|
| Trainingscamp oder Zukunftswerkstatt - Was wollen wir von der Schulbildung? |
|
Ein Studie, erhoben im Auftrag der Bundesregierung und erschienen in diesem
Frühjahr, kommt zu dem Ergebnis, Studenten in Deutschland seien heute so
„labil und teilnahmslos“ wie nie zuvor. Sie hätten den Eindruck, „als könnten sie weder ihre berufliche Karriere noch politische Entscheidungen wirklich beeinflussen.“ Was bislang nur für Jugendliche ohne berufliche Qualifikation gegolten habe, treffe nun „auf mehr und mehr Studierende zu.“ Sie ziehen sich ins Private zurück. Nur noch ein Drittel interessiere sich für Politik. 1983 war es noch mehr als die Hälfte. Nun könnte man sagen, der Bildungsstreik vorletzte Woche widerlegt diese Diagnose. Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Studie erklärt, wogegen sich die Schüler und Studenten richten?
Protestiert wurde vor allem gegen die Verknappung der Zeit, beziehungsweise
gegen das Hineinpressen von mehr und mehr fein zermahlenem Stoff in ihre
Köpfe, Stoff, den sie häufig nur bis zur Klausur halten. Bulimielernen. Zensuren
und Credit‐Points haben sich zu obersten Zielen verselbstständigt. In deren
Schatten sind Wissen und Können zweitrangig geworden.
Die Modellierung der Zeit ist gewissermaßen die Grammatik des Lernens.
Lernzeit, ob bei Kindern oder bei Wissenschaftlern, ist diskontinuierlich. Man
klebt an einem Problem. Man dreht sich im Kreis. Und plötzlich macht man
einen Sprung. Das geht nicht im Gleichschritt und nicht unter Druck. Wenn nun
in den meisten Schulen und Hochschulen der Zeitdruck erhöht und die
Atmosphäre verschlechtert wird, verführt man immer mehr zum Bluff.
Jugendliche, die protestieren, fragen sich nun, ob ihre Zertifikate vielleicht so
leer sind, wie manche Derivate auf den Finanzmärkten?
Viele Schüler und Studenten spüren eine Ähnlichkeit zwischen der
Panikökonomie in der Wirtschaft und ihrer Ausbildung, die sie zu
Betriebswirten ihrer selbst gemacht hat. Sie erfahren am eigenen Leib, wie die
Ökonomisierung und Instrumentalisierung den Lernbetrieb in einen enorm
angestrengten Leerlauf geführt hat und wie diese Instrumentalisierung nun das
Instrument selbst zerstört.
Alle, vor allem die Politiker, sind natürlich für die Bildung, zumal sonntags. Aber
schon wird bei Bildungsausgaben wieder die alte grausame Sparpolitik
angedroht. Politiker verweisen auf leere Kassen und fragen unschuldig, woher
denn das Geld nehmen? Etwa diese Woche in Niedersachsen. Die von der
Regierung versprochene Gebührenfreiheit für Kindergärten wird kassiert, jeder
Euro könne halt nur einmal ausgegeben werden, so wie man den Kuchen nur
einmal essen kann.
Nein, es geht bei Bildung und Forschung nicht darum Kuchen zu verteilen,
sondern darum Kuchen zu backen!
Es geht nicht um den Anteil von Bildung am öffentlichen Konsum, es geht um
Investition, es geht um die Ermöglichung, eben um die Bildung, dessen, was
dann überhaupt erst verteilt werden kann. Es geht auch nicht nur um die
Kompetenzen von Menschen, es geht darum sie so ins Leben einzuladen und
willkommen zu heißen, dass sie selbst etwas wollen! Die Welt, in der Menschen
entkernt wurden, dass sie wie Maschinen funktionieren, geht zu Ende, so oder
so.
Noch reiben wir uns ja die Augen, wenn wir erfahren, dass der höchst bezahlte
Hedge‐Fonds‐Manager in den USA in einem Jahre mehr verdient hat , als alle
New Yorker Lehrer in drei Jahren. Und nun werden die Wüsten, die solche
Menschen hinterlassen haben, mit staatlichen Milliarden wieder aufgeforstet.
Allein für Hypo‐Real‐Estate wurde eine Summe mobilisiert, die sämtliche
staatliche und private Ausgaben für Bildung eines Jahres in Deutschland
übersteigt / – ohne Hochschule und Forschung, aber inklusive privat gezahlter
Kindergartengebühren und der zwei Milliarden für Nachhilfe/.
Aber trotz der Wut, die man angesichts solcher Bilanzen zügeln muss, steht
weniger die Schlacht mit Feinden an, als die Suche nach Freunden, um mit dem
großen Projekt zu beginnen, das der Neurobiologe Gerald Hüther so definiert:
Abschied von einer Gesellschaft des Ressourcenverbrauchs, hin zu einer der
Potentialentwicklung.
Müssten also Schulen und Hochschule angesichts von Krisenängsten nicht erst
recht Zukunftswerkstätten werden? Keine Trainingslager, die nur auf die
Erfüllung kurzfristiger Ziele hin konditionieren?
Wie entsteht denn Zukunft? In wacher Gegenwart!
Es gibt Schulen, mehr und mehr, die sich von der verbreiten Lernbulimie
verabschieden.
