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| „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ - Die Carl von Linné-Schule in Berlin |
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Dieser Sponti-Spruch aus den 60ern fällt einem wieder ein, kommt man an die Carl von Linné-Schule im Berliner Ostbezirk Lichtenberg. Seine Alltagserfahrungen lässt man am besten am Schultor zurück, denn dies hier ist nicht irgendeine Schule, sondern Europas größte Schule für körperbehinderte Kinder und Jugendliche. Trotz teilweise gravierender Beeinträchtigungen erwerben 90% von ihnen einen Abschluss. Jedes Kind wird individuell gefördert und genauso individuell gefordert. 2007 wurde die Schule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Aus der Turnhalle dringt Popmusik auf den gepflasterten Vorplatz. Zehn oder zwölf Jungen und Mädchen laufen im Kreis, eine Schülerin kreiselt lieber mit ihrem Rollstuhl um die eigene Achse. Hin und her – links und rechts – immer im Takt der Musik. Eine zweite saust mit ihrem Rolli mühelos an allen vorbei. Die Stimmung ist prächtig, alle strahlen. Das hier ist kein Wettbewerb um den ersten Platz für die oder den Schnellsten. Das wäre auch Unsinn, denn die Rollis wären konkurrenzlos im Vorteil. Es geht um die Bewegung an sich, um Rhythmus und gute Laune.
Individualisierung, Integration, Flexibilität420 körperbehinderte Schülerinnen und Schüler besuchen die Carl von Linné-Schule. Ein Teil von ihnen ist zu-sätzlich lernbehindert. „Es spielt keine Rolle, ob ein Kind eine schwere Forme von AD(H)S, Epilepsie, spastische Lähmungen oder einen Herzfehler hat oder ob ihm „nur“ Finger oder eine Hand fehlen. Immer sehen wir ausschließlich die Stärken des Kindes“. Damit nennt Peter Friedsam vermutlich einen der Hauptgründe für die hohe Abschlussquote seiner Schülerinnen und Schüler.
Manche Grundschulkinder z. B. mit autistischen Behinderungen oder ADHS brauchen durchaus feste Strukturen in Form von Frontalunterricht und 60-Minuten-Einheiten. Der ist verbunden mit reformpädagogischen Ansätzen und unterbrochen durch kleinere Pausen. Ein übergeordnetes Thema wird über einen längeren Zeitraum behandelt. Die Lerngruppen haben eine Größe von sechs und zehn Schülern. Neben Lehrern gehören Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten, die teilweise von extern kommen, zur Stamm-Mannschaft der Linné-Schule. Ab Klasse acht ist der Unterricht ausschließlich in Schülerfirmen organi-siert. Vor zweieinhalb Jahren hat sich die Carl von Linné-Schule um Aufnahme in das Netzwerk der Unesco-Projekt-Schulen beworben. Zu den Grundsätzen der Mitgliedschulen gehört das Herstellen von Verbindungen und das Organisieren von Begegnungen. Sie setzen sich ein für Menschenrechte, Toleranz, Demokratie, interkulturelles Lernen, für die Umwelt, für Nachhaltigkeit und eine globale Entwicklung. Assoziiert ist die Schule schon seit zweieinhalb Jahren, die Anerkennung, so hofft Pe-ter Friedsam, wird im nächsten Jahr erfolgen. Ein Leben nach der Schule
Eine Schülerfirma mit den Abteilungen „Catering“, „Floristik“, „Holz & Keramik“ und „Wirtschaften und Verwalten“ verkauft selbst gefertigte Produkte im Schulumfeld und erledigt Aufträge für externe Auftraggeber. Manche der Schüler sind trotzdem auch nach Beendigung der Schulpflicht noch nicht ausbildungsfähig, weil sie weder pünktlich noch zuverlässig oder höflich genug sind. Und das hat hier nichts mit mangelnder Erziehung zu tun. Das Mittagessen in der kleinen Mensa für Gäste serviert ein pfiffiger junger Mann, der seine Baseballkappe mit dem Schirm nach hinten trägt. Betont lässig stellt er die Teller vor die Gäste und verlangt sogleich die drei Euro für die Mahlzeit. Er wirkt überaus cool und geschäftstüchtig und absolut angenehm. Heute schafft er seinen Job sogar ohne die sonst üblichen Auswirkungen seines Tourettesyndroms - Tics und Fäkalausdrücke. Wie die anderen fünf jungen Frauen und Männer absolviert er einen zweijährigen Berufsvorbereitenden Lehrgang mit zehn Stunden Unterricht und 16 Stunden Fachpraxis in der Woche. Alle müssen sich für den BVL regulär bewerben und in Vorstellungsgesprächen begründen, warum sie sich für die gewählte Branche entschieden haben. DDR-Vorzeigeschule
Heute kann Peter Friedsam darüber lachen, dass er sich damals den Lehrerinnen und Lehrern an seiner Schule nicht verständlich machen konnte, weil sie nicht die gleiche Sprache sprachen. Er passte sich an – sprach-lich. Heute sagt er von sich, er sei wohl kein einfacher Schulleiter gewesen. Aber das sei er bis heute nicht. Alle wussten, sie würden viel mehr arbeiten müssen. Aber ziemlich schnell merkten sie: Wir haben Erfolg. Und das motiviert. Sofort beantragte Friedsam Mittel für die dringend nötige Renovierung sowie Erweiterungs- und Umbauten. Die Stadt, „arm aber sexy“, bewilligte insgesamt 16 Mio. Euro. Die ersten 8 Mio. Euro haben aus dem Plattenbau mit den maroden Fensterrahmen, Asphalthöfen und Beton-Blumenkübeln ein kleines Paradies gemacht: Unterschiedlich gepflasterte Wege schlängeln sich durch den großen Pausenhof, Bäume wurden gepflanzt, Spielgeräte angeschafft und neue Gebäude für den jahrgangsübergreifenden Grundschulunterricht errichtet. Die zweite Tranche in Höhe von 9,6 Mio. Euro wurde jetzt freigegeben – für noch weniger Asphalt und noch mehr Strand.
