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Von Christoph Riemer und Benedikt Sturzenhecker
Playing Arts ist ein ästhetisches Selbstbildungsprojekt, das Kreativität und Leben durch Spiel verbindet. Es ist ein Netzwerk verschiedener Menschen, unterschiedlicher Berufe bzw. Lebenstätigkeiten, die in ihrer jeweiligen Situation Playing Arts Projekte machen, sich gegenseitig ermuntern und ermutigen, und das Entstandene – egal ob gelungen oder gescheitert – miteinander zu teilen und weiter zu entwickeln.
Dieses Feld entstand im Programmbereichbereich Kulturelle Bildung des
Burckhardthauses in Gelnhausen, des zentralen evangelischen Fort- und
Weiterbildungs- Instituts für Jugend-, Kultur- und Sozialarbeit aus
der langjährigen Arbeits des künstlerischen Leiters des Bereiches
Christoph Riemer. Inzwischen haben hunderte von Beteiligten an Playing
Arts Veranstaltungen teilgenommen, sie selbst veranstaltet und eigene
ästhetisch-spielende Projekte durchgeführt (siehe das Projektarchiv auf
der website www.playing-arts.de).
Playing Arts beginnt mit ästhetisch-gestalterischen Produkt(ion)en, und
versteht diese als Einstieg oder Element einer Ausweitung einer
ästhetisch-gestalterischen Haltung auf den gesamten individuellen und
sozialen Lebensprozess. Dies kann als „Lebenskunst“ verstanden werden.
Playing Arts erzeugt ein „Impulsfeld“, in dem sich die Individuen, auch
in Bezug aufeinander in Gruppen (ästhetisch) entfalten können. Es gibt
keine pädagogischen, geschmacklichen, inhaltlichen oder technischen
Vorgaben. Es gilt das, was die Personen und Gruppen beschäftigt und
welche Themen sie im eigenen Interesse selbstorganisiert umsetzen
wollen. Es wird ein Rahmen geschaffen, der organisatorisch strukturell
eine solche Handlungsmöglichkeit eröffnet und Bezug untereinander und
gegenseitige Unterstützung ermöglicht.
Playing Arts zeichnet sich durch die vielfältige Praxis der Projekte
aus. Diese Spielvorhaben sind vor allem von eigenem Interesse, von der
Lust, etwas Neues zu riskieren, gekennzeichnet. Um eine stimmige Idee –
wir nennen das die eigene Spur – zu finden, gibt es anregende
Impulsfelder aus aktuellen Kunst- und Kulturprojekten die Lust auf ein
eigenes schöpferisches Handeln machen. Wie beim Kochen, probiert
man/frau eine Idee, Zutaten, eine Geschmacksrichtung, ein „Rezept“ aus,
die sich nach den eigenen Möglichkeiten zu dem wandeln, was dem
jeweiligen Menschen möglich ist. Daraus findet sich meist eine eigene
Spur, die „heiß“ ist, die eine „erotische Faszination“ ausübt, die eine
Eigendynamik entwickelt. Getragen vom eigenen Vergnügen, vom Wollen und
Können, von der Leidenschaft, sich im Dialog mit anderen neue
Möglichkeiten zu probieren, führt zu einem Engagement – das für Playing
Arts kennzeichnend ist. Andere Dinge treten zurück, die
Alltagsgewohnheiten werden durch die inneren Notwendigkeiten des
Vorhabens verändert.
Playing Arts und Zeitgenössische Kunst
Playing Arts nimmt ja schon in seiner Selbstbezeichnung Bezug auf die
Künste. Der Begriff Playing Arts könnte übersetzt werden als „das Spiel
der Kunst und die Kunst des Spiels“. Obschon die zeitgenössischen
Künste ein wichtiges Impulsfeld für Playing Arts darstellen, geht es
hierin doch nicht darum, Teilnehmende zu „Künstlern“ zu machen.
