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Trainingscamp oder Zukunftswerkstatt - Was wollen wir von der Schulbildung? Drucken
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Gedanken zur Zeit 28. Juni 2009 - Reinhard Kahl

Ein Studie, erhoben im Auftrag der Bundesregierung und erschienen in diesem Frühjahr, kommt zu dem Ergebnis, Studenten in Deutschland seien heute so „labil und teilnahmslos“ wie nie zuvor.

Sie hätten den Eindruck, „als könnten sie weder ihre berufliche Karriere noch politische Entscheidungen wirklich beeinflussen.“ Was bislang nur für Jugendliche ohne berufliche Qualifikation gegolten habe, treffe nun „auf mehr und mehr Studierende zu.“ Sie ziehen sich ins Private zurück. Nur noch ein Drittel interessiere sich für Politik. 1983 war es noch mehr als die Hälfte. Nun könnte man sagen, der Bildungsstreik vorletzte Woche widerlegt diese Diagnose. Oder ist es nicht vielmehr so, dass die Studie erklärt, wogegen sich die Schüler und Studenten richten?

Protestiert wurde vor allem gegen die Verknappung der Zeit, beziehungsweise gegen das Hineinpressen von mehr und mehr fein zermahlenem Stoff in ihre Köpfe, Stoff, den sie häufig nur bis zur Klausur halten. Bulimielernen. Zensuren und Credit‐Points haben sich zu obersten Zielen verselbstständigt. In deren Schatten sind Wissen und Können zweitrangig geworden.

Die Modellierung der Zeit ist gewissermaßen die Grammatik des Lernens. Lernzeit, ob bei Kindern oder bei Wissenschaftlern, ist diskontinuierlich. Man klebt an einem Problem. Man dreht sich im Kreis. Und plötzlich macht man einen Sprung. Das geht nicht im Gleichschritt und nicht unter Druck. Wenn nun in den meisten Schulen und Hochschulen der Zeitdruck erhöht und die Atmosphäre verschlechtert wird, verführt man immer mehr zum Bluff. Jugendliche, die protestieren, fragen sich nun, ob ihre Zertifikate vielleicht so leer sind, wie manche Derivate auf den Finanzmärkten?

Viele Schüler und Studenten spüren eine Ähnlichkeit zwischen der Panikökonomie in der Wirtschaft und ihrer Ausbildung, die sie zu Betriebswirten ihrer selbst gemacht hat. Sie erfahren am eigenen Leib, wie die Ökonomisierung und Instrumentalisierung den Lernbetrieb in einen enorm angestrengten Leerlauf geführt hat und wie diese Instrumentalisierung nun das Instrument selbst zerstört.

Alle, vor allem die Politiker, sind natürlich für die Bildung, zumal sonntags. Aber schon wird bei Bildungsausgaben wieder die alte grausame Sparpolitik angedroht. Politiker verweisen auf leere Kassen und fragen unschuldig, woher denn das Geld nehmen? Etwa diese Woche in Niedersachsen. Die von der Regierung versprochene Gebührenfreiheit für Kindergärten wird kassiert, jeder Euro könne halt nur einmal ausgegeben werden, so wie man den Kuchen nur einmal essen kann.

Nein, es geht bei Bildung und Forschung nicht darum Kuchen zu verteilen, sondern darum Kuchen zu backen!

Es geht nicht um den Anteil von Bildung am öffentlichen Konsum, es geht um Investition, es geht um die Ermöglichung, eben um die Bildung, dessen, was dann überhaupt erst verteilt werden kann. Es geht auch nicht nur um die Kompetenzen von Menschen, es geht darum sie so ins Leben einzuladen und willkommen zu heißen, dass sie selbst etwas wollen! Die Welt, in der Menschen entkernt wurden, dass sie wie Maschinen funktionieren, geht zu Ende, so oder so.

Noch reiben wir uns ja die Augen, wenn wir erfahren, dass der höchst bezahlte Hedge‐Fonds‐Manager in den USA in einem Jahre mehr verdient hat , als alle New Yorker Lehrer in drei Jahren. Und nun werden die Wüsten, die solche Menschen hinterlassen haben, mit staatlichen Milliarden wieder aufgeforstet. Allein für Hypo‐Real‐Estate wurde eine Summe mobilisiert, die sämtliche staatliche und private Ausgaben für Bildung eines Jahres in Deutschland übersteigt / – ohne Hochschule und Forschung, aber inklusive privat gezahlter Kindergartengebühren und der zwei Milliarden für Nachhilfe/.

Aber trotz der Wut, die man angesichts solcher Bilanzen zügeln muss, steht weniger die Schlacht mit Feinden an, als die Suche nach Freunden, um mit dem großen Projekt zu beginnen, das der Neurobiologe Gerald Hüther so definiert: Abschied von einer Gesellschaft des Ressourcenverbrauchs, hin zu einer der Potentialentwicklung.

Müssten also Schulen und Hochschule angesichts von Krisenängsten nicht erst recht Zukunftswerkstätten werden? Keine Trainingslager, die nur auf die Erfüllung kurzfristiger Ziele hin konditionieren?

Wie entsteht denn Zukunft? In wacher Gegenwart!

Es gibt Schulen, mehr und mehr, die sich von der verbreiten Lernbulimie verabschieden.

