Kongresszeitung Ausgabe 5 Drucken

Nr. 5 vom 30. August 2011

In dieser Ausgabe: ++ „Anna tanzt“ 100 Schüler aus München ++ Nach Bregenz reisen, Anreise per Auto ++ Teilnehmerbereich mit Mitfahrbörse freigeschaltet ++ Yakamoz kritisiert das Bulimie- Lernen ++ Der Psychologe Städtler kritisiert es auch ++ Brecht über Haltung ++ Sitzen ++ Stühle ++ „Stirn und Nase“ Marco Wehr übers Lernen ++ Anmeldung zum Barcamp auf dem Kongress ++ Mike Sandbothes Kolumne ++ Theater träumt Schule ++

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Guten Tag,

Nun sind wir schon deutlich mehr als 1300, die sich in weniger als 50 Tagen auf der Arche Nova in Bregenz versammeln werden.

Neben denen, die sich im Internet täglich anmelden, sind jetzt 100 Jugendliche und etliche Erwachsene aus dem Münchner Projekt „Anna tanzt“ hinzu gekommen. „Anna tanzt“ ist vor Jahren aus einem Workshop mit Royston Maldoom hervorgegangen. Inzwischen im sechsten Jahr wurde diesmal unter dem Motto „Anna tanzt – Anna liebt“ Romeo und Julia in Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Staatsballett erarbeitet. Neben Schülerinnen und Schülern sowie Pädagogen des Münchner St. Anna Gymnasiums haben Jugendliche und Pädagogen aus BVJ Klassen (Berufsvorbreitungsklassen) der Münchner Berufschule für den Einzelhandel teilgenommen. Natürlich waren die Aufführungen für sie wichtig und die Aufführung soll auch in Bregenz wichtig sein. Aber was passierte auf dem Weg?

Die Münchner Hundertschaft soll nicht nur zu ihrem Auftritt kommen, sondern die ganze Zeit über dabei sein. (Darum bitten wir übrigens alle Referenten und Mitwirkenden: Bitte nicht nur zum eigenen Auftritt kommen!) Das kostet in diesem Fall allerdings 100 Plätze ohne Teilnehmergebühr. Das Münchener Schulreferat und die Amanda und Erich Neumayer Stiftung helfen. Das reicht zwar noch nicht, aber am Geld wird „Anna tanzt“ in Bregenz nicht scheitern. Wir sammeln weiter.

Barcamp

Auf dem Kongress wird es auch ein Barcamp geben. Organisieren wird es Guido Brombach. Er hat schon mehrere Barcamps für die NRW Regionalgruppe des Netzwerks Archiv der Zukunft in der internationalen Friedensschule Köln gemacht. Was ist ein Barcamp? Eine selbstorganisierte Arbeitsund Lernform. In dieser Ausgabe der KongressZeitung gibt es darüber mehr zu lesen. Auf dem Kongress kann man dann ein Barcamp im Festspielhaus Bregenz erfahren.

Das Barcamp wird am Freitag den 14. Oktober bereits am Vormittag, also vor dem eigentlichen Kongressprogramm, das am späteren Nachmittag los geht, beginnen. Es wird bis Samstagabend gehen. Es wird bestimmt ein eigensinniger Bestandteil des Kongresses werden. Das Barcamp wird an den Kongressthemen anknüpfen, sich in den Zwischenräumen einnisten und es wird auch Themen öffnen, die nicht auf der Agenda stehen.

Und dann haben wir die große Hoffnung, dass das Barcamp über den Kongress hinaus wirkt. Es soll an der anstehenden und gar nicht so einfachen inneren Vernetzung des Netzwerks mitwirken. Das Barcamp wird auf unserem Kongress also eine von verschiedenen Formen sein. Es bringt bestimmt nicht die Erlösung von allen bisherigen Kongressübeln. Aber es ist ein starker Versuch sich von der Tradition der säkularen Predigten zu verabschieden, die immer noch die Wahrheit von oben im Himmel herunter auf die Erde abseilen.

Das Barcamp kann also ein gutes Medium für das Empowerment der Intelligenz der Praxis werden. Anderseits gilt für unseren Kongress: Wer über ein Thema gearbeitet hat und etwas zu sagen hat, soll Zeit haben, auch viel Zeit, es zu entfalten.


Yakamoz

Kürzlich erschien in der ZEIT ein selten klarer Artikel. „Mein Kopf ist voll“. http://pdf.zeit. de/2011/34/P-Schule.pdf Geschrieben von der fünfzehnjährigen Hamburger Schülerin Yakamoz Karakurt. „Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums“, schreibt sie, „und ich habe ein Problem: Ich habe kein Leben mehr.“

Sie kommt um 16 Uhr aus der Schule und geht nicht vor 23 Uhr ins Bett. „Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spaß habe. Mein Kopf ist voll. Zu voll. Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen? Dabei gehe ich gern zur Schule“. Und sie hat lauter Einser und Zweier im Zeugnis. „Jeder weiß, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heißt, dass da was schief gelaufen sein muss.“

Yakamoz wird nach Bregenz kommen. Sie wird sprechen. Bei der Eröffnung. Große Freude.
Über Yakamoz Leiden hat Thomas Stäbler das Buch „Die Bildungs-Hochstapler – Warum unsere Lehrpläne um 90% gekürzt werden müssen“ geschrieben (Spektrum Wissenschaftsverlag, 2010). Stäbler ist Psychologe. Er hat in Beratungen und Therapien mit den Kollateralschäden eines auf Effizienz getrimmten Systems zu tun. Und dieser Kollateralschaden heißt Ineffizienz. Oder: Bulimie- Lernen. Auch Thomas Stäbler kommt nach Bregenz und wird daran mitarbeiten, die bulimische Unkultur trocken zu legen.

Die Diagnose ist eindeutig. Vielleicht sollte sie künftig Schulkonferenzen als Motto voran gestellt werden: „Alle Überprüfungen des Wissens, das junge Menschen fünf Jahre nach Schulabschluss noch besitzen, laufen darauf hinaus, dass das Schulsystem einen Wirkungsgrad besitzt, der gegen Null strebt.“ Das schreibt Gerhard Roth, Hirnforscher und Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes.

Yakamoz erlebt diese Unwirksamkeit so: „Wir sollen Maschinen sein, die funktionieren und das mindestens 10 Stunden am Tag. Aber funktionieren ist nicht gleich lernen. Lernen bedeutet nämlich vor allem eins: Erfahrungen sammeln.“ Mit Yakamoz Schlusssatz sollte unser Kongress beginnen. Erlautet: „Und jetzt kommen Sie. Was wollen Sie tun?“

Na, doch noch ein Satz der Fünfzehnjährigen: „Auf dem Gymnasium wird uns beigebracht eine eigene Meinung zu bilden, aber nicht wie wir sie äußern und damit etwas bewirken können.“

Zugespitzt heißt die Frage: Werden Schüler als leere Fässer behandelt, die gefüllt, oder als Flammen, die entzündet werden wollen?

Auch diesen Satz zitieren wir nicht zum ersten Mal und die ganze Frage ist überhaupt nicht neu. Francois Rabelais beantwortete sie bereit vor 500 Jahren: „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Flammen, die entfacht werden wollen.“ Ähnlich argumentierten bereits zweitausend Jahre zuvor Heraklit und Plutarch. Interessant, dass diese Forderung in Zeiten der Renaissance aufkommt. Die Wirksamkeit der Subjekte wird entdeckt. Heute haben wir beides: ihre Entdeckung und ihre Abdeckung. Nebenbei: Rabelais war Dichter, Arzt und Priester. Würde man so jemanden heute nicht verdächtigen eine multiple, also gestörte Persönlichkeit zu sein?


Haltungen

Die Fässer-Füll-Schule ist hoffnungslos auf den Stoff versessen. Aber die Inhalte, die sie nur vermitteln will, werden von den Adressaten so schlecht gehalten. Nur, was heißt für einen Menschen, der nicht leer ist, schon Inhalt? Und warum kommt die Frage nach seinem Körper, (gar seinem Leib) und nach seiner Haltung zu kurz?
„Haltung“ und „Üben“ werden auf dem Kongress ein Thema hinter vielen Themen sein. Haltung? Üben? Für viele sind das missverständliche, für andere antiquierte oder sogar verdächtige Worte.

