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Reformpädagogik und Missbrauch – oder Missbrauch der Reformpädagogik? Drucken

Liebe Mitglieder und Freunde des Archiv der Zukunft-Netzwerks,

nach den Berichten über Missbrauch in Internaten und Klöstern erschüttern uns Berichte über die Odenwaldschule, die in die Zeit des Schulleiters Gerold Becker fallen. So schier unglaublich, aber inzwischen doch belegt die Taten sind, so unerträglich ist Beckers Schweigen. Die Stellungnahme seines Lebensgefährten Hartmut von Hentig, in der er die Anschuldigungen ehemaliger Schülerinnen und Schüler zurückwies, verschlägt vielen von uns die Sprache. Aber Schweigen macht alles nur noch schlimmer. Wir müssen für das, was geschehen ist, und für dessen Verleugnung Worte finden.


Wir erwarten die Aufklärung der Vorgänge.

Zu dieser Aufklärung gehört auch die Klärung der Bedingungen, unter denen Vertuschen, Bagatellisieren und Verstummen möglich waren.

Die Würde jedes Kindes und Jugendlichen gehört zum Kern der Pädagogik, die wir meinen.  Sexuelle Übergriffe von Erwachsenen auf Abhängige zerstören deren Immunität. Jede Andeutung von pädagogischem Eros ist in diesem Kontext ein Hohn. Sexuelle Handlungen sind in dieser Beziehung ein Tabu.

Aber wir müssen uns gegen Verdächtigungen wehren, die Reformpädagogik sei der Anfang vom Missbrauch. Zugleich müssen wir fragen, was heute Reformpädagogik ist. Viele werden in diesen Tagen mit Traditionen bekannt, von denen sie nichts wussten. Es gibt blinde Flecken. Vielleicht gibt es auch Probleme im mentalen Betriebssystem? Trüben Erlösungswünsche den Blick?  Wann sind Idealisierungen nur eine Variante davon, nicht genau hin zu sehen?

Die Anerkennung der Würde von Kindern und jungen Menschen und neue Lernformen, an denen im Netzwerk „Archiv der Zukunft“ gearbeitet wird, bedingen sich. Die große Anzahl engagierter Schul- und Bildungsprojekte in unserem Netzwerk, die auf Respekt gegenüber den Kindern und Jugendlichen beruhen, wird dennoch von diesen Vorfällen überschattet. Wir sollten unsere Ideen und vor allem den Umgang mit Kindern und Jugendlichen noch mehr zum Thema unserer Reflexionen machen. Kurz: Wir wollen kritisch und selbstkritisch über die zuweilen hehren Ansprüche unserer eigenen pädagogischen Praxis nachdenken. Unser Programmsatz „Intelligenz der pädagogischen Praxis“ ist häufig noch einzulösen, er ist jedenfalls immer wieder zu überprüfen.

Wir wollen an dieser Stelle eine Debatte beginnen.

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Wir werden auf unserem Kongress „Arche Nova – Die Bildung kultivieren!“ im Festspielhaus in Bregenz vom 24. bis 26. (27.) September 2010 auch die Herkunft mancher Ideen zum Thema machen.



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