Kongresszeitung Ausgabe 4 Drucken

Nr. 4 vom 25. Juli 2011

In dieser Ausgabe: ++ Der tanzende Physiker ++ Ungleichgewicht bei Anmeldungen ++ Hilfe gesucht ++ Üben? Üben?! Üben! ++ Mike Sandbothes Kolumne ++

pdf Kongresszeitung im Zeitungsformat. Zum Ausdrucken.

Guten Tag,

eines der Themen, die den Kongress durchziehen, wird das Üben sein. Üben? Für viele ist schon das Wort ein Schreckgespenst. Ein Plädoyer für eine Rehabilitierung und Neuentdeckung des Übens in dieser Ausgabe. Vielleicht ist dieses Thema ja ein guter Anlass die Aufforderung zu wiederholen, sich in der KongressZeitung zu Wort zu melden. Mit Ideen und Geschichten oder mit Beiträgen zu Debatten. Zum Beispiel über das Üben: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können

Marco Wehr wird auf dem Kongress auch über das Üben sprechen. Er hat auf unserem Gründungskongress in Hamburg getanzt. Er hat auch auf dem ersten Kongress in Bregenz getanzt, gesprochen und einen Workshop gemacht. Marco Wehr ist ein Physiker, der tanzt. Oder ein Tänzer, der denkt. Bei Klett Cotta hat er ein Buch über die Chaostheorie veröffentlicht („Der Schmetterlingseffekt“). Bei Eichborn hat er eines über philosophierende Kinder geschrieben („Welche Farbe hat die Zeit?“). Und nun hat er einen Roman fertig. Der ist noch nicht gedruckt. Neben seiner Theorie unterhält er in Tübingen auch eine Praxis: das Tanzstudio Danzon (www.danzon.de).

Marco wird auf dem Kongress reden und denken, auch übers Üben, und er wird wieder tanzen. Das 62 Minuten lange Stück heißt „VoodooVibes“ – The Magic HipHop Dance Theatre“. Daraus sind die Fotos in dieser Nummer. Man darf sich wirklich auf das Stück freuen. Die „Schwäbische Zeitung“ schreibt: “Eine total abgefahrene Show haben die Tänzer Marco Marçal und Poppin-Hood am letzten Abend des Theaterfestivals geboten.“ Und die Stuttgarter Zeitung schwärmt: “International renommiert sind Poppin-Hood - Weltmeister im “Electric-Boogie“ - sowie Marco Marçal, ein kongenialer Grenzgänger in Sachen Samba und Streetdance. In “VoodooVibes – The Magic HipHop Dance Theatre“ verbinden die beiden in einer gespenstisch-faszinierenden Geschichte auf ungewöhnliche und virtuose Weise die unterschiedlichsten urbanen Tanzstile mit Theater, Installation, Live-Percussion und Videos.“

Marco Wehr heißt, wenn er tanzt, Marco Marçal. Sein Partner ist Poppin-Hood. Der hat schon zum zweiten Mal den Weltmeistertitel im Electric Boogaloo geholt. Übrigens in der Grundschule wollte man ihn davon überzeugen, dass er außer zum Versager, über den sich der Lehrer gern lustig machte, weil er im Lesen zunächst langsam war, zu nichts tauge. Marco Wehr, der promovierte Physiker sagt, er hätte mit noch niemandem auf so intelligente und gleichberechtigte Art zusammen gearbeitet. So viel zur Vorfreude auf den Eröffnungsabend in Bregenz.

Noch ein paar Informationen zum Stück?

VoodooVibes ist in groben Zügen an Goethes Zauberlehrling angelehnt. Der arglose Flaneur Hoodini entdeckt eine offen stehende Tür. Neugierig betritt er einen verwunschenen Raum, als die Tür krachend hinter ihm ins Schloss fällt.
Hoodini sitzt in der Falle, die ihm der Hexenmeister Voodini gestellt hat. Dieser hat Freude daran, in dem magischen Raum sein Unwesen mit dem Passanten zu treiben. Doch dann stellt sich heraus, dass auch Voodini nur der Lehrling eines rätselhaften Großmeisters (Udo Zepezauer) ist. Ein Machtkampf entbrennt ...

