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Robert-Bosch-Gesamtschule, Hildesheim Drucken

Am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen

Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim Dafür erhält die Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim den Deutschen Schulpreis 2007.
Mit unternehmerischem Geschick, sensibler Menschenführung, Teamgeist und dem Willen zur Selbstheilung ist es dem "Unternehmen Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim" gelungen sich selbst aus dem Sumpf der Mittelmäßigkeit zu befreien. Sie ist zu einer Schule geworden, die nach den Bedürfnissen der Menschen fragt.

Ein Überblick von Reinhard Kahl und ein Gespräch mit dem Schulleiter Wilfried Kretschmer von Christina Birkner.

Aus den fünf Schulen, die am 10. Dezember 2007 aus der Hand von Bundesbildungsministerin Annette Schavan den Deutschen Schulpreis erhielten, wird die Robert-Bosch-Gesamtschule Hildesheim besonders hervorgehoben und als Nummer Eins mit 50.000 Euro belohnt.

Beinahe hätte der Robert-Bosch-Schule ihr Name den Erfolg vermasselt. Man könnte ja auf falsche Gedanken kommen, denn der Preis wird unter anderem von der Robert-Bosch-Stiftung vergeben. Aber die Namensgleichheit von Schule und Stiftung ist Zufall.

Die sechszügige Gesamtschule nimmt jährlich 180 Schüler auf. Mit 1300 Schülern und 110 Lehrern ist sie Schule tatsächlich ein großes Unternehmen. „Leistung“ und „Selbständigkeit“ sind gleichermaßen wichtig. Das große Thema der Schule ist der Übergang vom Lehren zum Lernen. Diesen Umbau haben sich die Lehrer zu ihrer wichtigsten Aufgabe gemacht.

Am Anfang war eine Krise. Die Anmeldezahlen glichen einer Fieberkurve. Von stolzen 450 Bewerbern Anfang der 70iger Jahre sank das Interesse der Eltern und Kinder in Hildesheim auf 93 Ende der 1980iger Jahre. Jetzt wollen wieder 359 Kinder auf einen der 180 Plätze. Was ist passiert?

Nach der Agonie der Reformruine Gesamtschule haben die Lehrer ihre Schule erneuert. Sie haben sich vom pädagogischen Einzelkämpfer verabschiedet und verbreiten mit ihrer Zusammenarbeit eine ansteckende Gesundheit, die im Alltag des Unterrichts die Schüler erfasst.

85 der 103 Lehrer dieser Schule nehmen an Hospitationsringen teil. Sie besuchen sich gegenseitig im Unterricht, kooperieren bei dessen Vorbereitung und genießen die Vorteile der Arbeitsteilung. Wie die Lehrer der ebenfalls mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichneten Helene-Lange-Schule Wiesbaden haben sie Jahrgangsteams gebildet. Jedes Team fährt in den Sommerferien drei Tage in Klausur und stellt seinen Jahresplan auf. Die Themen der Fächer werden so koordiniert, dass sie zusammen passen. Wenn möglich verschmelzen sie zeitweise zu Projekten. Das sind Zeiten größter Intensität. „Das alles“, sagt Wilfried Kretschmer, der stolze Schulleiter, „geht nur, wenn die Teams es selbst machen.“ Denn eine gute Schule könne nun mal nicht von oben verordnet werden.

