Nr. 3 vom 14. Juli 2011
In dieser Ausgabe: ++ Der Kongress ist ein Organismus, er wächst ++ Arche Nova, die Grundidee ++ Mike Sandbothes Kolumne ++ Brief an die Schulen ++ Harald Welzer, Wachstum: Vor allem wachsen die Probleme
Kongresszeitung im Zeitungsformat. Zum Ausdrucken.
Guten Tag,
man wird im adz-Büro in diesen Tagen schnell zum Zahlen- Junkie. Schon jetzt sind fast die
Häfte der in Bregenz verfügbaren 1700 Plätze besetzt. Wenn es so weiter geht, werden wir
die letzten 250 Plätze doch noch kontingentieren und für Mitglieder und Teilnehmer vorbehalten,
die mitwirken wollen. Jedenfalls macht es Freude wie nun alles Form annimmt und wenn solche Mails kommen:
Fragen möchte ich, ob es eine Möglichkeit gibt, beim zweiten Kongress am Bodensee, Leute zu finden, die man
beim ersten Kongress kennen gelernt hat und deren Namen man nicht mehr weiß, nur noch, dass sie aus Österreich/
Steiermark oder Kärnten kamen ... Ich gehöre zu denen, die von diesem Kongress bis heute zehren und
die von diesem Kongress maßgeblich beeinflusst wurden!!! Vielen Dank, dass es möglich wurde, am Bodensee
den zweiten Kongress zu gestalten. Ich freue mich wie ein kleines Kind darauf! Susanne Link
Manche der Kongressideen schienen uns bis zuletzt riskant: eine Küche im Zentrum? Parcours aus
Gärten und Cafés? Aber gerade diese Ideen lösen weitere Ideen und Vorschläge aus. Zum Beispiel
werden die Produktionsschulen in Deutschland mit Dingen, die sie herstellen und von denen sich
Geschichten erzählen lassen, nach Bregenz reisen. Und die Dinge werden Platz um sich herum bekommen,
wie ein Kunstwerk im Museum. Kein Grabbeltisch! Kein Infotisch! Keine Normalverwahrlosung!
Angela Dombrowski von der Geschwister Scholl Schule in Oberjoch, die vergangenes Jahr den Deutschen
Schulpreis erhielt, schreibt, dass die Schule am Kongress „mitkochen“ will, „beispielsweise
auch durch die Gestaltung eines Workshops z.B. zum Thema Heterogenität/Individualität, Inklusion
oder Elterngespräche konstruktiv gestalten“. Ja!!! Die Mail aus Oberjoch hat noch mal deutlich
gemacht, dass die allgemeine Aufforderung zur Mitwirkung eben doch zu allgemein ist. Deshalb
heute ein Brief an die Schulen und Kindergärten mit der Bitte um Beteiligung. 91 Tage Vorbereitung
sind noch!
In der heutigen Zeitung gibt es Fotos mit „Blickgedichten“ (nur in der PDF Version)
von Kindern aus Linz zu sehen. Erwin Dorn von KUKUSCH (Kunst und Kultur an Schulen)
schreibt dazu:
Die Kinder machten sich im vergangenen Schuljahr
unter Begleitung einer Fotokünstlerin auf „Bildsuche“
in ihrer Stadt. Die Fotos, die dabei entstanden,
wurden von den Kindern mit Kurz- und Kürzesttexten
versehen und als Postkarten gedruckt. Als Blickgedichte
liegen sie in jenen Einrichtungen aus, in denen
die Kinder ihre Foto-Abenteuer erlebten.
Der Blick von Kindern auf ihre Welt, in ihrer Welt,
unterscheidet sich deutlich von der Wahrnehmungswirklichkeit
der Erwachsenen. In Form dieser Postkarten
wird dieser Blick der Kinder zum Gegenstand
von Kunst. Und die Kinder erfahren für ihre kreative
Betätigung ein hohes Maß an Wertschätzung, da ihre
eigenen Produkte außerhalb der engen Schulgrenzen
jene Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen gebührt.
