| Kongresszeitung Ausgabe 5 |
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Nr. 5 vom 30. August 2011 In dieser Ausgabe: ++ „Anna tanzt“ 100 Schüler aus München ++ Nach Bregenz reisen, Anreise per Auto ++ Teilnehmerbereich mit Mitfahrbörse freigeschaltet ++ Yakamoz kritisiert das Bulimie- Lernen ++ Der Psychologe Städtler kritisiert es auch ++ Brecht über Haltung ++ Sitzen ++ Stühle ++ „Stirn und Nase“ Marco Wehr übers Lernen ++ Anmeldung zum Barcamp auf dem Kongress ++ Mike Sandbothes Kolumne ++ Theater träumt Schule ++ Guten Tag, Nun sind wir schon deutlich mehr als 1300, die sich in weniger als 50 Tagen auf der Arche Nova in Bregenz versammeln werden. Neben denen, die sich im Internet täglich anmelden, sind jetzt 100 Jugendliche und etliche Erwachsene aus dem Münchner Projekt „Anna tanzt“ hinzu gekommen. „Anna tanzt“ ist vor Jahren aus einem Workshop mit Royston Maldoom hervorgegangen. Inzwischen im sechsten Jahr wurde diesmal unter dem Motto „Anna tanzt – Anna liebt“ Romeo und Julia in Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Staatsballett erarbeitet. Neben Schülerinnen und Schülern sowie Pädagogen des Münchner St. Anna Gymnasiums haben Jugendliche und Pädagogen aus BVJ Klassen (Berufsvorbreitungsklassen) der Münchner Berufschule für den Einzelhandel teilgenommen. Natürlich waren die Aufführungen für sie wichtig und die Aufführung soll auch in Bregenz wichtig sein. Aber was passierte auf dem Weg? Die Münchner Hundertschaft soll nicht nur zu ihrem Auftritt kommen, sondern die ganze Zeit über dabei sein. (Darum bitten wir übrigens alle Referenten und Mitwirkenden: Bitte nicht nur zum eigenen Auftritt kommen!) Das kostet in diesem Fall allerdings 100 Plätze ohne Teilnehmergebühr. Das Münchener Schulreferat und die Amanda und Erich Neumayer Stiftung helfen. Das reicht zwar noch nicht, aber am Geld wird „Anna tanzt“ in Bregenz nicht scheitern. Wir sammeln weiter. BarcampAuf dem Kongress wird es auch ein Barcamp geben. Organisieren wird es Guido Brombach. Er hat schon mehrere Barcamps für die NRW Regionalgruppe des Netzwerks Archiv der Zukunft in der internationalen Friedensschule Köln gemacht. Was ist ein Barcamp? Eine selbstorganisierte Arbeitsund Lernform. In dieser Ausgabe der KongressZeitung gibt es darüber mehr zu lesen. Auf dem Kongress kann man dann ein Barcamp im Festspielhaus Bregenz erfahren. Das Barcamp wird am Freitag den 14. Oktober bereits am Vormittag, also vor dem eigentlichen Kongressprogramm, das am späteren Nachmittag los geht, beginnen. Es wird bis Samstagabend gehen. Es wird bestimmt ein eigensinniger Bestandteil des Kongresses werden. Das Barcamp wird an den Kongressthemen anknüpfen, sich in den Zwischenräumen einnisten und es wird auch Themen öffnen, die nicht auf der Agenda stehen. Und dann haben wir die große Hoffnung, dass das Barcamp über den Kongress hinaus wirkt. Es soll an der anstehenden und gar nicht so einfachen inneren Vernetzung des Netzwerks mitwirken. Das Barcamp wird auf unserem Kongress also eine von verschiedenen Formen sein. Es bringt bestimmt nicht die Erlösung von allen bisherigen Kongressübeln. Aber es ist ein starker Versuch sich von der Tradition der säkularen Predigten zu verabschieden, die immer noch die Wahrheit von oben im Himmel herunter auf die Erde abseilen. Das Barcamp kann also ein gutes Medium für das Empowerment der Intelligenz der Praxis werden. Anderseits gilt für unseren Kongress: Wer über ein Thema gearbeitet hat und etwas zu sagen hat, soll Zeit haben, auch viel Zeit, es zu entfalten. YakamozKürzlich erschien in der ZEIT ein selten klarer Artikel. „Mein Kopf ist voll“. http://pdf.zeit. de/2011/34/P-Schule.pdf Geschrieben von der fünfzehnjährigen Hamburger Schülerin Yakamoz Karakurt. „Ich gehe in die 9. Klasse eines Hamburger Gymnasiums“, schreibt sie, „und ich habe ein Problem: Ich habe kein Leben mehr.“ Sie kommt um 16 Uhr aus der Schule und geht nicht vor 23 Uhr ins Bett. „Und das liegt nicht daran, dass ich fernsehe, mich entspanne oder sogar Spaß habe. Mein Kopf ist voll. Zu voll. Was denken sich eigentlich diejenigen, die über unser Schulleben bestimmen? Dabei gehe ich gern zur Schule“. Und sie hat lauter Einser und Zweier im Zeugnis. „Jeder weiß, dass die Schule nicht das Leben ist. Mein Leben aber ist die Schule, was heißt, dass da was schief gelaufen sein muss.“
Yakamoz wird nach Bregenz kommen. Sie wird
sprechen. Bei der Eröffnung. Große Freude.