Aber die Leitung, so Kretschmer, müsse helfen, das Wichtige von allem anderen, was auch noch möglich wäre, zu unterscheiden. Im Laufe dieser zweiten, selbst gemachten Reform, mit der diese Schule in den 90er Jahren begann, hatten sich zeitweilig 20 Baustellen mit den unterschiedlichsten Reformprojekten angesammelt. „Dann haben wir 15 Baustellen geschlossen“, erinnert sich der Schulleiter. Ins Zentrum der Veränderung und Selbstveränderung stellten die Lehrer sich selbst, genauer ihr Verhältnis untereinander. Ihr Ziel hieß: Zusammenarbeit. Wie sollen Schüler auch kooperieren, sich begeistern und lernen, wenn es ihnen die Lehrer nicht vormachen? Aber viele Lehrer schreckten schon davor zurück, sich gegenseitig im Unterricht zu besuchen und sich dem kritischen Blick der Kollegen auszusetzen. „Man kann sich doch von anderen nur beobachten lassen, wenn man Vertrauen zu ihnen hat“, sagt Kretschmer. Zu vertrauen haben Lehrer offenbar nicht so recht gelernt. Als wurde Vertrauen zu schaffen nun für den Schulleiter das Allerwichtigste. Dazu gehört auch in Kauf zu nehmen, dass 18 der 103 Lehrer nicht am Hospitationsring teilnehmen. Kretschmer meint: „Das ist besser, als wenn sie nur so tun, als ob sie mitmachten.“

Christina Birkner sprach mit Schulleiter Wilfried Kretschmer über die Entwicklung der Schulen und den Lernprozess von Lehrern

Schulleiter Wilfried Kretschmer Seit wann sind Sie an dieser Schule?

Seit 28 Jahren arbeite ich an der Robert-Bosch-Gesamtschule. Zunächst als Lehrer für Biologie und Politik, dann 9 Jahre lang als Leiter der gymnasialen Oberstufe und seit 2002 bin ich Schulleiter. Ich komme auch Hildesheim. 1971 habe ich mein Abitur am katholischen Hildesheimer Gymnasium Josephinum gemacht.

Man sagt, in den 80er Jahren lag „Depression“ auf der Schule?

Das war die Zeit, bevor sich eine Gruppe von engagierten und tatkräftigen Lehrern zusammenschloss, um diese Schule zu erhalten, ja zu retten. Die Not war groß. Die Schule stand vor dem Aus.

Das müssen Sie genauer erzählen.

Es gab einen lang anhaltenden Konflikt mit dem damaligen Schulleiter. Über die Eltern drang das auch in die Öffentlichkeit. Das schlug sich auf das Ansehen der Schule nieder. Bis ins Jahr 1989 waren dann die Anmeldungen auf 93 Schüler gesunken. Es waren gar keine Schüler mehr dabei, die eine Empfehlung für das Gymnasium hatten und auch nur noch wenig Realschulempfohlene. Damit aber wären wir keine integrierte Gesamtschule mehr gewesen, die doch auf eine vielfältige Schülerschaft aus ist. In der Gesamtschule helfen die Stärkeren den Schwächeren. Auch die Stärkeren profitieren davon. Wir standen in Gefahr eine „Hauptschule de luxe“ zu werden. So wurde die Entwicklung vom gesamten Kollegium wahrgenommen.

Sie sprachen von einem massiven Konflikt?

Gegen das Votum des Kollegiums wurde zu Beginn der 80iger Jahre ein Schulleiter von der Bezirksregierung eingesetzt. Der Wunschkandidat des Kollegiums wurde abgelehnt. Darüber hat sich ein Konflikt aufgebaut, der das Schulleben jahrelang lähmte. Es kam sogar zu einem Misstrauensvotum gegen den Schulleiter. Eine konstruktive Zusammenarbeit war nicht möglich. Das war für alle eine schlimme Situation. Die Behörde hätte schneller reagieren müssen.

Wie reagierte denn die Behörde?

Sie versuchte den Schulleiter zu stärken und verlangte von den Lehrern Loyalität ihm gegenüber. Wir renitenten Lehrer wurden nach Hannover eingeladen und auf unsere Dienstverpflichtung hingewiesen. Das hat uns alle unter Druck gesetzt.

Und wie antwortete daraufhin das Kollegium?

