Im Treibhaus des Lernens, TAZ vom 24.9.2008
Eine Doku über alternatives Lernen sorgt für Diskussionen unter Schulreformern. Die gründen Netzwerke und nehmen den Film zum Anlass für einen Bildungskongress der anderen Art. VON JULIA WALKER
Es ist ein Film, der die Diskussion über Bildung veränderte. Im Grunde ist es nur eine einzige Szene. Aber sie macht Zuschauer immer wieder fassungslos. Ein Klassenzimmer morgens gegen halb acht. Der Lehrer ist schon da und zwei Schüler. Es ist still. Der Lehrer bereitet den Raum für den Unterricht vor. Die Schüler gehen an ihren Platz, nehmen sich Hefte und Materialien - und beginnen zu arbeiten. Von sich aus. Für sich ganz allein. Jeder an etwas anderem. Nach und nach kommen noch mehr Schüler herein. Sie reichen ihrem Lehrer die Hand.
Wieder das selbe Bild. Die Schüler fangen an zu arbeiten. Einfach
so. Der Lehrer sagt kein Wort. Es gibt kein Geschrei, keinen Gong,
keinen Lehrervortrag. Die Schüler lernen einfach los.
Die Szene spielt in der Bodenseeschule St. Martin in Friedrichshafen.
Sie gehört zum Film "Treibhäuser der Zukunft: Wie Schulen in
Deutschland gelingen". Der Film hat sich mittlerweile 50.000-mal
verkauft. Er wird gern in Gruppen geguckt. Von Eltern, Lehrern und
jenen Menschen, die endlich mal sehen wollen, dass Schule tatsächlich
auch klappen kann. Denn die Bodenseeschule ist ja obendrein eine
Hauptschule, und die beobachtete Klasse besteht aus 14-Jährigen, die in
oder kurz vor der aufregenden Pubertät stehen. Die gefühlte Wahrnehmung
solcher Klassen ist normalerweise die, dass Unterricht nicht etwa leise
beginnt, sondern dass er eigentlich gar nicht beginnt.
In der Szene Kahls beginnt nicht nur das Lernen leicht, der Film ist
auch der Startpunkt für eine Geschichte. Denn der
"Treibhäuser"-Streifen ist zu einem Katalysator der Schulerneuerung
geworden. Bei Reinhard Kahl klingelte nach dem Film ununterbrochen das
Telefon. Eher aus Notwehr heraus baute er dann zusammen mit anderen das
"Archiv der Zukunft" auf. Heute ist der Film Knoten eines Netzwerks von
Schulerneuerern. Ende nächster Woche treffen sie sich zum zweiten Mal.
Rund 1.500 Leute sind es dann, die am Bodensee zu "Treibhäuser &
Co" zusammenkommen. Und es wird alles andere als einer der üblichen
Bildungskongresse sein. Denn die Teilnehmer sind nicht nur Lehrer, es
sind Unternehmer, Künstler, Architekten, Therapeuten, Forscher, sie
sind ganz verschieden, es eint sie vor allem eines: Die alte Schule
finden sie, auf Deutsch gesagt, scheiße. Sie wollen eine andere Schule,
die Froks, die Friends of Reinhard Kahl.
Der Kongress ist ein Versuch. Überall im Land wird über neue Schule und
neues Lernen geredet. Zum Beispiel bei Anne Will einen ganzen
Sonntagabend lang über "individuelle Förderung" - ohne dass ein Mensch
erklären könnte, was das eigentlich ist und wie es wirklich geht. Der
Kongress aber will zeigen, dass neues Lernen gelingen kann. "Es ist ein
Versuch, interessante selbst denkende, selbst handelnde, manchmal auch
verrückte, auf jeden Fall eigensinnige Leute zusammenzubringen."
"Ein gutes Stück Eigensinn bringt Reinhard selbst mit", versichert
Ulrike Kegler. Die Rektorin der Montessorischule in Potsdam ist
ebenfalls eine Treibhaus-Schule. Für viele Gründungsmitglieder des
"Archivs der Zukunft" wie Kegler war die Person Reinhard Kahl Auslöser
für den Zusammenschluss. Zum Beispiel für den Architekten Peter Hübner:
"Ich sehe in ihm eine Bestätigung meiner Überzeugung, dass nur einzelne
Menschen mit Visionen die Welt verändern können." Der pädagogische
Architekt plant zusammen mit Schülern und Lehrern, also den späteren
Nutzern, die "andere Schule", die "Schule als Lebensraum". "Ich bin mir
sicher, dass nur gemeinsam mit Gleichgesinnten ein Wechsel des
Schulsystems erreicht werden kann", sagt Hübner. Die sollen, so
unterschiedlich sie sind, zeigen, dass es klappen kann.