Es werden ständig solche Schulen gegründet, als private, und staatliche werden von beherzten Pädagogen langsam umgegründet. Kürzlich filmten wir in einer solchen Schule, der Laborschule Bielefeld. Wir haben beobachtet, wie Fünf‐ bis Achtjährige gemeinsam spielen und lernen. Nach zwei Tagen sagte der Kameramann: „Ich habe noch kein einziges gelangweiltes Gesicht gesehen.“

In der kommenden Woche stellt sich in Wolfsburg die „Neue Schule“ der Öffentlichkeit vor. Es wird eine Schule für alle sein, eine reformpädagogische, eine Schule, die der VW Konzern der Stadt zu ihrem 70. Geburtstag schenkt.

Diese neuen Schulen beweisen, was die meisten Menschen hierzulande bisher nicht für möglich gehalten haben: Lust und Leistung sind keineswegs wie Feuer und Wasser. Lernen ist keine bittere Medizin, die desto besser wirkt, je schlechter sie schmeckt. Im Gegenteil. Eigentlich weiß das ja auch jeder. Wenn wir von einer Sache begeistert sind, dann leisten wir am meisten. Schulen, die begeistern, sind zwar noch in der Minderheit, aber sie stehen nicht mehr am Rande. Wenn man sich die Liste derer ansieht, die in den vergangenen Jahren mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet worden sind, dann sind es durchweg Schulen, in denen sich beherzte Pädagogen irgendwann an dem Spruch der Bremer Stadtmusikanten aufgerichtet haben: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall.

Es sind Schulen, die versuchen Noten so spät wie möglich zu geben. Es sind Schulen, die Kinder unterschiedlichen Alters in Lerngruppen mischen, weil die Kinder einer Jahrgangsklasse ja ohnehin auf verschiedenen Entwicklungsstufen sind, weil überhaupt alle Menschen verschieden sind und weil es ein Vorteil ist verschieden zu sein. Verschiedenheit ermöglicht voneinander zu lernen. Genau genommen sind Unterschiede die Voraussetzung fürs Lernen. Lernen im Gleichschritt, wie es der Unterricht in den üblichen Schulklassen vorsieht, geht eigentlich gar nicht. Das ist kein Lernen, das sind Varianten des Kopierens und des Mitmachens.

Lernen können nur Individuen, und jedes lernt ein wenig anders, aber dafür brauchen diese Individuen Gesellschaft. Sie brauchen eine möglichst vielfältige, wohlwollende und herausfordernde Umgebung. In solchen Lernlandschaften lernen Schüler mehr voneinander als von ihren Lehrern. Lehrerinnen und Lehrer müssen eine pädagogisch gut klimatisierte Umgebung mit vielen Herausforderungen und Gelegenheiten schaffen. Lehrer laden dann ihre Schüler wie Gastgeber ein. Sie drohen nicht mit dem Ernst des sogenannten „späteren Lebens“, das ja häufig noch wie eine Strafe in Aussicht gestellt wird, und davor wird dann die Schule wie eine zur Bewährung ausgesetzte Vorstrafe gesetzt.

/In den meisten Schulen soll man ja am Anfang schon fertig und irgendwie perfekt sein. Kann man so lernen? Kann man so Neues wagen? Wird man sich in solchen Schulen nicht vor allem darin üben lieber intelligent zu gucken, als mit angeblich dummen Fragen aufzufallen?/

Das traurige Ergebnis dieser Art von Scheinbildung, ich komme zum Anfang zurück, sind Schulen und Hochschulen die Jugendliche am Ende geschwächt, ja manchmal verwahrlost entlassen, Lernfabriken, in denen sie das wichtigste verloren haben, ihre Lebenszuversicht und ihr Selbstvertrauen ‐ oder mit einem Wort aus der Psychologie, ihre Selbstwirksamkeitserwartung.

In Lernfabriken schrumpft Zeit. Dabei heißt doch der Ursprung der europäischen Bildungsidee „Scholae.“ Das bedeutete in der Antike „Muße“, „frei sein von Geschäften.“ Muße ist auch ökonomisch gesehen produktiver als Bluff.

Das Skandalöse und schwer zu begreifende am derzeitigen Zustand ist ja, dass die Zeit vorbei ist, da es eine gewisse Systemlogik hatte, Schülern beizubringen, „Du bis ein Niemand“, um die so entkernten dann an Marionettenfäden zu legen. /Später wurde den in Schulen häufig Beschämten und Gedemütigten dann in ihrer wenig begeisternden Arbeit angeboten, sich durch hohen Einsatz zu rehabilitieren./

Die industriegesellschaftliche Logik, in der Menschen als Maschinenmodule nur funktionieren sollten, hat längt ihre Basis verloren. In fast allen Berufen geht es nicht mehr darum bloß auszuführen. Die Kernkompetenz heißt inzwischen „Probleme lösen“. Immer weniger reicht es die ein für allemal gelernten Routinen – gelernt im Sinne von eingebläut – nur noch anzuwenden. Der Übergang von der Industriegesellschaft zu einer Wissens‐ und Ideengesellschaft verlangt Bildung endlich zu dem zu machen, was sie immer schon sein sollte. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ Das schrieb der Schriftsteller, Arzt und Priester Francois Rabelais bereits vor fast 500 Jahren.



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