Eine Annäherung über eine Keuner-Geschichte von Bert Brecht.
„Zu Herrn K. kam ein Philosophieprofessor und erzählte ihm von seiner Weisheit. Nach einer Weile sagte Herr K. zu ihm: „Du sitzt unbequem, du redest unbequem, du denkst unbequem.“ Der Philosophieprofessor wurde zornig und sagte: „Nicht über mich wollte ich etwas wissen, sondern über den Inhalt dessen, was ich sagte.“ „Es hat keinen Inhalt“, sagte Herr K. „Ich sehe dich täppisch gehen, und es ist kein Ziel, das du, während ich dich gehen sehe, erreichst. Du redest dunkel, und es ist keine Helle, die du während des Redens schaffst. Sehend deine Haltung, interessiert mich dein Ziel nicht.“

Brecht wollte das Philosophieren neu verstehen. Philosophieren als das Studieren, Kritisieren und Verändern von Haltungen. Ja, sein Philosophieren sollte eine Schule von Haltungen werden. Denn Haltungen gehen rationalen Überlegungen voraus. Sie sind etwas Materielles, etwas Körperliches. Nietzsche wusste das auch: „Der Leib ist eine große Vernunft“. Brecht nun sagt: Veränderung bedarf nicht nur bewusster Einsicht, sondern praktischer Übung, denn „das Weise am Weisen ist die Haltung“.

Bei Christof Subik (Universität Klagenfurt) findet man die Brechtsche Philosophie der Haltung näher ausgeführt: „An den Haltungen lässt sich konkret ablesen, wie weit sich bei einem der Kopf vom Leib getrennt hat, jemand auf dem Kopf steht oder auf den Füßen. (Es soll Leute geben, die es wundert, daß Leute, die auf dem Kopf stehen, leicht schwanken.)“

Noch einmal Brecht: Tu kam zu Me-ti und sagte: „Ich will am Kampf der Klassen teilnehmen. Lehre mich.“ Me-ti sagte: „Setz dich.“ Tu setzte sich und fragte: „Wie soll ich kämpfen?“ Me-ti lachte und sagte: „Sitzt du gut?“ „Ich weiß nicht“, sagte Tu erstaunt, „wie soll ich anders sitzen?“ Me-ti erklärte es ihm. „Aber“, sagte Tu ungeduldig, „ich bin nicht gekommen, sitzen zu lernen.“ „Ich weiß, du willst kämpfen lernen“, sagte Me-ti geduldig, „aber dazu musst du gut sitzen, da wir jetzt eben sitzen und sitzend lernen wollen.“ Tu sagte: „Wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen?“ Me-ti sagte: „Wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?“

Sitzen

Ein großes Ziel des Kongresses, das wir natürlich häufig nicht erreichen werden, aber dem wir uns annähern werden, ist, dass wir das, was wir wollen, auch tun, zumindest damit beginnen. Und dazu gehört auch das Sitzen. Dabei wird uns Hans Schlösser helfen. Er ist Geschäftsführer der Firma Kvartet (www.kvartet.de).

Sie stellt für Lernumgebungen und Lernlandschaften Möbel her. Aber auch andere Stühle und man möchte sagen Sitzinstallationen, die von den Brechtschen Gedanken inspiriert sein könnten. Aber die richtigen Dinge werden zum Glück mehrfach erfunden. Hans Schlösser, der stark von skandinavischen Schulen inspiriert ist, nennt die Möbel „Werkzeuge“. Ein Möbelwagen voller Werkzeuge wird sich vom nordrheinwestfälischen Lüdinghausen nach Bregenz aufmachen und ein Sitzlabor und manche Zwischenräume bestücken. Und weil ihm das alles gefällt, adz-Mitglied ist er schon lange, wird er künftig für jedes verkaufte Exemplar jener Stühle, Sitzeier und anderer Möbel, die in Bregenz stehen werden, dem Netzwerk Archiv der Zukunft einen Euro spenden. Auch das ist so eine Idee, die mehrfach erfunden werden könnte.


Nach Bregenz reisen

Wir haben mit der ÖBB, der DB und Intersky Sonderkonditionen für die Anreise zum Kongress ausgehandelt.

Deutsche Bahn
Die Deutsche Bahn ermöglicht Kongressteilnehmern für 99,- Euro (mit Zugbindung) oder 119,-Euro (ohne Zugbindung) hin und zurück zu fahren. Um an das Angebot zu kommen, buchen Sie Ihre Reise telefonisch unter der Service-Nummer +49 (0)1805 - 31 11 53 (14Cent/min) mit dem Stichwort: ADZ. Bitte halten Sie Ihre Kreditkarte zur Zahlung bereit. Sie erhalten über die Hotline auch einen Anschlussfahrschein nach Bregenz und zurück.

ÖBB
Auch mit der ÖBB haben wir einen Kooperationsvertrag abgeschlossen. Kongressteilnehmer erhalten 25% bzw. 60% Ermäßigung (mit Vorteilscard) auf die Bahnfahrt (Hin- und Rückfahrt) nach Bregenz. Das ÖBB Eventticket kann nur online unter event.oebb.at gebucht werden.

Intersky
Die Fluglinie InterSky bietet Kongressteilnehmern ermäßigte Flugtarife für die Reise zum Bodensee. Flüge gehen zwischen Friedrichshafen und Berlin-Tegel, Düsseldorf, Münster / Osnabrück, Hamburg, Wien (Schwechat) und Graz.
Kongressteilnehmer zahlen pro Strecke:

  • für internationale Flüge: EUR 49,- zzgl. Gebühren
  • für innerdeutsche Flüge: EUR 60,- zzgl. Gebühren
Buchung über InterSky Callcenter Telefon aus Deutschland: 07541/2869684 oder : +43 5574 48800 46. Bei der Buchung muss das Kennwort „ADZ-Tagung-Okt-11, Teilnehmer“ angegeben werden.
Eine Bezahlung ist nur mit Kreditkarte möglich (die aber nicht die des Passagiers sein muss). Umbuchungen sind grundsätzlich möglich (Bedingungen lt. Tarifklasse)

Das Archiv der Zukunft – Netzwerk dankt den Firmen für diese Angebote gegenüber den Kongressteilnehmern!
Weitere Informationen unter: www.adz-netzwerk.de/Kongress-2011-Hotels-Anreise-Co.php

Stirn und Nase

Den Hauptbeitrag in dieser KongressZeitung hat Marco Wehr geschrieben: „Stirn und Nase.“ Ein Essay über das Üben, die Haltung und das Lernen. Wir haben Marco Wehr in der vierten Ausgabe der KongressZeitung vorgestellt. Er wird zusammen mit Poppin Hood, Weltmeister im Electric Boogaloo am Erföffnungsabend die Tanzperformance Voodoo-Vibes auf die Bühne bringen. Marco ist Tänzer, Physiker und in Philosophie promoviert, also einer von der Art Francois Rabelais (siehe oben).
PS für die Norddeutschen: Am Sonntag den 4. September beginnt in Hamburg auf Kampnagel theater träumt schule. Der Hinweis auf der letzten Seite dieser Zeitung.

Reinhard Kahl

Anreise per Auto

Allen Teilnehmern die mit dem Auto anreisen, bieten wir bald eine Mitfahrbörse an. Weitere Infos demnächst in der KongressZeitung, auf Twitter und via Facebook.

Beim letzten Kongress in Bregenz haben wir vielfach den Wunsch gehört, dort begonnene Gedanken auszutauschen und Gespräche fortzuführen. Aus diesem Impuls heraus haben sich an bisher 13 Orten AdZ Regionalgruppen gebildet, in denen sich Mitglieder näher kennen lernen, austauschen und gemeinsam Projekte begonnen haben. Wir wollen dieses Weben des Netzwerks nun noch verstärken und auch zwischen den Kongressteilnehmern spinnen.

Dazu gibt es ab sofort einen Teilnehmerbereich mit einer Google Maps Karte aller bisher angemeldeten Teilnehmer. Wir aktualisieren diese Karte regelmäßig, so dass auch neue Teilnehmer dort erscheinen werden. (Die Teilnehmer die nicht dort erscheinen wollen, konnten das bei der Anmeldung angeben.)