Das Stück verbindet virtuos so unterschiedliche Stile urbaner Tanzkunst wie Electric Boogaloo, Poppin, Locking, House und Samba. Zusammen mit gespenstischen Soundcollagen, Live-Percussion, Videoinstallationen und Schauspiel entsteht so ein Theatererlebnis, das tatsächlich unter die Haut geht - und man lacht.

Nun noch etwas Profanes: Die Anmeldezahlen für den Kongress steigen. Das ist schön. Besonders steigen die Anmeldungen mit dem ermäßigten Beitrag, also für Studierende, Referendare und andere, die wenig verdienen. Ursprünglich wollten wir aus Etatgründen nur so viele „Ermäßigte“ zulassen, wie mit „Förderbeiträgen“ kompensiert werden. Die anderen sollten auf eine Warteliste. Das haben wir gelassen. Die Gefahr schien zu groß, dass wir die Jüngeren aussperren. Nun wird es aber wirtschaftlich mulmig. Wir bitten also diejenigen, die es sich leisten können, den Förderbeitrag anzukreuzen. Der gleiche Effekt wird auch durch eine Spende erreicht.

Und noch etwas Profanes: Wir werden im Hamburger adz-Büro in der Schlussphase der Vorbereitung, also ab Mitte August, Verstärkung brauchen, die wir uns auch leisten können: Praktikanten und Pensionäre. Bitte melden! Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können

Nun sind es noch 80 pralle Tage und der Kongress entsteht wie die Skulptur eines Bildungshauers. Das macht viel Arbeit und noch mehr Freude. r.k.


Üben? Üben?! Üben!

Von Reinhard Kahl

Carl Hermann Unthan wurde 1848 in Ostpreußen ohne Arme geboren. Er starb 1929 als weltberühmter Violinist. Er geigte mit den Füßen. Artistisch. „Wer von Geburt an auf eigene Versuche angewiesen ist und nicht daran gehindert wird,“ notierte er, „bei dem entwickelt sich ein Wille zur Selbstständigkeit.“

„Der Mensch übersteigt unendlich den Menschen,“ schrieb vor fast 400 Jahren Blaise Pascal, Mathematiker und Philosoph. Er war sich sicher, dass in jedem und jeder viel mehr steckt als er oder sie jemals realisieren wird. Der Katholik Pascal glaubte daran, dass Menschen sich gegenseitig überraschen können und sollten. Es müssen allerdings Milieus geschaffen werden, damit sie ihre Möglichkeiten erfahren und ihre Fähigkeiten üben, ausüben und entfalten.
Üben und ausüben, das ist etwas anderes als passiv belehrt und abgefüllt zu werden. Der Psychiater und Lernforscher Manfred Spitzer, der auf unserem Kongress sprechen wird,* verblüfft gern sein Publikum. Gleich zu Beginn zeigte er in einem seiner Vorträge die Abbildung eines fast um die Hälfte amputierten Gehirns eines Kindes. Es musste bald nach der Geburt operiert werden. Im Alter von sieben Jahren spricht das Mädchen zwei Sprachen. Sein Gehirn hat sich trotz des erheblichen Einschnitts gut organisiert.