Da passierte etwas sehr Interessantes! Teile des Kollegiums begannen sich selbst zu organisieren – unabhängig vom Schulleiter. So entstanden Keimzellen des Positiven, die pädagogische Innovationen wagten. Einige Kolleginnen und Kollegen bauten nun in der Sekundarstufe I die Arbeit nach Wochenplänen und Freiarbeit aus. Sie entwarfen neue Konzepte. Sie wagten sich ohne viel nachzufragen auf pädagogisches Neuland. Das brachte uns eine Vorreiterrolle bei niedersächsischen Schulen ein. Ähnliches geschah auch in der gymnasialen Oberstufe. Dort bauten wir das kreative, fächerübergreifende Arbeiten und Praktika außerhalb der Schule aus. Hinzu kam, dass wir uns stark in ökologischen Projekten engagierten.

Tag der Begegnung an der RBS-Hildesheim Eine Revolution aus den eigenen Reihen?

Ja, ein autonomer Prozess, der mitten aus dem Kollegium hervorging. Man fand sich zu kleinen Teams zusammen, um gemeinsam für die Jahrgangsgruppen Unterrichtsmaterialien zu erarbeiten und Räumlichkeiten herzurichten. Das machte man einfach selbst! Der Schulleiter wurde darüber nur informiert.

Wie ging es weiter?

Als erstes fanden wir in Herrn Friedemann Hoffmann, meinem Vorgänger, einen neuen Schulleiter, mit dem die Zusammenarbeit klappte und gemeinsam Konzeptionen entwickelt werden konnten. Wir rückten dabei weiter zusammen. Wir professionalisierten unsere Öffentlichkeitsarbeit. Wir begannen stärker in Teams zu arbeiten, und hatten das Ziel, dieser Schule einen neuen Geist einzuhauchen. Wenn das Miteinander stimmt und Herde gegenseitiger Anerkennung entstehen, werden alle Kollegen von diesem Sog erfasst. So breitete sich das Lehrerengagement wie ein bunter Flickenteppich in der ganzen Schule aus Wir wurden Umweltschule und waren auf der Expo 2000 als Modellschule für Deutschland vertreten. Wir bauten für mehr als 1 Million Mark ein Blockheizkraftwerk und entwickelten internationale Umweltprojekte wie die „Sommerschule“. Hinzu kam, dass der Ganztagsbereich unserer Schule sich trotz aller Wirrnisse und quasi unter der Hand zu einem Modell für deutsche Ganztagsschulen entwickelt hatte.Seit 1971 arbeiten etwa 200 Eltern Woche für Woche mit.

Das klingt fast wie ein Märchen. Gab es denn keine Krisen?

Doch. Irgendwann merkten wir, dass wir zu viele Baustellen geschaffen hatten und uns die Strategie fehlte. Wir waren zwar eine gute Projektschule, aber der Unterricht, also unser eigentliches „Kerngeschäft“, war demgegenüber weniger gut. In dieser Phase Anfang der 90er Jahre war der aktionistische Eifer groß, aber es fehlte die Konzentration auf das Wesentliche.

Tag der Begegnung an der RBS-Hildesheim Was heißt das?

Es fehlten klare Ziele. Wir drohten uns zu verzetteln. Eine Arbeitsplatzuntersuchung zeigte, dass auch das Kollegium dies so sah. Wir haben uns dann Rat von außen geholt. Im Dezember 2002 trafen sich die Jahrgangs- und Fachbereichsleitungen der Schule mit der Schulleitung zu einer gemeinsamen und, wie ich im Rückblick finde, entscheidenden Strategiekonferenz in Hustedt bei Celle in der Heide. Dort analysierten wir unsere Stärken und Schwächen, und sprachen über unsere Risiken und Chancen. Das Ergebnis war ein „Masterplan.“ Diesen Plan haben wir dann mit den Lehrern, Schülern und Eltern abstimmt. Alle unsere Ziele wurde gemeinsam entwickelt. Und dann sind wir daran gegangen, uns ihnen Schritt für Schritt zu nähern. Bei der Umsetzung hat die Schulleitung eine steuernde und durchaus auch kontrollierende Rolle übernommen.

