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| Lehrer und Schüler - einige Gedanken zur Schulgemeinschaftsbildung |
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von Klaus-Jörg Ziolko Vorab: Liebe Leserin, lieber Leser, bitte übersetzten Sie beim Lesen „Lehrer" in „Lehrerinnen und Lehrer", „Schüler" in „Schülerinnen und Schüler". Es sind immer beide gemeint. Lehrer und Schüler, sie bilden im Wesentlichen die Schulgemeinschaft. Die Lehrer sind die Gebenden, die Schüler die Nehmenden. Die Begriffe „Bringschuld", mehr den Lehrern zugeschrieben und „Holschuld", mehr den Schüler zugeschrieben, erläutern dieses Prinzip. (Ich möchte hier anmerken, dass ich den Begriff „Schuld" in diesem Zusammenhang für problematisch halte. „Verpflichtung" ist ein weniger belasteter Begriff und erscheint mir angemessener. In diesem Sinn soll hier „Schuld" verstanden werden.) Sicher nehmen Lehrer auch von Schülern, lernt einer vom anderen, doch der Fluss geht vom Lehrer zum Schüler. Die Schüler werden versorgt. Die Älteren, die Vorangehenden einer Gemeinschaft, eines Staates überlegen, was an Kenntnissen, Fertigkeiten, Wissen, Werten vermittelt, was an Kompetenzen erworben, was an Entwicklungsprozessen initiiert, unterstützt, begleitet, gefördert werden kann und soll. Das war und ist in allen Kulturen so. Es ist ein Prinzip des menschlichen Gemeinschaftslebens. Lehrer setzen das um. Sie unterrichten. Sie vermitteln die Kenntnisse, das Wissen, das die Jüngeren nach Ansicht der Älteren in der Gemeinschaft, erwerben sollen, damit die Gemeinschaft mit diesen Werten fortbesteht und sich weiter entwickelt. Lehrer begleiten die damit einhergehenden Prozesse. Lern- und Entwicklungsprozesse gehen oft mit Krisen einher. Lehrer geben Rahmen, Orientierung, Halt. Menschlich sind Lehrer und Schüler gleich. Sie sind ohne Unterschied wert. In ihren Aufgaben und Verantwortungen in der Schule sind sie es nicht. Lehrer sind, wie erwähnt, die Gebenden und damit die Hauptverantwortlichen für Unterricht und Schule. Deshalb sind Lehrerinnen und Lehrer die Wichtigeren an der Schule. Ihnen muss es gut gehen. Geht es ihnen nicht gut, können sie nicht gut unterrichten. Fühlen sie sich immer wieder nicht wertgeschätzt, unter Druck, angefeindet, brauchen und suchen sie Schutz. Sie werden sich dann nicht öffnen. Die Begleitung der Lern- und Entwicklungsprozesse der Schüler braucht die Präsenz der Lehrerinnen und Lehrer. Präsenz ist aber ohne Offenheit nicht möglich. Unter den oben genannten Umständen sind also von Lehrerseite keine günstigen oder gar keine Voraussetzungen für die Begleitung von Lern- und Erfahrungsprozesse bei Schülern gegeben. Geben Lehrer äußerlich oder auch „nur" innerlich auf - ca. 30 % der Lehrer sollen derzeit Burnout-Symptome aufweisen -, brechen sie ggf. zusammen, bricht die Schule zusammen, sind die Schüler verloren. Kommt ein Schüler in eine ggf. existenzielle Krise, bricht er zusammen, so sind starke Lehrerinnen und Lehrer erforderlich, um Halt, Stütze Orientierung zu geben. Dazu braucht es innerlich erwachsene Lehrer. Ein in diesem Sinne erwachsener Mensch ist, wie das Wort „erwachsen" es ausdrückt, „herausgewachsen". Er ist nicht mehr vornehmlich auf das Erreichen von Zielen, nicht primär auf die Zukunft gerichtet. Er wendet sich in gewisser Hinsicht vom „Zukünftigen", In-Aussicht-Gestellten, von der zeiträumlichen Entwicklungsvorstellung ab und dem zu, was jetzt ist. Er stellt sich dem Augenblicklichen. Als Lehrer ist er im Jetzt der - pädagogischen - Realität. Er ist ganz bei sich und damit präsent. Dadurch ist er zugleich bei dem (oder den) anderen, bei den Schülerinnen und Schülern. Durchleben Schüler in der Begeleitung solcher Lehrer Krisen, fühlen sie Schwäche, wollen sie aufgeben, brechen sie zusammen, so sind präsente, starke Lehrerinnen und Lehrer da, die auffangen und begleiten. Das gehört zum Beruf eines Lehrers, ist selbstverständlicher Teil seiner pädagogischen Arbeit. Sind Lehrer aber nicht wirklich präsent, haben sie, aus welchen Gründen auch immer, selber aufgegeben, ist niemand mehr da um aufzufangen, zu begleiten. Eine solche Schule ist tot. Sie mag wohl existieren und noch befriedigende