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Vorschneller Datenerguss Drucken

Weitere Ergebnisse der Pisa-Studie sind durchgesickert. Die Reaktionen sind hysterisch und passen zum deutschen Bildungskrieg.

von Icon Mitgliederbereich Reinhard Kahl für DIE ZEIT 49/2007

Weitere Pisa-Ergebnisse sind durchgesickert. Es sieht so aus, als habe manch einer in den vergangenen Tagen zu früh Hurra gerufen. Im Lesen und in Mathematik dümpelt Deutschland weiterhin nur im Mittelfeld.
495 Punkte für die deutschen Fünfzehnjährigen im Lesen, das sind zwar vier Punkte mehr als vor drei Jahren, aber der Abstand zur Spitzengruppe hat sich weiter vergrößert. Der internationale Mittelwert ist bei Pisa mit 500 Punkten definiert. In Mathematik werden wie beim letzten Test 503 Punkte erreicht. Das meldet vorab die „Stuttgarter Zeitung.“ Ergebnisse in Naturwissenschaften, die diesmal im Zentrum stehen, sind schon seit Tagen bekannt. Darin erreichen Deutschlands Schüler 510 Punkte. Allerdings weisen die Pisa-Wissenschaftler stets auf unvermeidliche Unschärfen und Fehlermargen hin. Eindeutig ist der Abstand zu den Spitzenländern Finnland und Korea. Die fünfzehnjährigen Schüler haben dort in allen Sparten vor den Deutschen ein bis zwei Schuljahre Vorsprung.
Aber Zahlen sind nur Indikatoren. Sie geben Hinweise für den genaueren Blick. Für den braucht man allerdings etwas mehr Gelassenheit als sich die in Sachen Pisa immer so aufgeregten Deutschen zugestehen. Die letzten Tage lieferten dafür wieder einige Beispiele. Es ist zu befürchten, dass das bloß ein Vorspiel zu dem war, was folgt, wenn am kommenden Dienstag, den 4. Dezember, an vielen Orten der Welt die Ergebnisse der dritten internationalen Pisa-Studie über die Kompetenzen der Fünfzehnjährigen von der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) offiziell veröffentlicht werden.
Mittwoch zurück liegender Woche ging es mit dem vorschnellen Datenerguss in Spanien los. Eine Lehrerzeitung stellte die Ergebnisse für die Schülerkompetenzen in Naturwissenschaften auf ihre Homepage. Die OECD bestätigte die Echtheit. Demnach ist den Deutschen in dieser Sparte ein Sprung von Platz 18 auf Platz 13 gelungen. Das verführte deutsche Politiker und auch Teile der Medien zu Triumphgefühlen. „Deutsche Schüler nähern sich der Weltspitze“ titelte die „Welt.“
Der internationale Pisa-Koordinator Andreas Schleicher wies darauf hin, dass sich die aktuellen Ergebnisse im Bereich Naturwissenschaft wegen veränderter Aufgaben mit denen in der vorangegangenen Studie nicht ohne weiteres vergleichen ließen. Darauf hatte er schon mehrfach aufmerksam gemacht. Also könne nicht auf erhebliche Verbesserungen der Deutschen geschlossen werden. Schleicher wurde wegen dieser Relativierung von deutschen Bildungspolitikern als Miesmacher anprangert, dem wohl eine Verbesserung der deutschen Werte nicht in den Kram passe. Die CDU Kultusminister verlangten seine Ablösung in der Pariser OECD Zentrale, wo er die Abteilung für Bildungsindikatoren leitet. Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau drohte sogar mit dem deutschen Ausstieg aus der internationalen Studie. Bundesbildungsministerin Annette Schavan kritisierte, Schleicher erwecke den Eindruck immer nur ein Thema im Kopf zu haben. Dabei spielte sie auf seine Kritik am gegliederten deutschen Schulsystem an. Davon allerdings war in seiner aktuellen Stellungnahme gar nicht die Rede. Inzwischen hat die OECD jede Kritik an Schleicher zurückgewiesen „Der weltweit anerkannte Bildungsforscher genießt unser uneingeschränktes Vertrauen."
Wohl um in den Schaum aus Andeutungen und Verdächtigungen Klarheit zu bringen, meldet sich auch der deutsche Pisa Koordinator Manfred Prenzel zu Wort und verriet, dass es nach seiner Einschätzung in den Naturwissenschaften durchaus Verbesserungen gebe. Dann folgte die nächste Indiskretion. Auch für die Bereiche Lesen und Mathematik wurden aktuelle Zahlen veröffentlicht. In diesem Zusammenhang zitiert die „Stuttgarter Zeitung“ aus Prenzels Zusammenfassung der Studie. Sein Resümee: Die Entwicklung in Deutschland seit Veröffentlichung der ersten Pisa- Studie im Dezember 2001 sei insgesamt positiv zu werten.