Die Diagnose ist eindeutig. Vielleicht sollte sie künftig Schulkonferenzen als Motto voran gestellt werden: „Alle Überprüfungen des Wissens, das junge Menschen fünf Jahre nach Schulabschluss noch besitzen, laufen darauf hinaus, dass das Schulsystem einen Wirkungsgrad besitzt, der gegen Null strebt.“ Das schreibt Gerhard Roth, Hirnforscher und Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Yakamoz erlebt diese Unwirksamkeit so: „Wir sollen Maschinen sein, die funktionieren und das mindestens 10 Stunden am Tag. Aber funktionieren ist nicht gleich lernen. Lernen bedeutet nämlich vor allem eins: Erfahrungen sammeln.“ Mit Yakamoz Schlusssatz sollte unser Kongress beginnen. Erlautet: „Und jetzt kommen Sie. Was wollen Sie tun?“ Na, doch noch ein Satz der Fünfzehnjährigen: „Auf dem Gymnasium wird uns beigebracht eine eigene Meinung zu bilden, aber nicht wie wir sie äußern und damit etwas bewirken können.“ Zugespitzt heißt die Frage: Werden Schüler als leere Fässer behandelt, die gefüllt, oder als Flammen, die entzündet werden wollen? Auch diesen Satz zitieren wir nicht zum ersten Mal und die ganze Frage ist überhaupt nicht neu. Francois Rabelais beantwortete sie bereit vor 500 Jahren: „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Flammen, die entfacht werden wollen.“ Ähnlich argumentierten bereits zweitausend Jahre zuvor Heraklit und Plutarch. Interessant, dass diese Forderung in Zeiten der Renaissance aufkommt. Die Wirksamkeit der Subjekte wird entdeckt. Heute haben wir beides: ihre Entdeckung und ihre Abdeckung. Nebenbei: Rabelais war Dichter, Arzt und Priester. Würde man so jemanden heute nicht verdächtigen eine multiple, also gestörte Persönlichkeit zu sein? Haltungen
Die Fässer-Füll-Schule ist hoffnungslos auf den Stoff
versessen. Aber die Inhalte, die sie nur vermitteln
will, werden von den Adressaten so schlecht gehalten.
Nur, was heißt für einen Menschen, der nicht
leer ist, schon Inhalt? Und warum kommt die Frage
nach seinem Körper, (gar seinem Leib) und nach
seiner Haltung zu kurz?
