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„So sinnvoll für das Kind wie möglich“ - Gerald Hüther im Interview Drucken

Gerald Hüther beim AdZ-Kongress "Treibhäuser & Co" Im Interview gibt Hirnforscher Icon Mitgliederbereich Gerald Hüther neurobiologische Begründungen für frühkindliche Erziehung, skizziert sinnvolle Lernarrangements, benennt die notwendige Intention eines guten Pädagogen und warnt vor der Herausbildung egozentrischer und selbstgefälliger Fachidioten. Außerdem: ein kleiner, aber feiner Hinweis auf www.adz-netzwerk.de.


 

Das Interview führte Joachim Geffers für die hlz - Hamburger Lehrerzeitung der GEW Hamburg.


Jahrhunderte lang haben die privilegierten Gruppen in der Gesellschaft ihre Besserstellung damit legitimiert, dass es die Erbanlangen seien, die ein Oben und Unten naturwüchsig entstehen ließe. Lässt sich diese Denkweise angesichts der neuesten Erkenntnisse auf dem Bereich der Gen-Forschung noch aufrecht erhalten?

Früher war es der liebe Gott, der als Rechtfertigung für die Aufrechterhaltung sozialer Unterschiede herhalten musste, im letzten Jahrhundert waren es die genetischen Anlagen mit denen die Einrichtungen von Schulen für „begabtere" und „weniger begabte" Schüler begründet wurde. Und heute sind es die „besseren" oder „schlechteren" Verschaltungsmuster im Gehirn, die als Rechtfertigung dafür benutzt werden, Kinder auf „bessere" und „schlechtere" Schulen zu verteilen.

Genetische Anlagen, das müssen inzwischen aber sogar die Molekularbiologen zugeben, sind nicht in der Lage, ein Gehirn zu konstruieren. Sie sorgen lediglich dafür, dass das Material bereitgestellt wird, aus dem ein komplexes Gehirn entstehen könnte: ein Drittel der gebildeten Nervenzellen gehen bereits vor der Geburt wieder zugrunde, weil sie nicht gebraucht, also in funktionelle Netzwerke eingebaut werden können. Und ebenfalls ein Drittel der in der Hirnrinde während des ersten Lebensjahres im Überschuss bereits bereitgestellten Nervenzellverknüpfungen, der kortikalen Synapsen, werden bis zur Pubertät wieder abgebaut, weil sie nicht benutzt werden. Bei manchen Kindern sind das deutlich mehr, bei machen weniger. Dreimal dürfen Sie raten, woran das liegt. Jedenfalls nicht an den genetischen Anlagen.

Wenn es also nicht die Gene sind, die das Lernvermögen im wesentlichen bestimmen, was ist es dann?

Offenbar sind es die bis zum Schuleintritt bereits aufgetretenen und die bis zum Ende der Schulzeit noch weiter eintretenden Verluste der zunächst im Überschuss bereitgestellten Verknüpfungen (Synapsen) im Gehirn, die darüber bestimmen, was vom Schulstoff noch hängenblieben kann.

Das Ausmaß dieser Verluste hängt davon ab, ob und in welchem Umfang die beiden Grundbedürfnisse gestillt werden können, mit denen alle Kinder auf die Welt kommen: das Bedürfnis nach Verbundenheit, (Zugehörigkeit, Geborgenheit, Anerkennung und Wertschätzung) einerseits und das Bedürfnis nach Wachstum (Entfaltung, Autonomie, Freiheit) andererseits. Wenn ein Kind entweder das Eine oder das Andere nicht findet, leidet es an einem Mangelgefühl. Und dieses Mangelgefühl macht diese Kinder anfällig für „Ersatzbefriedigungen".

Ebenso wie Kinder, die ständig an Hunger oder Durst leiden, verlieren diese in ihren Grundbedürfnissen ungesättigten Kinder ihre Offenheit, ihre Entdeckerfreude und ihre Gestaltungslust. Sie werden „eng" und vielleicht sogar „gierig" auf die Ersatzmittel und Ersatzlösungen, und ihr Gehirn entwickelt sich zu einer Kummerversion dessen, was daraus werden könnte.

Daraus höre ich, dass der frühkindlichen Erziehung eine ganz andere Bedeutung zukommen muss, als dies in der Vergangenheit der Fall war.

Ja. Aber nicht in der Weise, dass die Kinder nun noch früher noch besser abgerichtet und für die Bedürfnisse der Wirtschaft (oder der Eltern oder der Schule) funktionalisiert werden. Frühkindliche Erziehung muss, wenn sie gelingen soll, den Hunger der Kinder nach Zugehörigkeit stillen und ihren Durst nach Entdeckungen und Aufgaben, an denen sie wachsen können.

