Newsletter - Es gibt Neues Drucken

Newsletter vom 03.07.2012

newsletterLiebe Freunde und Mitglieder des Netzwerks Archiv der Zukunft!
Es gibt Neues. Auch Verschlepptes. Und Projekte sowieso.


Die Themen dieses Newsletters

Zunächst ein Querpass

Wie sähe eigentlich ein Fußballspiel aus, wenn es so laufen würde, wie das Lernen und die Schule nach der Meinung immer noch der meisten Menschen zu funktionieren hätten, nämlich  fehlerlos?

Anstoß an der Mittellinie. A gibt zu B, der weiter zu C und Tor. 1:0. Jetzt Anstoß der anderen Mannschaft. Von Z  zu Y, geflankt zu X und dann schießt W das brave Gegentor. 1:1. Und so weiter. Aber das ist alles hypothetisch. Denn kein Zuschauer wäre gekommen. Niemand hätte dieses tödlich langweilige Spiel freiwillig mitgemacht. Unter der Voraussetzung der Fehlerlosigkeit würde es gar keinen Fußball geben - und auch sonst nichts.

Tatsächlich gehen beim Fußball elegante Kombinationen selten über mehr als sechs oder sieben, vielleicht über zehn Stationen. Defensivartisten bringen es schon mal aufs Doppelte. Aber wenn eine Mannschaft den Ball nur hält, gibt es Pfiffe. Fußball heißt einfach, dass nach ein paar Spielzügen gewöhnlich etwas dazwischen kommt. Ein Fuß aus der gegnerischen Mannschaft oder ein eigener Fehler. So entstehen ständig unvorhersehbare Situationen, Probleme. Aber „problems are our friends,“ sagt Michael Fullan, der kanadische Erziehungswissenschaftler und Change-Theoretiker. Probleme sind der Rohstoff. Er ist zu kultivieren. Es ist keineswegs so, wie es immer wieder in politischen Sonntagsreden heißt, dass Bildung der Rohstoff in einem rohstoffarmen Land sei. Quatsch. Bildung ist kein Rohstoff, der zur Weiterverwertung bereitgestellt wird. Bildung ist Kultivierung.

Wir mögen Fußball, weil dieses Spiel die Choreografie der modernen Welt abbildet. Fußball sind 90 Minuten Kontingenz und Emergenz. Es darf etwas dazwischen kommen und dann kommt es darauf an, etwas daraus zu machen.

Frage: Sind Schulen, in denen die Fehlerinquisition noch nicht von der Fehlerermöglichung und Fehlerkultivierung abgelöst worden ist, eigentlich schon modern?  

Erweiterter Vorstand im Verein „Archiv der Zukunft – Netzwerk“

Auf unserer letzten Mitgliederversammlung am 24. März 2012 in Hamburg stand auch die Wahl des Vorstands an.  Wiedergewählt wurden die beiden Vorsitzenden Reinhard Kahl (1. Vorsitzender) und Ulrike Kegler (stellvertretende Vorsitzende). Erstmals gewählt wurden Alexander Luttmann (Schatzmeister) sowie Linda Reisch, Ursula Taravella und Michael Töpel als Beisitzer.

Als Kassenprüfer wurden Silke Ramelow und Jürgen Blumenberg gewählt.

Auf der Mitgliederversammlung wurde der Vorstand für das Jahr 2010 entlastet. (Die Entlastung für das zurückliegende Jahr 2011 wird Thema der nächsten MV im Herbst sein. Weil die Kassenprüfer neu zu wählen waren, konnte die Bilanz für 2011 noch nicht geprüft und zur Entlastung vorgelegt werden.)

Guido Brombach hat auf der Mitgliederversammlung das Format „Barcamp“ vorgestellt. Er hatte beim Kongress in Bregenz das Barcamp organisiert. Dem voran gegangen waren Barcamps in der Regionalgruppe Köln / NRW. Das war auch sein Thema: Barcamps als für Regionalgruppen besonders geeignetes Format.  Guido Brombach ist für dieses Thema weiter ansprechbar.

