Archiv Forum Forum Akteure Akteure RSS
Playing Arts - Prozesse der Gestaltung Drucken

dsc_0009Von Christoph Riemer und Benedikt Sturzenhecker

Playing Arts ist ein ästhetisches Selbstbildungsprojekt, das Kreativität und Leben durch Spiel verbindet. Es ist ein Netzwerk verschiedener Menschen, unterschiedlicher Berufe bzw. Lebenstätigkeiten, die in ihrer jeweiligen Situation Playing Arts Projekte machen, sich gegenseitig ermuntern und ermutigen, und das Entstandene  – egal ob gelungen oder gescheitert – miteinander zu teilen und weiter zu entwickeln.

Dieses Feld entstand im Programmbereichbereich Kulturelle Bildung des Burckhardthauses in Gelnhausen, des zentralen evangelischen Fort- und Weiterbildungs- Instituts für Jugend-, Kultur-  und Sozialarbeit aus der langjährigen Arbeits des künstlerischen Leiters des Bereiches Christoph Riemer. Inzwischen haben hunderte von Beteiligten an Playing Arts Veranstaltungen teilgenommen, sie selbst veranstaltet und eigene ästhetisch-spielende Projekte durchgeführt (siehe das Projektarchiv auf der website www.playing-arts.de).

dsc_0142Playing Arts beginnt mit ästhetisch-gestalterischen Produkt(ion)en, und versteht diese als Einstieg oder Element einer Ausweitung einer ästhetisch-gestalterischen Haltung auf den gesamten individuellen und sozialen Lebensprozess. Dies kann als „Lebenskunst“ verstanden werden. Playing Arts erzeugt ein „Impulsfeld“, in dem sich die Individuen, auch in Bezug aufeinander in Gruppen (ästhetisch) entfalten können. Es gibt keine pädagogischen, geschmacklichen, inhaltlichen oder technischen Vorgaben.  Es gilt das, was die Personen und Gruppen beschäftigt und welche Themen sie im eigenen Interesse selbstorganisiert umsetzen wollen. Es wird ein Rahmen geschaffen, der organisatorisch strukturell eine solche Handlungsmöglichkeit eröffnet und Bezug untereinander und gegenseitige Unterstützung ermöglicht.

Playing Arts zeichnet sich durch die vielfältige Praxis der Projekte aus. Diese Spielvorhaben sind vor allem von eigenem Interesse, von der Lust, etwas Neues zu riskieren, gekennzeichnet. Um eine stimmige Idee – wir nennen das die eigene Spur – zu finden, gibt es anregende Impulsfelder aus aktuellen Kunst- und Kulturprojekten die Lust auf ein eigenes schöpferisches Handeln machen. Wie beim Kochen, probiert man/frau eine Idee, Zutaten, eine Geschmacksrichtung, ein „Rezept“ aus, die sich nach den eigenen Möglichkeiten zu dem wandeln, was dem jeweiligen Menschen möglich ist. Daraus findet sich meist eine eigene Spur, die „heiß“ ist, die eine „erotische Faszination“ ausübt, die eine Eigendynamik entwickelt. Getragen vom eigenen Vergnügen, vom Wollen und Können, von der Leidenschaft, sich im Dialog mit anderen neue Möglichkeiten zu probieren, führt zu einem Engagement – das für Playing Arts kennzeichnend ist. Andere Dinge treten zurück, die Alltagsgewohnheiten werden durch die inneren Notwendigkeiten des Vorhabens verändert.

dsc_0044Playing Arts und Zeitgenössische Kunst

Playing Arts nimmt ja schon in seiner Selbstbezeichnung Bezug auf die Künste. Der Begriff Playing Arts könnte übersetzt werden als „das Spiel der Kunst und die Kunst des Spiels“. Obschon die zeitgenössischen Künste ein wichtiges Impulsfeld für Playing Arts darstellen, geht es hierin doch nicht darum, Teilnehmende zu „Künstlern“ zu machen.