Was aber ist, wenn die Zeitfenster des Lernens nicht adäquat genutzt werden? Ist dann ein irreversibler Schaden entstanden?

Für das Sprechen Lernen und für das Sehen und für das Hören, auch für das sich körperlich bewegen zu lernen, für alles gibt es Zeitfenster. Das sind Entwicklungsphasen, in denen die für die Verarbeitung der jeweiligen Sinneseindrücke zuständigen Netzwerke im Gehirn „aufblühen", wenn also dieser riesige Überschuss an Verschaltungsmöglichkeiten bereitgestellt wird. Man erkennt das sich öffnende „Zeitfenster" für den Erwerb einer bestimmten Fähigkeit daran, dass sich das betreffende Kind für das zu interessieren beginnt, worum es jetzt geht und wofür es hirntechnisch „reif" ist. Dann sollte es auch entsprechend „gefüttert" werden. Sonst verkümmert diese wunderbare Anlage wie eine Blume, die man zu gießen vergisst.

Wie sollte aus der Sicht des Neurobiologen Lernen arrangiert werden?

So lebendig wie möglich, so praxisnah und anwendbar wie möglich, so sehr am jeweiligen Entwicklungsstand des betreffenden Kindes orientiert wie möglich.

Mit einem Wort: so sinnvoll für das Kind, wie möglich. Was keinen Sinn macht, was einen Schüler emotional nicht berührt, worauf er sich nicht einlässt und was er sich nicht selbst erarbeiten kann, braucht man auch nicht zu unterrichten.

Tut man es trotzdem, so macht der Schüler eine Erfahrung, die schlimmer ist als das Verpassen des Unterrichtsstoffes: nämlich die, dass Lernen sinnlos ist, dass es keine Freude macht, sich Wissen anzueignen und dass es auf ihn nicht ankommt, er eigentlich nicht gesehen wird.

Welche Anforderungen kommen in diesem Zusammenhang auf den Pädagogen zu?

Sie müssten sich wohl noch einmal fragen, aus welchem Grund, mit welcher Intention sie sich diesen Job ausgesucht haben. Wenn es ihnen damals darum ging, Kindern und Jugendlichen bei der Entfaltung ihrer Potentiale behilflich zu sein, sollten sie das mit aller Konsequenz und all ihrer Kompetenz tun. Wenn das nicht der Grund war, weshalb sie diesen Beruf gewählt haben und immer noch ausführen, so haben sie ein Problem, das sie endlich lösen müssen. Sie machen sonst nicht nur sich, sondern auch noch ihre Schüler unglücklich.

Wie müsste Schule fortan organisiert sein?

So wie diejenigen Schulen, die es ja auch hier bei uns vereinzelt gibt, die beim PISA-Test besser abgeschnitten haben als alle anderen und in die die Schüler so gern gehen, dass sie traurig sind, wenn die Ferien beginnen. Wo es solche Schulen gibt, finden Sie unter: www.adz-netzwerk.de.

Wenn sich also, wie Sie oben unterstreichen, die Lernpotentiale nicht wesentlich unterscheiden, liegt es dann nicht auf der Hand, die SchülerInnen solange wie möglich gemeinsam zu unterrichten?

Ja klar, aber unser Schulsystem ist doch nicht für die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen oder für die Entfaltung ihrer geistigen Potentiale optimiert, sondern für ....ja, dreimal dürfen Sie raten!

Ist die Heterogenität der Lerngruppe nicht geradezu dann als Motor einer Entwicklung zu betrachten, in der Lebendigkeit dafür sorgt, dass am Schluss alle Beteiligten davon profitieren?

Das hängt davon ab, was Sie als den „Profit" definieren, den die Schüler aus der Schule mitnehmen sollen.

Für die Herausbildung egozentrischer und selbstgefälliger Fachidioten, die es auf ihrem jeweiligen Spezialgebiet zu Höchstleistungen bringen, ist eine Schule, in der man so viel wie möglich und so Unterschiedliches wie möglich voneinander lernen kann, gänzlich unprofitabel. Und für die Herausbildung von Menschen, die - weil ihre beiden Grundbedürfnisse nach Verbundenheit und Wachstum nie gestillt wurden - später viele Ersatzbedürfnisse entwickeln, die ja alle gestillt werden wollen, ist so eine Schule „profitmäßig" betrachtet das Letzte.



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