Von dieser Ausgabe an schreibt Mike Sandbothe,
der seit einigen Wochen mitarbeitet, eine Kolumne.
Mike ist studierter Philosoph, aber das macht
nichts. Denn er ist Pragmatist. Was das bei Philosophen
bedeutet, werden wir noch erfahren. Im Moment
macht er – als stolzer Vater seiner im vergangenen
Jahr in Hamburg geborenen Tochter – eine
fruchtbare Verschnaufpause vom akademischen
Professorendasein, das ihn unter anderem nach
Berlin und Kopenhagen geführt hat. Diese Pause
kommt ihm und uns und dem Kongress gerade Recht.
Wer an der Nordsee Urlaub macht oder dort wohnt kann sich am Montag, den 18. Juli um 19:30 auf
Sylt im Foyer des „Erlebniszentrums Naturgewalten“ in List, Hafenstraße 37 die Diskussion „Warum
wir eine andere Schule brauchen“ anhören. Es diskutieren. Jesper Juul, Gerald Hüther, Andreas
Müller, Philipp von Hardenberg und Reinhard Kahl.
r.k.
„Blickgedichte“ ist ein Projekt des Vereins KUKUSCH. Kunst und Kultur an Schulen.
Nähere Informationen unter www.kukusch.at
KUKUSCH wird natürlich in Bregenz dabei sein. Mit einem Workshop, im Garten, im Café und mit einem bereits
formulierten Kochvorschlag in der Küche.
Arche Nova - Die Grundideevon Reinhard Kahl
Der Anblick des Raumschiffs Erde ist für die meisten eher zum Weggucken. Ökologische Turbulenzen. Ökonomische
Stürme. Die Währungen wanken und es stellt sich die Frage, ob wir nicht eine ganz andere Währungsreform
bräuchten. Aber wie? Ist das Personal auf dem Raumschiff für das, was kommen könnte, überhaupt
vorbereitet? Es weiß ja durchaus, dass es seine Zukunft verbraucht, aber die meisten sind zugleich davon
überzeugt, dass es für die absehbare Zeit der heute über 30jährigen noch reicht. Und dann? Nach uns die
Mutation?
Zukunft
Zukunft zu schaffen wäre etwas ganz anderes als
Zukunft verbrauchen.
Aber wie entsteht Zukunft? Wie vermehren wir
durch unser Handeln die Menge der Möglichkeiten,
statt die Artenvielfalt biologisch und kulturell zu
vermindern oder eigensinnige Individuen zu „streamlinen“,
wie es kürzlich ein Siemensvorstand
nannte und beklagte?
Wie entsteht Zukunft? Dies ist die Frage hinter all
den Themen des Kongresses. Oder wie es Gerald
Hüther formuliert: Wie schaffen wir den Übergang
von einer Ressourcen verbrauchenden zu einer Potentiale
schaffenden Gesellschaft?
Welches wären denn die Orte, an denen man mit
dem Umsteuern beginnen könnte? Was sollte das
Personal können? Welche Haltung sollte es bilden?
Da würden beim Blick auf das Raumschiff zuerst
jene Häuser auffallen, die alle paar Straßen stehen
und in denen die Kinder und Jugendlichen morgens
verschwinden. Aber was wird da eigentlich
gemacht?
Landen
Lassen wir den virtuellen Raumschiffblick, den kluge
Philosophen inzwischen „view from nowhere“
nennen. Denn der hat seine Tücken. Sloterdijk
schrieb schon vor Jahren: „Die Philosophen haben
die Welt bisher nur verschieden umflogen, es
kommt darauf an zu landen.“ Und Remo Largo hat
den Spruch für unseren Kongress abgewandelt:
„Die Pädagogen haben das Kind bisher nur auf
verschiedene Weise eingekreist, es kommt darauf
an, es zu verstehen.“
(Remo Largo wird übrigens wie auch Gerald
Hüther vom Anfang bis zum Schluss auf dem
Kongress dabei sein. Er wird an der Eröffnungsrunde
teilnehmen und einen großen Vortrag halten und
zwischendurch durch die Gärten und Cafés
flanieren.) Lassen wir jetzt die miesen Prognosen
über das Raumschiff, die dann doch nur wieder
auf die alten Diskurse des Müssens hinaus laufen
und die Gegenreaktion heraus fordern, müssen
wir denn wirklich? Ist nicht diese Frage wichtiger:
Wollen wir so leben? Wie wollen wir leben?