Eine Annäherung über eine Keuner-Geschichte von
Bert Brecht. Brecht wollte das Philosophieren neu verstehen. Philosophieren als das Studieren, Kritisieren und Verändern von Haltungen. Ja, sein Philosophieren sollte eine Schule von Haltungen werden. Denn Haltungen gehen rationalen Überlegungen voraus. Sie sind etwas Materielles, etwas Körperliches. Nietzsche wusste das auch: „Der Leib ist eine große Vernunft“. Brecht nun sagt: Veränderung bedarf nicht nur bewusster Einsicht, sondern praktischer Übung, denn „das Weise am Weisen ist die Haltung“. Bei Christof Subik (Universität Klagenfurt) findet man die Brechtsche Philosophie der Haltung näher ausgeführt: „An den Haltungen lässt sich konkret ablesen, wie weit sich bei einem der Kopf vom Leib getrennt hat, jemand auf dem Kopf steht oder auf den Füßen. (Es soll Leute geben, die es wundert, daß Leute, die auf dem Kopf stehen, leicht schwanken.)“ Noch einmal Brecht: Tu kam zu Me-ti und sagte: „Ich will am Kampf der Klassen teilnehmen. Lehre mich.“ Me-ti sagte: „Setz dich.“ Tu setzte sich und fragte: „Wie soll ich kämpfen?“ Me-ti lachte und sagte: „Sitzt du gut?“ „Ich weiß nicht“, sagte Tu erstaunt, „wie soll ich anders sitzen?“ Me-ti erklärte es ihm. „Aber“, sagte Tu ungeduldig, „ich bin nicht gekommen, sitzen zu lernen.“ „Ich weiß, du willst kämpfen lernen“, sagte Me-ti geduldig, „aber dazu musst du gut sitzen, da wir jetzt eben sitzen und sitzend lernen wollen.“ Tu sagte: „Wenn man immer danach strebt, die bequemste Lage einzunehmen und aus dem Bestehenden das Beste herauszuholen, kurz, wenn man nach Genuss strebt, wie soll man da kämpfen?“ Me-ti sagte: „Wenn man nicht nach Genuss strebt, nicht das Beste aus dem Bestehenden herausholen will und nicht die beste Lage einnehmen will, warum sollte man da kämpfen?“ SitzenEin großes Ziel des Kongresses, das wir natürlich häufig nicht erreichen werden, aber dem wir uns annähern werden, ist, dass wir das, was wir wollen, auch tun, zumindest damit beginnen. Und dazu gehört auch das Sitzen. Dabei wird uns Hans Schlösser helfen. Er ist Geschäftsführer der Firma Kvartet (www.kvartet.de). Sie stellt für Lernumgebungen und Lernlandschaften Möbel her. Aber auch andere Stühle und man möchte sagen Sitzinstallationen, die von den Brechtschen Gedanken inspiriert sein könnten. Aber die richtigen Dinge werden zum Glück mehrfach erfunden. Hans Schlösser, der stark von skandinavischen Schulen inspiriert ist, nennt die Möbel „Werkzeuge“. Ein Möbelwagen voller Werkzeuge wird sich vom nordrheinwestfälischen Lüdinghausen nach Bregenz aufmachen und ein Sitzlabor und manche Zwischenräume bestücken. Und weil ihm das alles gefällt, adz-Mitglied ist er schon lange, wird er künftig für jedes verkaufte Exemplar jener Stühle, Sitzeier und anderer Möbel, die in Bregenz stehen werden, dem Netzwerk Archiv der Zukunft einen Euro spenden. Auch das ist so eine Idee, die mehrfach erfunden werden könnte. Nach Bregenz reisen
Wir haben mit der ÖBB, der DB und Intersky Sonderkonditionen für die Anreise zum Kongress ausgehandelt.
ÖBB
Intersky
Eine Bezahlung ist nur mit Kreditkarte möglich (die aber nicht die des Passagiers sein muss). Umbuchungen sind grundsätzlich möglich (Bedingungen lt. Tarifklasse) Das Archiv der Zukunft – Netzwerk dankt den Firmen für diese Angebote gegenüber den Kongressteilnehmern! Stirn und Nase
Den Hauptbeitrag in dieser KongressZeitung hat
Marco Wehr geschrieben: „Stirn und Nase.“ Ein
Essay über das Üben, die Haltung und das Lernen.
Wir haben Marco Wehr in der vierten Ausgabe der
KongressZeitung vorgestellt. Er wird zusammen mit
Poppin Hood, Weltmeister im Electric Boogaloo am
Erföffnungsabend die Tanzperformance Voodoo-Vibes
auf die Bühne bringen. Marco ist Tänzer, Physiker
und in Philosophie promoviert, also einer von
der Art Francois Rabelais (siehe oben). Anreise per AutoAllen Teilnehmern die mit dem Auto anreisen, bieten wir bald eine Mitfahrbörse an. Weitere Infos demnächst in der KongressZeitung, auf Twitter und via Facebook. Beim letzten Kongress in Bregenz haben wir vielfach den Wunsch gehört, dort begonnene Gedanken auszutauschen und Gespräche fortzuführen. Aus diesem Impuls heraus haben sich an bisher 13 Orten AdZ Regionalgruppen gebildet, in denen sich Mitglieder näher kennen lernen, austauschen und gemeinsam Projekte begonnen haben. Wir wollen dieses Weben des Netzwerks nun noch verstärken und auch zwischen den Kongressteilnehmern spinnen. Dazu gibt es ab sofort einen Teilnehmerbereich mit einer Google Maps Karte aller bisher angemeldeten Teilnehmer. Wir aktualisieren diese Karte regelmäßig, so dass auch neue Teilnehmer dort erscheinen werden. (Die Teilnehmer die nicht dort erscheinen wollen, konnten das bei der Anmeldung angeben.)
