Nach dem Bodensee-Kongress Drucken

Newsletter vom 20. Oktober 2008

I. Stand der Dinge

Vergessen, fast vergessen ist, dass wir vor einigen Monaten drauf und dran waren, den Kongress abzusagen oder zu verschieben. Wir, das war und ist ein kleines, ziemlich autodidaktisches Team. Wolfgang Harder, früherer Leiter der Odenwaldschule und viele Jahre Kapitän von „Blick über den Zaun“, meinte, unser Projekt erinnere ihn an die Barfussbesteigung des Mount Everest. Ist was dran. Aber man soll das Autodidaktische halt nicht unterschätzen. Wir hatten uns tatsächlich in der Finanzierung getäuscht. Vielleicht glaubten wir eine Zeitlang so unwiderstehlich zu sein, dass Spender und Sponsoren uns suchen. Nach dem Einbruch der Angst und dem Hilferuf kamen, nach anfänglichem Zögern, sogar Schutzengel. Auch ganz unerwartete. Zum Beispiel aus Liechtenstein. Dort will man die Schulen umbauen. Auch nach dem Vorbild „deutscher Treibhausschulen.“ Statt auf Belehrung will man mehr und mehr auf den Lernvirus setzen.

II.    Ein Schlaglicht

Nicht weit entfernt von Liechtenstein, in der – dem Status nach – ganz normalen staatlichen Sekundarschule in Bürgeln im Kanton Thurgau, die übrigens ein Vorbild für die beginnende Liechtensteiner Schulreform ist, spricht man schon länger vom Lernvirus. Erst sollten für ihn Enklaven am Rande des Unterrichtstages geschaffen werden. So wollte der Virus sich aber nicht ausbreiten. Er braucht halt sein Milieu. Deshalb wurden in Bürgeln Wände eingerissen. 64 Schüler, ehemals drei Klassen eines Jahrgangs, teilen sich nun mit vier Lehrern eine, so heißt das jetzt, Lernlandschaft. Lehrer arbeiten zusammen. Das ist für Schüler eine neue und wirklich nachhaltige Erfahrung. Kein Curriculum über Kooperation könnte leisten, was die zusammen arbeitenden Lehrerinnen und Lehrer an Lernmilieu bilden oder, wenn man so will, was sie für ein Vorbild darstellen. Allerdings ohne die hintersinnige Inszenierung, ein Vorbild wegen eines zu erreichenden Resultats abgeben zu sollen. Das klappt nicht.
20 Kilometer weiter in Romanshorn, dem kleinen Hafenort am Bodensee, bringt Peter Fratton die Sache auf den Begriff: Niemals andere motivieren wollen – aber selbst von etwas begeistert sein.
Auch in den von Peter Fratton gegründeten „Häusern des Lernens“, die im Besitz der Lehrer sind, erleben wir, wie Klassenräume zu Lernbüros umgebaut wurden. Man nennt sie Lernateliers. Es gibt Arbeitsplätze für Lehrer, die hier Lernbegleiter heißen. Es gibt Laptop-Galerien zum Recherchieren für die Schüler, die man nun Lernpartner nennt. Auch in der fabelhaften Max-Brauer-Schule in Hamburg findet man Lernbüros. Anderswo heißen ähnliche Arbeitsformen Freiarbeit, freie Stillarbeit oder Kuba – kulturelles Basiswissen. Solche neuen Arbeits- und Lernformen, die gewissermaßen das in der Gesellschaft übliche Zivilisationsniveau, ein gut geführtes Büro, zum Ausgangspunkt machen und an dessen Kultivierung arbeiten, könnten eines der großen Themen sein, an denen wir im Netzwerk Archiv der Zukunft in der nächsten Zeit arbeiten wollen. Es ist eines von mehreren Themen, die noch genauer zu formulieren sind, um sie dann mit Ideen und Geschichten in den Diskurs zu bringen.

III.    Gelingen und Scheitern

Eine gemeinsame Grundhaltung bei der Gründung des Archivs der Zukunft war, ins Gelingen verliebt zu sein. Es war und ist die Überzeugung, dass die Darstellungen dessen, was gelingt, die schärfste Kritik an der kulturellen, didaktischen und menschlichen Normalverwahrlosung vieler Schulen ist. Das Vertrauen auf die ansteckende Gesundheit des Lernvirus war und bleibt eine Antwort auf die verbreitete Resignation und die falsche Hoffnung, Reformen von oben brächten die Lösung.
Aber die andere Seite ist der Blick auf das Scheitern, aus dem ebenso gelernt werden kann und das nicht länger zu verstecken ist. Der Fehler ist schließlich das Salz des Lernens – und des Lebens. Gelingen, Scheitern und der Lob des Fehlers könnten also ein zweites großes Thema für die Zukunft sein. (Einen letzten Anstoß hierzu gab eine Eintragung von AdZ-Gründungsmitglied Lisa Rosa in den Kongressrückmeldungen auf unserer Internetseite.)