Kunst selber will Impulse für die Rezipienten und deren Leben geben
und diese werden in Playing ArtsProzessen bewusst aufgenommen. Das
geschieht über die vielen Themen und Medien und Arbeitsweisen, die in
den Künsten aufgegriffen und genutzt werden. Wichtig sind
Grundhaltungen zeitgenössischer Kunst, die auch Strategien von Playing
Artist anstoßen. So zeigt zeitgenössische Kunst eine radikal wagende
und riskante Bereitschaft zum Ausdruck von (auch schwierigen) Inhalten
und deren Fassung in präzisen und kommunikativen Formen. Kunst geht
Wagnisse ein im Aufgreifen von Themen und in deren Präsentation, die
mit einer präzisierten Formsprache (aber gelegentlich durchaus extremen
Mitteln) versucht, Betrachter zu erreichen. Damit ist zumindest auch in
Teilen der Künste eine öffentliche Selbstthematisierung,
Selbstbefragung und Selbstentwicklung des Subjektes verbunden. Solche
Haltungen sind Ermutigungen für Playing Artists, auch ihren Ausdruck zu
wagen und ihm die persönlich angemessene Form zu geben. Zeitgenössische
Kunst gibt in diesem Sinne die „Erlaubnis“, sich radikal mit eigenem
Blick mit Themen (der Person und der Gesellschaft, Welt)
auseinanderzusetzen und sie auch öffentlich zu präsentieren.
Kunstprodukte fordern aber auch immer wieder auf, solche Aussagen
präzise zu formen, ihnen eine der Aussage angemessene „gute Gestalt“ zu
geben. Künstlerische Produktionen stellen insofern Qualitätsansprüche
an den individuellen Ausdruck auch von Playing Artist. Kunst ermutigt,
mit seinen eigenen Positionen Kommunikation zu suchen, das Eigene zu
zeigen, in die Öffentlichkeit zu gehen und einen Austausch mit anderen
zu wagen. In diesem Austausch wird das Eigene geteilt und gerät in
einen Weiterentwicklungsprozess.
Playing Arts und Bildung
Playing Arts (PA) nimmt für sich das für das Spiel charakteristische
„Moment der Freiheit“ (Scheuerl) in Anspruch, das von äusserlich
gesetzten Zwängen und Zwecken entbindet. Innere Zwecke, die aus der
Selbstbestimmung der Person gesetzt werden, können in Playing Arts
ideal umgesetzt werden. Playing Arts-Projekte können die
Selbstentwicklung, das Selbstverstehen, den Selbstversuch des Subjektes
in Auseinandersetzung mit sich selbst und der Welt voranbringen. Es
geht in PA um alle Sinnes- und Erfahrungsweisen, alle Themen und
Bereiche des Lebens. Damit ermöglicht PA eine Bildung, die nicht
funktionalisiert, sondern selbsttätige Aneignung von Selbst und Welt in
ihrem Zusammenhang eröffnet. PA schafft so Alternativen zu einer
verzweckten (schulischen) Bildung und zu einer Pädagogisierung von
Kreativität und ästhetischem Selbstausdruck, die sonst oft „Maßnahmen
kultureller Bildung“ kennzeichnet.
Solche Playing Arts Selbstbildungs-Prozesse sind nicht nur in ihrem
Ergebnis offen – sie sind auch gekennzeichnet durch „Höhen und Tiefen“,
die nicht einfach „leicht“ sind (wie Spiel und kreativer Ausdruck
häufig missverstanden werden), sondern existentiell und an der Grenze
des Möglichen und des allgemein Akzeptierten liegen. „Darf ich das?“,
„Bin ich verrückt wenn ich das tue?“, sind häufige Fragestellungen,
wenn Beteiliget versuchen das Eigene zu entwickeln. Die Vorhaben sind
zu Ende, wenn die Beteiligten es für sich und andere zu einem gewissen
Punkt gebracht haben, den sie selbst bestimmen.
Ist die Erfahrung „vom Spiel ergriffen zu sein“ mit einem Praxisprojekt
gemacht worden, verändert sich vieles bei den
Beteiligten/InitiatorInnen. Die Erfahrung der ungeahnten eigenen und
gemeinsamen Möglichkeiten stärkt das Bewusstsein und das
Selbstwertgefühl. Die Beteiligten trauen sich mit ihrem Eigensinn, mit
ungewohntem sich in ihrem Gegenüber zu ihrem eigenen und darüber hinaus
befindlichen gesellschaftlichen Umfeld zu stellen. Sie merken „wo ihr
Herz schlägt“ – was sie können, bzw. lernen können, wenn sie ihrer
„erotischen Spur“ folgen. Welche ungeahnten Möglichkeiten in ihnen und
anderen stecken. Die Konventionen des Gewohnten und Erwarteten kommen
in Bewegung, geraten ins Spiel und werden unwichtiger. Häufig ändert
sich nicht nur die Lebenssituation, sondern die gesamte Lebenshaltung.