Keine Frage. Es hat sich etwas getan. Dass legt auch das gute Abschneiden der deutschen Grundschüler in der Lesestudie Iglu nahe, die eine Woche vor den Pisadaten veröffentlicht wurde. Man darf sich darüber freuen, dass im Vergleich zur ersten Iglu Studie vor fünf Jahren deutliche Verbesserungen sowohl der Leseleistung als auch der Leselust gemessen wurden. Eindeutig ist, dass der Anteil so genannter Risikokinder am Ende der vierten Klasse geringer geworden ist. Wolken ziehen allerdings auf, wenn es um den Übergang zu den weiterführenden Schulen geht. Bei gleichen kognitiven Fähigkeiten und der gleichen von Iglu gemessenen Leseleistung haben Kinder aus der höheren sozialen Schicht zweieinhalb Mal so große Chancen von ihren Lehrern eine Empfehlung zum Gymnasium zu erhalten, wie Kinder von Facharbeitern oder Angestellten. Ob die Eltern zuversichtlich oder skeptisch auf die schulische Zukunft ihrer Kinder blicken, ist noch stärker vom Milieu geprägt. Die Wahrscheinlichkeit von sozial höher stehenden Eltern aufs Gymnasium geschickt zu werden, ist für ein Kind 3,8 mal so hoch, wie für ein Kind von niederer Geburt.
Das Vertrauen in die Kinder, in das Lernen und in die Schulen ist in Deutschland nicht sehr hoch. Das zeigte sich vor einiger Zeit bei einer vom Gallup Institut in 47 Ländern durchgeführte Befragung. Aus einer Liste von 17 Institutionen sollte diejenige ausgewählt werden, die das größte Vertrauen genießt. Im Ergebnis von 36 000 weltweit durchgeführten Interviews stehen international Schulen, Kindergärten und Universitäten an der Spitze. Aber in der deutschen Gefühlslandschaft liegt die Bildung tief im Misstrauenstal. Sie rangiert exakt auf Platz 11 von 17 angebotenen Einrichtungen. Höchstes Vertrauen genießt bei uns die Polizei. In einer auf Deutschland beschränkten Vertrauensstudie kam der ADAC auf Platz eins.
Dass allerdings die deutsche Gefühlslandschaft im Wandel ist, konnte man am 24. November im Fernsehen beobachten. Als hätten sich die Sender zu einem großen Auftakt für diese Pisa-Tage verabredet, drohte RTL in seiner großen Samstagabendshow „6! Setzen“. Die ARD empfahl zur gleichen Zeit „Frag doch mal die Maus.“ Beide Sendungen liefen um 20.15 Uhr. In der einen wurden Aufgaben abgeprüft, wie sie nur in der Schule vorkommen. In der anderen stellten die Kinder lauter kluge Fragen. Das waren zwei Welten.
Der joviale Oberwisser Günther Jauch ließ in seinem zum Klassenzimmer stilisierten RTL Studio nachsitzen. Er spielte auf der Gefühlspartitur zwischen „Hurra, ich hab`s geschafft“ und „O je, ich bin ein Versager“. Und was gab es zwischendurch in dieser Schule, die eigentlich niemand mag? Hitzefrei. Ende November.
Ganz anders temperiert war die Lernwelt beim verschmitzten Berufsjugendlichen der ARD, Jörg Pilawa. Im Stil der „Sendung mit der Maus“ konnte man erleben, welch Lerngenie und Forschergeist in Kindern steckt. Dabei wurden die Themen selbst spannend. Sie waren kein Schulstoff mehr. Das Publikum wurde von der Entdecker- und Experimentierfreude der Kinder angesteckt.
So inszenierte das Fernsehen ein paar Tage vor der Veröffentlichung der Pisa- und der Iglu-Studie die beiden starken Mentalitätsströmungen in der Bildung. Auf dem einen Kanal Muff und Angst der belehrenden Paukschule, auf dem anderen frischer Wind und Entdeckerfreude der neuen Lernschule. Die freche Maus biss an diesem Abend den Faden ab und wurde Quotensieger.
Man könnte daraus folgern, dass Deutschland schon weit auf dem Weg der Besserung vorangekommen ist, ganz so wie es nach den ersten, durchgesickerten Informationen über die Naturwissenschaftsteile in der neuen Pisa-Studie gefolgert wird. Aber das wäre eine Interpretation im Stil von „6! Setzen“. Der von Angst geprägten Wahrnehmung kommt es vor allem auf den Rangplatz an. Man könnte aber auch staunend wie ein Kind fragen, worüber streitet Ihr Euch da eigentlich immerzu bei der Bildung?
Warum ist Bildung in Deutschland nicht wie in Finnland das große Gemeinschaftsfeld der Gesellschaft? Warum ist sie ein Körper voller Wunden? Warum dieses Hin und Her? Auf der einen Seite gibt es die Lust zu verletzen und auf der anderen Seite die Angst davor, Wunden aufzureißen - wenn es um die so genannte Strukturfrage, das gegliederte Schulsystem, geht. Diesen Bildungskrieg können viele ausländische Besucher nicht verstehen. Für Finnen ist Pisa immer noch in erster Linie ein schiefer Turm in Italien. Matti Meri, Pädagogikprofessor in Helsinki, betonte erst vor ein paar Tagen bei einer Diskussion in Berlin, dass die Finnen lieber auf einzelne Kinder und die jeweilige Schule blicken als auf das große Ranking. Ist das vielleicht eine List der Geschichte? Gute Ergebnisse im Ranking, weil es gar nicht so wichtig genommen wird? Die Sorgen gelten den Kindern und die Aufmerksamkeit richtet sich auf einzelne Schulen. Das zahlt sich aus.