Wer waren Ihre Ratgeber? Was waren die Resultate?

Wir haben uns Organisationsentwickler aus der Wirtschaft eingekauft und diese zunächst aus eigener Tasche bezahlt. Mich persönlich hat das Qualitätsmanagement bei Toyota und anderen japanischen Unternehmen angeregt. Zur Verwirklichung des Masterplanes wurden Kleingruppen unter Beteiligung der Schulleitung gebildet, die als Steuergruppen wichtige Aufgaben übernahmen. Bei dieser Arbeit haben wir unser Leitbild modernisiert.

Zum Beispiel?

Wir haben uns über die Erziehungsziele mit Eltern, Lehrern und Schülern verständigt. Wir haben Verfahren zur kooperativen Unterrichtsplanung für die ganze Schule entwickelt. Wir haben Jahr für Jahr mit Jahresarbeitsplänen den Teamgeist im Kollegium immer weiter gestärkt und so die Schüler als ganzheitlich zu bildende Menschen in den Mittelpunkt gestellt. Zurzeit sind wir dabei unseren sozialen Lehrplan besser und verbindlicher zu gestalten. Und auch die fachliche Leistung spielt heute eine ganz andere Rolle als in den 70er Jahren.

Wie wird denn am pädagogischen Konsens gearbeitet?

Zu Beginn unserer drei Schulstufen, also im 5., 8. und 11. Jahrgang, besprechen die jeweiligen Jahrgangs- und Klassenkonferenzen die Bildungs- und Erziehungsziele.

Nur die Lehrer?

Nein. Es sind cirka zwanzig Kollegen dabei und jeweils zehn Eltern und Schüler. Nach oft reger Diskussion einigt man sich am Ende auf einen verbindlichen und gegenseitigen Erwartungskatalog.

Tatsächlich, man einigt sich?

Ja, es wird solange geredet, bis die Steine rund sind.

Aber alle Steine werden doch nicht rund, oder?

Doch. Ganz harte Kanten sind noch nicht vorgekommen. Entscheidend ist doch der Prozess, in dem sich Eltern, Lehrer und Schüler darüber unterhalten, was für sie in den nächsten 3 Jahren wichtig ist.

Und dabei machen auch die Eltern richtig mit?

Sie engagieren sich sehr. Sie wollen mit der Schule zusammenarbeiten. Und uns sind die Eltern wichtig. Wir haben uns ja auf ein Leitbild geeinigt. Der Fokus liegt auf Leistung, Selbständigkeit und sozialem Engagement. Wir sind immerhin seit 28 Jahren UNESCO-Projektschule und die Bedeutung dieser Tatsache ist immer mehr gewachsen.

Ein anderes von Ihnen angesprochenes Feld ist die kooperative Unterrichtsplanung. Was hat es damit auf sich?

Wir haben für uns ein Verfahren gefunden, das die Art und Weise des Unterrichtens mit einer sehr einfachen Idee verbessert. Lehrer hospitieren im Unterricht anderer Lehrer – und zwar regelmäßig. Es hat vor etwa 10 Jahren mit drei oder vier Lehrern in verschiedenen Jahrgängen angefangen. Wir nannten dieses Unterfangen zunächst „Hospitationsringe“. Oft ging es um einzelne Methoden in bestimmten Fächern. Manchmal hatten die Ringe keinen direkten Fachbezug. Die Erfahrungen waren positiv. Dabei weitete sich die Zusammenarbeit auf mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen aus.

Tag der Begegnung an der RBS-HildesheimDas kam alles aus dem Inneren des Kollegiums?

Nicht nur. Eine spezielle Steuergruppe und Mitglieder der Schulleitung begleiteten diesen Prozess. Hinzu kam eine Vielzahl von zusätzlichen, auch externen Fortbildungsangeboten, die unterstützend zur Verfügung gestellt wurden.Es halfen uns auch externe Trainer.

