Nach dem Konvent Drucken
Newsletter vom 7. April 2009

Liebe Mitglieder im Netzwerk,
liebe Freunde des Archivs der Zukunft,

heute geht es um folgendes:

  1. Konvent „Der dritte Pädagoge“ vom 20. bis 22.  März in Münster, Münsteraner Erklärung und Ausblick
  2. Dank an alle, die den Konvent in Münster ermöglicht haben
  3. Hinweise:
  • tts - Theater träumt Schule am 20. und 21. Juni im Theater Freiburg
  • Mitgliederversammlung am 21. Juni in Freiburg
  • bbb - Bildungs-Biennale-Bodensee 2010

     

1. Konvent „Der dritte Pädagoge“ in Münster, Münsteraner Erklärung und Ausblick

450 Pädagogen und Architekten, Kommunalpolitiker und Eltern, Künstler, Wissenschaftler und andere Akteure kamen vom 20. bis 22. März auf Einladung des Netzwerks Archiv der Zukunft zum Konvent nach Münster, um über den Umbau von Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zu Lernlandschaften beraten.

Konvent ist ja nicht der Versuch mit einem alten Wort innovativen Zauber zu treiben. Der Konvent ist eine Zusammenkunft, kein Kongress, bei dem Teilnehmer Referenten lauschen, die häufig nur zu ihrem eigenen Vortrag kommen.

Zum Konvent kommt man, um da zu sein und um dabei zu bleiben, weil die versammelten Menschen genauso interessant sind wie die Themen. Die Grenze zwischen Mitwirkenden und Teilnehmern war in Münster fließend. Es war eine selten heterogene Gesellschaft zusammen gekommen. Alle waren verschieden und die meisten waren verwandt. Deshalb hatten sie sich viel zu sagen. In fast 50 Worksshops, in Gesprächen nach den großen Vorträgen von Gerald Hüther, Peter Hübner und nach dem Dialog mit Harald Welzer und abends beim Essen und Wein. Und vor allem zwischendurch. 

Mit diesem Konvent begann wieder ein neuer Abschnitt in unserer ja nicht mal zweijährigen Netzwerkgeschichte. Manchmal könnte man dafür, dass bisher fast alles so gut lief, dem Himmel und all den Schutzengeln danken. Aber die sind gar nicht im Himmel, sondern an Bord und zuweilen unter Deck, wo man sie nicht sieht.

Der Dank an sie in diesem Newsletter weiter unten, denn manch einen hielte der persönlich adressierte Dank vom Weiterlesen ab.

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„Aus guten Schulen sind wir erfrischter heraus gekommen als hinein gegangen“, berichtete in Münster Barbara Brokamp von der Montag Stiftung. Nach zahlreichen Besuchen habe sich dieses Gefühl als das aufschlussreichste erwiesen, stärker als all die Kriterien, mit denen die Jury gestartet sei.

Ähnlich ging es auch Konventteilnehmern. „Obwohl ich wieder in den Büroalltag zurückgekehrt bin“, schreibt Anja Throm von „Schulen ans Netz“, „wirkt der Konvent in Münster auf zauberhafte Weise nach, und immer wenn ich davon erzähle (und das tue ich viel) habe ich strahlende Augen und fühle mich voller Energie.“ Und sie fügt hinzu: „Ich bin etwas erstaunt über mich selbst, denn so etwas schreibe ich normaler Weise nicht.“

Irgendwie sind uns solche Gefühle doch verdächtig. Kommt es denn nicht vor allem auf die Inhalte an? Ist nicht eine gewisse Angestrengtheit der beste Beweis für Ernsthaftigkeit und Wirksamkeit?

Dass die Inhalte tatsächlich nicht alles sind, und dass die lange diskriminierten Gefühle ebenso wie die Gestaltung des Raums, die man oft noch den Äußerlichkeiten oder dem Luxus zurechnet, endlich zu rehabilitieren sind, das war in Münster sozusagen das Thema hinter all den Themen . Und es war nicht nur ein Thema, es war vor allem eine nachhaltige Erfahrung dieses Wochenendes: Auf die Atmosphäre kommt es an.

„Der Raum ist der dritte Pädagoge“, war kein blumiger Titel für den Auftakt eines Fachbereichs Architektur und Raumgestaltung in unserem Netzwerk. Gewiss, auch darum ging es und darum wird es weiter gehen. Doch der Raum, das wurde in Münster herausgearbeitet, ist ein Lebensmittel, er ist das, was zwischen den Menschen ist.