Selbstorganisation

Der Neurobiologe Gerald Hüther wird in Bregenz zu dem Thema sprechen, das ihn derzeit am stärksten beschäftigt: Was heißt eigentlich Selbstorganisation? Unter diesem Aspekt will er sowohl gelingendes wie auch misslingendes Leben betrachten. Auch diese Frage führt zu den Milieus und zu der Atmosphäre von Lebenswelten und Institutionen. Denn Aufgabe von Bildungsinstitutionen ist doch das Gelingen von Selbstorganisation zu ermöglichen!
Wenn nichts dazwischen kommt wird Peter Sloterdijk in Bregenz diesen Faden aufnehmen. Zu den menschlichen Möglichkeiten gehört ja nicht nur aus Talenten etwas zu machen, sondern auch aus Schwächen. In seinem jüngsten Buch „Du musst dein Leben ändern,“ das für eine Erweiterung der Übungszone plädiert, fragt er im Anschluss an den ohne Arme geborenen Violinisten Carl Hermann Unthan: „Falls Überkompensation von Behinderung das Geheimnis des Erfolgs ist, wäre hieraus zu folgern, die meisten Menschen seien nicht behindert genug?“
Das Üben wird ein roter Faden auf dem Kongress sein. Proklamativ und performativ, also in Gedanken und in Taten. In der Kongressküche, in den Gärten, in Werkstätten und Debatten.

Ein Schreckgespenst

Üben? - das klingt für viele wie eine Drohung. Üben - ist das nicht der Versuch Menschen gegen den Strich zu bürsten? Den Linkshänder zum Rechtshänder umschulen? So klingt der eine Sound von Üben. Gewissermaßen das Exerzieren auf dem Kasernenhof.
Dieses Üben ist zwar vergangen, weitgehend zumindest, aber es sitzt vielen noch in den Knochen. Ein anderes, wieder zu entdeckendes Üben wären die Selbstkultivierung und die Lebenskunst. Üben als die Steigerung des Könnens und als ein Weg zur Meisterschaft.
Vor dem Plädoyer dieses Üben zu rehabilitieren, eine kurze Spurensuche im kollektiven Gedächtnis. „Üben ist für Kinder ein Schreckgespenst“, sagte der große Pianist und Komponist Arthur Schnabel. Er wollte das Wort am liebsten verbieten. „Ich muss jetzt üben“, sagt der Schüler mit verquältem Gesicht. Üben und müssen sind bei ihm zu einer freudlosen Liäson verwachsen. Und nicht nur bei ihm.
Üben wurde so etwas wie eine zur Bewährung ausgesetzte Vorstrafe auf den sogenannten Ernst des späteren Lebens. Mit diesem Üben will man nichts zu tun haben. Und so wurde wieder Mal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

** Manfred Spitzer hält am 15. 10. In Bregenz einen der großen Vorträge. Sein Thema werden die sogenannten „exekutiven Funktionen“ sein. Spitzer schreibt: „Exekutive Funktionen, die auch als exekutive oder kognitive Kontrolle bezeichnet werden, steuern unser Denken und Verhalten. Exekutive Funktionen ermöglichen es uns, Entscheidungen zu treffen, planvoll aber auch flexibel und zielgerichtet vorzugehen, das eigene Handeln zu reflektieren und dieses ggf. zu korrigieren. Wir brauchen exekutive Funktionen folglich nicht, um nach einer Tasse Kaffee zu greifen. Vielmehr brauchen wir sie, um in Schule, Studium und Beruf erfolgreich zu sein, wo diese zentralen Gehirnfunktionen ständig gefordert sind.“ Mehr zu seinem Vortrag und zu den daran in Bregenz anschließenden Worksshops, Übungen und Spielen demnächst in der KongressZeitung.