In diesem internen Bereich können Sie sich auch zu
Fahrgemeinschaften zusammenfinden und vielleicht
so auf der Rückfahrt die Gedanken des Kongressprogramms
weiterdenken. Durch Filtermöglichkeiten
können Sie die Teilnehmer nach Mitfahrangebot und
Mitfahrgesuch sortieren. Wenn Sie bereits jemanden
gefunden haben, können Sie unter dem Menüpunkt
„Einstellungen“ ihr Gesuch/Angebot wieder löschen.
Auch wenn Sie nun spontan doch noch eine Fahrgemeinschaft
bilden möchten ist dies unter dem Menüpunkt
„Einstellungen“ möglich. Kinder mit Stirn und Nase
Ein Plädoyer für Beharrlichkeit und Eigensinn Von einer außerordentlichen mathematischen Begabung sprach Einstein nicht! Tatsächlich hielt er sich selbst auch nicht für ein mathematisches Genie. Können wir in pisageplagten Zeiten etwas aus dieser “Einsteinformel der Pädagogik“ lernen? Um den Wert dieser Formel für die Erziehung zu ermitteln, werden wir sie auf den folgenden Seiten in ihre Bestandteile zerlegen. Auf diese Weise erkennen wir ihre Gültigkeit und legen gleichzeitig offen, wie wenig Wertschätzung Beharrlichkeit und Eigensinn in der pädagogischen Praxis genießen, die immer häufiger einem fragwürdigen Begabungsbegriff zum Opfer fällt. Die Nase
Liest man die Biographien von Menschen, die unser
Denken in seinen Grundfesten erschüttert haben,
dann bekommt man nicht selten das Gefühl, als
hätten sich deren Leistungen einzig einem zwingenden
logischen Schlussverfahren zu verdanken,
bei dem die Forscher vorgehen wie der Detektiv
Sherlock Holmes bei der Klärung eines undurchsichtigen
Kriminalfalls. Der analytisch arbeitende
Verstand funktioniert in diesem Zusammenhang
wie ein chirurgisches Skalpell. Feinsäuberlich wird
alles Überflüssige vom Wesentlichen getrennt, bis
endlich die reine Struktur in kristalliner Klarheit
vom Denker geschaut wird. Ein Sieg des logischen
Denkens über das die Sinne verwirrende Chaos
der Erscheinungen! Die Wirklichkeit sieht leider
anders aus und die Überbewertung des logischen
Denkens verdankt sich dem Wunschdenken der
Biographen. Hört man den Genies selbst zu, dann
sind deren Schaffensprozesse überhaupt nicht klar
und stringent. Im Gegenteil: Träume, seltsame Gedankenexperimente,
verschrobene Metaphern, Gedankenblitze
spielen eine bedeutende Rolle und
diese in unserer Wertschätzung nicht sonderlich
geschätzten Denkfiguren sind die Vorboten geistiger
Revolutionen.
James Clerk Maxwell wiederum schuf eine umfassendes
Formelgebäude des Elektromagnetismus
– die Maxwellschen Gleichungen – das von
einer solchen Eleganz und Schönheit ist, dass es
ein bei Physikstudenten beliebtes T-Shirt gibt auf
dem steht: „Und der Herr sprach: Es werde Licht!
Und es ward Maxwell!“ Unter diesem Ausspruch
stehen die vier besagten Gleichungen, in denen
sich in einfachster Form ein beinahe unfassbares
Wissen komprimiert. War wenigstens Maxwell ein
ordentlicher logischer Denker. Mitnichten! Was die
Fantasieprodukte seines arbeitenden Verstandes
angeht, stellte er selbst Einstein in den Schatten.
Um den anfänglich völlig abstrakten elektromagnetischen
Feldern eine handhabbare Gestalt zu
geben, dachte er über gigantische Wasserräder
und Strudel nach oder konstruierte mechanische
Modelle, die man anfassen konnte und genau wie
Einstein brauchte er dann Jahre, um sich von den
konkreten Bildern zu lösen und endlich eine exakte
mathematische Darstellung zu finden.