Wir haben im Programmheft Albert Einstein zitiert. Er sagte, vor der Relativitätstheorie habe man geglaubt, wenn alle Dinge aus der Welt verschwinden, blieben immer noch Raum und Zeit. Nach der Relativitätstheorie hingegen sei klar, dass mit den Dingen auch der Raum und die Zeit verschwinden.

Nicht nur Raum und Zeit schienen lange Zeit leer wie Container. Auch Kinder sollten wie Gefäße gefüllt und als wären sie keine Individuen, von außen beseelt werden. Man bedenke, dass sich 1904 eine preußische Konferenz der Gymnasialdirektoren darüber entzweite, ob Schülerfragen im Unterricht überhaupt zugelassen werden dürfen. Das Innen galt als nichtig.

Die Dichter wussten es besser: „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Feuer, die entfacht werden wollen.“ Das schrieb vor fast einem halben Jahrtausend Francois Rabelais. Man kann ihn gar nicht oft genug zitieren und täglich darüber meditieren. Aber statt auf die immer etwas riskante Flamme, setzen die meisten Pädagogen lieber auf den abzufüllenden Stoff.

Loris Malaguzzi, der als ein Einstein der Pädagogik erst noch zu entdecken ist, hat uns das Stichwort vom Raum als dem dritten Pädagogen geliefert, der gleich nach den Erwachsenen und den anderen Kindern, und wer weiß, vielleicht sogar häufig vor ihnen kommt, denn im Raum bildet sich die Ursuppe der Existenz, die Atmosphäre. Es wird also auf Orte ankommen, die dazu einladen ganz da, hellwach und gegenwärtig zu sein. Dann entsteht Zukunft. Die Sackgasse hingegen hatte schon Schopenhauer durchschaut: „Alle arbeiten sie für die Zukunft. Dieser opfern sie das Daseyn und die Zukunft macht bankrott.“

Wir wollen den dritten Pädagogen im Archiv der Zukunft in der nächsten Zeit zu einem von drei großen Themenclustern machen. Auch die beiden anderen großen Themen sollen mit einem Konvent beginnen. Es sind „Lernbüro, Freie Arbeit & Co.“ und „Die Frühen Jahre“.

Zu diesen beiden anderen großen Themen unten und im nächsten Newsletter mehr. Und ausführlicher auf unserer nächsten Mitgliederversammlung am 21. Juni in Freiburg.

Heute noch ein paar Gedanken zum dritten Pädagogen, vor allem für diejenigen, die nicht in Münster waren, aber auch als Selbstverständigung und Diskussionseröffnung.

Gerald Hüther zeigte in seinem Eröffnungsvortrag eindringlich, dass ohne Gefühle alles andere nichts ist. In Peter Hübners Präsentation wurde sonnenklar, dass gute Räume Bewegungs- und Zwischenräume sind, aber auch Schutz und Intimität ermöglichen. Horst Rumpf zeigte, dass ein Lernen, das nicht auf Erledigung und Beherrschung fixiert ist, sich in keinen neutralen oder gar antiseptischen Räumen abspielen kann, sondern Gegenstände braucht, die Widerstand bereiten. Er spricht vom Lernen im Gegenstrom. Sein großer Münsteraner Vortrag, „Schulen der Körperlosigkeit? “ steht bereits im Netz.

Dass Schüler einen Körper haben, war und ist in Schulen ja zumeist gar nicht vorgesehen. Der Körper gilt als ein Gestell, das den Kopf zum Unterricht trägt - und dort stört. An einen Leib, der fühlt, leidet und Leidenschaft entwickelt, ist dann gar nicht mehr zu denken.

Einen Raum für die Körper und für Intelligenz zu schaffen, wäre das große Programm, das hinter dem alltäglichen Bauen und Umbauen, Einrichten und Gestalten von Bildungshäusern nicht verloren gehen.

Architektur und die Gestaltung der Räume sind also kein pädagogisches Schöner Wohnen und schon gar nicht das Interieur für Kuschelpädagogik. 

Eine gute Atmosphäre ist Basis für ein starkes, von innen geleitetes Lernen. Atmosphären lassen eigene Inhalte überhaupt erst entstehen. Das Wie kommt eben vor dem Was. 

