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Zeit-Qualitäts-Optimierung (ZQO) Drucken

Ein innovatives Unterrichtsmodell an der Berufsschule

von Raimund Pousset

Zeit schaffen für selbstorganisiertes Lernen in extracurricularen Kursen? Das klappt in der Peter-Bruckmann-Schule, einer Berufsschule in Heilbronn, seit 2005, weil man die 45-Minuten-Stunden auf 40 Minuten kürzt und blockt: zu Doppelstunden, Tages- oder Wochenendseminaren. Das verändert Lehrer- und Schülerrolle deutlich! Die SchülerInnen finden es Klasse, die Lehrkräfte fühlen sich zusätzlich belastet – sind aber trotzdem zufriedener.

Exkursion: vor dem Dienstbotenheim Oeschliberg (Schweiz)

Pisa liegt in der Toskana und hat einen schiefen Turm. PISA liegt in Deutschland und hat auch einen schiefen Turm: die einst stolze deutsche Bildung ist in Schieflage geraten. Pisa hat seinen Turm wieder hingekriegt, PISA noch nicht. Aber: man arbeitet dran! In Lehrerzimmern und Amtsstuben oder in wieselflinken Schülergruppen und hochkarätig besetzten Expertenrunden. Auch an der Peter-Bruckmann-Schule, einer der beruflichen Schule des Landkreises Heilbronn, stehen die Lehrkräfte nicht larmoyant im düstern Tal, sondern nutzen sämtliche Un-Möglichkeiten, um den schiefen Turm aufrichten zu helfen.

So wurde im Januar 2007 das an der Schule eingeführte ZQO-Modell (d.h.: Zeit-Qualitäts-Optimierung) besonders gewürdigt und für den „Deutschen Innovationspreis für nachhaltige Bildung“ nominiert. Der Preis wurde vom ZEPF (dem „Zentrum für empirische pädagogische Forschung“ der Universität Koblenz-Landau) und der Schülerhilfe am 2.3.2007 im Rahmen der Didacta in Köln verliehen. Verbunden mit der Nominierung ist die Aufnahme des Modells in einen vom ZEPF herausgegebenen Textband.

Das Modell wird an der Berufsfachschule für Altenpflege seit 2005 von 11 Lehrkräften und 140 SchülerInnen praktiziert. In den extracurricularen Kursen, den ECKs, kann das Ziel des ZQO-Modells besonders gut umgesetzt werden. Ziel ist es zusätzliche Zeit für direkte pädagogische Arbeit zu gewinnen. Damit soll dem Leitbild einer ganzheitlichen Persönlichkeitsbildung und dem selbstorganisierten Lernen Basis verschafft werden.

Dazu wird die bisherige Zeit von 45 Minuten pro Unterrichtsstunde immer auf 40 Minuten reduziert. Überdies blockt die Abteilung den gesamten Stundenplan in 2x40= 80-Minuten-Stunden. Es gibt keine Pausen mehr in diesen 80-Minuten-Blöcken. Nach jedem Block liegt eine 10-Minuten-Pause. In allen anderen Abteilungen läuft der Unterricht nach dem Standardstundenplan. Durch dieses Modell unterrichten Lehrer etwas weniger, Schüler haben etwas weniger direkten Unterricht (etwa 11%). Die SchülerInnen gewinnen 80 Minuten, d.h. exakt einen Block, der für den extracurricularen Kursunterricht (ECK) zur Verfügung steht. Die ECKs werden von Schülern frei gewählt, oft regen sie diese selbst an. Manchmal bieten Lehrkräfte ihr Spezialgebiet an. Auf jeden Fall müssen sich Lehrkräfte und SchülerInnen daran gewöhnen, dass ihre Rollen anders sind: sie lernen und arbeiten gemeinsam an einem Projekt, für das jeder Verantwortung hat. Das klappt nicht immer, aber immer besser.