In diesem internen Bereich können Sie sich auch zu Fahrgemeinschaften zusammenfinden und vielleicht so auf der Rückfahrt die Gedanken des Kongressprogramms weiterdenken. Durch Filtermöglichkeiten können Sie die Teilnehmer nach Mitfahrangebot und Mitfahrgesuch sortieren. Wenn Sie bereits jemanden gefunden haben, können Sie unter dem Menüpunkt „Einstellungen“ ihr Gesuch/Angebot wieder löschen. Auch wenn Sie nun spontan doch noch eine Fahrgemeinschaft bilden möchten ist dies unter dem Menüpunkt „Einstellungen“ möglich.
Der Teilnehmerbereich ist aus Datenschutzgründen nur für angemeldete Teilnehmer des Arche-Nova Kongress zugänglich. Zum Einloggen brauchen Sie ihre Teilnehmernummer (diese haben wir in der ersten E-Mail verschickt) und ihre PLZ oder ihren Namen.


Kinder mit Stirn und Nase

Ein Plädoyer für Beharrlichkeit und Eigensinn
“Nur Stirn und Nase“ antwortete Albert Einstein auf die Frage eines Journalisten, der wissen wollte, was ihn von weniger erfolgreichen Kollegen unterscheide. Die empfindliche Nase bräuchte er, um die wichtigen Fragestellungen zu erspüren, die harte Stirn, um sie gegen den Widerstand der Kollegen in die Tat umzusetzen, führte der theoretische Physiker weiter aus.

Von einer außerordentlichen mathematischen Begabung sprach Einstein nicht! Tatsächlich hielt er sich selbst auch nicht für ein mathematisches Genie. Können wir in pisageplagten Zeiten etwas aus dieser “Einsteinformel der Pädagogik“ lernen? Um den Wert dieser Formel für die Erziehung zu ermitteln, werden wir sie auf den folgenden Seiten in ihre Bestandteile zerlegen. Auf diese Weise erkennen wir ihre Gültigkeit und legen gleichzeitig offen, wie wenig Wertschätzung Beharrlichkeit und Eigensinn in der pädagogischen Praxis genießen, die immer häufiger einem fragwürdigen Begabungsbegriff zum Opfer fällt.


Die Nase

Liest man die Biographien von Menschen, die unser Denken in seinen Grundfesten erschüttert haben, dann bekommt man nicht selten das Gefühl, als hätten sich deren Leistungen einzig einem zwingenden logischen Schlussverfahren zu verdanken, bei dem die Forscher vorgehen wie der Detektiv Sherlock Holmes bei der Klärung eines undurchsichtigen Kriminalfalls. Der analytisch arbeitende Verstand funktioniert in diesem Zusammenhang wie ein chirurgisches Skalpell. Feinsäuberlich wird alles Überflüssige vom Wesentlichen getrennt, bis endlich die reine Struktur in kristalliner Klarheit vom Denker geschaut wird. Ein Sieg des logischen Denkens über das die Sinne verwirrende Chaos der Erscheinungen! Die Wirklichkeit sieht leider anders aus und die Überbewertung des logischen Denkens verdankt sich dem Wunschdenken der Biographen. Hört man den Genies selbst zu, dann sind deren Schaffensprozesse überhaupt nicht klar und stringent. Im Gegenteil: Träume, seltsame Gedankenexperimente, verschrobene Metaphern, Gedankenblitze spielen eine bedeutende Rolle und diese in unserer Wertschätzung nicht sonderlich geschätzten Denkfiguren sind die Vorboten geistiger Revolutionen.
Wolfgang Pauli, einer der Väter der Quantenmechanik, führte über diesen Punkt einen lange unbeachtet geblieben Briefwechsel mit dem Psychiater C.G. Jung in welchem die Nachtseite des Denkens – die Macht des Unbewussten – im Mittelpunkt stand und die erst kürzlich editiert und damit zur Kenntnis genommen wurde. Pauli war eine labile Persönlichkeit und man mag seine Wertschätzung des Intuitiven in Beziehung zu seinen psychischen Problemen setzen wollen. Doch Hinweise für die Wichtigkeit der Intuition, der Nase für die richtigen Fragestellungen, sind zu zahlreich, als dass wir es uns erlauben können, diese zu ignorieren. Einstein selbst ist bis zum heutigen Tage der unübertroffene Meister des bildlichen Denkens, des Gedankenexperiments. Wenn man Albert Einstein im Orginal liest, dann versucht er laufend, sonderlich anmutende Fragen zu beantworten: Was heißt es, auf einem Lichtteilchen zu reiten und währenddessen eine Taschenlampe anzuschalten oder auf seine Uhr zu schauen? Was bedeutet es, sich in einem fallenden Fahrstuhl zu befinden, der keine Fenster hat? Warum ist Gleichzeitigkeit für Menschen, die in einem schnell fahrenden Zug sitzen und durch einen Bahnhof rauschen etwas anderes als für die, die die Insassen besagten Zugs auf dem Bahngleis stehend betrachten? Fragen dieser Art waren die Kristallisationspunkte von Einsteins Denken, die in letzter Konsequenz zur Speziellen und Allgemeinen Relativitätstheorie geführt haben. Diesen merkwürdigen Denkfiguren eine mathematische Gestalt zu geben, war dann der zweite nicht weniger wichtige Teil seiner Arbeit, zu der ein gehöriges Maß an Ausdauer gehörte, worüber wir später noch sprechen werden.
Wenn man von den Großmeistern der Physik spricht, dann muss man auch Isaac Newton und James Clerk Maxwell erwähnen. Von Newton ist ja die Anekdote bekannt, dass ein fallender Apfel einen Gedankenblitz auslöste: Der Lauf der Planeten um die Sonne und die fallenden Gegenstände auf unserer Erde werden von einem einzigen Gesetz beherrscht: der Gravitation!

James Clerk Maxwell wiederum schuf eine umfassendes Formelgebäude des Elektromagnetismus – die Maxwellschen Gleichungen – das von einer solchen Eleganz und Schönheit ist, dass es ein bei Physikstudenten beliebtes T-Shirt gibt auf dem steht: „Und der Herr sprach: Es werde Licht! Und es ward Maxwell!“ Unter diesem Ausspruch stehen die vier besagten Gleichungen, in denen sich in einfachster Form ein beinahe unfassbares Wissen komprimiert. War wenigstens Maxwell ein ordentlicher logischer Denker. Mitnichten! Was die Fantasieprodukte seines arbeitenden Verstandes angeht, stellte er selbst Einstein in den Schatten. Um den anfänglich völlig abstrakten elektromagnetischen Feldern eine handhabbare Gestalt zu geben, dachte er über gigantische Wasserräder und Strudel nach oder konstruierte mechanische Modelle, die man anfassen konnte und genau wie Einstein brauchte er dann Jahre, um sich von den konkreten Bildern zu lösen und endlich eine exakte mathematische Darstellung zu finden.
Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Man denke nur an die Skizzenbücher von Leonardo da Vinci, an den Traum von Kekulé – eine Schlange, die sich in den Kopf beißt, an Watson und Crick, die Entdecker der DNA, die mehr Zeit in der Kneipe und auf Tennisplätzen verbrachten als im wissenschaftlichen Labor, oder an Poincaré, einen weiteren Titanen des 19. Jahrhunderts, der vom Erkenntnisblitz durchzuckt wurde gerade in dem Moment, als er geistesabwesend und frustriert von der Arbeit aus einem Zug stieg.
Was ist das, was all diesen Menschen gemeinsam ist? Dass sie kreative Gedanken haben und es zulassen, diese Gedanken zu haben, obwohl sie bereits erwachsen sind! Damit kommen zuerst zu der Frage, wie wir mit Kreativität unsere Kinder umgehen sollen und was die Gefahren sind, die die kreative Entwicklung bedrohen Kindern muss man Kreativität nicht beibringen, sie haben sie von Natur aus. Kinder begreifen die Welt im Spiel und das Spiel selbst ist eine kreative Leistung. Doch als Eltern und Lehrer nehmen wir natürlich auch unseren Erziehungsauftrag ernst und beginnen, Kinder mit bewährten Lösungswegen der Erwachsenenwelt vertraut zu machen. Das ist ein heikler Punkt, dem wir besondere Beachtung schenken müssen. Betrachten wir zwei Extrempositionen, um das Problem zu verdeutlichen:

Position 1
Wir leiten das Kind überhaupt nicht an und vertrauen darauf, dass es durch eigene Kreativität alle anfallenden Probleme selbst löst. Diese Herangehensweise ist vom Ansatz her vollständig verfehlt, da der Erfolg der gesamten menschlichen Kultur darauf beruht, dass Wissen von einer Generation auf die nächste übertragen wird. Genau aus diesem Grunde funktioniert das menschliche Gehirn so, wie es funktioniert. Die Besonderheiten unseres Denkorgans, die uns von anderen Lebewesen unterscheiden, sind beinahe ausschließlich dadurch zu erklären, dass Menschen Wissen von anderen Menschen vermittelt bekommen können. Hierzu zählt der Wissenserwerb praktischer Fähigkeiten durch Vormachen und Nachahmen, natürlich auch die Wissensvermittlung durch die gesprochene Sprache. Das Kind bei seiner Exploration der Welt alleine zu lassen und darauf zu vertrauen, dass es das Rad zum zweiten Mal erfindet und zudem herausbekommt, dass die Erde um die Sonne kreist, ist verfehlt. Genauso verfehlt ist auch das andere Extrem.