Gerald Hüther hat in Münster diese Zusammenhänge ausgeleuchtet und auf eine Frage der Haltung zugespitzt. Er unterscheidet die Haltung des  industriegesellschaftlichen Ressourcenverbrauchs von einer jetzt auf der Tagesordnung  stehenden Haltung der Potentialentfaltung. Der Ressourcenverbrauch ist grob. Die Sachen scheinen ja alle da, sie müssen nur abgebaut, ausgebeutet oder gekauft zu werden. In einer Kultur der Potentialentfaltung hingegen, also wenn Neues entstehen nur soll, kommt es auf Achtsamkeit, auf „Seele und Genauigkeit“ (Robert Musil) an, denn dieses Wie wirkt sich auf die Ergebnisse aus. Vielleicht ist das ein Versuch die Grammatik des Kulturwandels im Lernen zu beschreiben, die unser Netzwerk verbindet. 

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Auf dem Konvent in Münster ging es aber auch ganz pragmatisch um das Konjunkturprogramm 2 von Bund und Ländern mit seinen 8,6 Mrd. Euro für Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Dessen Ankündigung hatte ja neben der Latenz den dritten Pädagogen zu thematisieren Konvent ausgelöst. 

Nun sieht es mit dem Konjunkturprogramm nicht mehr so viel versprechend aus.

Zur Erinnerung: Von den mehr als 13 Milliarden, die Bund und Länder zur Verfügung stellen, soll der größte Teil, 8,6 Mrd. in die Bildung fließen. Aber, das dämmerte den Berliner Ministerien erst spät, nach den Beschlüssen der „Föderalismuskommission“ hat der Bund den Rest seines Einflusses in der Bildung aufgegeben. Er darf nur noch in den Bereichen mit Geld Einfluss nehmen, in denen er auch Gesetzgebungskompetenzen hat. Die hat der Bund in der Klima- und Energiepolitik. Damit das Konjunkturprogramm sich nicht auf Wärmedämmung und andere „energetische Maßnahmen“ in Schulen, Hochschulen und  Kitas beschränken muss, soll nun das Grundgesetz geändert werden. Die Neufassung des Artikels 104 b soll die Föderalismusregel für „Ausnahmesituationen“, wie die derzeitige Krise, suspendieren.

Das Bildungsministerium vermutet, dass der Grundgesetzartikel Ende Juli geändert sein wird. Es ist unklar, ob bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt Anträge für Mittel aus dem Konjunkturprogramm gestellt werden können, die über die „energetische Sanierung“ hinausgehen. 

Daraus ergibt sich, dass in den Kommunen Druck gemacht werden muss, dass Anträge sich nicht ängstlich auf bloße Gebäudesanierungen beschränken. Vielerorts sieht es allerdings ganz danach aus. Das Bildungsministerium indessen ermuntert zu großzügiger Auslegung!

In diesen Fragen gibt es bisher kaum Öffentlichkeit. Wir werden deshalb auf unserer Homepage www.adz-netzwerk.de eine Rubrik zum Konjunkturprogramm einrichten und bitten dafür um Beiträge und Informationen: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können

Der Konvent hat angesichts der Wirren um das Konjunkturprogramm eine Münsteraner Erklärung verabschiedet, die nun von möglichst vielen unterschrieben werden soll. Sie steht gleich oben auf der Homepage. Man kann sie und Unterschriftslisten auch herunterladen!

II.   Dank an alle, die den Konvent in Münster ermöglicht haben

Der Konvent war das Werk vieler: Der gastgebenden Wartburg-Grundschule. Der Mitwirkenden und Referenten. Der Helfer vor Ort. Und vor allem der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hamburger Büro.

Großer Dank der Wartburg Grundschule, die den 450 Teilnehmern und Mitwirkenden drei Tage ihr Haus überlassen hatte. Dank vor allem Gisela Gravelaar, der Schulleiterin und ebenso Ger Hoogeveen, dem Hausmeister. Ein Hausmeister, der nie „geht nicht“ sagte, der sich den stolzesten Hausmeister im Land nannte, nachdem die Schule den Deutschen Schulpreis bekommen hatte, einer, der gleichberechtigt dabei ist.