Das klingt natürlich pathetisch und das wäre es
auch, wenn diese Frage die einzige für den Kongress
wäre. Der Blick zum Horizont ist nötig, kann
aber unter der Hand just eine neue Art des Wegguckens
etablieren.
Schritte
Die andere Art von Fragen und Antworten ist die
nach Schritten, nach den Schritten, die wir machen,
so oder so. Wie laufen wir? Wie bewegen
wir uns? Jetzt! Fragen, die in den großen Debatten
als die nach den bloß „kleinen Schritten“ verachtet
werden. Vielleicht können aber diese kleinen
Schritte gar nicht klein genug sein, wenn sie nur
genau sind!
Es gibt für diese tänzerische Kombination - kleine,
gut platzierte Schritte zu gehen und den Blick zum
Horizont zu richten - ein überzeugendes Bild: das
des Seiltänzers. Sein Blick zum Horizont ist eine
Funktion seiner aufrechten Haltung oder physiologisch
formuliert: des Gleichgewichtssinnes. Und
behutsame Schritte verstehen sich auf dem Seil
sowieso.
Futur II
Um beides geht es auf dem Kongress. Harald Welzer,
der an der Schlussrunde des Kongresses teilnehmen
wird, formuliert diese Frage Wie wollen wir leben
so: „Welche Geschichte kann man über sich bzw.
über diese unsere Gesellschaft erzählen?“ Er schlägt
vor dabei ins Futur II zu wechseln. Dann hieße sie:
„Wer möchte ich gewesen sein?“ Angewendet auf
die Herausforderungen von Klimawandel und Bildungskultur
hieße sie: „Werden wir diejenigen gewesen
sein, die das Ruder herumgerissen haben.“
Fest steht für den Sozialpsychologen Welzer, dass
der Übergang zur postkarbonen Gesellschaft mit der
ersten industriellen Revolution vergleichbar ist. Der
große Unterschied ist, dass der heute erforderliche
Wandel sich nicht wie eine soziale Naturgewalt einstellt,
sondern gewollt werden müsse. Die Überwindung
der Trägheit des Habitus wird von entscheidender
Bedeutung für die Frage sein, wie wir leben
wollen. Unser Habitus ist das größte Hindernis für
den anstehenden kulturellen Wandel.
Harald Welzer war nie ein Autor erbaulicher Studien.
Der Sozialpsychologe wurde bekannt mit „Opa
war kein Nazi!“ (2002). Er untersuchte „Täter. Wie
aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“
(2005) und „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert
gekämpft wird“ (2009). Zuletzt analysierte
er zusammen mit Sönke Neitzel „Soldaten. Protokolle
vom Kämpfen, Töten und Sterben“ (2011). Zusammen
mit Claus Leggewie blickte er zurück „Auf
das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (2009). In
dieser Ausgabe der KongressZeitung schenkt er
erschreckend klaren Wein ein zum Thema „Wachstum“.
„Vor allem wachsen die Probleme.“
Welzer wird auf dem Kongress auch darüber sprechen,
wie er, der Professor am Kulturwissenschaftlichen
Institut in Essen und an der Hochschule St.
Gallen die nächsten Schritte in seiner Arbeit und
in seinem Leben setzen will. Das gehört dazu. Man
kann über diese Fragen nicht nur objektiv reden:
„Man ist eben selber das Problem, über das man
spricht,“ schrieb er kürzlich, sich von professoral
pharisäerhaften Haltungen verabschiedend.
Welzer wird auf dem Kongress auch darüber sprechen,
wie er, der Professor am Kulturwissenschaftlichen
Institut in Essen und an der Hochschule St.