Weitere Informationen über die MV finden Mitglieder auf der Homepage im Mitgliederbereich.

Der Vorstand hat sich inzwischen einen Tag in Paretz bei Potsdam getroffen. Dort waren wir Gast der Helga Breuninger Stiftung.  Ende Juli trifft sich der Vorstand zu einer zweitägigen Klausur im Wendland. 

Nächster Kongress im Oktober 2013

Für die nächste, die dritte Bildungsbiennale Bodensee, wieder in Bregenz, ist das Festspielhaus die erste Oktoberwoche 2013 reserviert.

Der Kongress heißt:

„Orte und Horizonte - Bildung braucht Gesellschaft und Gemeinschaft“

Festspielhaus BregenzDer Kongress im kommenden Jahr soll sich stärker als die bisherigen auf die Erneuerung  der Praxis konzentrieren. Die von uns proklamierte Intelligenz der Praxis soll im Mittelpunkt stehen. Die Praxis soll nicht länger die Magd sein. Sie sollte die Königin werden. Theorie hat allerdings am Hof der Praxis einen bevorzugten Platz. Diskurse sollen vielstimmig werden, wie die Praxis selbst. Die Praxis hat immer ihren Ort, sie braucht auch Horizonte! Wenn Schulen, Kindergärten und andere Häuser des Lernens sich nicht mehr als nachgeordnete  Anstalten verstehen, sondern als selbstwürdig, selbstwirksam und eigenwillig, brauchen sie Gesellschaft, also eine anregende, anerkennende und kritische Umgebung. Da sind viele Bündnisse, auch ungewöhnliche Bündnisse möglich. Sie sollen dort auch geschlossen werden. Deshalb werden zu diesem Kongress neben Pädagogen & Co auch andere Akteure eingeladen.

So sehr Bildung nach außen Gesellschaft braucht, so sehr braucht sie nach innen Gemeinschaft.

Im Jahr 2013 fällt der 3. Oktober, der in Deutschland ein Feiertag ist, auf den Donnerstag. Das erleichtert es, nicht erst am Freitag, sondern bereits am Donnerstag beginnen zu können. Wir gewinnen damit also einen Tag für die vertiefende und  konzentrierte Arbeit – neben dem kürzer getakteten, gemischten Programm aus Workshops, Barcamp und Vorträgen. Vorab, am Mittwoch und Donnerstagvormittag wäre Zeit für zusätzliche Beiboote.

Im Oktober 2012, also ein Jahr vor dem Kongress, werden die Grundzüge des Programms veröffentlicht. Es wird unfertig sein, damit es noch beeinflusst und von Teilnehmern, die auch Mitwirkende sein sollen, ausgebaut werden kann. Mit einigen Referenten, die man „hochkarätig“ nennt, sind wir bereits verabredet.

Nachlese zum Kongress „Arche Nova“ im vergangenen Oktober

Reaktionen findet man auf der Homepage: Vor allem die Kongresseindrücke, die auf einer Busfahrt zurück nach Bayern gesammelt wurden und die Fotos in der Galerie, geben einen guten Eindruck der Stimmung. 

DVD: Lob des Anfangs. In dieser Woche gehen die Studioarbeiten für eine Vierfach-DVD mit Buch zu Ende, auf der alle Filme, die auf den bisherigen Kongressen gezeigt wurden (z.B. „Der Dritte Pädagoge“ oder „Schlänitzsee statt Schule“) und Aufzeichnungen von Vorträgen  dokumentiert werden (Remo Largo, Gerald Hüther, Manfred Spitzer, Peter Hübner und Herbert Renz Polster).  Neben den mit mehren Kameras aufgenommen vollständigen Vorträgen gibt es jeweils „Seminarfassungen“ um die 25 Minuten.  Außerdem ein filmisches Porträt  des Netzwerks mit seinen bisherigen vier Kongressen (60 Minuten). Das sind dann alles in allem 18 Stunden mit Ideen und Geschichten auf vier DVDs.