Position 1
Position 2
Jetzt kommen wir zur Wertschätzung der Kreativität
des Schülers. Es ist nicht ungewöhnlich, dass
ein Schüler bessere Ideen hat als sein Lehrer oder
ein vermeintlicher “Fehler“ einen Entwicklungssprung
auslöst. Auch in diesem Fall ist der Pädagoge
als Mensch gefordert. Betrachten wir die „Fehler“,
die eine Verbesserung darstellen. Fehler sind
sie nur insofern, als sie nicht mit dem Gelehrten
übereinstimmen. Der Lehrer kann nun auf seiner
Sichtweise beharren. Auf dies Weise verhindert
er einen echten Fortschritt und gleichzeitig verschlechtert
er das Lernklima. Man kann das auch
anders lösen. Im Tanzunterricht habe ich mir angewöhnt,
eine Bewegung, die ich zwar nicht gezeigt
habe, aber besser finde als das, was ich vermittelt
habe, mit dem Namen ihres Schöpfers oder ihrer
Schöpferin zu versehen und in Zukunft statt meiner
Version unter diesem Namen zu unterrichten. Das
hat sehr dazu beigetragen, das kreative Klima in
meinen Kursen zu verändern und meine Souveränität
als Lehrer hat dadurch nicht gelitten. Ich habe
im Gegenteil sehr gute Erfahrung damit gemacht,
wenn der Lehrer von den Schülern auch als permanent
Lernender wahrgenommen wird. Wie wenig
verbreitet diese Einstellung an unseren Schulen
ist, mag eine kleine Anekdote unterstreichen:
Ich kam vom eigenen Training verschwitzt in die
Umkleidekabine unseres Tanzstudios, in der bereits
zwei zwölfjährige Mädchen saßen, die auf den
Beginn ihrer Stunde warteten.
Nun besteht das Lernumfeld unsere Kinder natürlich
nicht nur aus einem einzigen Lehrer, sondern
auch aus familiären Ansprüchen, dem allgemeinen
Lernklima an der Schule und der geistigen Offenheit
der Gesellschaft. Die Stirn
Wer glaubt, es reiche, einzig die Kreativität der
Kinder zu fördern, ist auf dem Holzweg. Das hat
zwei verschiedene Gründe. Der eine und das klingt
in diesem Zusammenhang vielleicht erstaunlich,
ist der beschränkten Verarbeitungskapazität unseres
Arbeitsgedächtnisses geschuldet. Der andere
dem konservativen Beharrungsvermögen unseres
Umfeldes, das sich zeitweilig in Aggression verwandeln
kann. Beide Punkte wollen wir erörtern. Betrachten wir jetzt unseren Klaviervirtuosen. Alles beginnt mit einfachen Läufen auf der Tastatur, mit den Tonleitern, einfachen Stücken, dann folgen schwierigere, die immer höhere Anforderungen an die Motorik der linken und der rechten Hand stelle, endlich kommen welche, wo sich die beiden Händen in verschiedenen Taktarten bewegen können. Es wächst das musikalische Verständnis für die Werke, die gespielt und interpretiert werden. Nachdem sich ein Pianist wie Keith Jarret wohl an die zwanzig Jahre durch diesen Kanon von Fertigkeiten gearbeitet hat, kommen gekonnte Improvisationen, die auf diese verinnerlichten Grundbausteine wie selbstverständlich zurückgreifen, um sie als Mittel zu verwenden, der eigenen Befindlichkeit im Spiel einen spontanen musikalischen Ausdruck zu verleihen.
Wir sehen also, dass Einstein und Jarret eine Schulung
von mindestens zwanzig Jahren (!) durchlaufen
haben, bevor sie „ihrer Nase“ nachgehen konnten.
Dafür ist tatsächlich Beharrlichkeit von Nöten,
vor allen Dingen, wenn man sich anschaut, welche
Form Lernkurven besitzen: Eigentlich befindet man
sich beim Lernen ja die meiste Zeit auf öden Plateaus,
auf denen kein wirklicher Fortschritt feststellbar
ist. Nur selten tut es einen Ruck und man
kommt einen Schritt weiter. Am einfachsten ist das
Lernen übrigens am Anfang, weshalb es eigentlich
„Aller Anfang ist leicht“ heißen müsste. Später
muss man immer mehr Mühe investieren, um zu
Fortschritten zu kommen, die am Anfang noch relativ
einfach zu erzielen waren. Verständlich, dass
diesen mühsamen Weg zur Könnerschaft gerade
diejenigen beschreiten, die eine hohe intrinsische
Motivation besitzen, da sie von einer kreativen
Idee, einer persönlichen Vision geleitet werden.
