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Vom toten Pferd absteigen Drucken

Reinhard Kahl für zeit online am 19.6.2007

Viele Schulen haben mit ihrer Reform selbst begonnen. Sie wandeln sich von einer hierarchisch geführten zu einer sich selbst regulierenden, lernenden Organisation. Zum Beispiel die katholische Bodenseeschule in Friedrichshafen.

Frankreichs Präsident Sarkozy will dafür sorgen, dass alle Schüler aufstehen, wenn der Lehrer die Klasse betritt, und ihn im Chor mit Bonjour begrüßen. Ich würde Herrn Sarkozy und anderen, die glauben, sie könnten Respekt und Autorität verordnen, gerne nach Friedrichshafen in die Bodenseeschule einladen.

Es ist eine katholische Grund- und Hauptschule. Die Hälfte der Schüler macht in einer angehängten 10. Klasse den Realschulabschluss. Es gibt dort keinen Lehrer, der für die Schulform Hauptschule eintritt. Aber davon lassen sie sich nicht abhalten, guten Unterricht zu machen. Der Lehrer ist morgens als Erster in der Klasse. Wie ein Gastgeber bereitet er sich und den Raum vor. Die meisten Schüler kommen ebenfalls vor Unterrichtsbeginn und legen los. Einfach so, ohne Gong. Eine Idylle? Nein. Alltag in der siebten Klasse von Franz Gresser. Die Schüler sind in der Pubertät. Das sei eigentlich die Katastrophe, hört man überall: siebte Klasse Hauptschule, oh je. Aber vom pädagogischen Lazarett ist hier nichts zu spüren. Woran liegt das?

Fächer wurden an der Bodenseeschule abgeschafft. An ihre Stelle sind Freiarbeit, vernetzter Unterricht und Projekte getreten. Diese, von Montessori inspirierte Pädagogik praktizieren seit vielen Jahren katholische Schulen im Südwesten. Die Grundzüge wurden im Marchtaler Plan formuliert. Er wurde nach einem ehemaligen Kloster benannt, wo er ersonnen wurde. Eine Grundidee ist die „vorbereitete Umgebung“. Man erkennt sie in der Klasse an den Regalen voller Arbeitsmaterial. Die Schüler bedienen sich daraus bei ihrer „Freien Stillarbeit“, die täglich die ersten drei Stunden einnimmt. Der eine macht Deutsch, der andere Geometrie. Jeder arbeitet auf unterschiedlichem Niveau, nach seinem eigenen Lernplan. Dieser entsteht im Dialog zwischen dem Lehrer und dem jeweiligen Schüler. Jeder Schüler hat sein Tempo. Jeder lernt auf seine Weise. Aber läuft das nicht auf ein pädagogisches Babylon hinaus, wenn jeder lernt, was er will?

„Wie schaffen Sie nur diese Ruhe in der Klasse, wenn jeder etwas anderes macht?“ Solche Fragen hört Lehrer Franz Gresser ständig. Er schmunzelt dann nachsichtig und antwortet nach einer kleinen Verzögerung, „Eben - weil jeder seine Sache macht.“ Auf jedem Tisch liegt der „Strecker“, ein linealgroßes Holz mit dem Namen des Schülers. Wer Gressers Hilfe braucht, stellt ihn aufrecht. Dann kommt der Lehrer vorbei. Manchmal übernehmen andere Schüler diesen Job.

Unlängst kam Bernhard Bueb. 30 Jahre war er Leiter des benachbarten Edelinternats Salem. Seit Kurzem ist er pensioniert und hat den Bestseller Lob der Disziplin geschrieben. Zwei Tage hospitierte er bei Gresser. „Die machen viel besseren Unterricht als wir“, attestierte der Salem-Mann. „Was ich da erlebt habe, sind Begeisterung, Arbeitshaltung und Konzentration, alles Eigenschaften, die sonst in der Schule selten sind.“

Die Lehrer an der Bodenseeschule und viele andere Erneuerer von Schulen haben sich diese neue Pädagogik selbst beigebracht. Man hört von ihnen fast gleichlautend, „wir haben von den Kindern gelernt“. Und die Lehrer lernen voneinander. An der Hochschule haben sie gewöhnlich nicht geübt, den Unterricht im Lehrerteam zu planen, und schon gar nicht, eine „vorbereitete Umgebung“ herzustellen. Oftmals haben sie nicht einmal davon gehört.

Das Unterrichtsmaterial in den Regalen haben Franz Gresser und seine Kollegen gemeinsam erstellt. Es gibt in dieser Schule Arbeitsplätze für Lehrer und einen Raum voller Ordner mit Unterrichtsvorbereitungen. Das sei, so sagen die Kollegen, das Gedächtnis der Schule. Die Regel heißt, wer aus einem Ordner etwas herausnimmt, gibt auch etwas zurück. Diese Maxime der Innenpolitik gilt auch für die pädagogischen Außenbeziehungen. Die Bodenseeschule ist mit ähnlichen Schulen in Kontakt, die sich in der Gruppe „Blick über den Zaun“ zusammengeschlossen haben. Was mit einigen wenigen Reformschulen wie der Odenwaldschule, dem Internat Salem, der Laborschule Bielefeld oder der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden vor fast 20 Jahren begann, ist inzwischen ein lockerer Verbund von 54 Schulen, aufgeteilt in sechs Arbeitskreise.