Position 2
Hier wird die Kreativität des Kindes als naives Herumstümpern aufgefasst, während wirkliches Wissen dem Kind am besten mit dem Nürnberger Trichter eingeflößt wird. Diese Herangehensweise ist so schlecht wie die erste, da sie eine elementare Tatsache außer Acht lässt: Ein Großteil des Weltwissens der Erwachsenenwelt ist vorläufiger Natur und muss in Zukunft durch leistungsfähigere Gedankenmodelle ersetzt werden. Diese neuen Gedankenmodelle werden fast nie von den Wissensbewahrern erschaffen, sondern von den heranwachsenden Generationen oder vereinzelten älteren Menschen, die sich eine Art kreativen Wahnsinn erhalten haben.
Im Grunde genommen haben wir es bei der Evolution von Welterklärungsmodellen mit einem Prozess zu tun, der an die Darwinsche Evolutionstheorie erinnert. Da gibt es auf der einen Seite eine überbordende Kreativität, auf der anderen Seite eine gnadenlose Auslese der Ideen durch die Wissensbewahrer, die sich nach Kräften Bemühen, neue Argumente zu entkräften. Eine einseitige Stärkung der Wissensbewahrer auf Kosten der Kreativen, bringt die Gedankenevolution zum Stillstand. Aus diesem Grunde müssen wir die Kreativität schätzen, auch wenn sie im Widerspruch mit tradierten Anschauungen steht.
Wenn diese beiden extremen Wege in die Irre führen, was sollen wir dann tun? Wir müssen einen austarierten Mittelweg wählen:
Natürlich sind wir als Pädagogen auf der einen Seite gefordert, dem Schüler Holzwege aus bestem Wissen und Gewissen vermeiden zu helfen. Man kann diese Bewahrungsstrategie geradezu als Gradmesser für die Qualität eines Lehrers verwenden. Ein guter Lehrer wäre demnach derjenige, dem es aufgrund eigener Erfahrung gelingt, seinem Schüler das Wissen so zu vermitteln, dass er in deutlich kürzerer Zeit an Ziel kommt als der Lehrer es selbst ursprünglich tat. Als ich begann mich vor 25 Jahren für Brasilianischen Samba zu interessieren, gab es in Deutschland niemanden, der mir hätte zeigen können, wie die grundlegenden Schritte funktionieren. Das einzige was ich vereinzelt sah, war ein furioses Wirbeln der Füße, völlig unmöglich in kurzer Zeit durch bloßes Zuschauen entschlüsselt zu werden. Ich habe wohl über 10 Jahre gebraucht, um herauszufinden, wie das alles funktioniert und bin dabei monatelang durch die Favelas von Rio de Janeiro und Salvador da Bahia gekrochen, teilweise in großer persönlicher Gefahr. Heute benötige ich etwa 10 Minuten, um meinen Schülern die Essenz dieser Reisen zu vermitteln, wobei sie dann allerdings etwa zwei Jahre üben müssen, um den besonderen brasilianischen Swing zu lernen.
Diese Komprimierung des Wissens hat für den Lehrer Konsequenzen. Er ist als Persönlichkeit gefordert: Es kann durchaus vorkommen, dass der Schüler den Lehrer überholt. Wie soll man als Lehrer damit umgehen? Das ist davon abhängig, auf welchem Niveau der Lehrer überrundet wird. Versagt der Lehrer schon im elementaren Bereich, ist er schlicht und ergreifend inkompetent und hat seinen Beruf verfehlt. Wird er aber auf hohem Niveau überholt, ist es das Beste, was ihm passieren kann, da es, wie gerade betont, seine Aufgabe ist, seinem Schüler kürzere und gangbarer Wege anzubieten.

Jetzt kommen wir zur Wertschätzung der Kreativität des Schülers. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Schüler bessere Ideen hat als sein Lehrer oder ein vermeintlicher “Fehler“ einen Entwicklungssprung auslöst. Auch in diesem Fall ist der Pädagoge als Mensch gefordert. Betrachten wir die „Fehler“, die eine Verbesserung darstellen. Fehler sind sie nur insofern, als sie nicht mit dem Gelehrten übereinstimmen. Der Lehrer kann nun auf seiner Sichtweise beharren. Auf dies Weise verhindert er einen echten Fortschritt und gleichzeitig verschlechtert er das Lernklima. Man kann das auch anders lösen. Im Tanzunterricht habe ich mir angewöhnt, eine Bewegung, die ich zwar nicht gezeigt habe, aber besser finde als das, was ich vermittelt habe, mit dem Namen ihres Schöpfers oder ihrer Schöpferin zu versehen und in Zukunft statt meiner Version unter diesem Namen zu unterrichten. Das hat sehr dazu beigetragen, das kreative Klima in meinen Kursen zu verändern und meine Souveränität als Lehrer hat dadurch nicht gelitten. Ich habe im Gegenteil sehr gute Erfahrung damit gemacht, wenn der Lehrer von den Schülern auch als permanent Lernender wahrgenommen wird. Wie wenig verbreitet diese Einstellung an unseren Schulen ist, mag eine kleine Anekdote unterstreichen: Ich kam vom eigenen Training verschwitzt in die Umkleidekabine unseres Tanzstudios, in der bereits zwei zwölfjährige Mädchen saßen, die auf den Beginn ihrer Stunde warteten.
“Warum schwitzen Sie so?“ wollten diese wissen “Weil ich den ganzen Vormittag geübt habe.“ „Ja, aber Sie sind doch Lehrer hier.“
„Gerade deshalb ist es wichtig, dass ich übe und mich vorbereite. Meine Schüler werden schließlich dauernd besser.“
“Das verstehen wir nicht. Unsere Lehrer üben nie. Nur wir Schüler sollen immer üben.“