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Wettbewerb gibt es auch, denn der ist wichtig, findet Schulleiter Peter
Friedsam. Deshalb erfand er 2003 den Schwimmwettkampf „Bei Neptun zu
Gast“, an dem Schüler der kooperierenden Körperbehinderten-Schulen
teilnahmen. Daraus entwickelte sich der Carl von Linné-Cup, der 2008
zum ersten Mal ausgetragen wurde, und zwar im Velodrom, einer der
größten Veranstaltungshallen Be-rlins. Körperbehinderte Schülerinnen
und Schüler aus dem ganzen Bundesgebiet schwimmen um Bestmarken.
Wett-kampfrichter, die sonst bei Welt- oder Europameister-schaften die
Zeiten messen, geben dem Carl von Linné-Cup einen Hauch von
Paralympics.
Wer an solche Herausforderung mit starren Konzepten geht, hat schon
verloren. Die extreme Vielfalt nicht nur der Behinderungen der Kinder
sondern auch ihrer Lern- und Konzentrationsfähigkeit erfordert ein sehr
hohes Maß an Flexibilität. „Vielleicht wirkt unsere Arbeit für
Außenstehende chaotisch“, meint Friedsam, „aber das ist sie nicht“.
Kern des Schulkonzeptes ist die Individualisierung. Viele Kinder sind
an anderen Schulen gescheitert. Deshalb steht am Anfang immer eine
umfangreiche Diagnostik. Jedes Kind von der Grundschule (Klasse eins
bis sechs) über die Lernbehindertenschule ab Klasse drei bis zur
Gesamt- oder Berufsschule wird zweimal im Jahr vorgestellt und bekommt
einen eigenen, individuellen Förderplan, den Lehrer, Eltern, Erzieher
und Therapeuten gemeinsam erarbeiten. Jedes Halbjahr wird evaluiert, ob
der Plan eingehalten und die darin formulierten Ziele erreicht wurden.
Irgendwann ist auch die Zeit in der Carl von Linné-Schule zu Ende, und
der geschützte und zugleich schützende Raum wird verlassen. Um die
Schülerinnen und Schüler möglichst gut darauf vorzubereiten, haben
Peter Friedsam und sein Kollegium sich einiges einfallen lassen. Mit
zwei Gymnasien, einer Grund- und einer Gesamtschule gibt es
Kooperationsverträge. Sie ermöglichen nach einem vier- bis
sechswöchigen Schnupperpraktikum eine Weiterführung des Schulbesuchs an
einer dieser Schulen.
Schon zu Zeiten der DDR gab es die Carl von Linné-Schule mit ihrem
interdisziplinären Konzept und einer medizinisch-psychologischen
Abteilung. Erbaut wurde die Körperbehindertenschule Dr. Georg Benjamin
1976 von Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Eisentraut, einem damals in Berlin sehr
bekannten Architekten. „Eigentlich war sie eine Vorzeigeschule. Gegen
das Regime“, meint Schulleiter Peter Friedsam und grinst verschmitzt.
„Als ich 1997 an die Schule kam, war aber leider 20 Jahre lang
buchstäblich nichts passiert. Keine Renovierung, keine
Instandhaltungsarbeiten, nichts. Alle Flächen waren asphaltiert,
wenigstens wuchs durch den Asphalt das Unkraut.“ Das gesamte Personal
war schon zu DDR-Zeiten an der Schule beschäftigt – neu war der
Schulleiter. Vor der Wende gab es das Berufsbild „Erzieher mit
Lehrbefähigung“, nach der Wende waren das nur noch „Erzieher.“