Diese Schulen sind nicht geklont. Jede ist anders und doch sind sie verwandt. Sofort springt an ihnen „die Schönheit der individuellen Gestalt“ ins Auge, die Hartmut von Hentig „dem Ideal der Einheitlichkeit“ entgegensetzt. Diese Schulen sind institutionelle Individuen. Denn sie machen etwas, das nur Individuen können: Sie lernen. Sie sind souverän, aber auf Kooperation angewiesen. Man kann sie als unternehmerisch bezeichnen, jedenfalls sind sie keine pädagogischen Untermieter in einem angeblich übermächtigen System. Hauptakteure in diesem Lernprozess sind die Lehrer.

Die Pädagogen sind davon überzeugt, dass Veränderungen nur dauerhaft sind, wenn sie im Alltag entstehen. Heute stehe der Übergang von einer bürokratisch geführten und hierarchisch strukturierten zu einer sich stärker selbst regulierenden, lernenden Organisation an. Rahmenreglungen, Gesetze und eine gewisse staatliche Aufsicht werden nicht überflüssig. Aber wichtiger als die Aufsicht werden die Einsichten vor Ort und die Koevolution der Schulen untereinander. Bei ihren gegenseitigen Besuchen sparen sie nicht mit Kritik. Sie helfen sich gegenseitig über ihre blinden Flecke. Diese Schulen üben untereinander genau das Prinzip eines kooperativen Lernens, das sie von ihren Schülern erwarten. Man könnte auch sagen, so werden lernende Schulen zum Vorbild für ihre Schüler.

Die Nachrichten vom Gelingen werden vom „Netzwerk - Archiv der Zukunft“ gesammelt. Es rappelt sich eine Intelligenz der Praxis. Mit ihr kommt eine interessante Mischung aus Vision und Pragmatismus auf. Diese Akteure stärken ihren Möglichkeitssinn und schärfen ihren Wirklichkeitssinn. Die lernende Schule schwimmt nicht auf Theoriewellen und schielt nicht nach Praxismoden. Ihr Maß ist das Gelingen und das ist immer individuell. Was gelungen ist, das ist zumeist evident, manchmal aber auch kontrovers. An Differenzen ist also kein Mangel. Könnte das nicht ein Ausweg aus dem wieder aufflackernden deutschen Bildungskrieg zwischen Anhängern von Gemeinschaftsschulen und dem zerklüfteten System vom Gymnasium bis zur Sonderschule sein? Schulen, die von ihrem jeweiligen Ausgangspunkt ihren Weg nehmen und dabei untereinander im Austausch sind? Und sollte der Staat nicht vor allem für die Ressourcen der Schulen, für ihre Infrastruktur und für das Einhalten von Standards sorgen?

„Wenn du merkst, dass du auf einem toten Pferd sitzt, steig ab!“ Mit dieser Weisheit der Dakotaindianer hat sich Alfred Hinz Mut gemacht. Hinz war bis vor Kurzem Schulleiter der Bodenseeschule. Er ist der Spiritus Rector des Marchtaler Plans. Nun verbreitet er als Pensionär seine Ideen. Ihm geht es um Respekt vor dem „Eigensinn“ der Schüler. Der wurde lange ignoriert oder sogar bekämpft. Das ist für Alfred Hinz das Grundübel der alten Schule. „Ich kann doch nicht morgens einen Einheitsbrei über die Kinder gießen und sagen: Jetzt lernt, wie man Ruhrgebiet sagt.“ Dort ist Hinz im katholischen Milieu aufgewachsen. Die Quelle seiner pädagogischen Inspiration ist religiös. Kinder sind Funken Gottes. Individualität ist etwas Göttliches. Unterschiede sind keine Abweichungen vom großen Ideal, sie sind keine Abkömmlinge der Erbsünde. „Das Entscheidende“, sagt Hinz, „ist, dass wir kapiert haben, dass jedes Kinde einmalig ist, dass es nicht noch einmal auf der Welt existiert.“

Besucher verlassen die Bodenseeschule in Friedrichshafen heiter. Die Lehrer werden hier respektiert. Warum? Weil sie die Schüler respektieren. Respekt kommt ja vom lateinischen respektare, zurückblicken. Und die Lehrer haben in dieser Schule Autorität, weil sie den Mut haben, die Autoren ihrer Schule zu werden. Lehrer Franz Gresser übrigens begrüßt morgens jeden Schüler per Handschlag – oder begrüßen die Schüler ihn? Das lässt sich schwer sagen. Auch darin liegt eines der offensichtlichen Geheimnisse der gelungenen Schulen, die genauso schön wie alltäglich sind. Was sie machen, geht überall, wenn auch jedes Mal etwas anders. Aber auf Kommando funktioniert es nicht. Das sei Herrn Sarkozy und allen anderen Artisten gesagt, die auf toten Pferden reiten wollen.



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