Fallen

Was aber Üben wirklich ist, sieht man bei den Kindern. Ein Baby zieht sich am Stuhl hoch und fällt hin. Es richtet sich am Hosenbein des Vaters auf und wieder fällt es. So geht das vielleicht wochen- oder sogar monatelang. Erwachsene hätten längst aufgegeben. Aber Kinder machen weiter, bis ihnen das Laufen wie automatisch gelingt. In Phasen der Unlust sammeln sie neue Energie. Aus Leiden bilden sie Leidenschaft. Ohne Leiden, auch das kann man von Kindern lernen, geht es nicht. Aber irgendwann kann dann jeder laufen. Laufen ist eine schöne Metapher. Physiologisch gesehen ist es aufgefangenes Fallen, Wechsel von Stabilität in Instabilität, Schritt für Schritt. Beim Laufenlernen macht jeder seinen Grundkurs im Üben. Wir lernen von Fall zu Fall und wir lernen uns im Fallen zu fangen.
Man stelle sich vor, Kinder würden Laufen und Sprechen so lernen wie in der Schule. Erst die Regeln und Theorie. Alles im Sitzen. Dann" Anwendungen. Schließlich sechs Wochen ins Praktikum. Ach nein, würden viele Lehrer sagen, keine sechs Wochen Praktikum, wir müssen doch mit dem Stoff vorankommen, lieber nur vierzehn Tage. Wer könnte danach laufen oder sprechen?
Üben ist eben keine Dressur, ist eben nicht die Zwangsumschulung des Linkshänders zum Rechtshänder oder das Einbläuen der Flötentöne. Das sind Perversionen des Übens.
Das hervorragende Buch des Musikwissenschaftlers Heiner Klug, der natürlich auch in Bregenz dabei sein wird, „Musizieren zwischen Virtuosität und Virtualität“ zeigt, wie die Musikerziehung im 19. Jahrhundert kippte. Üben war bis dahin, was man heute kontinuierliche Verbesserung nennen könnte. Bachs Goldberg-Variationen waren Übungen, aber nicht nach dem Muster jetzt üben, um später etwas zu können. Es waren Erkundungen im weiten Feld von Kunst und Kunstfertigkeit. „Üben und Ausüben“, so Klug, waren das Gleiche. „Übung war jede Beschäftigung mit dem Instrument, jedes Spiel, unabhängig vom Niveau: vom Anfänger bis zum Meister, der Vortrag inbegriffen.“ Übungsstücke waren, „Muster und Anregungsstücke zum Selbsterfinden.“ Lehrer improvisierten zuweilen wie heutige Jazzmusiker und die meisten komponierten zumindest ein bisschen. Üben war eine Wechselwirkung von Ohr und Hand bzw. Mund.

Der direkte Weg

Dann begann das Zeitalter der Rationalisierung. Es spiegelt sich in der Musikerziehung. Jetzt kamen Übungsstücke auf den Markt, zum Beispiel Klavierschulen, mit denen sich der Zeitaufwand um den Faktor sechs vermindern ließ. Aus Noten wurden Vorschriften. Üben schrumpfte von etwas, das im Grunde ein Verhältnis des Musikers zu sich selbst, immer mit Blick auf den Meister, war, zu einem Training für den direkten Weg der Note zum Instrument. Aus Musikanten wurden die „Ausführenden“. Statt des Spiels, das immer indirekt läuft, wurde nun ein kurzer und möglichst perfekter Weg zwischen Note und Instrument angestrebt. Der Übende fand sich störend dazwischen. Durch Üben, Üben und noch mal Üben sollte er sich dünne machen. Das war die Vorschule für eine veränderte Arbeitshaltung. die Effektivität im Sinn hat und an deren Ende Verwahrlosung steht.
Noch Mal Heiner Klug: „Der Sinn der Übung als Selbstzweck wurde ersetzt durch den neuen der vorbereitenden Übung.“ Das kostete in der Musik dem Üben häufig dessen Seele, die Freude, die hellwache Präsenz, das Glück ganz gegenwärtig zu sein. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz nannte dies „Funktionslust“ und der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi hat dafür das Wort „Flow“ geprägt. Zum Beispiel die Selbstvergessenheit des Bergsteigers, die Hingabe an eine Sache, der Ernst des Spiels. Eine Haltung, wie man sie bei Kindern, Künstlern, Forschern und guten Handwerkern beobachten kann. Das ist das Gegenteil des aufgeschobenen Lebens, des Darbens auf dem dornenreichen Weg, der keinen Eigenwert hat und dessen Ziel nur selten erreicht wird.
Der Mensch ist ein krummes Holz, schrieb Kant. Auf das Üben übertragen heißt der Satz: Soll das Holz gerade gehobelt oder soll aus der spezifischen Krümmung eines jeden sein einmaliger Eigensinn gebildet werden? Der Abstand zwischen diesen beiden Varianten ist so groß, wie der zwischen dem Exerzieren auf dem Kasernenhof und den Exerzitien in einem Zen-Kloster.