Das DVD-Buch wird ab Herbst im Internet und über den Beltz Verlag vertrieben.  Mitglieder im adz-Netzwerk erhalten es billiger.

Van DiekenBeim Kongress im vergangenen Oktober wurde von vielen Teilnehmern die Ausstellung mit großformatigen Kinderfotos (120 X 80 cm und 150 X 100 cm ) und Impressionen aus Kindergärten und Krippen bewundert, die Julian van Dieken  aus der umfangreichen Sammlung seiner Fotografien zusammen gestellt hatte. Vielfach wurde gefragt, ob man diese hervorragenden Fotos nicht erwerben könne.  Am Verkauf haben wir ein besonderes Interesse, weil das adz-Netzwerk die Herstellung  dieser Großformate hinter Acrylglas für den Kongress mit vielen tausend Euro unterstützt und ermöglicht hat. Nun bietet Julian von Dieken die Fotos in limitierter Auflage zum Kauf an. Hier Download der Fotoübersicht und des Angebots.  Die Hälfte des Erlöses geht an das adz-Netzwerk. Er kommt in die Kongresskasse für 2013.

theater träumt schule (tts)

Theater träumt SchuleWir brauchen andere Bilder von der Schule und vom Lernen und wir brauchen Orte, an denen sie gedacht, diskutiert und auch geträumt werden können.  Welcher Ort wäre für Bildungsdiskurse besser geeignet als das Theater?

Mit dieser Idee trägt das adz-Netzwerk zusammen mit mehreren Theatern die Bildungsdebatte in die Gesellschaft.

Der nächste Termin ist in den Münchner Kammerspielen.

THEATER TRÄUMT SCHULE
WARUM WIR DIE SCHULE NEU DENKEN SOLLTEN

Reinhard Kahl im Gespräch mit Richard David Precht am 18.7.12 um 16.00 Uhr im Schauspielhaus

In der kommenden Spielzeit geht „theater träumt schule“ in den Münchner Kammerspielen mit mehreren Veranstaltungen weiter. Bereits am Wochenende  vom 18. bis 20. November 2011 wurde dort die Zukunft der Schule geträumt, gedacht und diskutiert. Mitveranstalter war das Schulreferat der Stadt München. Die Stadt München ist seit Herbst vergangenen Jahres auf Beschluss des Stadtrates Mitglied im adz-Netzwerk.

In der ersten Maiwoche haben wir zusammen mit dem Deutschen Theater Göttingen elf Veranstaltungen „theater träumt schule“ durchgeführt. Dort sprach auch Yakamoz Karakurt. Der Aufsatz „Mein Kopf ist voll“ der damals noch fünfzehnjährigen Hamburger Schülerin wurde vor einem Jahr in der ZEIT veröffentlicht. Yakamoz hatte mit ihrem Text den Kongress in Bregenz eröffnet. In Göttingen hat sie einen Absatz hinzugefügt:

Jetzt geht es mir besser, was aber vor allem daran liegt, dass ich selbst die Schule nicht mehr so ernst nehme. Ich bekomme mit, wie meine Schule versucht etwas zu ändern und zu verbessern. Aber ich denke, dass sie von einer Lösung des Problems noch weit entfernt ist. Sie trauen sich nur Kleinigkeiten in Frage zu stellen, die meiner Meinung nach nicht so viel ausmachen. Die Stunden und Pausen sollen verkürzt werden, damit wir täglich eine zusätzliche Lernschiene bekommen, während der wir unsere Hausaufgaben machen sollen. Aber ist das wirklich das eigentliche Problem? Keine Hausaufgaben, wenn man nach Hause kommt. Viele Schüler argumentieren gegen diese Erneuerung, weil sie meinen, dass sie sich zu Hause besser konzentrieren können und ehrlich gesagt, sollte dieser Schritt nur ein Anfang von vielen sein, die folgen. Ich befürchte, dass es notwendig ist, das ganze Schulwesen umzukrempeln, damit es den Schülern und Lehrern besser geht.

