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Leave your mark on society! Drucken

Ein Theaterprojekt der Montessori-Schule Potsdam

ein Text von Armin Beber und ein Radiobeitrag vom DeutschlandRadio Kultur

Sie sangen ihren Protestsong im Supermarkt, verteilten Liebesgaben an Lokführer und kontrollierten als Weihnachtsmarktpatrouille den Weihnachtsmarkt: im Dezember 2007 sorgten über vierzig Jugendliche der Montessori-Schule Potsdam fast täglich für Aufsehen.

Ihre Kunst- und Theateraktionen mitten in der Innenstadt konfrontierten Passanten mit aktuellen politischen Themen. Dabei ging es den Jugendlichen nicht nur darum, ihre Meinung hörbar nach außen zu vertreten. Sie wollten auch herausfinden, ob Engagement etwas verändert: Haben wir etwas bewegt? – wollten viele wissen. Einig waren sie sich am Ende darüber nicht.

Die Dramaturgin Ulrike Leßmann und der Theatermacher Armin Beber waren sich einig: „Jugendliche haben viel zu sagen. Oft Kritisches, manchmal Unerhörtes. Aber nur selten bringen sie es so zum Ausdruck, dass es gesellschaftlich wahrgenommen wird“, schrieben die beiden in den IOS-Projektantrag. Hinzu käme die Skepsis gegenüber dem gesprochenen Wort, dem Streitgespräch, den langen Diskussionen. Reden bringt doch nichts! - sei ein gern gesagter Satz, übrigens nicht nur bei Jugendlichen. Dem würde das beantragte Projekt die Beschäftigung mit kulturellen und künstlerischen Widerstands- und Protestformen entgegensetzen. „Jugendliche, die auf ein Repertoire ästhetischer und künstlerischer Ausdrucksformen zurückgreifen können, haben deutlich bessere Chancen auf gesellschaftliche Teilhabe“, ist Ulrike Leßmann überzeugt. Es verschaffe ihnen Vorteile im Bemühen um öffentliche, also gesellschaftliche Aufmerksamkeit. Und es führe bei den Jugendlichen durch die intensive, etwas Bewirken wollende Auseinandersetzung mit anderen zu einer sensibleren Wertschätzung des gesprochenen Worts. Ihr Projekt, bei dem die Jugendlichen drei Wochen lang mit Künstlern arbeiten würden, anstatt im regulären Unterricht zu lernen, bekam als eines der ersten Projekte im Rahmen der „Initiative Oberschule (IOS) in Brandenburg die Zusage für die notwendigen Fördermittel. Wenige Tage später begann das Projekt.

"Leave your mark on society!" begann mit Reden. Kurzen 3-minütigen Statements, in denen die teilnehmenden Jugendlichen aus der Gruppe heraustraten, um zu sagen, was ihnen wichtig ist. Was sie beschäftigt. Was sie irritiert. Einmal gefragt, hatten die Jugendliche einiges zu sagen: zu geplanten Änderungen gesetzlicher Altersfreigaben im Bezug auf Alkohol, zu den streikenden Lokführern der Bahn, zum in der Türkei einsitzenden Marco, zu Möglichkeiten des Stromsparens, zu Diebstählen in der Schule und Gewalt unter Jugendlichen, zu den Ursachen von Kinderarmut in Deutschland… Jedem Eingangsstatement folgten zum Teil stundenlange Auseinandersetzungen mit dem Thema. Vier Beispiele aus diesen „dramaturgischen Sitzungen“, die von Ulrike Leßmann moderiert und von Regisseur Armin Beber und der Theaterpädagogin Caroline Nöding künstlerisch begleitet wurden:

Statement: „Mich nerven jeden Morgen die griesgrämigen, müden Gesichter im Bus. Ich würde als erstes den Alltag der Menschen verändern wollen. Oder sie aus ihrem Trott rausholen wollen.“
Reaktionen: Zweigeteilt. Fast die Hälfte stimmte zu und fand immer neue Argumente, weshalb man sein Leben jeden Tag neu gestalten sollte. Widerspruch gab es vor allem von den Jugendlichen, die Routinen im Alltag als Halt gebend empfinden. Alltag, so ihre These, könne auch etwas sehr Gutes sein. Die Diskussion mündete spontan in folgendem Spiel. Während die eine Gruppe Vorschläge sammelte, wie man Leute am Besten aus ihrem Alltag rausholen kann, übte die andere Hälfte, das sichere und stabile Tragen eines Menschen auf Händen. Jeder der später seine Vorschläge zu Alltagsausbrüchen in der Gruppe präsentierte, wurde dann ganz überraschend genommen und hoch in die Luft gestemmt. Auch Alltagsroutinen seien dazu geeignet, einem Menschen einen Kick zu geben, so die Idee dahinter.

Statement: „Ausgerechnet jetzt – kurz bevor wir 16 werden – sollen die gesetzlichen Altersfreigaben für alkoholische Getränke angehoben werden. Das passt uns überhaupt nicht.“
Reaktionen: Inhaltlich einigten sich die Jugendlichen schnell darauf, dass es darauf ankäme, ob man Alkohol in Maßen und verantwortungsvoll trinkt oder ob man das eben nicht schaffe. Klar sei allerdings, dass gerade die, die unbedingt Alkohol konsumieren wollen, sowieso an Alkohol herankämen. Die Gesetzesänderung bringe demnach nichts. In der Diskussion greift jemand den heiß diskutierten Vorschlag eines Politikers auf, der jugendliche Testkäufer engagieren wollte, um in Geschäften die Einhaltung des Jugendschutzgesetzes zu kontrollieren. Daraufhin zieht ein Teil der Jugendlichen los, um flashmobartige Testkäufe durchzuführen. Gelingt es der minderjährigen Mitschülerin, den Schnaps zu kaufen, prostet sich die im ganzen Supermarkt verteilte Gruppe freudig zu. Scheitert sie, beginnen alle zu singen: „Was sollen wir trinken, sieben Tage lang? Was sollen wir trinken, wir haben Durst!“ Mitgebrachte Flyer klären die Angestellten über die Idee dieser Aktion auf.

Statement: „Kinderarmut ist eines der drängenden Themen in Deutschland.“
Reaktionen: Der mit zahlreichen statistischen Daten untermauerte Kurzvortrag stellte vor allem die Frage der Verteilungsgerechtigkeit in den Mittelpunkt. Was heißt „Armut“ eigentlich? Was ist das „Existenzminimum“? Um diese Diskussion konkreter zu machen entwickelten die Jugendlichen innerhalb ihrer Gruppe ein eigenes Verteilungssystem. Anhand einer anonymen „Einkommenserklärung“ erhoben sie dabei zunächst die wichtigsten Daten. Wer verdient wie viel (Taschengeld, Ferienjobs, Geschenke und geldwerte Sachleistungen der Eltern), was ist das gemeinsame Bruttosozialprodukt? Dann trafen sie die ersten Entscheidungen. Bei welcher Summe soll die Armutsgrenze liegen, wo würden sie das Existenzminimum ansiedeln. Erstaunlicherweise entschieden sich die Jugendlichen für relativ geringe Summen, die wohl der politischen Realität entsprechen. Im nächsten Schritt entwickelten mehrere Arbeitsgruppen Vorschläge für ein gerechtes Verteilungssystem. Wer soll wie viel in die gemeinsame Kasse zahlen? Wer würde Anspruch darauf haben, aus dieser Kasse Unterstützung zu bekommen? Um den spielerischen Überlegungen einen ernsthaften Hintergrund zu geben, hatten alle zugestimmt, das entwickelte Modell auch umzusetzen. Steuern sollten also wirklich bezahlt werden und einige Mitschüler würden das Geld wirklich ausbezahlt bekommen. Was folgte war mit Abstand die längste Diskussion zu einem Thema. Lange war kein Modell mehrheitsfähig. Nach zwei Tagen aber stand schließlich ein Entwurf, dem die Mehrheit zustimmen konnte und auf dessen Grundlage wenig später erste „Steuerbescheide“ errechnet wurden.