IV.    Nach dem Kongress

Nun sind wir bereits mitten im aktuellen Gewebe des Netzwerks kurz nach dem Bodensee-Kongress. Es war ein großartiges Ereignis. Nahezu 1.400 Teilnehmer waren nach Bregenz und elf weitere Orte rund um den See gekommen. Die Resonanz der Teilnehmer und Referenten hat immer noch etwas von der Heiterkeit und Freude, die an diesen Tagen in den Gesichtern zu lesen waren. Überhaupt: die frohen Gesichter. Die Intensität der Veranstaltungen mit fast 200 Referenten, Moderatoren und anderen Experten. Ein großartiges Fest auf den Hinterbühnen des Festspielhauses in Bregenz. Diese Stimmung trägt und steckt an. Sich zu engagieren, sich auszutauschen und zusammen zu handeln ist kein Opfer. Es ist die Lust in der Welt zu sein.
Der II. Kongress der Schulerneuerer, Lernaufwiegler und Bildungsreformer wird seine Wirkung haben. Sie lässt sich schon beobachten, wenn sich nun lokale Gesprächskreise bilden, wenn uns Teilnehmer berichten, wie sie auf der Rückfahrt in der Bahn begonnen haben, ihre Schule umzubauen.
Das Netzwerk wird personell und auch inhaltlich dichter. Inzwischen gehören mehr als 1.100 Personen, Schulen und andere Institutionen dazu.

V.    Polytik

Drei Wochen vor dem Aufstieg der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten hoch auf den Bildungsgipfel hat das Treffen der „Intelligenz der pädagogischen Praxis“ am Bodensee gezeigt, was zivilgesellschaftliche Politik diesseits der Politiker-Politik sein kann.
Gewiss, beide Politikformen, eine vielfältige Polytik und die staatliche Politiker-Politik schließen sich nicht aus. Schön, dass auch Bildungsministerin Annette Schavan den Kongress und das Netzwerk lobte, weil seine Mitglieder „nicht auf Reformen warten, sondern diese auf den Weg gebracht haben.“ Auf dem bildungspolitischen Kongress der CDU hob sie „die Bewegung um Reinhard Kahl und das Archiv der Zukunft" hervor, weil sie „die Realität gelingenden Schullebens eindrucksvoll dokumentiert und Modelle schafft, die auch für andere interessant sein können. So helfen sie, die Bildungsrepublik weiterzuentwickeln.“
Auch ungewöhnliche Bündnisse gehören zu den Grundideen unseres Netzwerks. Dass auch Künstler, Architekten, Psychotherapeuten, Unternehmer und andere bei unserem Kongress waren, gehört mit zu dem besonders Erfreulichen. Der pädagogische Inzest, auch ein reformpädagogischer, würde uns nicht weiterbringen.

VI.    Pragmatisches zum Kongress: Material, ein Forum und Fotos

Auf der Homepage findet man das Kongressprogramm gewissermaßen noch einmal gespiegelt. http://www.adz-netzwerk.de/Programm.php .
Wir bitten Referenten und Teilnehmer, zu den einzelnen Veranstaltungen Material zu schicken, seien es Vortragstexte, passende Essays, Notizen, Powerpoints o.ä. Diese Nachbreitungen sollen die Arbeit an den Themen weiter treiben. Bitte schicken Sie Ihr Material an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können .
Im Feedback-Forum gibt es schon viele Kommentare zum Kongress. Zuletzt haben sich Diskussionen über die Form entwickelt. Als erster wies Stephan Jansen, der Präsident der Zeppelin University, auf einen gewissen „performativen Widerspruch“ hin, wenn über neues Lernen überwiegend in traditionellen Veranstaltungsformen gesprochen wird. Diese wichtige Debatte geht weiter und soll, wie manche andere, auf unserer Strategiekonferenz, siehe unten, im neuen Jahr, zu Klärungen führen.
Fotografen haben Bilder vom Kongress gemacht. Sie sind jetzt in einer Galerie zu sehen: http://www.adz-netzwerk.de/galerie/
In einer Unterabteilung dieser Galerie gibt es auch Fotos einzelner Teilnehmer. Dieser Bereich ist Teilnehmern des Kongresses und AdZ-Mitgliedern vorbehalten. Kongressteilnehmer bekommen die Zugangsdaten per E-Mail geschickt. Mitglieder können die Daten, wenn Sie auf der Homepage eingeloggt sind, direkt abrufen: http://www.adz-netzwerk.de/Passwort-fuer-Foto-Galerie.php

Es wird eine Dokumentation zum I. und II. Kongress geben. Sie wird auf einer DVD die auf dem ersten und zweiten Kongress gezeigten Filme enthalten, sowie filmische Impressionen vom Bodenseekongress. Im Buch gibt es Essays und Interviews. Der viel beachtete Vortrag von Remo Largo wird als kompletter Videomitschnitt dokumentiert. Im Buch gibt es einen analogen Essay von ihm. Die Dokumentation erscheint Ende des Jahres und ist über www.archiv-der-zukunft.de zu bestellen.
In der 3sat-Sendung Kulturzeit  wird am Dienstag, den 21. Oktober 2008, 19.20 Uhr ein Beitrag über das Netzwerk und den Kongress gezeigt.