Gallen die nächsten Schritte in seiner Arbeit und
in seinem Leben setzen will. Das gehört dazu. Man
kann über diese Fragen nicht nur objektiv reden:
„Man ist eben selber das Problem, über das man
spricht,“ schrieb er kürzlich, sich von professoral
pharisäerhaften Haltungen verabschiedend.
Sprechen
Mit dem Sprechen in der ersten Person wird denn
auch der Kongress am Freitag den 14. Oktober beginnen.
Reinhard Kahl, Ulrike Kegler und Remo
Largo versuchen nach dem „Jahr des Missbrauchs“
eine Ortsbestimmung der „Schulveränderer und
Lernaufwiegler“, wie uns eine Schweizer Zeitung
nannte. Ein Thema, das nicht leicht fällt, zumal für
all diejenigen, die Hartmut von Hentig viel verdanken.
Zum Ende am Sonntag den 16. Oktober wird der
Kongress das Memorandum „Die Bildung kultivieren“
verabschieden, an dem der Kongress drei Tage
gearbeitet haben wird. Hoffentlich viele Teilnehmer
werden ein Commitment unterschreiben. Warum
sagen wir nicht „Versprechen“? – Also ein Versprechen
geben – mit den Schritten, die wir gehen
und mit den Zielen, die wir in den beiden Jahren
bis zur nächsten bbb Bildungs-Biennale-Bodensee
erreicht haben wollen.
Mike Sandbothes Kolumne
Von Brünkendorf bis Patagonien
Erste Eindrücke aus dem Trockendock
Seit Juni gehöre ich zum Team des AdZ-Netzwerks, das die Arche Nova für den Bodensee vorbereitet. Das
Schiff selbst – das Festspielhaus Bregenz – lerne ich in der übernächsten Woche kennen. Mein Schwerpunkt
liegt im Bereich der thematischen Koordination der Passagiere.
Der Auftakt
Der Auftakt dieser Kuratorentätigkeit war ein Treffen des adz-Subnetzwerkes „Musik bildet“ im
Wendland. Dort haben Reinhard Kahl und seine Frau Hanna ein altes Bauernhaus renoviert und zu
einer Stätte von Erholung und Arbeit, Diskursen und geselligen Festen ausgebaut.
Brünkendorf liegt auf dem Höhbeck im Kreis Lüchow/
Dannenberg, nicht weit von Hamburg. Die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden. Schon die
Anreise war spannend und hatte mit dem Bregenzer Kongress zu tun. Neben mir im Auto saß Andreas
Doerne. Er ist Professor für Musikpädagogik in Freiburg und hat seit 2006 den Musikkindergarten
Berlin wissenschaftlich begleitet.
Physikalisierung der Seele
Dieses einzigartige Projekt wurde ein Jahr zuvor
von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin
initiiert. Gemeinsam mit den im Musikkindergarten
ehrenamtlich tätigen Musikerinnen und Musikern
üben sich die Erzieherinnen und Erzieher darin,
Kindern im Alter von zwei bis sechs Musik als „Physikalisierung
der Seele“ (Barenboim) erfahrbar zu
machen.
Das ist eine der vielen wundervollen Geschichten,
die im Horizont der Arche Nova spielen. Selbstverständlich
wird unser Bildungsschiff auch mit exzellenten Musikern besetzt sein. Denn der Kongresskompass
weist in Richtung „Die Bildung kultivieren!“
„Musik bildet“ heißt auch ein Buch, das Doerne über
den Berliner Klanggarten geschrieben hat (Breitkopf
& Härtel: Wiesbaden 2010). Das tönt wie für Bregenz komponiert! Und tatsächlich, im Nachwort betont Linda Reisch, Geschäftsführerin des Musikkindergartens
und wie Doerne auf der Arche Nova in Bregenz aktiv mit dabei: „Es geht nicht um das
Ausbilden von Wunderkindern, sondern um das Entwickeln
der Sinne, um Wahrnehmungsschulung.“
Zwei (von acht) Foren
Sowohl der frühkindlichen Bildung („Die frühen
Jahre“) als auch dem Gesamtfeld der sinnlichen
Wahrnehmung („Kopf, Hand, Körper“) widmet
die Bregenzer Arche in diesem Jahr eigene Foren.