Nun besteht das Lernumfeld unsere Kinder natürlich nicht nur aus einem einzigen Lehrer, sondern auch aus familiären Ansprüchen, dem allgemeinen Lernklima an der Schule und der geistigen Offenheit der Gesellschaft.
Wie ist es um diese Faktoren bestellt? Wird die zarte Flamme der Kreativität in diesem Umfeld gefördert oder droht sie zu verlöschen?
Im Augenblick neige ich zu einer pessimistischen Einstellung. Ich vertrete die Ansicht, dass kreatives und eigenständiges Denken an höheren Schulen und Universitäten keinen hohen Stellenwert besitzt.
An den Schulen ist der Lehrplan über alle Maßen aufgebläht und die Schüler müssen eine Wochenstundenzahl absolvieren, die jeden VW-Arbeiter längst in den Warnstreik getrieben hätten. In diesem System wird ein viel zu großer Wert auf Wissensvermittlung gelegt, obwohl der Umfang des Stoffs, der an den Schulen gelernt wird, im Vergleich zu dem, was dann an den Universitäten absolviert werden muss, marginal ist. Weshalb der Wissensvermittlung an der Schule trotzdem eine solche Bedeutung beigemessen wird, kann ich deshalb nicht nachvollziehen, vor allen Dingen, weil die Fülle des zu bewältigenden Stoffes die Schüler offensichtlich nicht besser macht. Beim letztjährigen Abiturtreffen habe ich meinem Deutschlehrer Michael Birker für den exzellenten Deutschunterricht gedankt, den ich im Leistungskurs genießen durfte. In einem Bundesland ohne Zentralabitur haben wir in 2 1/2 Jahren die Geschichte des Theaters behandelt, von der griechischen Tragödie bis zum absurden Theater. Gleichzeitig lasen wir die Schlüsseltexte der jeweiligen Epochen. Angereichert wurde unser Deutschunterricht durch Einführungen in die Kommunikationstheorie und die Rhetorik. Ich hatte in meiner Abiturklasse 20 Wochenstunden Unterricht. Umso mehr hat mich eine Aussage von Herrn Birker erstaunt, der heute Schulleiter eines großen Remscheider Gymnasiums ist. Er sagte, dass auch er mit Wehmut an diese Zeit zurückdenke. Ein solcher Stoff sei heute nicht mehr zu vermitteln, da den Schülern, das Niveau dazu fehle! Auch wenn das eine singuläre Einschätzung ist, macht diese Aussage nachdenklich. Wie kann es sein, dass Schüler die 38, manchmal 42 Stunden in der Schule sind, einen Stoff nicht mehr bewältigen, den wir „Faulpelze“ mit unseren 20 Stunden absolviert haben? Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen. Tatsache ist, dass wir an einem humanistischen Gymnasium einen Direktor hatten, bei dem die Menschenbildung im Mittelpunkt stand. Bei uns wurde teilweise bis an die Grenzen des erträglichen debattiert, teilweise gestritten und wir Schüler hatten auch keine Angst, uns mit den Lehrern anzulegen. Wir haben eine eigene Meinung vertreten, auch wenn sie im Widerspruch mit der der anderen Diskutanten stand. Zugegebenermaßen waren unsere Kenntnisse in der Mathematik, gemessen an dem, was in Süddeutschland Standard ist, marginal. Entsprechend groß war der Schock, als ich begann, in Tübingen Physik zu studieren, obwohl ich Physik in der elften Klasse abwählt hatte. Integrale, die ich als solche schon nicht gehabt hatte, standen im Exponenten einer e-Funktion, die dann auch noch Teile einer Matrix waren. Meine Mitstudenten schien das nicht zu schockieren, doch ich hatte den Eindruck Mayahieroglyphen entziffern zu müssen. Der Shock dauerte ungefähr ein Jahr, dann hatte ich mich rangerobbt. Doch meine Kommilitonen hatten andere Probleme: Einen Seminarvortrag frei zu halten, löste Angstzustände aus und auch mit den Professoren engagiert zu diskutieren, galt in den Naturwissenschaften als unüblich.
Genau aus diesem Grund habe ich die Atmosphäre an der Universität als wenig inspirierend empfunden, da es keinen wirklichen Gedankenaustausch zwischen Lehrenden und Lernenden gab und vermutlich bis heute nicht gibt. Deshalb verwundert es nicht, dass ich mit neugierigem Fragen einige Male böse auf die Nase gefallen bin. Einzelheiten findet man in meinem letzten Buch „Welche Farbe hat die Zeit?“ Der Student, der dort im Hörsaal ausgelacht wird, war ich selbst. Hätte es unter meinen zwanzig Hochschullehrern nicht zwei 3 1/2 gegeben, die anders gepolt waren, ich hätte mein Studium abgebrochen.
Die wenig offene Atmosphäre an Schulen und Universitäten spiegelt sich auch im Meinungsklima unseres Landes. Was ist folgenden vier Namen gemeinsam? Gerhart, Merz, Mechegge, Metzger. Gemeinsam ist ihnen, dass sie furchtlos einen eigenen Standpunkt vertreten haben, der sich nicht mit einem innerparteilichen Konsens deckte. Anstatt sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen, wurden sie kaltgestellt. Diese Vorgehensweise legt eine besondere Lesart von political incorrectness nahe: Poltisch unkorrekt sind Menschen, die Wahrheiten aussprechen, die niemand hören will.
Wie Denkverbote bei uns funktionieren kann man übrigens auch exzellent bei der Klimadebatte verfolgen. Obwohl eigentlich niemand versteht, worum es wirklich geht und sich nur wenige trauen (die bösen „Klimaleugner“) die Validität der verwendeten Computersimulationen in Frage zu stellen, werden Zweifler glatt gebügelt. Die Kritiklosigkeit gegenüber zweifelhaften wissenschaftlichen Ergebnissen zeigt sich in dem Umstand, dass selbst seriöse Zeitungen wie die FAZ nicht davor zurückschrecken, Aussagen über das Wetter in Baden-Württemberg im Jahre 2100 (!) zu machen, die sich auf eines Studie des Max-Planck- Instituts für Meteorologie in Hamburg beziehen. Schlimmer geht es nicht! Eigentlich müsste es einen entsetzten Aufschrei geben. Was passiert? Nichts! Und das in einer Zeit, wo wir in aller Bescheidenheit feststellen müssen, dass wir noch nicht einmal wissen, wie unsere Banken miteinander vernetzt sind, ein eher triviales System im Vergleich zum globalen Klima.
Die vermeintliche Kompetenz in der Zukunft die Geschehnisse vorauszusagen, ist auch in unserer Zeit ein Herrschaftswissen, das dem mittelalterlicher Hofastrologen oder den mit der Kalenderberechnung vertrauten Mayapriestern in nichts nachsteht. Und genauso, wie früher Abtrünnige bestraft wurden, werden heute Forscher, die eine Meinung vertreten, die dem Mainstream widerspricht, Forschungsgelder vorenthalten. Wie fundamental wichtig es aber ist, sich gegen diese monolithischen Meinungsblöcke zur Wehr zu setzen, erkennt man daran, dass im Gefolge der falschen Propheten Milliarden von Steuergeldern in fragwürdige Projekte investiert werden.
Zu unserer monolithischen Meinungskultur zählen übrigens auch die an der Universität üblichen Berufungsverfahren, die nach dem vom deutschen Physiker Herman Haken entwickelten Versklavungsprinzip funktionieren: Gleichgesinnte berufen Gleichgesinnte, die anschließend noch mehr Gleichgesinnte berufen. Diese qualifizieren sich über Veröffentlichungen in Journalen, wobei die Gleichgesinnten Gleichgesinntem tendenziell den Vorzug geben. Man darf berechtigte Zweifel haben, ob Kepler oder Kopernikus die Jahrzehnte an ihren Veröffentlichungen gearbeitet haben, unter diesen Umständen ihre Arbeit hätten leisten und veröffentlichen können.
Dieser kleine Exkurs sei zu entschuldigen, aber die Mauern, an denen sich ein kreativer Geist den Kopf aufschlagen kann, mussten skizziert werden, um zu zeigen mit welchen Widerständen man es aufnehmen muss, will man eigenen Gedanken Raum schaffen.
Damit kommen wir zu den beiden Bedeutungen von Eigensinn.
Nehmen wir das Wort wörtlich, dann impliziert es etwas anderes, als unser Sprachgebrauch vermuten lässt: Der Sinn für das Eigene hat eine Qualität, die sich deutlich vom störrischen Beharren unterscheidet. Der Sinn für das Eigene bedeutet, dass man sich seiner bewusst ist, dass man der eigenen inneren Stimme zuhört und sich nicht ohne weiteres von seinem Umfeld dominieren lässt. Für mich ist es ein wesentliches Ziel, jungen Menschen das Vertrauen zu geben, diese innere Stimme zu entdecken und dann auf sie zu hören. Das ist das, was Einstein mit seiner Nase bezeichnete. Doch auch die andere Seite des Eigensinns, das störrische Beharren, die maultierhafte Starrnäckigkeit, von der Einstein an anderer Stelle sprach, hat ihre Existenzberechtigung. Damit kommen wir nämlich zu Einsteins Stirn, der Beharrlichkeit und dem Mut seiner Stimme Platz zu schaffen.