VII.    Wie geht es weiter?

Nach diesem großen Kongress sollten wir uns in der nächsten Zeit auf regionale Veranstaltungen und/ kleinere, thematisch begrenzte Colloquien konzentrieren. Zu welchen Themen? Einige Vorschläge sind gemacht: Lernbüro, Freiarbeit & Co. / Gelingen, Scheitern und das Lob des Fehlers. / Die Neuentdeckung des Übens – auch eine Intelligenz der Praxis. Wir bitten um weitere Vorschläge. 
Als erstes steht eine „Strategiekonferenz“ an. Wir wollen uns über das Netzwerk und seine Arbeit verständigen. Es ist ja noch eine junge Erfindung und – das muss man realistisch sehen – manchmal besteht es noch mehr aus Zuschreibungen als aus deren Realisierungen.
Es wird auch wieder einen großen Kongress geben. Vielleicht aber erst im Jahr 2010?
VIII.    Über all das ist nun zu beraten
Aber wie? Drei Möglichkeiten bieten sich fürs Erste an.

  1. Ein Internetforum Strategie & Zukunft oder per Mail Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können
  2. Eine Strategiekonferenz. Mit ihrer Vorbereitung werden wir im November beginnen. Sie soll im Frühjahr 2009 stattfinden. Sie wird nur so gut sein wie ihre Vorbereitung. Natürlich wissen wir, dass es gar nicht anders geht, als dass einige vorangehen und erst mal Arbeit investieren. Aber das sollten möglichst viele sein.
  3. Lokale Treffen. Der Vorschlag: Man suche sich ein Lokal oder Café und setze dort zu einem regelmäßigen Termin ein Jour fixe an. Zum Beispiel an jedem ersten Freitag des Monats um 17 Uhr im Café Zweistein in Dreibrücken. Vielleicht kommen dann 25 oder nur drei Leute. Auch drei können ein gutes Gespräch haben. Die nach Postleitzahlen gegliederte Mitgliederdatei wird dabei hilfreich sein.

IX.    Büro

Seit dem 1.10.2008 ist Caroline Messerschmidt Geschäftsführerin des Netzwerks.
Jöran Muuß-Merholz wird noch den Kongress nachbereiten. Er geht auf eigenen Wunsch und sucht nach noch größeren Herausforderungen. Wir verdanken ihm das Gelingen des Kongresses. Seine Fähigkeit Dinge und Menschen zusammen zu führen ist großartig. Chapeau!
Auch Praktikanten verabschieden sich nach dem Kongress aus der Geschäftsstelle. Wir bedanken uns herzlich bei Christina Birkner, Frauke Pohl, Kathrin Maleyka, Mareke Wirringa und Simon Borchers. Ohne sie hätte es den Kongress nicht gegeben. 

X.    Für Nichtmitglieder des Netzwerkes …

… endet der Newsletter hier. Aber wer bis hierher mitgegangen ist, sollte sich vielleicht doch als Mitglied verstehen!?
Wir brauchen Mitglieder, die mitarbeiten und wir brauchen natürlich auch Mitgliedsbeiträge. Denn so klein das Büro der Geschäftsstelle ist, das schon Großes geleistet hat, es muss finanziert werden. Deshalb immer wieder die Aufforderung: Werdet Mitglieder! Werbt Mitglieder! Dafür können wir keine DVD-Player, Reisewecker oder andere Prämiengeschenke versprechen, aber doch ein paar Creditpoints, die das Fegefeuer, falls es so etwas gibt, verkürzen. Und so wird man Mitglied …

XI.    Für Mitglieder des Netzwerkes:

Am 5. Oktober 2008 hat eine außerordentliche Mitgliederversammlung in Bregenz stattgefunden. Das Protokoll können Sie ab sofort herunterladen: http://www.adz-netzwerk.de/Mitglieder-Bereich/ (Sie müssen eingeloggt sein, um das Protokoll herunterzuladen.)
Es wurden Änderungen der Satzung beschlossen. Die neue Satzung finden Sie hier: http://www.adz-netzwerk.de/files/docs/adz/adz-netzwerk_satzung.pdf 
Rainer Naujoks hat sein Amt als Vorstandsmitglied (Schatzmeister) beendet. Er verantwortet weiterhin den Zahlungsverkehr im AdZ-Netzwerk.
Anja Gottwald wurde als neues Mitglied in den Vorstand gewählt. Herzlich Willkommen!



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