Statement: „Warum können sich die Lokführergewerkschaft und die Deutsche Bahn nicht endlich einigen?“
Reaktionen: Die Frage führte schnell zu einer Idee für eine kleine Aktion am Potsdamer Hauptbahnhof. Mit kleinen Lokomotiven am Revers sammelten die Jugendlichen von wartenden Fahrgästen kleine Zeichen der Anerkennung für die Lokführer. Schließlich sei „Anerkennung“ das, was die Gewerkschaftler seit Wochen fordern würden. In kleinen Körben kam einiges zusammen, was Hand- und Hosentaschen so hergeben: Feuerzeug, Briefmarke, Taschentücher, Leporello, etc. Jeder einfahrende Lokführer dürfte sich daraus etwas aussuchen. Als Dankeschön von seinen Passagieren.
Jeder spendende Fahrgast bekam einen frankierten, an die GDL voradressierten Briefumschlag. Denn sollten sich die Gewerkschafter nach der ganzen Anerkennung immer noch nicht einigen, sollten alle Fahrgäste ihrem Unmut Luft machen dürfen.

Wie erreiche ich mit meinem Anliegen die Welt da draußen? Ergänzend zu den dramaturgischen Sitzungen fanden mehrtägige Workshops mit dem Schauspieler Jörg Isermeyer, Filmemacher Florian Dietrich, Choreographin Christa Cocciole und Aktivist Marc Amann statt. Profis, die auf ein vielfältiges Repertoire von künstlerischen und ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten zurückgreifen können. Profis, von denen sich die Jugendlichen was abschauen können, ohne bevormundet zu werden. Ihre Fragen und Ideen (Kann ich mit meinem Handy in Zeitlupe filmen? Ist es legal, wenn ich Totenköpfe auf Werbung für Kernenergie spraye? Schneeballschlacht auf der Brandenburger?!) führen zu Grundfragen und –techniken (Wie kann ich ein Handy als Kamera nutzen? Was zeichnet gutes Adbusting aus? Welche Spielansätze und Methoden haben andere Straßentheatergruppen bereits entwickelt). Die Künstler geben Input, um anschließend die jungen Erwachsenen dabei zu unterstützen, für ihre Argumente und Anliegen künstlerische Entsprechungen zu finden. Während die einen media-Markt Werbung politisierten, verkauften andere CO² in Tüten, damit der Klimawandel auch in Potsdam bald ankommt. Die Filmemacher zeigten ihre Anti-Happy-Slapping-Filme auf youtube.

Die künstlerische Form ist es, die vielen der beteiligten Jugendliche ein Heraustreten in die Öffentlichkeit überhaupt erst ermöglicht. Hervorzutreten und aufzufallen ist sonst eher peinlich. Das Arbeiten und Auftreten in der Öffentlichkeit, sowie der (provozierte und gewollte) Dialog mit Passanten war eine der größten Herausforderungen im gesamten Projekt. Ablehnende Reaktionen von Leuten, die sich nicht interessierten, sich gestört oder gar belästigt fühlten, oder aber Reaktionen von Menschen, die die Jugendlichen nicht ernst nahmen, sind normal. Dennoch immer wieder mit Größe und Offenheit auf Menschen zuzugehen, um sie anzusprechen, weil man überzeugt davon ist, etwas Wichtiges zu sagen zu haben, fällt leichter, wenn es einen formalen ästhetisch-künstlerischen Rahmen gibt, in dem man sich bewegt.