Den anderen droht das Schicksal der Dilettanten,
Fanatiker und Phlegmatiker. Diese Unterscheidung
stammt von dem Philosophen und Aikido-Meister
George Leonard. Nach Leonard ist der Dilettant nur
anfänglich begeistert und wechselt bei den ersten
auftauchenden Schwierigkeiten direkt in ein
anderes Lerngebiet. Der Fanatiker ist dessen Gegenstück.
Tauchen Probleme auf, verdoppelt er die
Anstrengung bis die selbst auferlegte Disziplin so
groß wird, dass er unter der Aufgabe zusammenbricht.
Der Phlegmatiker ist mit wenig zufrieden
und sieht nach einer Zeit keine Notwendigkeit
mehr an sich zu arbeiten, um sich zu verbessern.
Halten wir fest, dass es durchaus 20 oder 30 Jahre
dauern kann, bis man sich technisch so verfeinert
hat, dass man den eigenen Ideen einen individuellen
Ausdruck geben kann, egal ob in der Kunst
oder in der Wissenschaft. Dazu braucht man eine
gehörige Ausdauer! Diese ist aber auch im nächsten
Schritt von Nöten, wenn man der persönlichen
Vision endlich eine konkrete Gestalt gibt und sie
sozusagen freigibt, damit sie ihren Weg vom Innen
nach Außen antritt. Dann ist es selten so, dass einem
die Masse der Mitmenschen dankend auf die
Schulter klopft und für die wunderbare kreative
Leistung gratuliert. Häufig ist das Gegenteil der
Fall. Viele Menschen, die die Welt aus den Angeln
hoben, wurden als Spinner verunglimpft und fanden
keine adäquate Stelle. Man denke nur an Kepler,
der in Tübingen nicht berufen wurde, an den
Zahlentheoretiker Georg Cantor, an das Logikgenie
Kurt Gödel. Man muss sehr dicke Nerven besitzen,
um mit dieser teilweise Jahrzehnte anhaltenden
Nichtanerkennung zu Recht zu kommen und weiterhin
auf dem eigenen Standpunkt zu verharren Als
Mann mit einem ausgeprägten Ego und einer starken
„Stirn“ war Einstein in der Lage, mit solchen
Situationen umzugehen. Viele andere verbitterten
und manche, wie Ludwig Boltzmann oder Alan Turing,
Menschen, die nicht weniger visionär waren
als Einstein, nahmen sich das Leben, weil man ihren
Leistungen die Wertschätzung versagte.
Fassen wir zusammen:
Noch pessimistischer bin ich, was die Förderung
einer gewissen Frechheit angeht. Mit Frechheit
meine ich nicht, sich ungezogen zu verhalten! Ich
meine den Mut, seine eigene Meinung zu artikulieren
und sich mit dieser durchaus auch in Widerspruch
zu der von Eltern, Lehrern und Vorgesetzten
zu stellen. In letzter Konsequenz sollen in diesem
Widerstreit die besseren Argumente siegen. Einsichtig,
dass Eltern, Lehrer und Vorgesetzte in einem
solchen Prozess darauf verzichten müssen,
eine Meinungsführerschaft zu haben, die sich aus
der hierarchischen Stellung ergibt. Als ich mich
um eine Promotionsstelle in Marburg bei Professor
Dr. Peter Janich bewarb und wir uns das erste Mal
persönlich unterhielten, fragte ich ihn, wie er damit
zurecht käme, wenn ich in meiner Dissertation
einen Standpunkt entwickeln würde, der seinem
eigenen widerspräche. Seine mustergültige Antwort
war: „Wenn ihre Argumente besser sind als
meine, habe ich damit kein Problem. Aber ich werde
mich zu wehren wissen“ In diesem Sinne ist es
für mich ein vorrangiges Ausbildungsziel, den auch
mit harten Bandagen geführten Diskurs an unseren
Schulen und Universitäten wieder zu beleben und
ein Gefühl bei den Lernenden zu wecken, dass ihre
eigenen Beiträge wichtig sind und nicht Marginalien
in einem zementierten Gebäude vermeintlicher
Letztbegründungen. Ein Barcamp auf der Arche NovaGuido Brombach „Wenn zwei Knaben jeder einen Apfel haben und sie diese Äpfel tauschen, hat am Ende auch nur jeder einen. Vom Neuen Lernen nicht nur träumen und reden, sondern es auch machen! Was würde passieren, wenn der Konferenzplan leer blieb? Was würde passieren, wenn wir alle voneinander lernen? Wir würden uns auf unsere Stärken besinnen. Wir würden miteinander kooperieren und den leeren Raum gestalten. Wir würden in jedem Anderen einen Experten suchen, der dabei auf seine Weise helfen kann. Wir würden voneinander lernen, weil wir es können, weil wir den Freiraum haben, den ein lernender Mensch braucht.