Dank an Anja Gottwald und Ulrike Kegler, die an der Gestaltung der Struktur und des Programms mitgewirkt haben

Dank all den Helfern vor Ort und vor allem den Mitarbeitern im Hamburger Büro, die den Konvent in kurzer Zeit und quasi im Kaltstart vorbereitet haben: Simon Borchers, mitten im Examen an der Uni Augsburg, von wo aus er die Homepage betreut, Nina Behncke, die am Mehrbildschirm-Schreibtisch die Anmeldungen betreut und vieles mehr organisiert hat, Annja Haehling von Lanzenauer, die mit Organisationstalent dafür gesorgt hat, in kurzer Zeit die Turnhalle der Schule in einen Vortragssaal mit Hunderten von Stühlen zu verwandeln und sie ein paar Stunden später in einen Festraum zum Essen umzubauen und sie am nächsten Morgen schon wieder aus LKWs für den Vortrag bestuhlt hat, Jenny Pepper, die nach kurzer Zeit 70 Referenten auf ihrer Liste hatte und alle bekamen ihre Zeit, ihren Raum und wenn nötig auch den Beamer, Miroslav Mirosavic, der Computerdinge vor Ort erledigt hat und vorher in Hamburg die Einrichtung eines eigenen Servers, Rainer Naujoks, der Übersicht über die Finanzen behielt, vor allem dann, wenn es an ihnen mangelte, Joschi Perera schließlich, die die Kunst des Multitaskings beherrscht.

Und zum Schluss großen Dank außerhalb der alphabetischen Reihenfolge an Till Kobusch. Till Kobusch ist seit dem 1. März unser neuer Geschäftsführer. Er hat allerdings schon vor diesem Termin an der Konventvorbereitung mitgearbeitet. Ohne ihn, wäre das alles nichts geworden.

Wenn auch die Ideen und die Arbeit am wichtigsten sind, ohne finanzielle Unterstützung wäre der Konvent zu erschwinglichen Teilnehmerbeiträgen nicht möglich gewesen. Wir danken: Robert Bosch Stiftung, Unfallkasse Nordrhein-Westfalen, Montag Stiftung – Urbane Räume, Montag Stiftung – Jugend und Gesellschaft, Hannoversche Kassen, Wüstenrot Stiftung, Software AG Stiftung, GLS Treuhand – Zukunftsstiftung Bildung, Selbst.Los Kulturstiftung, Future Wings, Wehrfritz sowie den immateriellen Unterstützern Blick über den Zaun und IBA Hamburg.  

III.      Hinweise

Weil ein Brief, der zu lang wird, von vielen nicht mehr gelesen wird, hier nur noch Hinweise auf Termine und die Themen im nächsten Newsletter

tts- Theater träumt Schule am 20. und 21. Juni im Theater Freiburg

Das Theater Freiburg lädt am 20. und  21. Juni gemeinsam mit dem Archiv der Zukunft zu tts Theater träumt Schule.  Die Grundidee: Das Thema Bildung hat die Mitte der Gesellschaft erreicht, aber es hat dort noch nicht seinen Ort gefunden. Zu sehr leiden wir noch unter der verbrannten Erde nach dem mehr als 30-jährigen Bildungskrieg. Es geht also darum in diesem realen Raum, dem Theater, einen Ideenraum zu schaffen. Träumen um Realität zu erfinden. Nach unserem  Konvent "Der dritte Pädagoge" ist klarer denn je, dass dieses Performative, also der Ort an dem und die Art wie man etwas macht, vor den so schnell verklumpten Inhalten Vorrang hat.

Das Theater ist dafür genau der richtige Ort in der Mitte der Gesellschaft. Das Thema "Bildung" ist anwesend, auch wenn man es nicht ausspricht. Zugesagt haben bereits zu großen Vorträgen Remo Largo und Gerald Hüther, es kommen Enja Riegel, Peter Hübner, Rolf Schönenberger, Reto Amman, Wolfgang Himmel und auch andere, die nicht zu den üblichen Verdächtigen gehören.

Mitgliederversammlung

Der e.V., der das Netzwerk trägt, macht am 21. Juni im Freiburger Theater seine Mitgliederversammlung. 

Und noch etwas: Am vergangenen Wochenende kamen wir mit einigen Bodenseeanrainern in Friedrichshafen zusammen und fassten den Entschluss, dass im Herbst 2010 eine bbb Bildungs-Biennale-Bodensee dem Kongress vom Oktober 2008 folgen soll.


Herzlich und auf Weiteres

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