„Ich lief als Daywatcher neben einem Mann, der ziemlich zügig in ein Parkhaus lief“, erzählt der fünfzehnjährige Jacomo. „Ich sprach ihn an, als er gerade in sein Auto steigen wollte.“ Ich sei vom Institut für Alttagsbeobachtung und menschenfreundliche Kommunikation und hätte ihn die letzten Minuten beobachtet. Er meinte, dass dies gar nicht sein könne, weil er so zügig gelaufen sei. „Den Zettel hat er zerknüllt und mir zugeworfen.“ Die 9b hat für ihre Abschlussperformance ein wissenschaftliches Institut gegründet. Weil einer der Schüler davon genervt war, jeden Morgen gelangweilte Gesichter zu sehen, haben sich seine Mitschüler mit ihm daran gemacht, tagelang Menschen zu beobachten. Wie verhalten sich die Menschen im Alltag? Wie bewegen sie sich? Wie viel Zeit nehmen sie sich für Gespräche? Wie freundlich sind sie? Mit einem entsprechenden Fragebogen zogen die klar erkennbaren Mitarbeiter des Instituts los, um Passanten zu folgen und anschließend in Gespräche über ihr Alltagsverhalten zu verwickeln.

Auf Grundlage dieser Beobachtungsprotokolle entwickelten die Jugendlichen drei kurze Szenen, die im Institut mitten in der Innenstadt zu sehen waren:

  • Die Geschichte eines geschwätzigen Engels, der einen hetzenden Geschäftsmann solange von Managern vorschwärmt, die sich vorbildlich für ihre Kinder Zeit nehmen, bis der die Nerven verliert und der Engelsphantasie kurzerhand die Luft ablässt.
  • Ein Fotografin, deren Traum es ist, die Menschen zum Lächeln zu bringen. Während eines Foto-Shootings macht sie Jagd auf das Lächeln ihrer Zuschauer und lässt sie erst dann wieder gehen, wenn sie es mit der Kamera gebannt hat.
  • Alltagsroutinen in der U-Bahn: Kaffee, Zeitung, grußloses Ein- und Aussteigen. Als eines Tages die Zeitung nicht erscheint, fällt dem Arbeiter zum ersten Mal auf, dass auch noch andere Menschen in der U-Bahn sitzen. Er beginnt ein Gespräch.

Neben den Szenen galt es dem gesamten Institut einen wissenschaftlichen Anschein zu geben. „Ich arbeitete Teilzeit draußen auf der Straße als Daywatcher und drinnen forschte ich mit meinem Wissenschaftskollegen, warum Träume im Alltag immer wieder zerplatzen“, erzählt Jacob. Bei beiden Erlebnissen habe es positive wie negative Erlebnisse gegeben. „Besonders auf der Straße ist einem öfter Negatives passiert.“ Drinnen sei die Begegnungen mit den Leuten, welche die Arbeit wirklich ernst genommen hätten, dagegen sehr gut gewesen. „Manchmal konnte ich es überhaupt nicht glauben, dass mir zu einem Thema, welches wir uns selbst ausgedacht haben, so viel einfällt.“ Moritz, der sich damit beschäftigte, ob man sich am Alltag berauschen kann, erzählt: „Als wir die Alltagsrauschmaschine vorgestellt haben, fanden das viele lustig. So lustig, dass man dachte, die „Glückspillen“ würden wirken.“
Aber wurde am Ende wirklich was bewegt? Haben die vielen Aktionen einen messbaren Erfolg gezeigt? Die Jugendlichen sind geteilter Meinung. „Wir wollten mit den Menschen ins Gespräch kommen und genau das haben wir erreicht“, schreibt jemand in der Auswertung. Ein anderer schreibt: „Wenn es sich die Leute angeschaut hätten! Aber 85% und mehr haben sich dafür nicht interessiert.“ Auch sein Mitschüler klingt nüchtern. „Es könnte natürlich sein, dass sich unsere Eltern weiter damit beschäftigen. Aber bisher habe ich davon noch nichts gemerkt.“ Marie dagegen ist sich sicher: „Die eine Freude von einem Mann werde ich nie vergessen.“



Radiobeitrag über das Theaterprojekt vom Deutschlandradio Kultur vom 25.8.2008


Armin Beber
Spielleiter Theaterakademie
Theater Junge Generation
Meißner Landstr. 4
01157 Dresden
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Mobil: 0173-9705457



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