Früher hätte Reinhard Kahl nicht zuerst ans Gelingen gedacht. Es hätte versucht, zu kritisieren.
Reinhard Kahl gehört zur Generation der 68-er. "Diese Generation hat
viele Vorteile, aber auch manche Macken", sagt der 60-Jährige. "Eine
davon ist, dass wir uns lieber als Kritiker der Welt gefüllt haben denn
als wirkliche Teilnehmer." So konnte es manchmal gar nicht schlimm
genug kommen, wenn man dabei nur Recht behielte.
In seiner journalistischen Arbeit bei Fernsehen, Hörfunk und Zeitung
wurde es für Kahl immer interessanter nach den Dingen zu suchen, die
gelingen, und zu fragen: Was ist eigentlich die Bedingung, dass etwas
gelingt? Und ist es nicht vielleicht so, dass etwas Gelingendes die
viel schärfere Kritik an den schlechten Zuständen sein kann?
Dass es am Bodensee zu diesem Kongress kommt, hat seinen Grund. Weil
die Bodenseeschule genau dort steht. Und weil Kahl am Bodensee auch
andere exzellente Schulen und Schulreformer fand. Dabei ist etwas
Merkwürdiges geschehen: Kahl lernte Menschen mit ganz ähnlichen
Visionen vom neuen Lernen kennen - die sich untereinander gar nicht
kannten. Auf der Schweizer Seite des Bodensees zum Beispiel arbeitet
die Schule "Haus des Lernens", initiiert von Peter Fratton, der ein
Lehrer war und es allen zeigen wollte, wie es anders geht. Inzwischen
hat er 18 Schulen in verschiedenen Ländern gegründet. Aber Fratton
wusste nicht viel über die Bodenseeschule auf der anderen Seeseite.
Wenn man sich am Bodensee schon nicht kennt, dachte sich Reinhard Kahl,
wie sieht es dann erst im Großen aus? Also galt es, den Austausch zu
fördern. Denn auch heute ist es immer noch ein Hauptproblem, dass viele
vereinzelt nebeneinander arbeiten. Die Leute, die etwas taugen, die es
in ihrer Intuition haben, dass sie kritisch prüfend vieles
weiterbringen könnten, schreiben sich häufig nicht die Würde und die
Kompetenz zu, das machen zu können. Oft genug verlangen sie, dass ihnen
im Zweifelsfalle doch noch die Behörden sagen, was richtig ist. Sie
widersprechen nicht, sie verstecken sich. "Sie suchen nach
wissenschaftlichen Blaupausen", regt sich Kahl auf. "Da kann man
zitieren, statt in erster Stimme selbst zu sprechen." Kahl setzt
dagegen, wie er es nennt, die Intelligenz der Praxis. Denn sie ist ein
ständiger Dialog mit den Ansprüchen und den Bedingungen - und keine
selbstgenügsame Theorie.
Sich von anderen kritisieren und dadurch prüfen zu lassen - dazu
benötigen gute Schulen noch andere Erwachsene als nur Lehrer.
Gesellschaft, die gute Schulen machen will, muss die Schule zum
hervorragenden Thema für die Erwachsenen und zum interessanten Ort für
die Kinder und Jugendlichen machen. "Das müssen unsere modernen Tempel
sein, die Kathedralen, wo wir sagen: So sieht ein gelungenes Haus aus."
Diese These brachte Kahl vor Jahren aus einer dänischen Berufsschule
mit.
"Ausgerechnet in einer Berufsschule hing überall Kunst an den Wänden,
und die Türklinken waren pures Design", erinnert sich Kahl. "Wir
Deutschen fanden es ein wenig übertrieben." Doch der dänische Kollege
konterkarierte das deutsche Verständnis: Umwelt sei nicht nur, wenn
irgendwo Öl ausläuft. Umwelt bedeute Milieu. Die Gemeinde stellt der
Schule jährlich 20.000 Euro zur Verfügung, um Originalkunst einzukaufen
und sie auch hinzuhängen. Die erste Frage der Deutschen: "Wird es denn
nicht zerstört?" Für Reinhard Kahl ist dadurch eines klar: Die
deutschen Lehrer und die deutschen Schüler haben die gleiche Fantasie,
die sich ändern muss.
