Philosoph über kindliche Beharrlichkeit Drucken

"Eigensinn macht erfolgreich" ein Bericht aus der Taz

wehr_marcoDer Tänzer und Philosoph Marko Wehr hält beim Bregenzer Treibhäuser-Kongress ein Plädoyer für Beharrlichkeit. Denn Begabung allein mache noch lange nicht erfolgreich. Die Nase dient zum Trends erschnüffeln.

taz: Herr Wehr, wie passen Sie und Ihr Buch in den Bildungskongress "Treibhäuser & Co." von Reinhard Kahl?

Marko Wehr: Es wird viel darüber geschrieben, was Kinder von ihren Eltern lernen. In meinem Buch geht es aber darum, was Eltern von ihren Kindern lernen können. Das war auch mein Thema beim ersten Kongress - mein Bücherstand war am Ende ausverkauft.

taz: Welchen Auftritt planen Sie nun in Bregenz?

Marko Wehr: Mein Vortrag heißt "Kinder mit Stirn und Nase. Ein Plädoyer für Beharrlichkeit und Eigensinn". Eine Art Förderkonzept, bei dem die Eltern nicht unbedingt die Begabung an erste Stelle setzen. Seit 20 Jahren unterrichte ich junge Menschen. Und ich habe festgestellt, dass es ganz andere Kriterien sind, die jemanden letztendlich erfolgreich machen.

taz: Wie werden Menschen erfolgreich?

Marko Wehr: Wenn sie ihren persönlichen Wahnsinn kultivieren, Eigensinn haben und sich gegen Widerstände durchsetzen.

taz: Und was hat das mit der Stirn und der Nase auf sich?

Marko Wehr: Es ist ein Zitat von Albert Einstein, seine Antwort auf die Frage eines Journalisten, was die Grundlage seines Erfolgs gewesen sei: Die gute Nase, mit der er die Trends erschnüffelt, und die harte Stirn, diese Trends gegen den Widerstand der Kollegen durchzusetzen. Der Interviewer wunderte sich, was mit seiner außerordentlichen mathematischen Begabung sei. Einstein erwiderte, er würde sich selbst nur für einen mittelmäßigen Mathematiker halten. Man meint, dass einem Genie wie Einstein alles in den Schoß fallen würde. Es sind aber ganz andere Sachen, die hinter einem Erfolg stehen. Dennoch: Ohne Disziplin läuft da überhaupt nichts. Da muss man dicke Bretter bohren können.

taz: Und wie kamen Sie auf Reinhard Kahl?

Marko Wehr: Er hat mein Buch "Welche Farbe hat die Zeit" gelesen und mich dann zu einem Gespräch darüber in sein Philosophisches Café in Hamburg eingeladen.

taz: Wieso sollen Sie den Kongress bereichern?

Marko Wehr: Ich vereine zwei ganz unterschiedliche Aspekte: Als Philosoph und Tänzer stelle ich die Verbindung zwischen Kopf und Körper dar. Das hat Reinhard Kahl gefallen: Genau das soll man bei Kindern fördern. Überhaupt: Der Erfolg des Kongresses liegt nicht zuletzt am persönlichen Engagement von Reinhard Kahl, der nicht nur viel Energie investiert, sondern sich auch finanziell reinhängt, mit persönlichem Risiko. Im vergangen Jahr war schon eine richtige Aufbruchstimmung zu spüren. Sein Plan für den Bodensee ist einfach gigantisch.

INTERVIEW: JULIA WALKER

Drei Wochen bevor die Bundeskanzlerin hoch auf den Bildungsgipfel steigt, trifft sich unten am Bodensee die "Intelligenz der pädagogischen Praxis". Mehr als 1.300 Bildungsreformer und "Lernaufwiegler" werden vom 2. bis zum 5. Oktober zum zweiten Kongress "Treibhäuser & Co." in Bregenz erwartet.
Im Bregenzer Festspielhaus werden so eigenwillige Stimmen zu hören sein wie die des Tänzers und Philosophen Marco Wehr oder der Lehrerin Sabine Czerny, die in Bayern gemaßregelt wurde, weil sie zu viele Kinder auf die höhere Schule empfahl, oder die der Unternehmerin Bettina Würth aus Künzelsau, die viele Millionen Euro in die Errichtung einer freien Schule steckt, und auch die von Hartmut von Hentig, der dafür wirbt, den Schulbetrieb während der Pubertät auszusetzen. Zum Netzwerk "Archiv der Zukunft" gehören mehr als 1.000 Personen, Schulen und andere Institutionen.


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