Das Sinnen-Team von Schloss Freudenberg (www.
schlossfreudenberg.de) hat angekündigt, mobile
Erfahrungsfeld-Stationen mit ins Festspielhaus
zu bringen. Die Leiterin der Schule für Wahrnehmungskunst,
Irene Wurst, will zusammen mit Lothar
Backes und anderen „im Foyer und auf anderen
Begegnungsflächen die Sinne, das Wahrnehmen
und das Denken erlebbar machen.“
Noch einmal zurück nach Brünkendorf. Außer Andreas
Doerne und Linda Reisch konnte ich auch
Fabian Schäfer, Solo-Oboist in der Staatskapelle
der Berliner Oper unter den Linden und den Musikpädagogen
Peter Ausländer kennenlernen1. Dieser
arbeitet an der Fachhochschule Bielefeld als Professor
für Musik und Bewegung. Zuvor war er viele
Jahre als Lehrer für Musik, Kunst und Religion an
Haupt-, Real- und Sonderschulen tätig. Ausländer
sprüht vor Ideen und bringt alles, was in seinen
Erfahrungskreis kommt, sogleich zum Klingen. Seine
Angebote für Bregenz reichen von Vokalspielen,
Tanzen und Singen mit allen über Klanginstallationen
im Festspielhaus („Das Gebäude selbst wird
zum Instrument“) bis zu einem „Eargarden“, in
dem „mit klingendem Zeug und Stimmlauten“ experimentiert
wird.
Ein mögliches Beiboot
Auch Steine können als Klanginstrumente dienen.
Darauf haben sich die Erfinder der Kieselschule
(www.faustlos.de/kieselschule) spezialisiert.
Sie möchten ihr „innovatives Programm zur nonverbalen,
musikalischen Gewaltprävention an
Grundschulen und Kindergärten“ auf der Arche
Nova vorstellen. Das Ganze ist aus einem Teamwork
von Musikern, Medizinern, Psychologen und
Lehrpraktikern hervorgegangen. In 26 Lektionen
zielt die rhythmische Schwingungsarbeit mit den
(im Bregenzer Garten der Dinge anzuhäufenden!?)
Kieselsteinen auf die Stärkung von Empathie, Impulskontrolle,
Selbstbewusstsein, Kreativität und
Entspannungskompetenzen. Der Fortbildungskurs
umfasst fünf Stunden und wäre ein mögliches Beiboot2
für unsere Arche. Wir sind mit Dr. Andreas
Schick im Gespräch!
Positive Energien
Nun habe ich über den Auftakt, über zwei von insgesamt
acht Foren und über ein mögliches Beiboot
von vielen, vielen hoffentlich bald realen Zusatzschiffen
geschrieben. Das ist wirklich nur ein klitzekleiner
Ausschnitt aus dem, was mir in den letzten
Wochen alles über Email und Telefon zu Augen
und Ohren gekommen ist: ein wahrer Sturm von positiven
Energien und kreativen Vorschlägen für die Inneneinrichtung,
den Kurs und die Besatzung der noch auf
dem Trockendock befindlichen Arche Nova.
Unter uns gesagt: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass
dieses wunderbare Schiff schon längst im Wasser
schwimmt und als Ozeandampfer voller lebensfroher
Geister die Weltmeere glücklich und den Planeten
zukunftsfähiger macht.