* Haben sie Lust sich auf dieses Experiment einzulassen? Wir rufen nach dem pädagogischen Genie in uns, das von Erfahrungen, Leidenschaften und Fehltritten geprägt ist. Und wir haben ein Ziel: Kindergärten, Schulen und andere Lernhäuser sollen besser werden. Viel besser! Dabei gibt gerade die Ergebnisoffenheit Raum für intensive Gespräche und das Unplanbare. Eine schon seit Jahren erprobte Veranstaltungsform ist aus einer Gegenbewegung zum vortragsorientierten Kongress entstanden. Sie heißt Barcamp. Es setzt auf die sich selbst organisierenden Kräfte in Gruppen. Ein Barcamp bringt Akteure ins Gespräch. Es soll ein Katalysator für Netzwerke im Archiv der Zukunft sein. Viele von uns haben lehrreiche Erfahrungen bei der Gestaltung von Lernumgebungen gemacht. Sie machen Mut. Auf dem Barcamp können sie davon erzählen. Das begeistert andere. Ein Barcamp lebt von der Beteiligung seiner Teilgebenden – und eben nicht nur seiner Teilnehmenden. Ein Programm im herkömmlichen Sinne gibt es nicht. Die Teilgebenden bringen ihre Präsentationen oder Vorschläge für Diskussionsrunden mit. Die Reihenfolge der Runden wird vor Ort geplant. Man rammt sozusagen einen Pfosten in die Erde. Darauf stehen Ort und Zeit. Dann kommen Menschen für einige Zeit zusammen. Sie lernen voneinander. Das klingt etwas chaotisch, ist es oft auch, aber wenn es funktioniert, dann funktioniert es. Trotz aller Offenheit gibt es Strukturen: Zu Beginn stellen sich alle Teilnehmenden kurz vor. Zumeist anhand von 3-5 Schlüsselwörtern. Die wecken das Interesse anderer. Dann, während der Sessionplanung, stellen diejenigen, die eine Session leiten möchten, ihr Thema kurz vor. Per Handzeichen werden die Interessenten ermittelt. Sie bekommen einen passenden Raum. Es wird ein Sessionplan erstellt. Ein Wegweiser führt durch den Tag. Die Sessions dauern 45 Minuten. Man kann auch einen zweiten Slot anschließen, um die Zeit auszudehnen. Eine Session kann ein Vortrag, eine Podiumsdiskussion, ein Hands-on-Workshop oder auch ein Theaterstück sein. Den Formen sind keine Grenzen gesetzt. Es gibt kein Gremium, das im Vorfeld Sessions setzt oder eingereichte Vorschläge ablehnt. Die Teilgebenden bestimmen mit ihren Füßen vor Ort über die Relevanz. Wer kommt, der gilt. Um die Vorfreude auf das Unplanbare zu schüren, können schon jetzt Vorschläge gemacht werden. Dabei muss es sich nicht nur um eigene Angebote handeln, sondern auch um Wünsche. Es wird sicherlich jemanden geben, die oder der dazu eine Session organisieren könnte. Das Barcamp soll am Freitag morgen um 10:00 Uhr vor Beginn des Kongresses im Festspielhaus beginnen und um 16:00 Uhr vor der Eröffnung der Arche Nova enden. Am Samstag soll das Barcamp zur Begleitung des Kongresses wieder aufgenommen werden und es wird am Abend enden. Ein ständig aktualisierter Sessionplan wird auf einer Tafel alle Kongressteilnehmenden und teilgebenden über die Angebote im Barcamp sowohl am Freitag als auch am Samstag informieren. In den letzten 2 Jahren haben die Regionalkonferenzen in NRW mit Barcamps experimentiert. Die Früchte können unter www.adz-netzwerk.de/Die- AdZ-Regionalgruppen-knuepfen-das-Netzwerk-enger. php gepflückt werden. Anmeldung zum Barcamp
Über den neu eingerichteten Teilnehmerbereich
auf unserer Homepage können Sie bereits jetzt Ihr
Interesse am Barcamp anmelden. Dort können Sie
auch Vorschläge und Wünsch skizzieren. Vorschläge
können natürlich auch später noch gemacht
werden. Diese Vorabanfrage soll heraus zu finden,
wie groß das Interesse ist und welche Themen in
der Luft liegen. * Zu diesem Absatz mailte Reinhard Kahl an Guido Brombach: „Ich finde die hypothetische Frage, was wäre wenn der Kongressplan leer wäre, nicht schlecht. Aber er ist ja nicht leer. Und wenn es ein Grundgesetz des Lernens gibt im - Gegensatz zum Belehren – dann doch, dass Lernen immer Anknüpfen heißt, an sich selbst, an den anderen und an der ganzen fraktalen Pluralität des umherschwirrenden Wissens.“ Guido Brombach antwortete: „Ja, das sehe ich ähnlich.“ Mike Sandbothes Kolumne ON THE ROAD AGAINMediensucht und Gegenbewegungen Seit ein paar Tagen bin ich wieder am Schreibtisch in Hamburg. Zuvor war ich für eine Woche „on the road“. Und wie es nicht anders sein kann: auch unterwegs ist mir die Arche begegnet. Computerspiele und Improvisationstheater
In Erfurt zum Beispiel. Dort hatte ich ein Treffen
mit Martin Ritter. Er ist Referent für Bürgerrundfunk
und Lokalfernsehen in der Thüringer Landesmedienanstalt.