Träumen?  Das Wort ist verdächtig und für viele ist es der Gegenbegriff zu Erfolg und Leistung. In Göttingen konnte Barbara Riekmann die Vorbehalte gegen das Träumen widerlegen. Die Schulleiterin der Max-Brauer-Schule in Hamburg, die in diesem Sommer pensioniert wird, berichtete davon, wie vor Jahren die „Neue Max-Brauer-Schule“ von zehn Kollegen der Gruppe Traumschule ersonnen wurde. Fächer in den Klassen 5 bis 10 wurden abgeschafft. Lernbüro, Projekte und Werkstätten wurden eingeführt.  Jetzt wurden die Wirkungen u.a. in der „KESS-Studie“  (Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern) untersucht. Das jüngst gemessene Ergebnis: Zwei Jahre Vorsprung der Schüler gegenüber der Hamburger Vergleichsgruppe. Und: Aus ca. 40 Prozent der Kinder, die nach der Grundschule für das Gymnasium empfohlenen worden waren, sind insgesamt fast 70 Prozent Jugendliche geworden, die nach der 10. Klasse in die  gymnasiale Oberstufe eintreten.

Abendteuer Kultur“ heißt eine von drei Säulen in der Berufsausbildung bei dm. Die von Götz Werner gegründete Drogeriemarkt-Kette ist eines der erfolgreichsten Unternehmen. 36.000 Mitarbeiter arbeiten in 2.536 Filialen und erwirtschaften einen Umsatz von mehr als 6 Mrd. Euro. Während Schlecker mit seiner Quetsche für Gewinne pleite ging, floriert dm. Trotz Theater? Wegen Theater! „Zutrauen veredelt den Menschen, ewige Vormundschaft behindert seine Reifung.“ Diese Maxime von Freiherr vom Stein hat sich das Unternehmen zu Eigen gemacht. Deshalb Theater. Das war übrigens die Idee von Beatrice Werner, die auch die „Singenden Kindergärten“ gegründet hat. Sie selbst war/ist Schauspielerin und tritt mehr als hundert Mal im Jahr als Clown in Kindergärten auf.

Also: die Werners meinen es ernst und das heißt, sie meinen es auch spielerisch. Beim Theater in „Abenteuer Kultur“ geht es um kein anderes Ziel, als dieses eine: Gutes Theater machen. Der Regisseur Marc Vereeck berichtete in Göttingen von seinen Erfahrungen mit zwölf Jahren „Abenteuer Kultur“.  „Keinerlei Zweckorientierung, außer der Aufführung, Freiräume schaffen,“ sagt Vereeck. Viele Jugendliche finden das Theaterspielen zunächst Quatsch. Mancher Filialleiter meinte, da spinnt Götz Werner wohl mal wieder. Aber nachdem sie die Folgen und Nebenwirkungen von „Abenteuer Kultur“ bei den „Lernlingen“, so heißen dort die „Azubis“, erlebt haben, kommen nun auch ältere Mitarbeiter und wollen mitspielen. Die Quintessenz: Wenn nichts egal ist, wenn alle Elemente stimmen und wenn vor allem die Menschen nicht zu Mitteln degradiert werden, dann, so Marc Vereeck, „lassen sich Erfolg und auch Gewinne gar nicht mehr vermeiden.“

Von ähnlichen Mechanismen konnten auch Enja Riegel und Abdul Kunze berichten, die an der Helene Lange Schule in Wiesbaden schon vor Jahren Theaterproben, die über Wochen gingen, durchgesetzt hatten.

Aber was wird dann aus dem Stoff?“ fragten viele Kollegen. „Wie schaffen wir dann noch gute Ergebnisse?“ „Und was wird aus den Schülern, die Abitur machen wollen?“ Es kam anders. Ein Jahr Vorsprung bei Pisa. Steigende Abiturientenquoten bei denen, die den vermeintlichen Umweg mitgemacht haben.