Die Stirn

Wer glaubt, es reiche, einzig die Kreativität der Kinder zu fördern, ist auf dem Holzweg. Das hat zwei verschiedene Gründe. Der eine und das klingt in diesem Zusammenhang vielleicht erstaunlich, ist der beschränkten Verarbeitungskapazität unseres Arbeitsgedächtnisses geschuldet. Der andere dem konservativen Beharrungsvermögen unseres Umfeldes, das sich zeitweilig in Aggression verwandeln kann. Beide Punkte wollen wir erörtern.
Die beschränkte Kapazität unseres Arbeitsgedächtnisses ist der Grund, weshalb Übung für uns Menschen so wichtig ist, bedingt sie doch, dass wir immer nur mit einer beschränkten Anzahl von Variablen im Kopf gleichzeitig jonglieren können. Nun gibt es aber durchaus Unterschiede zwischen den Menschen. Einige haben Probleme zwei und zwei zusammenzuzählen, andere jonglieren mit den Formeln der Quantenmechanik und der Allgemeinen Relativitätstheorie. Es gibt Menschen, die können Hänschenklein auf dem Klavier nicht spielen, andere konzertieren mit Chopin, wobei die eine Hand Triolen spielt, die andere Achtel und Sechzehntel. Wieder andere können kaum einen Rhythmus mit den Fingern klopfen, während eine Handvoll Schlagzeugkoryphäen simultan vier völlig verschiedene Rhythmen auf vier verschiedenen Trommeln spielt und sich dabei noch über das Wetter unterhalten kann. Wie ist das möglich? Was ist das Geheimnis?
Das Geheimnis heißt Zuordnung und Bündelung. Zuordnung und Bündelung sind zwei der mächtigsten menschlichen Erkenntnisstrategien. Doch bevor wir dieses Geheimnis offen legen, müssen wir noch mal auf das beschränkte Arbeitsgedächtnis zurückkommen. Dass die Kapazität des Arbeitsgedächtnis beschränkt ist, weiß jeder, der Autofahren lernt: Kuppeln, Gasgeben, Lenken, Blinken, auf den Verkehr achten und gleichzeitig noch ein Gespräch führen, das überfordert am Anfang jeden Fahranfänger und führt zu den typischen Fahrfehlern. Besser wird es erst, wenn diese Prozesse in Fleisch und Blut übergehen, sich automatisieren und vom Bewusstsein ins Unterbewusstsein abtauchen. Man kann jetzt fahren, ohne darüber nachzudenken, problemlos mit dem Mitfahrer plaudern und gleichzeitig auf dem Lenkrad noch den Takt klopfen, wenn im Radio ein Lied läuft. Was ist passiert? Das, was am Anfang aus vielen unabhängigen Komponenten bestand, ist durch Übung zu einer Sache gebündelt worden, eben dem Autofahren. In meinem Bewusstsein sind jetzt nicht mehr eine Reihe von Partialfähigkeiten nebeneinander präsent, sondern nur noch eine: „das Autofahren“. Neben dieser stehen andere, die eigentlich gleichfalls aus vielen Komponenten bestehen und ursprünglich lange geübt werden mussten, um in Fleisch und Blut überzugehen: „das Sprechen“, „das Trommeln“, „das Mitsingen“ etc.. In dem Moment, wo ich also in meinem beschränkten Bewusstsein komplexe Fertigkeiten wie „Autofahren“, „Trommeln“, Sprechen“ nebeneinander ausüben kann, bewege ich mich auf einem höheren Abstraktionsniveau. Die ursprünglichen Einzelteile wurden gebündelt und dieser Bündelung wurde eine Art Platzhalter zugeordnet! Dieses Verfahren ist nun unverzichtbare Grundlage jeder Form von Könnerschaft und gleichzeitig unverzichtbare Basis von großen schöpferischen Ideen. Auch das wollen wir an zwei Beispielen konkretisieren. Wir betrachten den Physiker Albert Einstein und einen Klaviervirtuosen wie Keith Jarrett. Wie lange musste sich Einstein mit Mathematik beschäftigen, um seiner physikalischen Intuition, die sich in den oben angerissenen Gedankenexperimenten niederschlug, eine mathematische Form zu geben? Im Falle der Speziellen Relativitätstheorie waren es etwa zwanzig Jahre, im Falle der Allgemeinen Relativitätstheorie mindestens dreißig. Zu diesem Lernprozess gehörten wie bei jedem normalen Schulkind natürlich der Umgang mit den Grundrechenarten, später Differential- und Integralrechnung, Differentialgleichungen, lineare Algebra, Funktionalanalysis und zum Schluss auch noch Differentialgeometrie. Gerade mit der Differentialgeometrie musste sich Einstein jahrelang intensiv auseinandersetzen, um der Allgemeinen Relativitätstheorie ihre mathematische Form zu geben und glaubt man Einsteins eigenen Worten, so hat ihn diese Arbeit sehr viel Mühe gekostet.

Betrachten wir jetzt unseren Klaviervirtuosen. Alles beginnt mit einfachen Läufen auf der Tastatur, mit den Tonleitern, einfachen Stücken, dann folgen schwierigere, die immer höhere Anforderungen an die Motorik der linken und der rechten Hand stelle, endlich kommen welche, wo sich die beiden Händen in verschiedenen Taktarten bewegen können. Es wächst das musikalische Verständnis für die Werke, die gespielt und interpretiert werden. Nachdem sich ein Pianist wie Keith Jarret wohl an die zwanzig Jahre durch diesen Kanon von Fertigkeiten gearbeitet hat, kommen gekonnte Improvisationen, die auf diese verinnerlichten Grundbausteine wie selbstverständlich zurückgreifen, um sie als Mittel zu verwenden, der eigenen Befindlichkeit im Spiel einen spontanen musikalischen Ausdruck zu verleihen.

Wir sehen also, dass Einstein und Jarret eine Schulung von mindestens zwanzig Jahren (!) durchlaufen haben, bevor sie „ihrer Nase“ nachgehen konnten. Dafür ist tatsächlich Beharrlichkeit von Nöten, vor allen Dingen, wenn man sich anschaut, welche Form Lernkurven besitzen: Eigentlich befindet man sich beim Lernen ja die meiste Zeit auf öden Plateaus, auf denen kein wirklicher Fortschritt feststellbar ist. Nur selten tut es einen Ruck und man kommt einen Schritt weiter. Am einfachsten ist das Lernen übrigens am Anfang, weshalb es eigentlich „Aller Anfang ist leicht“ heißen müsste. Später muss man immer mehr Mühe investieren, um zu Fortschritten zu kommen, die am Anfang noch relativ einfach zu erzielen waren. Verständlich, dass diesen mühsamen Weg zur Könnerschaft gerade diejenigen beschreiten, die eine hohe intrinsische Motivation besitzen, da sie von einer kreativen Idee, einer persönlichen Vision geleitet werden. Den anderen droht das Schicksal der Dilettanten, Fanatiker und Phlegmatiker. Diese Unterscheidung stammt von dem Philosophen und Aikido-Meister George Leonard. Nach Leonard ist der Dilettant nur anfänglich begeistert und wechselt bei den ersten auftauchenden Schwierigkeiten direkt in ein anderes Lerngebiet. Der Fanatiker ist dessen Gegenstück. Tauchen Probleme auf, verdoppelt er die Anstrengung bis die selbst auferlegte Disziplin so groß wird, dass er unter der Aufgabe zusammenbricht. Der Phlegmatiker ist mit wenig zufrieden und sieht nach einer Zeit keine Notwendigkeit mehr an sich zu arbeiten, um sich zu verbessern.
Mit größerer Wahrscheinlichkeit kommt nur der zum Ziel, der den langen beschwerlichen Weg aus tiefster Überzeugung geht, sei es, weil ihm das Perfektionieren der Fertigkeiten als solches Freude bereitet oder weil er deren Unverzichtbarkeit erkennt, um ein persönliches Ziel erreichen zu können.