Post aus Übersee
Gerade kam Post aus Übersee: „ein paar begeisterte
Seelen aus Chile“! Ich zitiere: „Wir sind ein
zauberhaftes Theater, am ‚schönsten Ende der
Welt‘: zum Teil auf dem Lago Llanquihue und mit
Blick auf fünf verschiedene Vulkane umrundet von
der authentischen Natur Patagoniens.“ Und weiter:
„Der entscheidende Schritt ist, dass wir uns mehr
und mehr auf den erzieherischen Wert der Kunst
stützen, um Kreativität in der allgemeinen Bildung
der Schulen zu fördern.“! Die Truppe hat sich für
Bregenz schon angemeldet. Sie wollen ihre Pläne
für „2-3 innovative Schulen in Chile“ vorstellen.
Mehr Geschichten, mehr Visionen, mehr Fakten
und Informationen, mehr zu den Rednerinnen
und Rednern, den Tätigen und den Entspannten,
den Workshops und den Relaxzonen, den Beibooten
und den Freischwimmern in den nächsten
KongressZeitungen. Bis bald!
Mike Sandbothe
PS: Die Beiboote sollen Donnerstag und Freitagvormittag bzw.
Sonntagnachmittag und Montag im Umfeld des Kongresses
in Bregenz und Umgebung stattfinden. Sie bieten den Teilnehmerinnen
und Teilnehmern die Möglichkeit, sich in einer überschaubaren
Gruppe ohne Zeitdruck auf ein
Thema zu konzentrieren.
Brief an Schulen und Kindergärten
Es gibt mehr gute Praxis in den Schulen – und vielleicht noch viel mehr in den Kindergärten – als bekannt
ist. Immer wenn man auf gute Ideen trifft, wird’s bewusst: Wir kennen unsere eigenen guten Leute häufig
nicht, oder eben nur einige. Aber es geht darum zu zeigen, was gemacht wird. Nicht nur drüber sprechen,
auch, natürlich, aber eben zeigen! Sichtbar machen. Um damit auch unsere inneren Bilder von dem, was wir
für möglich halten, zu modifizieren.
Weltgarten
Auf dem Kongress in Bregenz wollen wir Ideen,
Choreografien, Alltagsmuster und eben die Dinge
selbst so gut es geht sichtbar machen. Ein Garten.
Kein botanischer Garten, ein Weltgarten. Es sind
manchmal einzelne Objekte, oft aber deren Anordnungen.
Ein Puzzle aus dem sich die gute Schule
- und ebenso der schöne Kindergarten – die uns
vorschweben, langsam zusammensetzen. In Bregenz
wird allerdings nicht der Prototyp am Brett
aufgerissen, damit dann die Blaupause in Serie
gehen kann. Jeder wird aus den Puzzleteilen etwas
anderes machen. Und seine Teile hinzufügen. Anders
geht es nicht.
Es könnten zum Beispiel Lernlandkarten der Schüler
(die Schülerinnen sind natürlich immer mitgemeint),
die mancherorts die Zeugnisse ablösen
oder ergänzen, ausgestellt werden. Da gibt es
wirkliche Kunst und Poesie! Oder Logbücher. Oder
Produkte. Oder Teile von Einrichtungen. Vielleicht
Fotos von Toiletten, die zivilisiert oder sogar mit
Künstlern zu schönen Orten umgebaut wurden?
Vieles ist möglich, mehr jedenfalls als wir uns derzeit
an Schreibtischen in Hamburg Eppendorf ausdenken
können.
Wir werden um das nötige Geld kämpfen, um auch
große Exponate zu transportieren, und wenn es
auch ein Tieflader sein muss.
Wasserzeichen
Es wird nicht leicht werden auch das scheinbar Unsichtbare
sichtbar zu machen. Institutionen haben
einen kulturellen Code vergleichbar Wasserzeichen.
Für die Schulen sind das Gedächtnisspuren
an das Kloster und die Kirchen, an das Arbeitshaus
und die Fabrik, auch ein bisschen Heim und Gefängnis
ist immer noch dabei, langsam kommt auch
das Labor hinzu oder die Bühne. Wie ändern sich
die Anordnungen und Zwischenräume, in denen
bekanntlich der Geist haust, wenn in die Schule die
Küche und der Garten, das kreative Labor und die
Garagen der Gründer und Erfinder eingeschleust
werden. Jörg Rainer Noennig, Juniorprofessor für Wissensarchitekturen
an der TU Dresden wird in Bregenz
zeigen, wie es in dem sagenhaften Labor von Thomas
Alva Edison zuging. Sehr gemischtes Personal.