Es gibt inzwischen viele solcher Geschichten. Die unglaublichste ist die vom „Jacobs Sommercamp“. Bremer Grundschüler fuhren drei Wochen in den Sommerferien in Landschulheime und Jugendherbergen. Täglich erhielten sie zwei Stunden DaZ, Deutsch als Zweitsprache, anschließend spielten sie Theater und bekamen tolle Freizeitangebote. Die pisaerprobten Jürgen Baumert und Petra Stanat untersuchten den Effekt der drei Wochen. Das Ergebnis konnten sie erst selbst nicht glauben: Der Kompetenzfortschritt in Deutsch übertraf in dieser kurzen Zeit den eines ganzen Schuljahres. 

„Musik bildet“ und andere Kooperationen

Visionen zum Musikunterricht werden vom 15. bis 17. September 2012 in Basel diskutiert. Beim Symposion „Musik unterricht(en) im 21. Jahrhundert“ in der Hochschule für Musik Basel ist das adz-Netzwerk Kooperationspartner.  Unserer „Subnetzwerk Musik bildet“ kommt damit einen Schritt weiter. Das Programm hier

„Cradle to cradle“ so nennt  Michael Braungart, der Lehrstühle in Rotterdam und Lüneburg hat und in Hamburg eine große Ideenwerkstatt und Beratungsfirma betreibt sein Konzept: von der Wiege zur Wiege. Bislang haben wir „Cradle to grave” produziert, von der Wiege zum Grabe, von der Natur zur Mülldeponie. Dass wir Raubbau treiben, ist inzwischen Gemeingut. Und auch dass der Mensch schädlich sei und gefälligst seinen ökologischen Fußabdruck verkleinern solle. Hier widerspricht der Chemiker Braungart. Er meint, wir könnten durchaus wie ein Kirschbaum sein, verschwenderisch, schön und energiereich. „Es kommt nicht darauf an, den ökologischen Fußabdruck zu minimieren, sondern ein Feuchtgebiet draus zu machen.”

Zum Beispiel hätte doch jeder den Impuls, seine Eisverpackung einfach wegzuschmeißen. Aber weil das Müll sei, erziehen wir uns und unsere Kinder dazu, sie zu entsorgen. Nun hat Braungarts Firma eine Verpackung entwickelt, die sich kompostiert. Und es sind seltene Blumensamen darin. So kann man vom Sünder zum Dünger werden. Er plädiert für den Abschied von den Erbsünde- und Schuldtraditionen. Es werde Zeit die Büßer- und Selbstbestrafungshaltungen abzulegen. Die Natur sei verschwenderisch, aber darin intelligent. Nicht maßlos. Zwei Kreisläufe sollte es geben. Einen, womit wir die Erde düngen, und einen zweiten, geschlossenen technischen Kreislauf womit wir sie verschonen. Von Ameisen gäbe es achtmal so viel Biomasse auf der Erde wie von Menschen. Sind Ameisen Schädlinge? Braungart rechnet vor, wie auch wir so intelligent wie Ameisen sein könnten.

Michael Braungarts Buch „Einfach intelligent produzieren” (Berliner Taschenbuch Verlag) zählt für den Schauspieler Brad Pitt zu den 15 Dingen, die jeder kennen sollte. Und Steven Spielberg will einen Film darüber drehen. „Aus Deutschland kam der Holocaust,” sagt Spielberg „und vielleicht auch die Rettung, cradle to cradle.” Das sind große amerikanische Worte, gewiss, aber es gibt inzwischen cradle to cradle-Häuser, Unternehmen, Städte (in Holland oder Island) und Regionen.  (Noch kaum in Deutschland). Wie wäre es denn, wenn es cradle to cradle Schulen gäbe? Wir wollen dazu in diesem Jahr noch ein Treffen machen. Für Schulen steckt da so viel drin. Ein Einstieg in die Naturwissenschaften. Die Untersuchung der unmittelbaren Umgebung. Alles wichtig nehmen: „Nichts ist egal!“ Michael Braungart und seine Frau und Mitstreiterin Monika Griefahn werden im Oktober 2013 in Bregenz dabei sein. „Wir brauchen die europäische Art in Konzepten zu denken, die amerikanische Art in Lösungen zu denken, die asiatische Art in Kreisläufen zu denken und die südliche Art, Freude zu haben." (Michael Braungart)