Halten wir fest, dass es durchaus 20 oder 30 Jahre dauern kann, bis man sich technisch so verfeinert hat, dass man den eigenen Ideen einen individuellen Ausdruck geben kann, egal ob in der Kunst oder in der Wissenschaft. Dazu braucht man eine gehörige Ausdauer! Diese ist aber auch im nächsten Schritt von Nöten, wenn man der persönlichen Vision endlich eine konkrete Gestalt gibt und sie sozusagen freigibt, damit sie ihren Weg vom Innen nach Außen antritt. Dann ist es selten so, dass einem die Masse der Mitmenschen dankend auf die Schulter klopft und für die wunderbare kreative Leistung gratuliert. Häufig ist das Gegenteil der Fall. Viele Menschen, die die Welt aus den Angeln hoben, wurden als Spinner verunglimpft und fanden keine adäquate Stelle. Man denke nur an Kepler, der in Tübingen nicht berufen wurde, an den Zahlentheoretiker Georg Cantor, an das Logikgenie Kurt Gödel. Man muss sehr dicke Nerven besitzen, um mit dieser teilweise Jahrzehnte anhaltenden Nichtanerkennung zu Recht zu kommen und weiterhin auf dem eigenen Standpunkt zu verharren Als Mann mit einem ausgeprägten Ego und einer starken „Stirn“ war Einstein in der Lage, mit solchen Situationen umzugehen. Viele andere verbitterten und manche, wie Ludwig Boltzmann oder Alan Turing, Menschen, die nicht weniger visionär waren als Einstein, nahmen sich das Leben, weil man ihren Leistungen die Wertschätzung versagte.
Nun sind natürlich nicht alle unsere Kinder prädestiniert ein Maxwell, Strawinsky oder Einstein zu werden und trotzdem bin ich der festen Überzeugung, dass Einsteins „pädagogische Formel“ für die Erziehung unserer Kinder eminent wichtig ist.

Fassen wir zusammen:
Es muss unser Ziel Sinn Eigensinn und Beharrlichkeit zu fördern. Von meinem eigenen Gefühl gibt es zumindest in Vorschule und Kindergarten viele Bestrebungen, das kreative Potential von Kindern zu entdecken und zu fördern. Auf den höheren Schulen und Universitäten wird dieser Ansatz aber zunehmend durch pure Wissensvermittlung überlagert, obwohl es, wie die Teilnahmzahlen an „Jugend forscht“ beweist, löbliche Ausnahmen gibt.
Viel schlechter sieht es bei der Förderung der Beharrlichkeit aus. Es ist bei uns leider Alltag, dass jede Form von Unlust von Eltern zum Anlass genommen wird, auf die Befindlichkeit der Kinder zu regieren. Das ist die Konsequenz: fünf Monate Ballett, dann ein Jahr Flöte, schließlich sieben Monate Tennis, dann Snowboarden, endlich doch lieber Surfen, dann Tai Chi etc. Das Resultat ist verheerend. Nicht nur, dass diese Kinder, vom Schulwissen einmal abgesehen, nichts richtig lernen. Viel schlimmer ist, dass sie nicht lernen zu lernen! Immer, wenn es beim Lernen ein bisschen ungemütlich wird, werden sie aus dem Lernprozess hinausgenommen. Das hat oft lebenslange Konsequenzen. Ich möchte hier nicht einer eindimensionalen Disziplinierung das Wort reden, bin aber sehr wohl der Meinung, dass man auch kleinen Kindern schon helfen kann einen gewissen Langmut zu entwickeln, der unabdingbar für späteren beruflichen und persönlichen Erfolg ist.

Noch pessimistischer bin ich, was die Förderung einer gewissen Frechheit angeht. Mit Frechheit meine ich nicht, sich ungezogen zu verhalten! Ich meine den Mut, seine eigene Meinung zu artikulieren und sich mit dieser durchaus auch in Widerspruch zu der von Eltern, Lehrern und Vorgesetzten zu stellen. In letzter Konsequenz sollen in diesem Widerstreit die besseren Argumente siegen. Einsichtig, dass Eltern, Lehrer und Vorgesetzte in einem solchen Prozess darauf verzichten müssen, eine Meinungsführerschaft zu haben, die sich aus der hierarchischen Stellung ergibt. Als ich mich um eine Promotionsstelle in Marburg bei Professor Dr. Peter Janich bewarb und wir uns das erste Mal persönlich unterhielten, fragte ich ihn, wie er damit zurecht käme, wenn ich in meiner Dissertation einen Standpunkt entwickeln würde, der seinem eigenen widerspräche. Seine mustergültige Antwort war: „Wenn ihre Argumente besser sind als meine, habe ich damit kein Problem. Aber ich werde mich zu wehren wissen“ In diesem Sinne ist es für mich ein vorrangiges Ausbildungsziel, den auch mit harten Bandagen geführten Diskurs an unseren Schulen und Universitäten wieder zu beleben und ein Gefühl bei den Lernenden zu wecken, dass ihre eigenen Beiträge wichtig sind und nicht Marginalien in einem zementierten Gebäude vermeintlicher Letztbegründungen.
Kreativität, Ausdauer und Durchsetzungsvermögen sind drei Ingredenzien für persönlichen Erfolg und müssen auf die Agenda der Ausbildungsinhalte zurückkommen!


Ein Barcamp auf der Arche Nova

Guido Brombach

„Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen.
Wenn aber zwei Menschen je einen Gedanken haben und diese tauschen, hat am Ende jeder zwei neue Gedanken.“ platon

Vom Neuen Lernen nicht nur träumen und reden, sondern es auch machen!

Was würde passieren, wenn der Konferenzplan leer blieb? Was würde passieren, wenn wir alle voneinander lernen? Wir würden uns auf unsere Stärken besinnen. Wir würden miteinander kooperieren und den leeren Raum gestalten. Wir würden in jedem Anderen einen Experten suchen, der dabei auf seine Weise helfen kann. Wir würden voneinander lernen, weil wir es können, weil wir den Freiraum haben, den ein lernender Mensch braucht.*

Haben sie Lust sich auf dieses Experiment einzulassen? Wir rufen nach dem pädagogischen Genie in uns, das von Erfahrungen, Leidenschaften und Fehltritten geprägt ist. Und wir haben ein Ziel: Kindergärten, Schulen und andere Lernhäuser sollen besser werden. Viel besser!

Dabei gibt gerade die Ergebnisoffenheit Raum für intensive Gespräche und das Unplanbare. Eine schon seit Jahren erprobte Veranstaltungsform ist aus einer Gegenbewegung zum vortragsorientierten Kongress entstanden. Sie heißt Barcamp. Es setzt auf die sich selbst organisierenden Kräfte in Gruppen. Ein Barcamp bringt Akteure ins Gespräch. Es soll ein Katalysator für Netzwerke im Archiv der Zukunft sein.

Viele von uns haben lehrreiche Erfahrungen bei der Gestaltung von Lernumgebungen gemacht. Sie machen Mut. Auf dem Barcamp können sie davon erzählen. Das begeistert andere. Ein Barcamp lebt von der Beteiligung seiner Teilgebenden – und eben nicht nur seiner Teilnehmenden. Ein Programm im herkömmlichen Sinne gibt es nicht. Die Teilgebenden bringen ihre Präsentationen oder Vorschläge für Diskussionsrunden mit. Die Reihenfolge der Runden wird vor Ort geplant. Man rammt sozusagen einen Pfosten in die Erde. Darauf stehen Ort und Zeit. Dann kommen Menschen für einige Zeit zusammen. Sie lernen voneinander. Das klingt etwas chaotisch, ist es oft auch, aber wenn es funktioniert, dann funktioniert es.

Trotz aller Offenheit gibt es Strukturen: Zu Beginn stellen sich alle Teilnehmenden kurz vor. Zumeist anhand von 3-5 Schlüsselwörtern. Die wecken das Interesse anderer. Dann, während der Sessionplanung, stellen diejenigen, die eine Session leiten möchten, ihr Thema kurz vor. Per Handzeichen werden die Interessenten ermittelt. Sie bekommen einen passenden Raum. Es wird ein Sessionplan erstellt. Ein Wegweiser führt durch den Tag. Die Sessions dauern 45 Minuten. Man kann auch einen zweiten Slot anschließen, um die Zeit auszudehnen.

Eine Session kann ein Vortrag, eine Podiumsdiskussion, ein Hands-on-Workshop oder auch ein Theaterstück sein. Den Formen sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt kein Gremium, das im Vorfeld Sessions setzt oder eingereichte Vorschläge ablehnt. Die Teilgebenden bestimmen mit ihren Füßen vor Ort über die Relevanz. Wer kommt, der gilt. Um die Vorfreude auf das Unplanbare zu schüren, können schon jetzt Vorschläge gemacht werden. Dabei muss es sich nicht nur um eigene Angebote handeln, sondern auch um Wünsche. Es wird sicherlich jemanden geben, die oder der dazu eine Session organisieren könnte.