Und wenn sie dort nicht immer wieder mal Spiel „ereignet“, wird
man/frau „so kalt“ (wie eine Beteiligte neulich formulierte). Playing
Arts Vorhaben zu verwirklichen ist zutiefst befriedigend – andere
Scheinbefriedigungen werden unwichtig (wie Konsum, seichte
TV-Unterhaltung, Smalltalk in Gesellschaften etc.) An diese Stelle
tritt das Spiel der eigenen Lebensbewegung und deren gesellschaftlichen
Verknüpfungen. Häufig ändert sich die ungeliebte Berufstätigkeit, je
mehr man/frau sich für das Engagement der „eigenen Spur“ entscheidet,
findet sich eine stimmige Form von Lebenstätigkeiten, die „Sinn“ nicht
mehr nur in Erwerbstätigkeit und Konsum findet. Wie von selbst eignen
sich Playing Artists zunehmend Kompetenzen an, wie den Umgang mit neuen
Medien, mit Beschaffung von Mitteln, Präsentationsformen, Vernetzungen
usw. Und diese Haltung wirkt sich auf andere positiv aus – statt Lebens
als „gebremster Schaum“ wird zunehmend ein Leben voll Energie, Lust und
Engagement entwickelt.
Playing Arts und Assoziation des Differenten
Da Playing Arts dem Prinzip der Selbstbestimmung folgt, gibt es
entsprechend sehr unterschiedliche Projekte und Arbeitsweisen von
Individuen und Gruppen. Neben der großen Breite der bearbeiteten Themen
werden vielerlei Arbeitsweisen verwendet, wie z. B. elektronische
Medien (Video, Digitalfotografie, Internet), Malerei, Skulptur,
Performance, Literatur, Theater, Tanz, Collage, soziale Aktionen,
Textilkunst usw. Zusätzlich arbeiten die Personen und Gruppen unter
unterschiedlichen Bedingungen und mit unterschiedlicher Intensität. Es
entsteht ein – in der gesamten Gesellschaft bestehende - Problem: wenn
eine hohe „Individualisierung und Pluralisierung“ existiert, dann wird
der unterstützende, solidarische Bezug aufeinander schwieriger. Wie
lässt sich dann noch eine gemeinsame Plattform der Differenten, eine
Solidaritätserfahrung herstellen? Wie können die Differenten
Vereinzelung vermeiden und sich assoziieren?
Playing Arts schafft für diesen Zweck verschiedene
Assoziations-Formen, z. B. gemeinsame Arbeitstreffen, Symposien, die
Verleihung des Playing Art Award, in dem die Beteiligten über die
Gewinner entscheiden, ein Newsletter, Bücher und Aufsätze, in denen die
eigenen Positionen beschrieben werden, CD-ROM’s, die Projekte
präsentieren, eine Website und Diskussionsforen, öffentliche
Ausstellung und Präsentationen von Ergebnissen.
Auf dem Playing Arts Symposion, werden nicht nur die Spielvorhaben
vorgestellt, debattiert und weiterentwickelt – es gibt auch den Playing
Art Award. In den Kategorien: das eigene Spiel, das Spiel mit anderen
und das grandios riskierte Spiel werden regionale Vorhaben eingereicht.
Die Nominierten bilden selbst die Jury – entwickeln Qualitätsmerkmale
und bestimmen die Gewinnerprojekte unter sich .Die Playing Arts website
ist außerdem ein wichtiges Medium der Vernetzung, um anzuknüpfen,
anzuregen, sich auszutauschen und mehr. Ateliers, Langzeitgruppen,
Mentorentrainings, thematische Workshops finden zentral im
Burckhardthaus in Gelnhausen, aber auch regional und im Ausland statt.
In Playing Arts wird besonders darauf geachtet, dass diese
Veranstaltungen nicht zu stark eine Einheitsidentität herstellen. Die
Gemeinsamkeit entsteht vor allen Dingen durch den diskursiven Bezug
aufeinander, durch ein gegenseitiges Zumuten und Zulassen von
Differenz, durch eine unterstützende, aber auch klärende und
herausfordernde Debatte.
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