Von Kindern lernen

Was Üben ist, können wir immer wieder am besten von den Kindern lernen. Zum Beispiel in der Lernwerkstatt Natur in Mülheim, die der Kölner Erziehungswissenschaftler Gerd E. Schäfer mit seinen Mitarbeitern in einer Schlucht mitten im Ruhrgebiet betreibt und von deren Entwicklung wir in Bregenz hören (und vielleicht auch etwas sehen) werden. Die Kinder versetzen die Wissenschaftler in Staunen darüber mit welcher Intensität sie bei der Sache sind, zum Beispiel wenn sie sich am Bach tagelang im Schöpfen und Gießen üben. „Das müssen sie in hundert Variationen ausprobieren“, beobachtet Schäfer, „mit Sieb, ohne Sieb, mit Sand im Sieb, mit Erde im Sieb, mit Blättern im Sieb, mit kleinen Flohkrebsen im Sieb.“ Bei diesen scheinbar immer gleichen Übungen sind die Kinder auf der Suche nach neuen Variationen und nach Konstanz. Schäfer beobachtet dabei „eine ungeheure Ausdauer.“ Konzentrationsschwäche wurde auch bei Kindern nicht gefunden, die im Kindergarten als konzentrationsschwach gelten.
Die Kinder wollen die Dinge und zugleich sich selbst spüren. Am liebsten würden sie in der Materie baden. In der Wiederholung lernen sie die Dinge und ihre eigenen Operationsmöglichkeiten kennen. Sie beginnen einen Dialog mit den Dingen und mit sich selbst. Es ist als würden sie sich dabei stimmen, so wie man ein Musikinstrument stimmt. Das ist Üben. Wiederholen, variieren, wiederholen. Und vor allem: Do it your way!

Kopf und Hand

Der Philosoph Artur Schopenhauer fragte ja schon, ob der Kopf eine Hand hat, oder ob nicht vielmehr die Hände einen Kopf haben. Jedenfalls hat das Zusammenspiel beider die Evolution der menschlichen Gattung vorangetrieben, und es ist für jeden Einzelnen erneut ein entscheidendes Lernmedium. Dabei entdecken die Kinder noch einmal, was die Koevolution von Kopf und Hand hervorbrachte, das Werkzeug. „Sobald die sinnlichen Mittel nicht mehr ausreichen, suchen sie Werkzeuge“, beobachtet Gerd E. Schäfer in der Lernwerkstatt Natur. Sich im Gebrauch der Werkzeuge zu üben, sei wichtiger als das vorschnelle Beibringen von Wissensinhalten. 10 000 Stunden sagt man, müsse ein Musiker oder guter Handwerker geübt haben: wiederholen, variieren, wiederholen. Entscheidend ist dabei allerdings eine Haltung, die der Soziologe Richard Sennett in seinem Buch über das Handwerk so beschrieb: „ Eine Sache um ihrer selbst willen tun und sie deshalb gut machen wollen.“

