalischen) Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen?

 

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Menschen machen Musik, seit es sie gibt. Gäbe es keine Musikhochschulen, keine Musikpädagogen, keine Musikdidaktik – die Menschen würden trotzdem Musik machen. Sie würden auf Instrumenten spielen, auch wenn es keine Instrumentalschulen und Etüdensammlungen gäbe. Womit nichts Grundsätzliches gegen Musikhochschulen und Etüdensammlungen gesagt sein soll. Es soll nur daran erinnern, dass diese sich für manche Menschen in mancher Hinsicht als nützlich erweisen können, aber nicht prinzipiell Voraussetzung dafür sind, dass Menschen mit Freude Musik machen.

Wenn Yehudi Menuhin Recht hatte mit seiner Behauptung, der Mensch könne zur Not ohne Messer und Gabel essen, aber nicht ohne Musik leben (und ich ignoriere  hier mal ganz bewusst den aufgeregten Zwischenruf, hier könne ja wohl nur „gute“ Musik gemeint sein), dann wäre doch zu wünschen, dass Musik und Musikmachen normale und alltägliche Bestandteile unseres Lebens wären. Für viele Kinder und Jugendliche trifft das allerdings durchaus zu – nur findet es jenseits der verschiedenen Formen der professionellen Unterweisung statt.

Wie kann es sein, daß wir es immer noch nicht geschafft haben, die Selbstverständlichkeit des alltäglichen Musikmachens, die im Rausch der von Virtuosentum, Geniekult und immer komplexer werdenden Notentexten erzwungene Professionalisierung zunehmend verschwand, wiederzuentdecken und wiederherzustellen. Immer noch wird in einem großen Teil des musikwissenschaftlichen und oft auch des musikpädagogische Schrifttums offen oder versteckt die Nase gerümpfte über die Dilettanten, die es auch ohne Musikdiplom wagen, Mozarts Streichquartette zu spielen.

Und so wird dem musizierfreudige Anfänger so lange die Lust am Spiel streitig gemacht, bis er selber glaubt, dass die Fähigkeit, Noten zu lesen, ebenso Voraussetzung ist für das Musikmachen ist wie der Besitz so geheimnisvoller Dinge wie „Musikalität“ und „Begabung“.

Vielleicht wäre es der Ausweg: die leidige Trennung in „richtige“ und „falsche“, in „gute“ und „schlechte“, in „wertvolle“ und „wertlose“ Musik einfach aufzugeben.

Dann mag für den einen Musik = große Kunst sein und bleiben - mit oder ohne die damit verbundenen elitären Assoziationen. Und für den anderen ist es einfach ein Stück Lebendigkeit.

Die Aufgabe der Musikpädagogik wäre es dann, für alle eine Grundlage zu schaffen, die es von einem bestimmten Punkt an jedem ermöglicht, den ihm eigenen Weg weiterzugehen: zum professionellen Musiker oder zum fröhlichen Dilettanten. Sosehr Musik auch Kunst sein kann, so ist sie doch zunächst einmal Lebensäußerung und Ausdrucksmöglichkeit. Indem wir in den Schulen, Musikschulen und anderen Orten Umstände und Voraussetzungen schaffen, in denen Musik und Gesang eine ebenso normale Form der Kommunikation sind wie das Sprechen, schaffen wir den Freiraum für eine „musikalische Sprachfindung“, die es später jedem ermöglicht, zu entscheiden, ob er sich zur Produktion von Kunst weiterqualifizieren möchte. Das ist bei der Musik nicht anders als beim Sprechen-Lernen. 


Lernen funktioniert am besten durchs Mit-Machen. Und Musikmachen muss

da keine Ausnahme sein. Das Kind macht mit, macht nach, vollzieht sehend und hörend mit, probiert immer wieder, „übt“ unermüdlich, und wenn es Glück hat, wird es darin nicht gebremst durch von Erwachsenen geschaffene Anlässe zu Leistungsdruck, Lampenfieber und Prüfungsängsten, d.h. es bleibt befreit von mentalen und körperlichen Verspannungen. Kindliche Neugier und selbstgenügsame Freude bleiben erhalten. Die „Beherrschung“ eines Instrumentes z.B. ist dann zunächst keine Leistung sondern Bestandteil des Alltäglichen Sich-Ausdrückens, Sich-Mit-teilens.


Musik kann so - über „Musikerziehung“ hinaus - zu einem veränderten Bildungszugang für Kinder werden: Erziehung durch Musik. Musik ist dann kein eigenes, von anderen Lebensbereichen abgetrenntes „Unterrichtsfach“. Musik ist dann Lebendigkeit und selbstverständlicher Teil des Lebens.

 

Von Rainer Naujoks
Archiv der Zukunft-Mitarbeiter und leidenschaftlicher Musikant und Instrumentallehrer