Resultate für Statistiken liefern, aber innerlich ist sie gestorben. Wie viele solcher Schulen mag es in Deutschland geben? Wir Lehrer reden viel über Schüler, oft klagend, ironisch, kopfschüttelnd, bemitleidend. Weshalb sprechen wir Lehrer so viel über Schüler und so wenig über unsere eigene Situation im Unterricht, in der Schule? Bedrängt uns nichts, haben wir keine Anliegen, obwohl wir vielleicht seit Jahren und Jahrzehnten in einem Schulsystem arbeiten, in dem Schüler bestenfalls durchschnittlich gut lernen, wie z.B. durch die PISA-Studie festgestellt wurde? Hat das, worauf die PISA-Studie hinweist, nämlich ermüdende und aushöhlende Unterrichtssituationen mit geringer Effizienz und Lebendigkeit, keine Auswirkung auf uns? Ist das alles spurlos an uns vorbeigegangen? Ist es wirklich tiefer Altruismus, wenn wir Lehrer wieder und wieder über Schüler reden, ihre Situation analysieren und ihre privaten Lebensumstände bedauern? Sind wir wirklich von Empathie durchdrungen, wenn wir sie ggf. als „Benachteiligte" bezeichnen und fortlaufend neue Unterrichtskonzepte ersinnen, für uns selbst aber psychosomatische Beschwerden und Burnout in Kauf nehmen statt wirklich für unsere eigenen menschlichen Bedürfnisse in der Schule einzutreten? Es gibt das Wort: „Was siehst Du den Splitter im Auge Deines Nächsten und nicht den Balken in Deinem Auge. Du Heuchler, ziehe zuerst den Balken aus Deinem Auge und siehe dann zu, wie Du den Splitter aus dem Auge Deines Nächsten ziehst". Das oben zitierte Wort weist auf Lebens- und Entwicklungszusammenhänge hin, auf eine tiefere Verantwortung, auf die Verantwortung für das eigene Leben. Wie kommt es, dass das kaum Berücksichtigung unter Lehrern, im Schulgemeinschaftsleben, in der Schulentwicklung gefunden hat? Noch einmal: Weshalb rede ich als Lehrer so viel über Schüler, über deren „Splitter im Auge"? Um den eigenen „Balken" nicht wahrzunehmen zu müssen? Was macht es mir so schwer über meine Bedürfnisse als Lehrer zu sprechen. Habe ich Angst? Ist Schule ein Ort der Masken und Etikette, des Scheins, des „So-tun-als-ob"? Vielleicht ist der „Balken" nicht im Auge, sondern auf, im Herzen des Lehrers. Vielleicht wurde und wird das Herz eines Lehrers in einer deutschen Schule immer wieder zusammen gedrückt - und hat der Lehrer das hingenommen. Wie ist es zu reden, wenn kaum einer wirklich zuhört. Wie ist es, wenn das, was ich anbiete, eigentlich wenig erwünscht ist. Wie ist es, wenn ich es trotzdem immer weiter anbiete, Jahr für Jahr, Jahrzehnte lang? Wie ist es, wenn ich immer wieder den Eindruck habe, dass meine Arbeit gering geschätzt wird? Wie ist es, in einem Feld zu arbeiten, das sich dadurch auszeichnet, dass ich öffentlich als „Fauler Sack", als „Hassobjekt" hingestellt werde? Wie ist es, wenn ich selbst über das schweige, was mich am tiefsten berührt und bedrückt? Wie kommt es, dass ich selber die Mauern errichte und stütze, die mich einengen und beklemmen? Für mich ist es an der Zeit, dass Lehrer von sich sprechen, dass unser Erleben im Vordergrund steht! Eine wirklich menschliche Schulgestaltung muss meiner Ansicht nach von denen ausgehen und von denen bestimmt werden, die den Unterricht machen, die für Schule und Unterricht „gerade stehen". Und das sind Lehrerinnen und Lehrer, niemand sonst. Dann kommen die Schüler. Und viele andere sind eingeladen, an der Schulgestaltung mitzuwirken. Auf diese Weise wäre das enorme Erfahrungspotential derer, die täglich mit den Schülern arbeiten, die wesentliche Basis für die überall propagierte Änderung der Schule. Dieses Erfahrungspotential wurde bis jetzt kaum in die Schul- und Unterrichtsentwicklung mit einbezogen oder überhaupt nur „gehoben". Kaum jemand hat danach gefragt. Aber ohne dieses Potential, ohne das Erleben und die Erfahrungen der Lehrerinnen und Lehrer als Basis, wird, so glaube ich, jede Veränderung eine Wiederholung des Alten sein. Schule wird sich dann genauso viel - oder wenig - wahrhaft verändern wie in den vergangenen 50 Jahren. Bewusste Veränderung braucht die vollständige Erfahrung derer, die tun. Und das sind in der Schule vor allem Lehrerinnen und Lehrer. Links
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