|
| Lieber tot als 13 |
|
|
Aus der Frankfurter Rundschau von Sylvia Meise "Der Streik ist verboten - wieso, glaubt ihr, hab ich das gestern so deutlich gesagt?" "Lehrer müssen ja dagegen sein", ruft jemand schnell, doch die darauf folgende Wortmeldung fällt ernsthafter aus: "Damit wir uns genau überlegen, was wir tun." Barbara Buchfeld, Leiterin der Offenen Schule Kassel-Waldau, nickt. Das Stichwort ihres heutigen Unterrichts in Klasse 9 lautet "Konsequenz". Nicht unbedingt ein Thema der ersten Wahl für 14- bis 15-Jährige. Der Schülerstreik allerdings ist eine Steilvorlage. Isabell erzählt von ihrem Dilemma, sich zwischen Streik und Mathe zu entscheiden. Paul empört sich über die Nachbarschule. Ruckzuck entspinnt sich eine lebhafte Diskussion, denn dort, sie wissen es von Freunden, wurden die Schüler vorsorglich eingesperrt. Die Konsequenz? Einige sprangen aus dem Fenster. Gerangel, Drohung mit Schulverweis. Ein typisches Erwachsene-gegen-Jugendliche-Szenario, das mehr Widerspruch auslöst als Nachdenken. In dieser Hinsicht haben die Pädagogen der Offenen Schule Waldau (OSW) längst ihre Hausaufgaben gemacht. Dass es hier früher einmal zuging wie an der Berliner Rütlischule, ist heute unvorstellbar, so ruhig und freundlich zeigt sich die integrierte Gesamtschule. Das ist nicht selbstverständlich, denn der Kasseler Vorort Waldau, aus dem ein Großteil der Schüler stammt, ist nicht von Bildungshunger und Kulturbetrieb, sondern von Arbeitslosigkeit und Drogenkonsum geprägt. "Gewalt, Klauen, Drogen - das gibt es bei uns alles, aber wir schauen nicht weg", sagt Schulleiterin Barbara Buchfeld. Sie bewies es drastisch vor drei Jahren, als sie die Drogenfahndung rief. Die Beamten filzten den gesamten Jahrgang 10 und führten einen Jungen mit satten zwei Kilo Amphetaminen ab. Der Schule verwiesen wurde er nicht, aber die Eltern mussten einen Zivi zahlen, der ihn während der Pausen betreute. Natürlich hat Perspektivlosigkeit Auswirkungen auf das Handeln von Jugendlichen. Wie schulmotiviert sie mit 16 Jahren sind, hat jedoch viel damit zu tun, welche Lernkultur sie im Alter von elf umgibt. Deshalb setzt die OSW auf selbstständiges Lernen, soziale Einbindung und attraktive Angebote. Ihre Grundhaltung entspricht der des Reformpädagogen Hartmut von Hentig, auch wenn die Schule andere Wege geht, als er es für die heiße Phase der Pubertät gefordert hat. Seine Vision lautet: "Entschulung", für zwei Jahre raus aus der Schule und rein ins Leben. Derzeit berät von Hentig die Potsdamer Montessori-Oberschule. Sie hat ein Waldgelände gepachtet, das unter Anleitung eines Landwirts entmüllt und bepflanzt wird. Als eine Klassenfahrt in das nur zwölf Kilometer entfernte Niemandsland ohne Klo, Licht und Musik angesagt wurde, waren die Jugendlichen entsetzt. Doch schon nach einer Woche waren sie Feuer und Flamme, erzählt Schulleiterin Ulrike Kegler. Wie das? "Sie haben gemerkt, dass es was Besseres gibt, als zu sagen, ‚Lieber tot als 13'", zitiert sie ihren Lieblingsspruch. Vor allem aber, "weil sie zusammen gearbeitet haben, weil es Mut erfordert, einen Baum zu fällen und schön ist, mit dem Kanu über den See zu fahren". Von Hentigs Botschaft ist, dass Jugendliche sich als Teil einer funktionierenden Gemeinschaft erleben. Das hat man auch in Kassel-Waldau beherzigt. "Wir sind so etwas wie eine Pubertätspräventionsschule", sagt Schulleiterin Buchfeld. Sie wollen Pubertät verhindern? Die Mutter von drei Söhnen lacht: "Nein, aber wir bilanzieren jedes Jahr, was wir tun müssen, damit die Schüler gut durch die Pubertät kommen." Das dreigliedrige Schulsystem halten viele Experten dagegen für eine regelrechte Pubertätsfalle, weil das Sortieren in verschiedene Schulformen und hohe Leistungsanforderungen ausgerechnet in dieser brisanten Zeit körperlicher und kognitiver Entwicklungen anfallen. An einer Gemeinschaftsschule wie der OSW lässt sich das auffangen. Erst in der 9 und 10 werden hier Leistungskurse eingeführt und die Stundenzahl erhöht. Fünftklässler erzählen, dass ihre Freunde am Gymnasium stöhnen, "weil sie immer nur Arbeiten schreiben". Das tun die OSW-Schüler zwar auch, aber offenbar stehen sie dabei nicht so unter Druck. Zudem setzt die Schule auf Sozialarbeiter. Sie organisieren geschlechtergetrennte Gruppentreffs für die Jüngeren, Sprechstunden und Freizeiten. "Einmal kam eine 13-Jährige und fragte, ob sie sich die Pille verschreiben lassen kann", erzählt Sozialarbeiterin Heike Puvogel. Einerseits war sie froh, dass das Mädchen überhaupt an das Risiko Schwangerschaft gedacht hatte. Andererseits erschien es ihr noch zu jung für eine solche Eigenverantwortung und hakte nach: "Willst du das wirklich?" Der ältere Freund drängte, kam heraus; und auch, dass es sich nicht traute, die Mutter anzusprechen. Schulsozialarbeit stützt auch die Lehrer, weil diese sich nicht selbst um Probleme kümmern müssen, die ihnen auffallen. Besonders gefährdete Jugendliche nehmen an Wochenend- und Ferienfreizeiten teil: Reiterhof für die Mädchen, Kanufahren für die Jungs. Finanziert wird dies durch Stadt, Land und Förderverein. Trotzdem bescheinigte der hessische Kultusminister Barbara Buchfeld beim letzten Besuch, ihre Schule sei ein Sparmodell - denn er weiß um die ökonomischen und sozialen Konsequenzen, die Jugendliche verursachen, wenn sie aus dem Ruder laufen.
Links
|
