| Nach Fukushima |
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Warum wir so wie bisher nicht mehr weitermachen können - und vermutlich genauso weitermachen werden
Von Harald Welzer (aus der FAS vom 20.3.2011)
Der GAU in Japan hat für den Augenblick auch die Gewissheit kontaminiert, in der besten aller denkbaren Welten zu leben, in einer Welt des unaufhörlichen Fortschritts, die sich selbst von den Zwängen der Natur und damit der Endlichkeit befreit hatte. Dass ein Land fast ohne Rohstoffe die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein kann, schien uns ja schon lange nicht mehr als Absurdität, sondern als eine Selbstverständlichkeit. Im Augenblick des Desasters blitzt schlaglichtartig auf, dass so etwas wohl nur auf kurze Sicht möglich ist. Auch die Kernenergie entbindet nicht von der trivialen Tatsache, dass die Grundlage des Überlebens immer die Beziehung von Mensch und Umwelt ist. Der Traum der Moderne war es, sich vollständig von der Natur zu emanzipieren, aber das ganze artifizielle Zeug, all der Kunststoff, der Atommüll und die erdbebensichere Infrastruktur, hat in Japan jetzt den Gesamtzustand eines gigantischen Fallouts angenommen; eine verneinende Masse, die alle zivilisatorische Anstrengung lässig unter sich begräbt und Tod, Krankheit, Verwüstung, Depression und Vergeblichkeit zurücklässt. Man weiß noch nicht, was daraus wird: ob sich die katastrophenroutinierten Japaner auch daraus wieder hervorrappeln oder ob Millionen von ihnen fortan dazu verdammt sind, in jener "Zone" zu leben, aus der, weil alles verstrahlt ist, keiner mehr heraus- und keiner hineinkommt. Diese Vorstellung ist literarisch und filmisch oft vorgedacht worden, und dass Japan eine Insel ist, macht die Übersetzung der nuklearen Apokalypse in die Wirklichkeit nur einfacher: Die Verschonten in den anderen Ländern und Kontinenten können mit Schauer zusehen, was dort geschieht, und brauchen weder erhöhte Radioaktivität zu fürchten noch die Ankunft gefährlich verstrahlter ungebetener Gäste.
Eine reale Dystopie. Ich bin in den vergangenen Tagen oft gefragt worden, ob ich glaube, dass nun endlich der Punkt erreicht sei, an dem die Menschen aufhören, an die Versprechen des unaufhörlich wachsenden Wohlstands zu glauben, den Preis für dieses Versprechen zu hoch finden und umkehren zu einem anderen, vielleicht nicht ganz so bequemen und fremdversorgten Lebensstil. Ich glaube das nicht, leider. Und zwar deswegen, weil das hier der zweite GAU war und schon der erste nichts verändert hatte, weil die Sogwirkung eines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, das die unablässige Steigerung von Glück durch die unablässige Ausweitung der Konsumzone anbietet, so stark ist, dass sich ihr kaum noch jemand entziehen mag. Das Setzen auf Kernkraft ist ja nur ein Symptom für den prinzipiell unstillbaren Energiehunger dieses Gesellschaftsmodells; die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko im vergangenen Jahr, heute schon vergessen, ein anderes; alle anderen Desaster, die das Prinzip der haltlosen Ressourcenübernutzung anrichtet, kann man gar nicht aufzählen. Und die Ingenieure, Techniker, Wirtschaftspolitiker und Vorstände von Energieunternehmen liefern in ihrer atemberaubenden Phantasielosigkeit die immer gleiche Mitteilung, dass es sich bei all dem erstens um bedauernswerte Ausnahmen handele, die zweitens hier nicht vorkommen könnten, und dass drittens sowieso alles alternativlos sei, weil man ja nicht zurück in die Steinzeit oder ohne Lichter blabla...
Warum kann das alles immer wieder gesagt werden, ohne dass die Mehrheit der Bevölkerungen endlich ihr Einverständnis damit aufkündigt und zu Protest, Umkehr, Veränderung nicht nur aufruft, sondern diese auch praktiziert? Weil man mit unserer Leitkultur der Verschwendung und Verantwortungslosigkeit immer schon einverstanden ist, wenn man morgens mit dem Auto zur Arbeit fährt, sich am Wochenende in der Wellnessoase langweilt oder sich in den Flieger nach irgendwo quetscht, um an irgendeiner anderen Stelle des Planeten sinnlose Dinge zu tun.