Üben ist nie so voraussetzungslos, wie häufig das Lernen vorgestellt wird, wenn man es mit Belehrung verwechselt. Üben knüpft immer schon an eine vorhandene Praxis an, so wie ein Kind, das Laufen lernt, am Fallen anknüpft. Gute Pädagogen hatten hier immer schon die richtige Intuition: „Man kann nur etwas lernen, von dem man schon etwas weiß“, sagte Maria Montessori. Die Hirnforschung bestätigt diesen Zusammenhang heute auf ihre Weise. „Unser Gehirn kommt mit einem ungeheuren Schatz an Vorwissen auf die Welt“, argumentiert Wolf Singer, Direktor am Max-Planck- Institut für Hirnforschung, und fährt fort: „Dieses in der Architektur des Gehirns angelegte, von der Evolution mitgegebene Wissen wird während der Lebenszeit ergänzt und genutzt, um die Welt wahrzunehmen. Wahrnehmen ist, so gesehen, das Bestätigen vorformulierter Hypothesen.“

Neugier, Scheitern, Gelingen

und vom Konstruktivismus beeinflusste Pädagogen rücken das Lernen schon bei Säuglingen in die Nähe des Forschens. Das tönt gewiss manchmal überhöht. Aber es gibt eine ähnliche Struktur bei Forschern und Lernenden. Zwischen neuen Wahrnehmungen und bisherigem Wissen kommen Differenzen auf. Das führt zu Unsicherheit. Es entstehen Fragen. Die Neugier treibt weiter. Hypothesen werden gebildet und ihnen gemäß wird experimentiert. Im Labor oder in der Feldforschung werden Versuchsreihen definiert. Kinder machen es ähnlich. Allerdings wollen sie"niemals nur etwas wissen, sie wollen etwas können. Sie wollen ihre Kompetenz steigern.

Kompetenz kann nicht so erworben werden, wie man Wissenshäppchen zu sich nimmt. Andere und sich selbst beobachtend versuchen Kinder sich dem Ziel anzuverwandeln. Sie ahmen nach. Sie probieren eine Sache tausendmal und häufiger, denn Kopieren ist nicht möglich. Und weil die übend Lernenden das Neue immer in ihre bereits vorhandenen Wahrnehmungs- und Kompetenzarchitekturen einpassen müssen, ist die Nachahmung immer auch ein Selbstversuch.

Dieses Üben verwandelt und stärkt die Person. Entwürdigendes Üben, das manch einem noch in Erinnerung ist, hat das Selbst nicht gestärkt, sondern geschwächt. Es sollte ja alles möglichst gleich richtig gemacht werden. Mit der Zeit zum Üben wurde gegeizt. Der Anspruch auf Perfektion aber erzeugt Versagen."Üben hingegen, bei dem man auch scheitern darf, ermöglicht das Gelingen.


Mike Sandbothes Kolumne - Ein Tag am Telefon

Die Stimme und der Blick – Beiboote und Werkstätten – Der Kongress als Medium

Zuerst hatte ich ein ausführliches Ferngespräch mit Ilse Furian. Sie lebt in der Nähe von Heidelberg, ist Sonderpädagogin für Hörbehinderte und Feldenkraislehrerin (www.furian-heidelberg.de). Da ich selbst seit 2009 an der vier Jahre dauernden Ausbildung zum (wie es im globalisierten Denglisch heißt) Feldenkrais- Practitioner teilnehme, haben Frau Furian und ich zuerst ein wenig über die körperbasierte Pädagogik von Moshe Feldenkrais (1904-1984) gefachsimpelt. In deren Zentrum stehen achtsame Bewegungsübungen, die uns dabei helfen können, den Zusammenhang besser zu verstehen, der zwischen Körpersprache und geistigmoralischer Grundhaltung besteht.