Ist das ein Pflichtprogramm?

Die Teilnahme an all diesen Veranstaltungen war und ist natürlich freiwillig – niemand muss an dieser Art der Fortbildung teilnehmen. Doch mittlerweile ist fast das ganze Kollegium beteiligt. Es nützt jedem Kollegen, weil es eine einfache und effektive Art der Unterrichtsverbesserung ist und weil so ein Klima des Miteinanders entsteht. Es kommt dann vieles wie von selbst in Gang, wenn Lehrer im fachlichen Austausch auch mal Schwächen zeigen dürfen. Das schafft eine Atmosphäre, in der Freundlichkeit und Wertschätzung gedeihen. Das Kollegium wird zum Team. Gemeinsame Unterrichtsvorbereitungen sind möglich und machen sogar Spaß! Ein Kollege ist eben nicht nur „der Kollege“, sondern in erster Linie eben ein Mensch, der natürlich nicht perfekt ist.

Dabei sind doch Hospitationsstunden bei Referendaren gefürchtet. Später wollen viele Lehrer nie wieder daran erinnert werden, oder?

Ich kenne solche Reaktionen, wenn ich von unseren kooperativen Unterrichtsunternehmungen berichte. Man muss eben erst mal selbst erfahren, wie das geht. Für uns ist das nicht mehr außergewöhnlich. Allerdings bedarf es dafür Vertrauen. Viele Lehrer werden im Referendariat offensichtlich regelrecht traumatisiert und sind für Teamarbeit nur schwer zu gewinnen.

Wie bearbeiten Sie das Trauma der Lehrer?

Man muss selbst Vertrauen geben. Man muss selbst damit anfangen. Konkret fange ich bei mir an. Ich bin natürlich auch in Hospitationsgruppen und lasse mich häufig von meinen Kolleginnen und Kollegen im Unterricht besuchen. Anderseits muss man manchmal gut zureden, muss Mut machen und vielleicht am Anfang ein wenig schieben und ziehen. Das positive Feedback der ehemals Traumatisierten spricht bald für sich und wer es selbst erfahren hat, wird diese Erfahrung weitergeben.

Tag der Begegnung an der RBS-HildesheimEs bedarf dazu wohl neben dem Vertrauen auch der Kritikfähigkeit?

Ja. Und der Lernbereitschaft. Vor kurzem besuchte uns eine Gruppe von Referendaren aus dem Hildesheimer Studienseminar. Wir erzählten ihnen von unseren Hospitationsringen und von der gemeinsamen Unterrichtsvorbereitung, sowie von der Teamarbeit. Später eröffnete mir die Seminarleiterin, dass die Referendare unseren Schilderungen nicht geglaubt hätten. Daraufhin luden wir sie noch einmal ein und haben sie an all dem teilnehmen lassen. Nicht nur reden, sondern teilnehmen lassen und den Beweis erbringen, das ist der Schlüssel. Das gilt für die ganze Schule. Was wir den Schülern vermitteln wollen, müssen wir selbst tun. Was wir ändern wollen, müssen wir selbst erlernt haben! Wir machen die Türen auf, um einander an Erfahrungen, Methoden und Fachkompetenzen teilhaben zu lassen, eben um voneinander zu lernen.

Ist das also das Geheimnis der erfolgreichen Schule, dass Schüler anders und besser lernen, wenn es auch für die Lehrer ganz normal ist, voneinander zu lernen?

Genauso ist es.

Aber schmälert ein Team nicht die Individualität des einzelnen Lehrers?

Nein, seine Individualität bleibt gewahrt. Im Gegenteil. In einem Team kommt es doch auf das Besondere der Einzelnen an. Jeder muss zunächst seinen eigen Beitrag geben. Und jeder wird dabei noch viel interessierter, informierter und macht mehr eigene Erfahrungen. Gerade dadurch wird die Teamarbeit fruchtbar. Das gleiche versuchen wir auch unseren Schülern zu vermitteln. Und immer wieder den neuen Lehrern, die an unsere Schule kommen.