Mit anderen Worten: Man ist mit den Großmanns und Theyssens, den Westerwelles und Merkels dieser Welt viel einverstandener, als man glaubt, wenn man sich gerade über sie empört: stellen sie doch die Benutzeroberfläche des Alles immer zur Verfügung, aus der man sich jederzeit gern selbst bedient.
Auf den zum User gewordenen Bürger wirkt der Umstand, dass es beim neuen iPad womöglich zu Lieferengpässen kommt, weil Japan notwendige Bauteile im Moment nicht liefern kann, am Ende schockierender als das Verrecken von Millionen von Menschen, und das ist auch gar nicht verwunderlich, weil er ja den neuen iPad haben wollen muss, damit der ganze Laden weiter funktioniert. Das Erreichen des Wendepunktes würde voraussetzen, dass man nicht mehr mitmachen will oder kann; aber wenn man aussteigt, wo zum Teufel landet man dann?
Das Perfide am kapitalistischen System und all seinen Wohlstands-, Gerechtigkeits-, Gesundheits- und Sicherheitsgewinnen ist ja, dass es jeden Aspekt des Daseins in Waren verwandeln kann und damit potentiell allen zugänglich macht, sofern sie nur das Glück haben, sie kaufen zu können. Es kann alles vereinnahmen und alle gleichmachen im globalen Glück des Konsums, aber weil es alles gleich-, nämlich kaufbar macht, hat es auch alle Alternativen zu ihm selbst zum Verschwinden gebracht. Der wirklich dramatische Befund, mit dem Japan uns konfrontiert, ist: Es gibt keinen Plan B, und deshalb werden die Japaner genauso an der Kernenergie festhalten wie alle anderen Industrienationen auch. Und sie werden es desto mehr, je knapper die Ressourcen und damit die Handlungsspielräume werden.
Jared Diamond hat in seinem Buch "Kollaps" gezeigt, dass Gesellschaften, die mit bedrohlichen Veränderungen in ihren Überlebensbedingungen konfrontiert sind, vor allem eins tun: Die Strategien intensivieren, mit denen sie zuvor, oft jahrhundertelang, erfolgreich waren. Wenn also die fruchtbaren Böden weniger werden, quetscht man mehr aus ihnen heraus und richtet sie desto schneller zugrunde. Wenn das Öl weniger wird, bohrt man in der Tiefsee und erhöht die Risiken, und wenn die Energie nicht reicht, baut man Atomkraftwerke in Erdbebengebiete. Gesellschaftliche Erfolgsmodelle enthalten die Blaupause für ihren eigenen Untergang, und neu ist bei all dem nur, dass die Spanne zwischen Aufstieg und Implosion kürzer wird: Die westlich-kapitalistische Gesellschafts- und Lebensform braucht nicht einmal drei Jahrhunderte, um großartige zivilisatorische Fortschritte zu erreichen und sich selbst zu zerstören. Eine künftige Lebens- und Überlebenskunst kann nur darin bestehen, das erreichte zivilisatorische Niveau in Sachen Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit zu halten und die Fehlentwicklungen - zukunftsfeindliche Energienutzung, grenzenlose Mobilität, die Kultur der chronischen Verfügbarkeit von allem - radikal zurückzunehmen.
Das erfordert aber erheblich mehr als das charakterlose Jammern über das Versagen von Techniken, die man selbst zu brauchen glaubt, oder die verlogene Betroffenheit beim Anblick dessen, was anderen geschieht. Gerade die obszöne Beliebigkeit politischer Entscheidungen, wie sie das japanische Desaster hierzulande freigelegt hat, sollte Anlass genug sein, sich künftig weder hinsichtlich seiner Gedanken noch seiner Verantwortung fremdversorgen zu lassen. Der GAU zeigt: Ressourcen sind so endlich wie Gesellschaftsmodelle, die diese schlichte Tatsache ignorieren. Die Komfortzone ist ab heute geschlossen. Harald Welzer, 52, lehrt am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und veröffentlichte zuletzt mit Claus Leggewie "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" (S. Fischer). |