Wir hatten uns auf ein Bier verabredet
und zwar in seiner Lieblingskneipe. Die heißt
„Noah“ und befindet sich in einer kleinen Gasse
nahe dem Domplatz in der Erfurter Altstadt. Damit
aber nicht genug der Koinzidenzen: die kleine Gasse
heißt auch noch „Große Arche“. Cross Media
In Bregenz möchte er beides verbinden. „Cross Media“
nennt man das heute. Ich zitiere aus seinem
Exposé: „In vielen Computerspielen dringen wir
als Fremde in die Wohnungen von Unbekannten
ein. Selten ist jemand zu Hause.
Doch finden wir Hinweise auf die
Bewohner.“ Diesen Hinweisen
wollen Geisler und seine Kollegin
Kathrin Heinrich in ihrem
Bregenzer Beiboot am Freitag
(14. Oktober 2011) von 10.00
bis 16.00 Uhr nachgehen. Die
Teilnehmer können sich so ein
Bild von den Menschen machen,
die in den virtuellen Behausungen
ihre Spuren hinterlassen.
In einem zweiten Schritt sollen
dann – am Samstag oder Sonntag
- Geschichten aus dem Leben
der Phantasiebewohner in Szene
gesetzt werden; und zwar auf
einer der ganz realen Probebühnen
des Festspielhauses. Stronger Children
Szenenwechsel vom Erfurter Steigerwald zum Jenaer
Marktplatz. Gespräch mit Erich Schäfer. Von
diesem stammt der schöne Satz: „Mit der Qualität
ist es wie mit der Zeit. Wenn man nicht darüber
nachdenkt, glaubt man zu wissen, was Qualität ist.
Fängt man jedoch an, sich damit auseinanderzusetzen,
so schwinden die vermeintlichen Gewissheiten.“ Mediensucht
Natürlich hängt das alles irgendwie zusammen:
die Unterrichtsqualität, die Computerspiele, das
Theater und die Trainingsprogramme. Das wird mir
klar als ich zwei Tage später mit Natalie Fegner und
ihren KommilitonInnen im Kölner „Vapiano“ Spaghetti
esse. Die vier studieren Medizinökonomie
an der Rheinischen Fachhochschule und bereiten
mich auf ein Streitgespräch vor, das ich am 17.
September mit dem Blogger Marcus Bösch führen
soll. Fegner wird es moderieren und das studentische
Backstage-Team ein paar selbstgedrehte Videos
(Modell „Hart aber fair“) einspielen. Ich bin
gespannt! Das Ganze findet am 17. September in
Spandau statt und stellt den Abschluss der „Vierten
Berliner Mediensucht-Konferenz“ dar (www.
mediensucht-konferenz.de). GegenbewegungenDie Auseinandersetzung mit dem Internet wird viele Veranstaltungen auf der Arche Nova in Bregenz durchziehen. Das Netz wird unsere Debatten aber nicht dominieren. Trotz seines (für ein technisches Verbreitungsmedium) relativ zarten Alters – vor zwei Wochen hatte es seinen 20. Geburtstag – überformt es unseren Alltag bereits genug. Unser Interesse sollte auf die Stärkung von medienökologischen Ausgleichs- und Gegenbewegungen zielen. Sie werden gerade von den jüngeren Generationen zunehmend verlangt und selbst entwickelt. Mike Sandbothe |