Apropos Aufgaben: Eine Schule, die Aufgaben stellt - nicht Schulaufgaben und keine Fallen - das wäre eine, nach der sich viele Schüler, zumal Jugendliche, eigentlich sehnen.  Wie könnte so eine Jugendschule aussehen? Das Schlänitzseeprojekt ist ein Beispiel dafür. 
Das wird ein Thema der ersten Kongress Zeitung zur Vorbereitung der 3. Bildungsbiennale  im Oktober 2013 sein. Ideen und Geschichten sind willkommen. ( Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können )

 

Wir trauern um Franz Gresser, den Lehrer als Gastgeber

 

Franz GresserWer den Film „Treibhäuser der Zukunft“ gesehen hat, kann Franz Gresser nicht vergessen. Man sieht ihn morgens in dem noch fast leeren Klassenraum. Er ist als erster da. Wie ein Gastgeber bereitet er sich und den Raum vor. Jeden Tag lädt er aufs Neue ein. Die Schule wird ein Gasthaus des Lernens. Kein Zwangsrestaurant mit Aufesszwang. Was man in seiner Klasse sieht, ist das genaue Gegenteil der um sich greifenden Lernbulimie, der schulischen Normalverwahrlosung.

Auch einige Schüler sind schon vor Unterrichtsbeginn da und legen bald los, einfach so, ohne Gong, als wäre das Lernen ihre ureigene Sache. Es ist ihre Sache. Lernen ist dort eine Vorfreude der Schüler auf sich selbst, das große Projekt des eigenen Lebens. Eine Idylle am Bodensee? Wir treffen Franz Gresser in einer Hauptschulklasse. Eigentlich sei das der Tiefpunkt, hört man überall, 7. Klasse Hauptschule, oh je, aber vom pädagogischen Lazarett ist bei ihm nichts zu spüren.

Fächer wurden abgeschafft. An ihre Stelle sind Freiarbeit, vernetzter Unterricht und Projekte getreten. Und was ist mit den Null-Bock-Schülern? Die gibt es nicht. Warum? Franz Gresser hat die Antwort darauf gegeben: http://www.youtube.com/watch?v=_crUsS3h5Wo

Zwei Tage vor Sommeranfang ist Franz Gresser gestorben. Er war mit seiner sechsten Klasse unterwegs. Er stieg vom Fahrrad und hörte auf zu leben.
Wir werden Franz Gresser nicht vergessen.

