Vertrauen - Erkennen - Handeln Drucken
Richard David Precht im Gespräch mit Reinhard Kahl
12. Januar 2016 in der Autostadt Wolfsburg

Was würde uns einfallen, wenn wir die Möglichkeit hätten, die Schule neu zu erfinden? Was stellen wir uns vor, wenn wir die Gewissheiten und Routinen von Unterricht, Räumen und Stundenplan, die uns so natürlich vorkommen, zumindest für einen Moment mal völlig vergessen könnten und überlegen, was wir den Kindern und Jugendlichen anbieten wollen? Was wollen sie selber? Was brauchen sie?






Würden uns dann wirklich Jahrgangsklassen und Stundenpläne, Stillsitzen und Stapel von Arbeitsbögen in den Sinn kommen? Woran erinnert man sich eigentlich ein paar Jahre nach der Schule? Auf welche Atmosphäre, Mentalität und Haltung käme es an? Zum Beispiel dieser Spruch mit dem „späteren Leben“. Er fällt häufig in einem Atemzug mit dem „Ernst des Lebens“. Das klingt nicht nur nach Drohung. Das ist häufig eine. Wie wäre es stattdessen mit einer Einladung in die Welt? Die kann natürlich nur jemand aussprechen, der selbst ein Mindestmaß an Amor Mundi, an Liebe zur Welt hat.

Liebe zur Welt


Mit dem Thema Liebe beginnt denn auch das „Bildungsgespräch“, zu dem Reinhard Kahl viermal im Jahr in die „Autostadt“ nach Wolfsburg einlädt.  Die „Autostadt“ ist gewissermaßen der kulturelle Arm des Konzerns. Die Abteilung „Inszenierte Bildung“ ist Mitglied im Archiv der Zukunft. Einmal im Jahr kommt Richard David Precht, der ebenfalls bei uns Mitglied ist. (Wie kann man Mitglied werden?)

Liebe. Da ist natürlich so ein Wort, das man nur sparsam benutzen sollte. Aber es stimmt ja, dass ohne Liebe alles nichts ist. Oder noch weniger, etwas Negatives. Eine klare Definition von Liebe gab Augustinus: „Ich will, dass Du seiest.“ Was wäre es für eine Schule, in der man nicht erst ein anderer werden müsste, bevor man voll anerkannt wird?

Den Alltag der Schule erlebt Richard David Precht mit Oskar, seinem elfjährigen Sohn. In dessen Schule geht es vor allem darum gut zu funktionieren. Oskar wehrt sich dagegen, was ihm Probleme macht. Zugleich ist er dabei die Basislektion der Schule zu lernen, die in keinem Lehrplan steht:  Sich mit einem Minimum an Aufwand durchwursteln. Immer die nächste Hürde im Visier. Dabei wird der Horizont eng. Viele verlieren mit der Zeit die Welt aus dem Blick. Oskars Hauptfach wird allmählich das gleiche wie bei Millionen von Kindern und Jugendlichen: Durchkommen. So vergehen im Laufe der Schuljahre 10.000 Stunden. Und das in der intensivsten Lebensphase eines Menschen. Kann das eigentlich irgendjemand wirklich wollen?

„Menschen wollen in Geschichten vorkommen, deren Ausgang nicht von anderen vorbestimmt ist,“ sagt Precht. Das wäre doch eine Formel für die Schule, von der wir nicht nur träumen sollten. Eine, in der jeder er selbst wird und verschieden sein darf. In der die Verschiedenheit keine Abweichung ist, sondern zum Ziel wird. Die meisten schulischen Ziele stehen dabei im Weg. „Bildung“ kann doch nur die Bildung der je eigenen Biographie sein und nicht deren Standardisierung, damit am Ende alle das gleiche wissen und können sollten. So werden aus lebendigen Flüssen muffige Kanäle.

Zum Beispiel Mathematik


Die meisten kennen das. Wenn man einen Vortrag hört, zumal einen interessanten, dann sind die Gedanken der Hörer selten mit dem Vortrag des Redners im Gleichschnitt. Es bilden sich dauernd Knoten, von denen aus man zur Seite abweicht, seinen Gedanken nachhängt, noch weiter zurück geht oder nach vorn springt. Wie müssten Lehrervorträge sein, die diese verschiedenen, allemal krummen Wege berücksichtigen?

Mathematik ist so ein besonders komplexes Gewebe. Dem einen Schüler leuchtet ein Muster sofort ein, ein anderer braucht Zeit. Vielleicht ist der aber genauer. Wenn der Faden allerdings reist, finden viele keine neue Verknüpfung mehr. Dann dröselt häufig das Gewebe auf. Precht schlägt deshalb vor, Mathe nur bis zum sechsten Schuljahr gemeinsam zu unterrichten. Dann sollte es unterschiedliche Gruppen geben. Nach Themen, Begabung und Interesse. Es wären dann wohl auch nicht mehr gleich alte Schüler unbedingt in einer Gruppe.

Keine Arbeitsblätter mehr


Wenn sein Sohn etwas in der Schule ändern könnte, dann würde er als erstes die Arbeitsblätter abschaffen. Die sind demütigend. Damit fühlt sich niemand ernst genommen. Kürzlich war im Unterricht die Bürgschaft dran. Das schien voll langweilig zu werden. Dann hat der Vater den Sohn stimuliert ein Drehbuch draus zu machen und sich Kameraeinstellungen zu überlegen. Und schon ging es los. Am liebsten würde Precht ab und zu in die Klasse gehen und solche Vorschläge machen. Aber in der vom eigenen Sohn wäre das natürlich so eine Sache.

Aber sollte es in Schulen nicht üblich werden, dass solche Botschafter aus der Welt kommen und jeweils ihre Welt mitbringen? Es gibt so viele Schriftsteller, die von ihren Büchern kaum leben können. Wie wäre es, sie würden mit Schülern zum Beispiel Gedichte schreiben. Die bekämen so ganz nebenbei den Dactylos erklärt: Lang, kurz, kurz. Eine Hebung, zwei Senkungen der Stimme. Precht macht es im Gespräch vor.

Ach, man könnte das spannende Gespräch jetzt noch weiter zusammenfassen, aber es ist viel schöner sich das ganze Video anzuhören und anzusehen.

Und hier  Bildungsgespräch mit Precht aus dem Jahr 2015:



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