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Pubertät als Abschied von der Kindheit Drucken

Abschied von unserer Kindheit müssen wir alle nehmen. Das Wie aber kann – individuell und kulturell – sehr unterschiedlich ausfallen: mit dem Akzent auf Zukunft, Aufbruch, „Schau nicht zurück“ oder mit dem Akzent auf Vergangenheit im Sinn von „Schön war die Zeit“.

In unserer Kultur gibt es im Zusammenhang von Pubertät nur noch wenig Ahnung vom zweiten „Wie“, von einem Respekt vor der Kindheit als einem schützenswerten Erfahrungsraum. Der Übergang, den die Pubertät markiert, erhält seine Bedeutung ganz und gar vom Ziel her, das Körper und Geist jetzt  anstreben: Erwachsenwerden. Dabei ist der junge Mensch zu Beginn der Pubertät auch noch ein Kind, das oft froh ist, wenn es die mit der Sexualisierung seiner Persönlichkeit verbundenen Probleme mal vergessen kann. Pubertät also könnte auch verstanden werden als: Ausklang der Kinderzeit.

Die Kindheit ist kurz. Es wäre besser, wenn sie länger sein dürfte. Sie ist deshalb so wertvoll, weil während ihrer späten Phase, der sog. Latenz, das erotische Programm der Menschwerdung zurücktritt und das Mädchen oder der Junge sich unbekümmert um die Zumutungen des Triebes seiner Neugier auf die Welt überlassen kann. Kommt mit bzw. nach der Pubertät der Sex über die Jugendlichen, haben sie schlagartig andere Sorgen. Und die bleiben ihnen dann ein Leben lang erhalten.

Die Phase der noch nicht vom erotischen Interesse überlagerten Lebensfreude und des Wissensdurstes kehrt nie wieder. Sie künstlich zu verkürzen – und das geschieht durch all die Anreize unserer erfindungsreichen Konsumkultur und die Inszenierungen des Abschieds als Kampf um Sexyness – ist ein Betrug an den jungen Menschen, der die Ursache vieler ihrer quälenden Probleme und Konflikte ausmacht.

Es ist dabei interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die schwierigen Jahre zwischen zwölf und sechzehn bei Jungen und Mädchen ausfallen. Wenn man genau hinschaut, entdeckt man höchst konservative Verlaufsmuster: Bei den Jungen geht es in erster Linie um Selbstbehauptung, und der soziale Kontext, in dem sich diese Prüfungen abspielen, sind andere Jungen. Bei den Mädchen geht es um erotische Reifung, um die Rolle, die sie im Leben ihrer Männer einmal spielen werden. Der soziale Kontext müssten eigentlich die Jungen sein. Aber die sind nicht da, sie spielen Fußball, d.h. sie erproben ihren Kampfesmut mit ihresgleichen. So tanzen denn die Mädchen miteinander.  Ihre Pubertät ist, so gesehen, eine Zeit der unerfüllten Sehnsucht. Allerdings ändert sich manches. Zum Beispiel: Auch Mädchen spielen heutzutage Fußball und das auch noch ziemlich gut.

Literatur:

Barbara Sichtermann: Pubertät. Not und Versprechen   Beltz-Verlg  2007
GEO Wissen Heft 41: Pubertät  2008



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