Die Stimme der Persönlichkeit

Ilse Furian arbeitet mit der Stimmbildnerin Monika Drux zusammen (www.studio-drux.de). Die studierte Musikerin hat als Opern- und Gospelsängerin sowie als Schauspielerin auf großen Bühnen im In- und Ausland gestanden. Für Bregenz möchte sie gemeinsam mit Furian eine praktische Einführung in den Zusammenhang von „Stimmbildung und Persönlichkeitsentwicklung“ anbieten. Das könnte bereits in einem Beiboot am Freitagvormittag wenige Stunden vor Beginn des ‚eigentlichen’ Kongresses geschehen. Es sind eine ganze Reihe solcher Beiboote in Vorbereitung. Beiboote werden unmittelbar vor oder nach der großen Arche Nova zu Wasser gelassen. Auf ihnen gibt es jeweils nur ein Thema.
Der nächste Anruf! Olaf Schechten aus Kiel ist dran. Er macht „listige Lieder für lustige Leute“, spielt Gitarre und singt dazu, in Kindergärten und Grundschulen (www.olafschechten.de). Die Stimme? Na klar, das ist ein großes Thema für die Kleinen. Aber auch für die Lehrerinnen und Lehrer und für Papa und Mama. Viele Menschen trauen ihrer eigenen Stimme nicht mehr. Sie haben das Singen verlernt. Was kann man da tun? Nun, das ist ganz offensichtlich der Tag der Stimme. Ich erzähle von Drux und Furian. Können wir das alles vielleicht irgendwie miteinander verbinden? Wie wäre es mit einem Workshop im Hauptprogramm? Ein größeres Publikum. Wir werden sehen.

Medienwechsel

Frau Furian ruft noch mal an. Sie ist am Freitag in Hamburg. Reinhard Kahl und ich wollen gern einen Kaffee mit ihr trinken. Sie kommt um 11.00 Uhr nach Eppendorf. Wir freuen uns auf das Treffen. Ich informiere Olaf Schechten. Er kommt auch. Aus Kiel. Ganz spontan. Die Stimme verbindet! Ein Workshop ist im Entstehen. Oder doch nicht? Das persönliche Treffen zeigt: es ist nicht leicht, die unterschiedlichen Praktiken und Perspektiven, die individuellen Menschen und Motive zu einem gemeinsamen Projekt zu vereinen. Was am Telefon so leicht und selbstverständlich klingt, kann in der Face-to-face-Begegnung in einem anderen Licht erscheinen. Mit den Medien ändert sich die Wahrnehmung.
Apropos „Medien“. Ulla Keienburg ist AdZ-Mitglied der ersten Stunde und lebt derzeit in den USA. Sie wird nach Bregenz kommen und hat eine Email geschrieben: „Ich sehe was, was Du nicht siehst!“ Ihr Angebot umfasst gleich zwei Beiboote für den Freitagvormittag: „Mein Fotoapparat und ich: Ein Angebot für Gebrauchsanweisungshasser“ und „Ich will (mir) ein Bild machen. Der eigene Blick als wertvollstes Instrument beim Fotografieren“. Jeweils 90 Minuten. 20 Euro pro Beiboot und Teilnehmer. So lautet ihr Vorschlag.
Und: Sie möchte die Tiefenschärfe, die in den Beibooten eingeübt werden kann, auch für das Hauptprogramm nutzen. Das gemeinsame Werk der Kongressteilnehmer: ein Fotoband und eine Webseite mit Bildergeschichten aus der ARCHE. Also eine Bilderwerkstatt im Garten der Dinge! Von hier aus könnten die Teilnehmer der Fototeams ihren Blick auf den Kongress entwickeln. Das erste Team konzentriert sich auf Gesichter, ein zweites auf Körperhaltungen, auf Füße, Beine, Arme, ein drittes und viertes auf die Dinge in den Gärten oder auf bestimmte Gegenstände wie Tische, Stühle, Mikrophone, Teller, Flaschen, Gläser und natürlich auf die Art und Weise, wie diese genutzt und vom individuellen Fotografen als individuelle Dinge und Gebrauchsweisen gesehen werden.
Eine ähnliche Idee wie bei Drux, Furian und Schechten! Nur ein anderes Medium. Nicht die Stimme als Medium der Artikulation im Gespräch und im Gesang, sondern der Fotoapparat als Medium der technisch reproduzierten Augenwahrnehmung, d.h. der visuellen Erfahrung von Selbst und Welt. Jetzt wird der Medienphilosoph in mir wach! Der Blick und die Stimme, beides ist wichtig in der Schule – und wird zumeist doch so sehr vernachlässigt. Das wissen wir. Und beides lässt sich einüben, verändern, gestalten, modulieren, perfektionieren, sensibilisieren, individualisieren, demokratisieren!