Kahl geht es übrigens nicht um die Schulstudie Pisa und die
Schockwellen, welche sie alle paar Jahre durchs Land schickt. Pisa ist
nicht unwichtig, aber es ist nur der Mindesteinsatz. Es zeigt, was
alles nicht geht. Es geht aber darum zu zeigen, was alles möglich ist -
und wie. Wieso die Kunst in einer deutschen Kunsthalle nicht zerstört
wird, wahrscheinlich aber an einer deutschen Schule, verrät Alfred
Hinz, der ehemalige Rektor der Bodenseeschule: "Wenn die Atmosphäre und
die Gelegenheiten gut sind, lässt sich Lernen überhaupt nicht
vermeiden." Dann machen die Schulen ihre Pisa-Ergebnisse mit links.
"The problems are our friends", diese Sichtweise des kanadischen
Erziehungswissenschaftlers und Change-Theoretikers Michael Fullan
verbreitet Kahl mit seinem Film und dem Netzwerk. Aus einem Problem
nicht nur Lösung, sondern auch eine neue Möglichkeit machen - das
können auch Schüler selbst. Die Schüler der Helene-Lange-Schule in
Wiesbaden etwa weigerten sich, erst über die Dritte Welt nachzudenken -
und dann nach Schulschluss die türkischen Putzfrauen ihren Dreck
wegräumen zu lassen. Nun putzen sie selber - und die Schule kann das so
eingesparte Geld für professionelle Theaterregisseure ausgeben. Seitdem
ist im achten Schuljahr sechs Wochen lang Theater angesagt. "An der
Stelle, wo man normalerweise keinen Weg sieht, haben die Schüler
selbstständig gehandelt und etwas Neues entwickelt", erklärt Kahl.
Diese Schule sei voller solcher Geschichten. Das zeichne gelungene
Schulen aus. Sie haben eine Biografie. Sie sind institutionelle
Individuen. Und nur Individuen können lernen.
Alle Treibhaus-Schulen sind anders, und doch sind sie verwandt.
Keinesfalls sind das Einzelfälle. Ein Beispiel folgt dem anderen. Heute
würde kein vernünftiger Unternehmer oder Politiker diesen Schulen
widersprechen. Auch VW oder Mercedes braucht keine Leute mehr, die
Befehlsempfänger sind. Die Maschinenarbeiten machen die Maschinen. Neu
ist: Die Menschen dürfen beziehungsweise sollen etwas wollen. Häufig
herrscht aber noch in den Schulen die Vorstellung: Eigentlich müssen
wir, auch wenn wir es nicht wollen, uns irgendwie aufs spätere Leben
abrichten.
Dagegen kämpfen auch die Eltern, die die Schulen mit neuen Elementen
vorantreiben: Die auf Frontalunterricht, Fächer, Zensuren und
klassische Sitzordnung verzichten, die es lieber hätten, wenn ihre
Kinder in der Schule jahrgangsübergreifend lernen, individualisiert und
selbstständig arbeiten können, wenn sie, kurz gesagt: lernen
zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander.
Dennoch trauen sich viele Lehrer und Erwachsene nicht. Sie haben Angst
davor, einen Einbruch zu erleben. Sie zweifeln, ob Schüler wirklich so
lange selbstständig arbeiten können. Schulleute haben einfach kein Bild
im Kopf von naturhaften selbstständigen Schülern, sie muten ihnen
nichts zu.
"Genau das war der Impuls meiner journalistischen Arbeit", betont
Reinhard Kahl. Bilder zu zeigen, dass es doch geht. "Ich erfinde
nichts. Ich bin eine Art Trüffelschwein." Damit sind nicht nur Bilder
im fotografischen Sinne gemeint, sondern Bilder als Entwürfe und
Metapher für das, was man für möglich hält. "Mit meinen Bildern will
ich den Möglichkeitssinn erweitern", sagt der Filmemacher. "Wenn
Erwachsene nicht daran glauben, dass es in den Kindern viel mehr
steckt, als man weiß, dann werden sie es nicht herausfordern."
In einer Szene des "Treibhäuser"-Films wird der Lehrer nach einem
Schüler befragt, der sich gerade ein bisschen mit dem Lernen quält. Der
Lehrer ist ganz gelassen. Der könne das, es gebe nur grad ein Problem
zu Hause, das ihn behindere. Aber darüber könne man reden. "Denn ich
interessiere mich für ihn", sagte der Lehrer dann. "Ich interessiere
mich wirklich für ihn."
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