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Schlechte Noten für die Schule? Drucken
Thursday, 5. July 2007, 13:00 - 14:30
Das Nachtcafé debattiert die Frage Schlechte Noten für die Schule?

Diskussionsrunde mit Rudolf Bosch, Tülay Eryilmaz, Josef Kraus, Enja Riegel, Joachim Bauer, Christiane Krupps

Der Ankündigungstext des TV-Senders SR :
Mangelhaft, 5, Setzen! Ob PISA-Studie oder UNO-Bildungsbericht, die deutschen Schulen werden derzeit mit schlechten Zensuren abgestraft. In einem Land, das Geistesgrößen wie Goethe und Einstein hervorbrachte, ist der Bildungsnotstand ausgebrochen, die Mängelliste erscheint endlos: ungenügende Wissensvermittlung, schlecht ausgebildete Lehrer und unmotivierte Schüler, ein undurchlässiges Schulsystem, geringe Bildungs- und Aufstiegschancen für Kinder aus ärmeren Schichten oder aus Migrantenfamilien. Wer es sich leisten kann, hat schon längst den staatlichen Schulen den Rücken gekehrt und schickt seine Zöglinge auf eine private Schule. Wie kann Schule wieder interessant, wissensvermittelnd und sozial orientiert gestaltet werden? Benötigen Bildungseinrichtungen mehr Autonomie? Oder liegt die Lösung gar in einer umfassenden Privatisierung?

Rudolf Bosch
Rudolf Bosch hat die Nase voll: Als Wortführer der "rebellierenden" Hauptschullehrer aus Oberschwaben fordert er die Abschaffung unseres dreigliedrigen Schulsystems, den Abschied von der Aufteilung nach der vierten Klasse und ein längeres gemeinsames Lernen der Kinder.
Als Leiter einer Hauptschule merkt er täglich, dass seine Schüler keine Chance im Berufsleben haben, als aussortiert gelten. Da helfen auch guter Wille und Schul-Fitnessprogramme nichts, so der engagierte Mitfünfziger: "Wir sind an einem gesellschaftlichen Wendepunkt angelangt. Wenn wir da schulisch nicht drauf reagieren, reparieren wir nur noch. Rütli ist dafür das beste Beispiel!"

Tülay Eryilmaz
Tülay Eryilmaz kann ihm da nur zustimmen. Die 28-Jährige bekam in der vierten Klasse die Hauptschulempfehlung - und das, obwohl sie nicht zu den Schlechtesten gehörte.
In ihren Augen reine Willkür, die Auswirkungen spürt sie bis heute. Zwar schaffte sie es aus eigener Kraft, zunächst die Mittlere Reife, dann die Fachhochschulreife und schließlich das Abitur nachzuholen.Allerdings haben diese Umwege sie fast zehn Jahre gekostet.
Und ihr Selbstbewusstsein hat noch immer einen Knacks: "Dieses Denken, dass man schlechter ist, geht nicht weg. Hauptschüler ist einfach ein Stigma!". Unterkriegen lässt sie sich trotzdem nicht: Die Deutsch-Türkin studiert inzwischen selbst auf Lehramt - Gymnasium!

Josef Kraus
Für Josef Kraus sind Lebensläufe wie dieser eine Bestätigung: In Deutschland kann es jeder bis an die Uni schaffen, unabhängig vom sozialen Hintergrund. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes will unbedingt am mehrgliedrigen Schulsystem festhalten.
Die Begabungen der Kinder lassen sich in seinen Augen gut schon in der vierten Klasse erkennen. Die PISA-Ergebnisse aber hält der bayerische Gymnasialdirektor größtenteils für Horrormeldungen: "Ich hab was gegen diese Legendenbildung um Finnland - die haben weniger Schüler, homogenere Klassen und viel weniger Ausländer als wir!"
Die Stärkeren von den Schwächeren zu trennen hält er für den einzig sinnvollen Weg, alle Schüler angemessen zu fördern.

Enja Riegel
Enja Riegel hat das Gegenteil bewiesen. Sie leitete über 20 Jahre lang eine integrierte Gesamtschule mit Kindern aus allen Schichten: Die berühmte Helene-Lange-Schule in Wiesbaden lag beim PISA-Vergleich ganz vorn.
Gerade weil hier Kinder mit unterschiedlichsten Fähigkeiten in einer Klasse gemeinsam lernen, profitieren alle, sagt sie. Und das, obwohl die Schüler hier weniger pauken als woanders: Sie spielen während der Unterrichtszeit Theater, schreiben und drucken eigene Texte - und putzen selbst!
Einige kommen sogar freiwillig in den Ferien in die Schule. Für die Schulreformerin ist klar: "Schule ist ein Gemeinschaft gestaltender Ort. Da reicht es nicht, sechs Stunden frontal unterrichtet zu werden."

Prof. Dr. Joachim Bauer
Für Joachim Bauer, den Hirnforscher und Psychotherapeuten, geschieht an Schulen wie dieser das Entscheidende: Kinder haben Vertrauen zu ihren Lehrern - Lehrer glauben an ihre Schüler.
Bauer weiß: Erst die persönliche Beziehung motiviert Menschen zu lernen. So entwickelt sich Selbstvertrauen und so lernen Schüler auch, mit Kritik umzugehen.
Die Schule allerdings braucht noch mehr: Ganztagsbetreuung, viel mehr Lehrer, viel mehr Musik, Kunst und Bewegung - und eine besonders intensive Zuwendung für Kinder aus schwierigem Elternhaus.

Christiane Krupp
Christiane Krupps Kinder haben ein liebevolles Elternhaus - und trotzdem lief nichts rund, als ihr Sohn Yannik in die erste Klasse kam. Als er Lesen, Schreiben und Rechnen nicht so schnell wie vorgesehen lernte, bekam er Druck.
Die Lehrerin schrie und Yannik weinte - Vollblockade! Als nichts mehr ging, zog die Familie um: Von Hamburg nach Pinneberg, ins Einzugsgebiet der sogenannten "Schülerschule". Dort kann niemand sitzen bleiben, die Klassen sind klein, Noten gibt es erst in der neunten Klasse und auch behinderte Kinder werden normal unterrichtet.
Yannik lebte auf. Und Christiane Krupp ist überzeugt: "Hier arbeiten alle zusammen: Lehrer, Eltern und Schüler!"
Ort: SR

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