In den ECKs wird ein weites Spektrum von Themen bearbeitet: so gibt es Übungsstunden, Deutschkurse, „Leistungskurse“ in Kleingruppen, Kinästhetik, Psychohygiene, Förderstunden in Kleingruppen, Schülerzeitung (siehe die Website der Schule), Simplify your life, Sport, Bau eines Snoezelen-Wagens, Festkomitee für das Abschlussfest, Fachtermini, Fachpraktische Beratung, Notfallmedizin, Kurse zur Examensvorbereitung oder Thanatologie. Zu letzterem Thema haben zwei ECKs am 16.11.2007 das erste BRUCKMANN-Symposion „Tod und Sterben“ in Kooperation mit den Städtischen Museen und dem Friedhofsamt Heilbronn sowie weiteren Partnern vorbereitet.

Wochenendseminare oder Exkursionen runden das Angebot ab. So reisten z.B. 18 erst von Sturm Kyrill zwölf Stunden lang aufgehaltene, dann aber begeisterte SchülerInnen in ein Heim mit tiergestützter Therapie im Sauerland. Im Februar reisten 46 Schüler und 3 Lehrkräfte während der Ferien (!) 2 Tage mit dem Bus in die Schweiz zum Altenzentrum Eglisberg in Zürich und das ganz ungewöhnliche Dienstbotenheim im Berner Oberland). Hier sind SchülerInnen bereit auch deutlich eigene Finanzen einzusetzen und zentrale Aufgaben in Planung und Organisation zu übernehmen.

Kursleiter (Tutoren) können auch geeignete SchülerInnen (z.B. im Deutschkurs für Ausländer) oder Personen von Außen werden. So liefen und laufen z.B. ECKs in der gerontopsychiatrischen Tagesstätte Mönchseehaus und schon im zweiten Jahr der äußerst beliebte und wohl zum Standard werdende 5. und 6. Kurs in einem Bestattungshaus.

Jeder Schüler muss pro Jahr 33 ECKs besuchen, wo er für jeden besuchten ECK einen Punkt (einen sog. Credit-Point, CP) erhält. Leistet er darüber hinaus im ECK oder auch im Normalunterricht zeitlich messbare Arbeit, dann kann er weitere Punkte (CPs) erhalten. In drei Jahren muss er 100 CPs vorweisen können. Die „fleißigsten“ SchülerInnen der zweiten Klasse haben bereits ihr ganzes Punkte-Pensum erreicht, d.h. im dritten Jahr mussten sie keine weiteren ECKs mehr besuchen oder CPs erreichen. Mit den CPs steht den Lehrkräften ein hochinteressantes – nicht an Noten, sondern an Schüler-Engagement gebundenes - Gratifikationssystem zur Verfügung.

Die Peter-Bruckmann-Schule praktiziert das ZQO-Modell übrigens nicht allein auf sich gestellt, sondern im Rahmen des Modellschulversuchs des Landes Baden-Württembergs. Hier werden über zwei Jahre in 18 Schulen des Landes ganz unterschiedliche und spannende „Modellversuche zur Arbeitsorganisation und zu einer Neubewertung der Arbeit von Lehrerinnen und Lehrern“ entwickelt. Sämtliche Modellschulen werden extern evaluiert und wurden bisher in zwei wissenschaftlichen Untersuchungen durch das Landesinstitut für Schulentwicklung (LS) befragt. Die Abschlusserhebung ist im Juli 2007 erfolgt. Die empirischen Daten und deren Aufbereitung, die für die Bewerbung zum Deutschen Innovationspreis notwendig waren, standen ebenfalls durch das LS und hier besonders durch die großzügige Unterstützung von Dr. Stephan Blank zur Verfügung.