Das Barcamp soll am Freitag morgen um 10:00 Uhr vor Beginn des Kongresses im Festspielhaus beginnen und um 16:00 Uhr vor der Eröffnung der Arche Nova enden. Am Samstag soll das Barcamp zur Begleitung des Kongresses wieder aufgenommen werden und es wird am Abend enden. Ein ständig aktualisierter Sessionplan wird auf einer Tafel alle Kongressteilnehmenden und teilgebenden über die Angebote im Barcamp sowohl am Freitag als auch am Samstag informieren.

In den letzten 2 Jahren haben die Regionalkonferenzen in NRW mit Barcamps experimentiert. Die Früchte können unter www.adz-netzwerk.de/Die- AdZ-Regionalgruppen-knuepfen-das-Netzwerk-enger. php gepflückt werden.

Anmeldung zum Barcamp

Über den neu eingerichteten Teilnehmerbereich auf unserer Homepage können Sie bereits jetzt Ihr Interesse am Barcamp anmelden. Dort können Sie auch Vorschläge und Wünsch skizzieren. Vorschläge können natürlich auch später noch gemacht werden. Diese Vorabanfrage soll heraus zu finden, wie groß das Interesse ist und welche Themen in der Luft liegen.
Wir wären also dankbar, wenn Sie ihr Interesse gegebenenfalls bald bekunden, damit wir die nötigen Kapazitäten besser einschätzen können. Die Teilnahme am Barcamp vor Kongressbeginn ist für Kongressteilnehmer kostenlos.
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Alle eingereichten Sessions können hier eingesehen werden:
http://openetherpad.org/barcampbregenz

* Zu diesem Absatz mailte Reinhard Kahl an Guido Brombach: „Ich finde die hypothetische Frage, was wäre wenn der Kongressplan leer wäre, nicht schlecht. Aber er ist ja nicht leer. Und wenn es ein Grundgesetz des Lernens gibt im - Gegensatz zum Belehren – dann doch, dass Lernen immer Anknüpfen heißt, an sich selbst, an den anderen und an der ganzen fraktalen Pluralität des umherschwirrenden Wissens.“ Guido Brombach antwortete: „Ja, das sehe ich ähnlich.“


Mike Sandbothes Kolumne

ON THE ROAD AGAIN

Mediensucht und Gegenbewegungen

Seit ein paar Tagen bin ich wieder am Schreibtisch in Hamburg. Zuvor war ich für eine Woche „on the road“. Und wie es nicht anders sein kann: auch unterwegs ist mir die Arche begegnet.

Computerspiele und Improvisationstheater

In Erfurt zum Beispiel. Dort hatte ich ein Treffen mit Martin Ritter. Er ist Referent für Bürgerrundfunk und Lokalfernsehen in der Thüringer Landesmedienanstalt. Wir hatten uns auf ein Bier verabredet und zwar in seiner Lieblingskneipe. Die heißt „Noah“ und befindet sich in einer kleinen Gasse nahe dem Domplatz in der Erfurter Altstadt. Damit aber nicht genug der Koinzidenzen: die kleine Gasse heißt auch noch „Große Arche“.
Am Morgen danach habe ich mit Martin Geisler einen Spaziergang durch den Erfurter Steigerwald gemacht. Geisler leitet das Institut für Computerspielpädagogik SPAWNPOINT (www.ics- spawnpoint.de). Schon als Kind ist er durch „den Steiger“ gestromert und kennt die meisten Kobolde, Feen und sonstigen Elfen dort persönlich. So kamen wir auf zwei seiner Lieblingsthemen: Computerspielwelten und Improvisationstheater.

Cross Media

In Bregenz möchte er beides verbinden. „Cross Media“ nennt man das heute. Ich zitiere aus seinem Exposé: „In vielen Computerspielen dringen wir als Fremde in die Wohnungen von Unbekannten ein. Selten ist jemand zu Hause. Doch finden wir Hinweise auf die Bewohner.“ Diesen Hinweisen wollen Geisler und seine Kollegin Kathrin Heinrich in ihrem Bregenzer Beiboot am Freitag (14. Oktober 2011) von 10.00 bis 16.00 Uhr nachgehen. Die Teilnehmer können sich so ein Bild von den Menschen machen, die in den virtuellen Behausungen ihre Spuren hinterlassen. In einem zweiten Schritt sollen dann – am Samstag oder Sonntag - Geschichten aus dem Leben der Phantasiebewohner in Szene gesetzt werden; und zwar auf einer der ganz realen Probebühnen des Festspielhauses.
Dazu fällt mir eine Email ein, die auf meinem Schreibtisch im AdZ-Büro liegt. Frederike Sommerfeld hat sie geschrieben. Zusammen mit Michael Walter, Hamster Damm und Jan Rooschütz arbeitet sie in der Berliner PLAYSTATION REALITY (www.playstationreality. de). Das Team hat „acht verschiedene Medienprojekte für die Kooperation mit Schulen und Jugendeinrichtungen im Angebot“. So werden zum Beispiel in STARWOODS menschliche Avatare kreiert, die im realen Raum „ein theatrales Computerspiel mit dynamischen Regeln“ aufführen. Auch hier dient also das Improvisationstheater als Schnittstelle zwischen analoger und digitaler Lebenswirklichkeit. Interessant für die ARCHE?

Stronger Children

Szenenwechsel vom Erfurter Steigerwald zum Jenaer Marktplatz. Gespräch mit Erich Schäfer. Von diesem stammt der schöne Satz: „Mit der Qualität ist es wie mit der Zeit. Wenn man nicht darüber nachdenkt, glaubt man zu wissen, was Qualität ist. Fängt man jedoch an, sich damit auseinanderzusetzen, so schwinden die vermeintlichen Gewissheiten.“
Die Sonne scheint auf das Hanfried-Denkmal. Wir befinden uns im Zentrum der „Lichtstadt Jena“. Schäfer arbeitet hier als Professor am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule. Zusammen mit Antje Ebersbach vom Thüringer Volkshochschulverband wird er in Bregenz von Erfahrungen berichten, die derzeit in sieben europäischen Ländern mit „Daphne“ gemacht werden. Dabei handelt es sich um ein von den beiden mit entwickeltes „Trainingsprogramm für Vorschulkinder zur Förderung der sozial-emotionalen Kompetenz“ (www.stronger-children.eu).

Mediensucht

Natürlich hängt das alles irgendwie zusammen: die Unterrichtsqualität, die Computerspiele, das Theater und die Trainingsprogramme. Das wird mir klar als ich zwei Tage später mit Natalie Fegner und ihren KommilitonInnen im Kölner „Vapiano“ Spaghetti esse. Die vier studieren Medizinökonomie an der Rheinischen Fachhochschule und bereiten mich auf ein Streitgespräch vor, das ich am 17. September mit dem Blogger Marcus Bösch führen soll. Fegner wird es moderieren und das studentische Backstage-Team ein paar selbstgedrehte Videos (Modell „Hart aber fair“) einspielen. Ich bin gespannt! Das Ganze findet am 17. September in Spandau statt und stellt den Abschluss der „Vierten Berliner Mediensucht-Konferenz“ dar (www. mediensucht-konferenz.de).
Na klar: Mediensucht - dieser Begriff bildet die Brücke. Immer mehr Eltern verbringen auch und gerade in den eigenen vier Wänden immer mehr Zeit vor den digitalen Bildschirmen. Die sozial-emotionalen Kompetenzen ihrer Kinder werden dadurch nicht gerade gefördert. Also Trainingsprogramme. Und für alle, die viel Zeit in und mit Computerspielen verbringen: Improvisationstheater. Oder mit den Worten von Frederike Sommerfeld: „Mit PLAYSTATION REALITY schaffen wir Spielräume, in denen über theatrale Mittel eine Auseinandersetzung mit der rasanten Entwicklung der Medientechnologien stattfindet.“

Gegenbewegungen

Die Auseinandersetzung mit dem Internet wird viele Veranstaltungen auf der Arche Nova in Bregenz durchziehen. Das Netz wird unsere Debatten aber nicht dominieren. Trotz seines (für ein technisches Verbreitungsmedium) relativ zarten Alters – vor zwei Wochen hatte es seinen 20. Geburtstag – überformt es unseren Alltag bereits genug. Unser Interesse sollte auf die Stärkung von medienökologischen Ausgleichs- und Gegenbewegungen zielen. Sie werden gerade von den jüngeren Generationen zunehmend verlangt und selbst entwickelt.

Mike Sandbothe

Einladung zu Theater träumt Schule



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