Man kann diesen Unterschied in der Haltung auch in den Dramaturgien der beiden Fernsehshows wieder finden. Setzt man auf das Abprüfen von lauter schwer verdaulichen, weil isolierten Wissenspartikeln oder auf die Neugier, sagen wir lieber auf die Neulust, der Schüler? Baut man auf den Schrecken von „6! Setzen“ und anderen Beschämungsritualen oder vertraut man darauf, dass Kinder und Jugendliche nach jeder Herausforderung, die sie geschafft haben, die Latte höher legen wollen?
Der Göttinger Neurobiologe Professor Gerald Hüther kann wie andere Hirnforscher an der Konstitution unseres Zentralorgans aufzeigen, dass Menschen Ermutigung brauchen. Beschämung treibt nicht voran, sie schwächt. „Jedes Kind“, sagt Hüther, „braucht Aufgaben, an denen es wachsen kann, Vorbilder, an denen es sich orientieren kann und Gemeinschaften, in denen es sich aufgehoben fühlt.“ So einfach. So klar. Aufgaben, Vorbilder und Zugehörigkeit.
So wichtig Pisa, Iglu und andere Studien sind, weil sie Klarheit bringen, und so wichtig auch die bildungspolitische Debatte ist, wenn sie nicht gerade zu den Hysterien der letzten Tage führt, so ist doch das langsame Umdenken in der Gesellschaft entscheidend. Man möchte es lieber Umfühlen nennen.
Drei Tage vor Pisa gingen an diesem Samstag in Freiburg, Stuttgart und anderen Städten im Südwesten zum zweiten Mal Eltern, Schüler und andere für bessere Schulen auf die Straße. In Freiburg rief die Initiative „Schule mit Zukunft“ Ende Oktober erstmals zu einer Samstagsdemo auf und 2000 Menschen kamen. Der Protest soll fortgesetzt werden, bis er fruchtet.
Am gleichen Tag Ende Oktober präsentierte sich in Wiesbaden die wohl ambitionierteste der vielen derzeitigen Schulgründungen der Öffentlichkeit. Auch dort war der Andrang enorm. Im Aufbau ist ein Bildungshaus von der Krippe bis zum Abitur. Auch eine Akademie für Lehrer wird geplant. Treibend für diese Gründung in Wiesbaden ist Enja Riegel, die langjährige Direktorin der dortigen Helene Lange Schule, eine Reformschule mit allerbesten Pisa-Ergebnissen, die in diesem Jahr für den Deutschen Schulpreis nominiert ist.
Die Freiburger Aktion und die Wiesbadener Gründung haben etwas gemeinsam, das hierzulande noch selten ist: Ungewöhnliche Bündnisse für die Erneuerung der Bildung. Das finnische Gemeinschaftsfeld. Hat der Abschied von den alten Grabenkämpfen und Rechthabereien endlich eine Chance?
In Freiburg war auch die Handwerkskammer bei der ersten Demo auf der Kundgebung mit einem Grußwort dabei. Ihr Kernsatz: „Wir brauchen eine Schule, die nicht aussortiert.“ Das sind neu Töne aus den traditionell eher konservativen Kleinunternehmen. Sie hatten keine Berührungsangst zusammen mit einem 18jährigen Schülersprecher aufzutreten, der auf der Kundgebung anprangerte, „dass die Schulen verwahrlosen.“ Damit meinte er vor allem die Mentalität, nicht nur die Gebäude. Da hakten die Handwerker ein. Sie erleben, dass viele Schüler lustlos, mit unzureichenden Kenntnissen und schwachem Selbstbewusstsein nach den vielen Schuljahren entlassen werden. Deshalb streiten Handwerkskammern nicht nur in Freiburg für eine neue Lernkultur. Sie setzen sich für die Überwindung des „Dreiklassensystems“ der deutschen Schule und den Abschied vom Frontalunterricht ein.
Beim Wiesbadener Startschuss für die neu konzipierte Schule sprachen zwei Damen nacheinander, die man vor kurzem noch für Repräsentanten verfeindeter Lager im deutschen Bildungskrieg gehalten hätte. Nach Enja Riegel, der Schulgründerin, sprach Rose-Lore Scholz, die zur CDU gehörende Schuldezernentin der hessischen Landeshauptstadt. Enja Riegel wurde in den Hochzeiten des Bildungskrieges in Wiesbaden als die „rote Enja“ beschimpft und war später als SPD Kultusministerin im Gespräch. Nun stellt mit ihr die CDU Dezernentin eine neue Schule vor, in der Kinder nicht mehr nach Haupt-, Realschule und Gymnasium unterschieden werden. Sie spricht bei der Schulpräsentation vom jetzt überfälligen „Westfalischen Frieden“ nach dem mehr als 30jährigen Bildungskrieg.



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