Kunst selber will Impulse für die Rezipienten und deren Leben geben und diese werden in Playing ArtsProzessen bewusst aufgenommen. Das geschieht über die vielen Themen und Medien und Arbeitsweisen, die in den Künsten aufgegriffen und genutzt werden. Wichtig sind Grundhaltungen zeitgenössischer Kunst, die auch Strategien von Playing Artist anstoßen. So zeigt zeitgenössische Kunst eine radikal wagende und riskante Bereitschaft zum Ausdruck von (auch schwierigen) Inhalten und deren Fassung in präzisen und kommunikativen Formen. Kunst geht Wagnisse ein im Aufgreifen von Themen und in deren Präsentation, die mit einer präzisierten Formsprache (aber gelegentlich durchaus extremen Mitteln) versucht, Betrachter zu erreichen. Damit ist zumindest auch in Teilen der Künste eine öffentliche Selbstthematisierung, Selbstbefragung und Selbstentwicklung des Subjektes verbunden. Solche Haltungen sind Ermutigungen für Playing Artists, auch ihren Ausdruck zu wagen und ihm die persönlich angemessene Form zu geben. Zeitgenössische Kunst gibt in diesem Sinne die „Erlaubnis“, sich radikal mit eigenem Blick mit Themen (der Person und der Gesellschaft, Welt) auseinanderzusetzen und sie auch öffentlich zu präsentieren. Kunstprodukte fordern aber auch immer wieder auf, solche Aussagen präzise zu formen, ihnen eine der Aussage angemessene „gute Gestalt“ zu geben. Künstlerische Produktionen stellen insofern Qualitätsansprüche an den individuellen Ausdruck auch von Playing Artist. Kunst ermutigt, mit seinen eigenen Positionen Kommunikation zu suchen, das Eigene zu zeigen, in die Öffentlichkeit zu gehen und einen Austausch mit anderen zu wagen. In diesem Austausch wird das Eigene geteilt und gerät in einen Weiterentwicklungsprozess.

dsc_0028Playing Arts und Bildung

Playing Arts (PA) nimmt für sich das für das Spiel charakteristische „Moment der Freiheit“ (Scheuerl) in Anspruch, das von äusserlich gesetzten  Zwängen und Zwecken entbindet. Innere Zwecke, die aus der Selbstbestimmung der Person gesetzt werden, können in Playing Arts ideal umgesetzt werden. Playing Arts-Projekte können die Selbstentwicklung, das Selbstverstehen, den Selbstversuch des Subjektes in Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt voranbringen. Es geht in PA um alle Sinnes- und Erfahrungsweisen, alle Themen und Bereiche des Lebens. Damit ermöglicht PA eine Bildung, die nicht funktionalisiert, sondern selbsttätige Aneignung von Selbst und Welt in ihrem Zusammenhang eröffnet. PA schafft so Alternativen zu einer verzweckten (schulischen) Bildung und zu einer Pädagogisierung von Kreativität und ästhetischem Selbstausdruck, die sonst oft „Maßnahmen kultureller Bildung“ kennzeichnet.

Solche Playing Arts Selbstbildungs-Prozesse sind nicht nur in ihrem Ergebnis offen – sie sind auch gekennzeichnet durch „Höhen und Tiefen“, die nicht einfach „leicht“ sind (wie Spiel und kreativer Ausdruck häufig missverstanden werden), sondern existentiell und an der Grenze des Möglichen und des allgemein Akzeptierten liegen. „Darf ich das?“, „Bin ich verrückt wenn ich das tue?“, sind häufige Fragestellungen, wenn Beteiliget versuchen das Eigene zu entwickeln. Die Vorhaben sind zu Ende, wenn die Beteiligten es für sich und andere zu einem gewissen Punkt gebracht haben, den sie selbst bestimmen.