Und ein bisschen unordentlich. Und nie gab es so
viele Patente.
Sprechen? Sprechen!
Wir arbeiten an einem Kongress, in dem die Teilnehmer,
so gut es geht, Mitwirkende werden. Die
Bedeutung des Sprechens, wie es in Vorträgen und
Werkstätten stattfindet, wird gemindert. Andere
Sprechformen werden gesteigert. Das Sprechen
wird dann heterogener, vielstimmiger, vielleicht
jazziger. Es gibt ein Konzert, in dem auch die Dinge
mitreden dürfen. Wie bitte, sagen jetzt bestimmt
nicht wenige. Die Dinge sollen mitreden? Was für
ein Quatsch! Wir müssen die Antwort auf den Oktober
vertagen, und vielleicht kommt es zum richtigen
Konzert erst bei der Bildungs-Biennale-Bodensee
im Herbst 2013. Jedenfalls – und dazu mehr in den nächsten KongressZeitungen,
bitten wir die Lehrerinnen und
Lehrer, die Erzieher, die Künstler, Profidenker und
alle anderen – nicht nur Dinge mit zu bringen, sondern
vor allem sich selber! Machen Sie Vorschläge
auch für Werkstätten / Workshops. r.k.
PS
Ein kleiner Nachtrag zu den Dingen.
Der französische Philosoph Bruno Latour plädiert für ein „Parlament der Dinge“.
Hier der Anfang eines Essays von Scott Lash:
„Bruno Latour argumentiert für die Rechte des Objekts. Er ist der Sprecher des „Parlaments der Dinge“. Latour
zufolge hat sich die Moderne – teilweise aufgrund ihres systematischen Hangs dazu, im Dualismus von
Subjekt und Objekt zu denken – systematisch geweigert, den Rechten des Objekts Beachtung zu schenken.
Er behauptet, dass wir zu einer Anerkennung der Rechte, der Autonomie und der Handlungsfähigkeit des Objekts
gelangen können. Dies ist dann möglich, wenn wir erkennen, dass die moderne Form der Klassifizierung
nie mit dem korrespondierte, was in Theorie und Praxis wirklich passierte, und nie von den Konsequenzen
dieser Praktiken Notiz nahm. Latour vertritt die Ansicht, dass die „Moderne“ nie mehr war als eine Form der
Klassifizierung, eine Form der Taxonomie oder besser eine Ideologie, die nachwies, wie wir klassifizierten
und einordneten. Er glaubt, dass wir mit der althergebrachten soziologischen Chronologie brechen müssen,
in der das wilde Denken (la pensée sauvage) primitiver Klassifizierungen durch ein dualistisches modernes
Denken (la pensée moderne) moderner Klassifizierung ersetzt wird; dass wir uns stattdessen damit auseinandersetzen
müssen, worin unsere sehr unmoderne Form der Klassifizierung besteht, und gleichzeitig erkennen
müssen, dass wir nie modern gewesen sind. Erst dann werden Rechte und Repräsentation, die Rechte zu
sprechen und repräsentiert zu werden, dem Objekt zugestanden und von diesem behauptet worden sein.“
Mehr unter: http://eipcp.net/transversal/0107/lash/de
Vor allem wachsen die ProblemeWarum Wirtschaftswachstum ins Desaster führt von Harald Welzer
Der Super-GAU in Japan, der seit vier Monaten
stattfindet und noch auf unabsehbare Zeit weitergehen
wird, hat einmal mehr die Gewissheit kontaminiert,
in der besten aller denkbaren Welten zu
leben: nämlich in einer Welt des unaufhörlichen
Fortschritts, die sich selbst von den Zwängen der
Natur und damit der Endlichkeit befreit hatte. Dass
ein Land fast ohne Rohstoffe die drittgrößte Wirtschaftsmacht
der Welt sein kann, erschien uns ja
schon lange nicht mehr als Absurdität, sondern als
eine Selbstverständlichkeit. Im Augenblick des Desasters
blitzt auf, dass so etwas wohl nur auf kurze
Sicht möglich ist.
