Reinhard Kahl im Gespräch mit dem Konfliktforscher Andreas Zick Drucken

Der unheilvolle Wunsch nach Eindeutigkeit




Was bringt junge Menschen hierzulande dazu sich einer islamistischen Terrorgruppe oder rechtsradikalen Horden anzuschließen? Darüber forscht der Gewaltforscher Andreas Zick. Er leitet an der Universität Bielefeld das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) und gilt in Deutschland als einer der profiliertesten Konfliktforscher.

Am 19. November 2015 sprach Reinhard Kahl mit ihm im Rahmen der Bildungsgespräche in der AUTOSTADT (Wolfsburg).

Was können wir tun um unsere Werte nicht nur zu verteidigen, sondern überzeugend zu leben? Reicht „Verführung“ als Erklärung aus? Oder ist es ein Mangel an Lebenssinn und die Sucht nach Eindeutigkeit? Wie könnten in Schulen der Umgang mit Verschiedenheit, das Austragen von Widersprüchen und das Ertragen von Ambivalenz Gegengifte bilden?


Aus dem Gespräch mit Professor Andreas Zick:

Was ist so anziehend an den radikalen Gruppen?


Es lockt sie eine "perfekte Welt". Diese Radikalisierung ist schleichend. Jugendliche lockt, dass sie in extremistischen Gruppen Antworten auf Sinnfragen bekommen. Wir haben in Deutschland relativ wenige bekannte Fälle, aber wenn man sich diese anguckt, sind es suchende Jugendliche, die nach ihrer Identität fragen, die fundamentale Lebensfragen stellen. Sie bekommen in den extremistischen Gruppen Antworten und werden dort hineingezogen. Man radikalisiert sich nicht bewusst und automatisch. Am Ende wird eine "perfekte Welt" angeboten, die alles hat: Kultur, Popkultur, Videos, die Möglichkeit sich selbst darzustellen, wie es sonst nicht möglich ist. Alles, was die sozialen Bedürfnisse ausmacht, wird in den Gruppen befriedigt - das ist die große Gefahr.


Das Versprechen einer perfekten Welt, die Verherrlichung von Gewalt, die große Selbstinszenierung, das alles kennen wir doch eigentlich gut aus dem Alltag und aus Medien.


Wir leben in einer Welt, in der Radikalität attraktiv ist. Wir leben in einem Land, in dem wir über 500 Anschläge auf Asylunterkünfte haben. Wir haben Gewalt in der Welt. Gewalt wird bei der Radikalisierung zunächst als eine Erlebniswelt von den Jugendlichen wahrgenommen. Man kommuniziert Gewalt, man ist umgeben von Gewalt. Wir haben in Paris sehen müssen, dass einige der jungen Männer eine Mordlust hatten.
Diese Gewalt wird nicht so erlebt, wie wir sie erleben, sondern als ein Erlebnis inszeniert. Aber wir müssen auch in die Gesellschaft schauen: Wir haben extrem viel Gewalt und Jugendliche, die in den IS abrutschen, erzählen, dass irgendwann die Gewalt als etwas beurteilt wird, was sie hinausbringt und was durch en Extremismus legitimiert wird.


Aus einem Interview mit Andreas Zick in der Zeitschrift „Psychologie heute“ (2 ´2015, Interview Manuela Lenzen)


Die Propagandamaschinerie des IS spricht junge Muslime an und versorgt sie mit Informationen, die ihnen zeigen sollen, dass sie als minderwertig behandelt werden: „Für die bist du und ist der Islam der letzte Dreck.“ Man gibt ihnen den Opferstatus, sagt ihnen, sie seien ohnmächtig, ein Nichts. Dann zeigt man ihnen einen Ausweg: Wir bieten dir Stärke, Macht und eine Gemeinschaft. Das ist bei allen extremistischen Gruppen so, bei Rockergangs wie bei der Mafia: Zuerst drückt man das Selbstwertgefühl, dann bläst man es über die Maßen auf. Die Frage ist nun, warum die Radikalität so attraktiv ist. Aus einem massiven Verlust an Werten und Normen resultiert Orientierungslosigkeit. Und in der Orientierungslosigkeit fallen die Menschen auf so etwas Rückwärtsgewandtes wie das Kalifat zurück. Das müssen wir uns als Gesellschaft klarmachen: Wenn wir zu Gewalt neigende Jugendliche haben, die sich aus der Normgesellschaft einer extremistischen Gruppe zuwenden, dann stimmt etwas in der Gesellschaft nicht, dann hatte die Gesellschaft für diese Jugendlichen offenbar kein Angebot. Es liegt nicht daran, dass das alles Soziopathen sind. Wir müssen die Bindefähigkeit unserer Institutionen im Blick haben. Es klingt vielleicht seltsam, aber wir müssen sehen, dass Radikalisierung auch ein Bildungsprozess ist. Man kann sagen, dass hochradikalisierte Jugendliche eine Bildung durchmachen, die sie woanders nicht bekommen. Sie interessieren sich für Religion, den Sinn des Lebens, die Bedeutung von Werten und Normen, sie sind auf der Suche nach einer sozialen Identität, die sie einbindet. Von den radikalen Gruppen bekommen sie Antworten – in Form einer gut organisierten Propaganda. Jugendliche stellen Sinnfragen, und die Gesellschaft muss ihnen Identitätsangebote machen. Angebote, keine Vorschriften. Heute löst sich die Phase der Jugend immer stärker auf. Und das ist uns als Gesellschaft egal, weil wir, wenn wir ehrlich sind, gar keine Jugend mehr wollen. Am besten sollen die Kinder mit 12, 13 Jahren schon vollkommen autonom zurechtkommen. Mit 16 sollen sie wählen, mit 17 sitzen sie in der Universität oder schließen ihre Bildung ab. Das Allerwichtigste, was ein Kind in unserem Land tun soll, ist, sich im Bildungswettbewerb durchzusetzen. Jeden Morgen aufstehen nach dem Motto: Mach deinen Weg und mach ihn allein. Und wir reden über Jugend, als sei sie vor allem ein Problem. Viele Jugendliche nehmen sich als überflüssig wahr, weil es für sie keine Arbeit gibt.


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