Es werden ständig solche Schulen gegründet, als private, und staatliche werden
von beherzten Pädagogen langsam umgegründet. Kürzlich filmten wir in einer
solchen Schule, der Laborschule Bielefeld. Wir haben beobachtet, wie Fünf‐ bis
Achtjährige gemeinsam spielen und lernen. Nach zwei Tagen sagte der
Kameramann: „Ich habe noch kein einziges gelangweiltes Gesicht gesehen.“
In der kommenden Woche stellt sich in Wolfsburg die „Neue Schule“ der
Öffentlichkeit vor. Es wird eine Schule für alle sein, eine reformpädagogische,
eine Schule, die der VW Konzern der Stadt zu ihrem 70. Geburtstag schenkt.
Diese neuen Schulen beweisen, was die meisten Menschen hierzulande bisher
nicht für möglich gehalten haben: Lust und Leistung sind keineswegs wie Feuer
und Wasser. Lernen ist keine bittere Medizin, die desto besser wirkt, je
schlechter sie schmeckt. Im Gegenteil. Eigentlich weiß das ja auch jeder. Wenn
wir von einer Sache begeistert sind, dann leisten wir am meisten. Schulen, die
begeistern, sind zwar noch in der Minderheit, aber sie stehen nicht mehr am
Rande. Wenn man sich die Liste derer ansieht, die in den vergangenen Jahren
mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden sind, dann sind es
durchweg Schulen, in denen sich beherzte Pädagogen irgendwann an dem
Spruch der Bremer Stadtmusikanten aufgerichtet haben: Etwas Besseres als
den Tod finden wir überall.
Es sind Schulen, die versuchen Noten so spät wie möglich zu geben. Es sind
Schulen, die Kinder unterschiedlichen Alters in Lerngruppen mischen, weil die
Kinder einer Jahrgangsklasse ja ohnehin auf verschiedenen Entwicklungsstufen
sind, weil überhaupt alle Menschen verschieden sind und weil es ein Vorteil ist
verschieden zu sein. Verschiedenheit ermöglicht voneinander zu lernen. Genau
genommen sind Unterschiede die Voraussetzung fürs Lernen. Lernen im
Gleichschritt, wie es der Unterricht in den üblichen Schulklassen vorsieht, geht
eigentlich gar nicht. Das ist kein Lernen, das sind Varianten des Kopierens und
des Mitmachens.
Lernen können nur Individuen, und jedes lernt ein wenig anders, aber dafür
brauchen diese Individuen Gesellschaft. Sie brauchen eine möglichst vielfältige,
wohlwollende und herausfordernde Umgebung. In solchen Lernlandschaften
lernen Schüler mehr voneinander als von ihren Lehrern. Lehrerinnen und
Lehrer müssen eine pädagogisch gut klimatisierte Umgebung mit vielen
Herausforderungen und Gelegenheiten schaffen. Lehrer laden dann ihre
Schüler wie Gastgeber ein. Sie drohen nicht mit dem Ernst des sogenannten
„späteren Lebens“, das ja häufig noch wie eine Strafe in Aussicht gestellt wird,
und davor wird dann die Schule wie eine zur Bewährung ausgesetzte Vorstrafe
gesetzt.
/In den meisten Schulen soll man ja am Anfang schon fertig und irgendwie
perfekt sein. Kann man so lernen? Kann man so Neues wagen? Wird man sich
in solchen Schulen nicht vor allem darin üben lieber intelligent zu gucken, als
mit angeblich dummen Fragen aufzufallen?/
Das traurige Ergebnis dieser Art von Scheinbildung, ich komme zum Anfang
zurück, sind Schulen und Hochschulen die Jugendliche am Ende geschwächt, ja
manchmal verwahrlost entlassen, Lernfabriken, in denen sie das wichtigste
verloren haben, ihre Lebenszuversicht und ihr Selbstvertrauen ‐ oder mit
einem Wort aus der Psychologie, ihre Selbstwirksamkeitserwartung.
In Lernfabriken schrumpft Zeit. Dabei heißt doch der Ursprung der
europäischen Bildungsidee „Scholae.“ Das bedeutete in der Antike „Muße“,
„frei sein von Geschäften.“ Muße ist auch ökonomisch gesehen produktiver als
Bluff.
Das Skandalöse und schwer zu begreifende am derzeitigen Zustand ist ja, dass
die Zeit vorbei ist, da es eine gewisse Systemlogik hatte, Schülern beizubringen,
„Du bis ein Niemand“, um die so entkernten dann an Marionettenfäden zu
legen. /Später wurde den in Schulen häufig Beschämten und Gedemütigten
dann in ihrer wenig begeisternden Arbeit angeboten, sich durch hohen Einsatz
zu rehabilitieren./ Die industriegesellschaftliche Logik, in der Menschen als Maschinenmodule nur funktionieren sollten, hat längt ihre Basis verloren. In fast allen Berufen geht es nicht mehr darum bloß auszuführen. Die Kernkompetenz heißt inzwischen „Probleme lösen“. Immer weniger reicht es die ein für allemal gelernten Routinen – gelernt im Sinne von eingebläut – nur noch anzuwenden. Der Übergang von der Industriegesellschaft zu einer Wissens‐ und Ideengesellschaft verlangt Bildung endlich zu dem zu machen, was sie immer schon sein sollte. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ Das schrieb der Schriftsteller, Arzt und Priester Francois Rabelais bereits vor fast 500 Jahren. |
|||