Ist die Erfahrung „vom Spiel ergriffen zu sein“ mit einem Praxisprojekt gemacht worden, verändert sich vieles bei den Beteiligten/InitiatorInnen. Die Erfahrung der ungeahnten eigenen und gemeinsamen Möglichkeiten stärkt das Bewusstsein und das Selbstwertgefühl. Die Beteiligten trauen sich mit ihrem Eigensinn, mit ungewohntem sich in ihrem Gegenüber zu ihrem eigenen und darüber hinaus befindlichen gesellschaftlichen Umfeld zu stellen. Sie merken „wo ihr Herz schlägt“ – was sie können, bzw. lernen können, wenn sie ihrer „erotischen Spur“ folgen. Welche ungeahnten Möglichkeiten in ihnen und anderen stecken. Die Konventionen des Gewohnten und Erwarteten kommen in Bewegung, geraten ins Spiel und werden unwichtiger. Häufig ändert sich nicht nur die Lebenssituation, sondern die gesamte Lebenshaltung. Und wenn sie dort  nicht immer wieder mal Spiel „ereignet“, wird man/frau „so kalt“ (wie eine Beteiligte neulich formulierte). Playing Arts Vorhaben zu verwirklichen ist zutiefst befriedigend – andere Scheinbefriedigungen werden unwichtig (wie Konsum, seichte TV-Unterhaltung, Smalltalk in Gesellschaften etc.) An diese Stelle tritt das Spiel der eigenen Lebensbewegung und deren gesellschaftlichen Verknüpfungen. Häufig ändert sich die ungeliebte Berufstätigkeit, je mehr man/frau sich für das Engagement der „eigenen Spur“ entscheidet, findet sich eine stimmige Form von Lebenstätigkeiten, die „Sinn“ nicht mehr nur in Erwerbstätigkeit und Konsum findet. Wie von selbst eignen sich Playing Artists zunehmend Kompetenzen an, wie den Umgang mit neuen Medien, mit Beschaffung von Mitteln, Präsentationsformen, Vernetzungen usw. Und diese Haltung wirkt sich auf andere positiv aus – statt Lebens als „gebremster Schaum“ wird zunehmend ein Leben voll Energie, Lust und Engagement entwickelt.

haus_04Playing Arts und Assoziation des Differenten

Da Playing Arts dem Prinzip der Selbstbestimmung folgt, gibt es entsprechend sehr unterschiedliche Projekte und Arbeitsweisen von Individuen und Gruppen. Neben der großen Breite der bearbeiteten Themen werden vielerlei Arbeitsweisen verwendet, wie z. B. elektronische Medien (Video, Digitalfotografie, Internet), Malerei, Skulptur, Performance, Literatur, Theater, Tanz, Collage, soziale Aktionen, Textilkunst usw. Zusätzlich arbeiten die Personen und Gruppen unter unterschiedlichen Bedingungen und mit unterschiedlicher Intensität. Es entsteht ein – in der gesamten Gesellschaft bestehende -  Problem: wenn eine hohe „Individualisierung und Pluralisierung“ existiert, dann wird der unterstützende, solidarische Bezug aufeinander schwieriger. Wie lässt sich dann noch eine gemeinsame Plattform der Differenten, eine Solidaritätserfahrung herstellen? Wie können die Differenten Vereinzelung vermeiden und  sich assoziieren?

Playing Arts schafft für diesen Zweck verschiedene Assoziations-Formen, z. B. gemeinsame Arbeitstreffen, Symposien, die Verleihung des Playing Art Award, in dem die Beteiligten über die Gewinner entscheiden, ein Newsletter, Bücher und Aufsätze, in denen die eigenen Positionen beschrieben werden, CD-ROM’s, die Projekte präsentieren, eine Website und Diskussionsforen, öffentliche Ausstellung und Präsentationen von Ergebnissen.

Auf dem Playing Arts Symposion, werden nicht nur die Spielvorhaben vorgestellt, debattiert und weiterentwickelt – es gibt auch den Playing Art Award. In den Kategorien: das eigene Spiel, das Spiel mit anderen und das grandios riskierte Spiel werden regionale Vorhaben eingereicht. Die Nominierten bilden selbst die Jury – entwickeln Qualitätsmerkmale und bestimmen die Gewinnerprojekte unter sich .Die Playing Arts website ist außerdem ein wichtiges Medium der Vernetzung, um anzuknüpfen, anzuregen, sich auszutauschen und mehr. Ateliers, Langzeitgruppen, Mentorentrainings, thematische Workshops finden zentral im Burckhardthaus in Gelnhausen, aber auch regional und im Ausland statt. In Playing Arts wird besonders darauf geachtet, dass diese Veranstaltungen nicht zu stark eine Einheitsidentität herstellen. Die Gemeinsamkeit entsteht vor allen Dingen durch den diskursiven Bezug aufeinander, durch ein gegenseitiges Zumuten und Zulassen von Differenz, durch eine unterstützende, aber auch klärende und herausfordernde Debatte.



Technische Umsetzung und Joomla-Support von 2st-online.de