Wie sehen Sie sich selbst und Ihre Rolle als Schulleiter?

Ich bin Mitglied der Kollegialen Schulleitung. Wir sehen uns als wirksames Team. Moderne Führung von Schule sollte, wie ich es eben ja schon angedeutet habe zweierlei können. Erstens sollte sie diskursive Prozess organisieren, in dem Ziele formuliert werden. Hier sollen möglichst viele der an den Schule Beteiligten in die Diskussionen und Entscheidungen einbezogen werden. Dazu gehört es auch inne zu halten und zurück zu blicken. In diesem ersten Bereich verwirklicht sich die Demokratie.

Und das zweite?

Die zweite Aufgabe ist, dass die Schulleitung, letztlich ich als Schulleiter, den aus den Zielen entwickelten und verabredeten Umsetzungsprozess dann effektiv moderiert und kontrolliert. Das wäre dann das Gegenteil der „organisierter Unverbindlichkeit“, die wohl zu Recht an den deutschen Schulen kritisiert wird. Wir haben also eine doppelte Aufgabe: für offene Prozesse zu sorgen, damit Ziele gewonnen und die dafür nötigen Strukturen geschaffen werden. Auf einer zweiten Ebene achten wir auf die Umsetzung der Vorhaben, denn deren Erfolg beruht auf Verbindlichkeit und Konsequenz.

Und was ist Ihnen persönlich wichtig?

Ich möchte an einer Schule arbeiten, in der Kinder aller Begabungen und aus allen Schichten zusammenkommen und gemeinsam unterrichtet werden. Das bedeutet nicht nur auf die verschiedenen Begabungen einzugehen, was Programm der integrierenden Gesamtschule ist. Es geht mir letztlich darum, dass die Menschen nicht schon in jungen Jahren separiert werden. Ein ganzes Leben lang müssen Menschen mit ihrer unterschiedlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten in einer offenen Gesellschaft miteinander auskommen und zusammen arbeiten. Die Schule sollte das Zusammenleben fördern anstatt es zu behindern. Das ist für mich das zentrale Motiv. Schule muss Menschen zusammenführen.

Eine gute Schule ist für Sie also dadurch gut, dass ...

…dass Lehrer die Schüler als Individuen begreifen, und dass sich die Lehrer selbst nicht mehr als Einzelne begreifen, sondern als Teil einer Gruppe.

Was wäre Ihr dringendster Wunsch für gute Schulen in Deutschland?

Mein Wunsch ist, dass sich endlich in der zweiten Phase der Gymnasiallehrerausbildung etwas ändert. Noch immer werden Referendare zu Einzelkämpfern ausgebildet. Der Anspruch an ihre Fachlichkeit ist überhöht. Der Einzelne wird dabei isoliert. Eine gemeinsame Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Unterricht findet nicht statt. Teamfähigkeit wird nicht gelernt, weil man sie gar nicht fordert.

Wie könnte man der Teamarbeit denn im Referendariat einen Schub geben?

Mit dem ersten Staatsexamen sollte eine individuelle, fachliche Prüfung abgelegt werden. Das zweite Staatsexamen hingegen würde in der Gruppe abgelegt. Referendare sollten in Gruppen arbeiten und auch in Gruppen benotet werden.

Ein neuer Zwang?

Eher ein längst überfälliger Anspruch an eine modernere Lehrerrolle. Unsere jungen Kolleginnen und Kollegen wären in der Tat „gezwungen“ sich von der individualisierten Fachlichkeit auf ein realitätsnahes Berufsverständnis einzulassen, das vom Team geprägt ist. Das wäre eigentlich ganz einfach. Dann würde viel an Deutschlands Schulen passieren.
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