Für die Peter-Bruckmann-Schule ergab sich in den LS-Erhebungen insgesamt ein erfreuliches Bild, allerdings fanden die Lehrkräfte, die deutlich gestiegene Arbeitszufriedenheit sei mit zu viel Arbeitsbelastung verbunden. Dies müsse sich noch ändern – meint das Kollegium - und arbeitet auch an diesem Punkt. Nicht weiter arbeiten muss wohl die Schulleitung (Karlheinz Härpfer): ihre schon sehr guten Werte sind sogar noch einmal gestiegen. Auch die SchülerInnen sind mit dem neuen System zu knapp 80% (sehr) zufrieden. Das ergaben zwei Befragungen, die SchülerInnen in einem durch das Modell ermöglichten extracurricularen Kurs (ECK) entwickelt und selbständig durchgeführt haben.

Mittlerweile wurde die Finanzierung vom Kultusministerium für ein weiteres Jahr bewilligt, sodass jetzt in allen 18 Modellschulen die verschiedenen Projekte drei Jahre lang erprobt werden können. Das beflügelt! An der Peter-Bruckmann-Schule macht man sich nun Gedanken darüber, ob das ZQO-Modell nicht sogar auf die ganze Schule ausgeweitet werden könnte. Eine wahre Herkules-Arbeit, die tief in das schulische Geschehen eingriffe und zunächst einmal die Mehrheit des Kollegiums hinter sich scharen muss. Eine Ausweitung z.B. auf eine oder zwei Abteilungen (von vieren) kommt nicht in Frage, da die beiden Systeme unterrichtsorganisatorisch so verschieden sind, dass die Lehrkräfte einfach nicht verzahnbar wären. Es geht also nur eine kleine recht geschlossene Einheit (wie bisher die Fachgruppe Altenpflege) – oder die ganze Schule!

Exkursion: vor dem Dienstbotenheim Oeschliberg (Schweiz)

Die Peter-Bruckmann-Schule versteht sich als lernende Organisation und hat zahlreiche andere Baustellen in Angriff genommen. Ab dem neuen Schuljahr 2007/08 wird sie auf Beschluss der Gesamtlehrerkonferenz am baden-württembergischen OES-Prozess der Berufsschulen (Operativ Eigenständige Schule) beteiligt sein. Und der Antrag auf Unesco-Projektschule (asp) ist auch bereits gestellt.

Dabei haben die rund 100 Lehrkräfte besonders im gerade ausgelaufenen STEBS-Prozess (das ist der Prozess der inneren Schulentwicklung und Qualitätskontrolle) mit ihren 2.400 SchülerInnen schon einiges geschafft. Herausragend ist da Sandra Kirn. Sie belegte den dritten Platz beim Bundesleistungswettbewerb für Auszubildende in der Hauswirtschaft. Auch zwei ECKs aus dem ZQO-Modell haben Preise gewonnen: Der „Parcours des Lebens – Für ein positives Altersbild“ (Leitung: Raimund Pousset) hat 2006 im „5. Wettbewerb für Berufliche Schulen“ der Landesstiftung Baden-Württemberg einen sehr schönen 2. Preis (6.000 EUR) erhalten und „Graffiti – ein Anti-Raucher-Kurs“ (Leitung: Claudia Bignion) wurde im gleichen Wettbewerb mit einer Anerkennung und 1.000 EUR bedacht. Über beide ECKs können auf der Schulwebsite Informationen eingeholt werden. Der „Parcours des Lebens“ wird darüber hinaus in einem Textband des Untinn-Wettbewerbs vorgestellt.

Diese Leistungen werden nun auch stärker von einer sensibilisierten Öffentlichkeit und Presse wahrgenommen und gewürdigt, denn schließlich ist Bildung der einzige wertvolle Rohstoff Deutschlands. „Die Preise steigen!“ war bislang eher ein Schreckensruf beim Angriff auf den Geldbeutel. Heute steckt dahinter auch eine zunehmende Bereitschaft von Verbänden, Stiftungen und Unternehmen wertvolle Innovationen beim Rohstoff Bildung mit handfesten Preisen auszuzeichnen. Und das ist gut so.

Kontakt / Projektleitung: Raimund Pousset, Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können



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