Jetzt spreche ich, Reinhard Kahl, noch ein paar Sätze nur für mich. Sätze die übertrieben klingen könnten. Sie sind es nicht. 2003 machte ich mich in Deutschland auf die Suche nach Schulen, die gelingen. Vorangegangen waren filmische Expeditionen nach Kanada, Schweden und Finnland. Dahin blickten viele. Wir waren begeistert und viele sagten, das würden wir so auch gern machen, aber leider sind wir keine Finnen. Dem wollte ich widersprechen. Aber würde ich es können?  Da war die Bodensee-Schule St. Martin in Friedrichshafen eine Entdeckung. Neben Alfred Hinz, dem damaligen Schulleiter war es Franz Gresser, der zeigte, dass eine Schule, in der Lernen nicht bloß die passive Seite von Belehrung ist, auch hierzulande geht. Vielleicht hätte ich das Projekt „Treibhäuser der Zukunft“ aufgegeben, wenn ich bei meiner Suche nicht auf diese Schule gestoßen wäre. Insofern verdanke ich diesen Film auch Franz Gresser. Ich verneige mich.
Franz Gresser war kein Mann großer Worte. Er sprach seine Muttersprache zu der auch sein Dialekt gehörte. Dass ich die Interviews mit ihm untertitelte, hatte er mir wohl etwas übel genommen. Davon zeigte er dann aber doch nur wieder sein verschmitztes, freundliches und bescheidenes Lächeln. Bei Vorführungen des Rohschnitts hatte man ihn in Berlin nicht verstanden. Und das sollte man doch, ihn verstehen. Ihn, der keine Leitartikel sprach, der nicht vom „Umgang mit Heterogenität“ und dergleichen schwadronierte sondern mit seiner ganzen Person das beglaubigte, worauf es ankommt: Pädagogik ist zuallererst die Art und Weise des Verhältnisses der Erwachsenen zu den Kindern und Jugendlichen. Natürlich wusste Franz Gresser, dass unser selektives Schulsystem einem entspannten Generationsverhältnis im Wege steht, weil das Versprechen einer bedingungslosen Zugehörigkeit verweigert wird. In einem Gespräch mit anderen Lehrern, das im Exkurs „Lehrer“ auf der Dreifach-DVD  „Treibhäuser der Zukunft“ zu sehen ist, nimmt er kein Blatt vor den Mund. Aber „die Strukturen“ nahm er nicht zur Ausrede dafür, dass man halt nichts machen könne.

Menschen wie Franz Gresser leben und wirken weiter. Als Vorbild. Ein Vorbild kann allerdings nur sein, wer authentisch ist. So hat er gelebt, authentisch, und so ist er – darf man das so sagen – auch gestorben, authentisch: Freundlich, klar, nicht verbogen und unauffällig strahlend. Adieu Franz Gresser!

 

Verein adz-Netzwerk

 

In den nächsten Tagen wird an die Mitglieder im adz-Netzwerk die Beitragsrechnung für 2012 verschickt, bzw. der Beitrag wird vom Konto abgebucht. Das geht natürlich nur bei denen, die Mitglieder sind. All diejenigen, die es bisher nicht sind, sollten es sich überlegen. Es ist ganz einfach, auf der Homepage http://www.adz-netzwerk.de/Mitgliedschaft.php

 

Flanke vor dem Abpfiff

 

Noch mal ein Gedanke zum Fußball. Ständig direkt aufs Tor zu bolzen, wäre so hässlich wie uneffektiv. Der Erfolg kommt aus dem Zusammenspiel. Der Weg verläuft indirekt. Es braucht entschiedene Individuen, aber keine Einzelkämpfer. Trainer wollen den Erfolg der Spieler und glauben daran. Davon könnte „die Bildung“  doch ganz schön lernen – oder?

Die meisten Schulen haben sich dem direkten Weg der Instruktion und Leistungskontrolle verschrieben. Also ständig aufs Tor schießen. Sie verstärken damit die Drift zum Pseudolernen. Der Kollateralschaden, wenn fast alles zum Mittel wird, ist offenbar. Studien zeigen, dass schon nach dem zweiten Schuljahr Kinder dieses taktische Lernen mit dem Lernen überhaupt verwechseln und abwehren. Am Ende der Schulzeit ist dann fast alles nur noch egal. Viele haben die Lernbulimie. Hastig rein und schnell wieder raus. So entsteht Ekel. Vor dem ausgeschiedenen Wissen und vor sich selbst. Dem steht der Kollateralnutzen des Theaters und anderer Künste gegenüber. Verstehen wir unter den Künsten die Aktivitäten, die nicht zu Mitteln für „die Leistung“,  für „das spätere Leben“, für „das Wachstum“ oder eben irgendeinen anderen abstrakten Erfolg degradiert wurden. Erfolg lässt sich nicht direkt anstreben. Er stellt sich ein. Dann muss man ihn verwandeln. Und damit ist dann auch die Fußballanalogie ausgeschöpft.

Herzliche Grüße aus Hamburg

Reinhard Kahl und das Adz-Netzwerk Team

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