Tränen

Im vergangenen Jahr habe ich in Mainz am Institut für Lehrerweiterbildung eine Veranstaltung für Ethik- und PhilosophielehrerInnen aus Rheinland- Pfalz durchgeführt: Medienphilosophie in der Sekundarstufe II. Was ich dabei gelernt habe, war vor allem, dass in vielen Schulen „Medien“ mit „technischen Medien“ und diese wiederum mit dem „Leitmedium Internet“ gleichgesetzt werden. Große Teile der Bildungspolitik, aber auch der zeitgenössischen Medienwissenschaft und der Fachpresse unterstützen diese Verengung des Medienbegriffs. Das geht so weit, dass mich vor zwei Wochen an der Uni Flensburg die jungen Studierenden des Studiengangs Bildungswissenschaft völlig irritiert angeschaut haben als ich ihnen erklärte, dass auch Raum und Zeit, der Körper, die Wahrnehmungsorgane, Bild, Sprache, Schrift, Tanz, Theater, Musik, Architektur, Skulptur und Literatur unter den Begriff Medien fallen.

Die Bildung kultivieren! Das ist unser Motto in Bregenz. Dazu gehört auch: die Medienkultur erweitern! Den Medienbegriff weit genug fassen! Auch unser Kongress ist ein Medium. Er kann so oder anders gestaltet und für die Zwecke der Kommunikation und der Koordination von Handlungs- und Gestaltungsprozessen genutzt werden. Was mich letztes Jahr am Ende der Weiterbildungsveranstaltung im Erbacher Hof in Mainz besonders bewegt hat: ein Ethiklehrer, der zu weinen begann, als ihm klar wurde, dass seine eigene individuelle Unterrichtsform, die viel mit Sprachspielen und theatralen Aufstellungen im Raum zu tun hat, in einem philosophischen Verständnis von Medienkompetenz große Wertschätzung erfährt: als Bereicherung unseres kultivierten Umgangs mit Medien im weiten Wortsinn!

Wieder das Telefon!

Auf meinem Schreibtisch liegen die Ausdrucke der vielen Emailvorschläge für Bregenz. Nach Medien sortiert. Angela Boeti befasst sich mit der „körperlichen Präsenz in der pädagogischen Arbeit“. Sie ist Tänzerin und hat Bewegungspädagogik studiert. Der Körper als Medium der Kommunikation. Wolfgang Neuhaus von der FU Berlin arbeitet mit einem elfköpfigen Team an der Entwicklung eines „Technology Enhanced Textbook“. Das ist ein Notebook, das nicht nur zum Schreiben und Lesen da ist, sondern zum „Messen, Experimentieren, Zeigen, Finden, Zusammenstellen und Kommunizieren“. Der Computer als Medium des experimentellen Tuns und lernenden Handelns.

Und weiter geht’s mit dem Raum als Medium des lernenden Zusammenseins. „Von Lernkäfigen oder Lebensräumen“ handelt das Workshop-Angebot, das uns Margit Schwarz aus Kindberg in Österreich schickt. Jürgen Fischer ist stellvertretender Schulleiter an der Joseph-von-Eichendorff-Schule in Kassel und schreibt: „Auch in einem ‚alten‘, traditionellen Schulgebäude lässt sich durch kleine Raumveränderungen viel bewirken.“ Seine Themenvorschläge: „Die Lerninsel – Sich zurückziehen und neu beginnen“ und „Präsentationstraining im Konzept der Legetechnik – Wissen auslegen (www.wissensreise.de). Und schon klingelt wieder das Telefon! Fortsetzung folgt. Bis bald!
Mike Sandbothe



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