Auch die Kernenergie entbindet nicht von der trivialen
Tatsache, dass die Grundlage des Überlebens
immer die Beziehung von Mensch und Umwelt ist.
Der Traum der Moderne war es, sich vollständig
von der Natur zu emanzipieren, aber so wie es im
vergangenen Jahr die Havarie der Ölbohrplattform
Deepwater Horizon war, die einen bis heute unabsehbaren
Schaden am Ökosystem des Golfs von
Mexiko anrichtete, so waren es dieses Jahr eben
die Dilettanten von Tepco, die einen Teil der Welt
nachhaltig verseuchen. Und nächstes Jahr oder
gleich morgen wird es etwas anderes sein, was die
Biosphäre weiter zerstört.
Die Verwandlung der Welt hat sich im 19. Jahrhundert
als unerhörter Produktivitätsfortschritt formuliert,
im 20. als Zeitalter der unaufhörlich wachsenden
Verschwendung. Das 21. Jahrhundert wird
dadurch gekennzeichnet sein, dass der Menschheit
die Kosten ihres Traums von der Naturenthobenheit
auf die Füße fallen. Weil der Stress aus Ressourcenkonkurrenz,
Finanzkollaps, geopolitischen Verschiebungen
und Umweltkatastrophen sich kontinuierlich
vergrößert , wird die Suche derjenigen,
die heute Kinder und junge Erwachsene sind, vor
allem einer Ressource gelten, die im 20. Jahrhundert
noch grenzenlos schien: der Zukunft nämlich.
Gerade bei dieser Suche nach der Wiedergewinnung
von Zukunftsfähigkeit haben die gegenwärtigen
Eliten kaum Hilfestellung zu bieten. Sie unterwerfen
ihr Handeln dem radikalen Diktat der
Gegenwart: so wie die Wachstumsraten der deutschen
Wirtschaft zur Freude von Managern und
Politikern ganz ungeahnte Höhen erreichen, so
gilt dasselbe für die Staatsverschuldung und die
Menge an Energie, die verbraucht wird. Und für
die Steigerung bei den weltweiten Emissionsraten.
Zukunftsfähigkeit? Das Jahr 2010 war das Jahr mit
dem höchsten Energieverbrauch der Menschheitsgeschichte.
Weltweit wuchs der Energieaufwand
um 5,6 Prozent, die Menge an Dreck, die dabei anfiel,
sogar um 5,8 Prozent. In den letzten zwanzig
Jahren sind die klimarelevanten Emissionen um
100 Prozent angewachsen, aber für die nächste
Verdoppelung wird es nur noch ein Jahrzehnt brauchen,
wenn der Energiehunger der Industrie- und
Schwellenländer weiter so schnell wächst wie im
Augenblick. Der Erdölverbrauch, der gegenwärtig
ein Drittel des Primärenergieverbrauchs ausmacht,
wird heutigen Prognosen zufolge von 84
Millionen Barrel täglich im Jahr 2005 auf 116 Millionen
Barrel bis 2030 ansteigen,1 bei kontinuierlich
erschwertem Zugang. Und die vielbeschworene
Energiewende? Fossile Energieträger, allen voran
die Kohle, stehen noch für viele Jahrzehnte reichlich
zur Verfügung – lange genug auf jeden Fall, um
die Klimaerwärmung locker auf drei, vier oder fünf
Grad im globalen Mittel hochzupushen.
Angesichts der rapide wachsenden Übernutzung
jener Ressourcen, die Menschen tatsächlich zum
Überleben brauchen – Böden, Wasser, Meere zum
Beispiel – fällt weder den politischen noch den
wirtschaftlichen Eliten mehr ein, als weiterhin
Wachstum zu predigen und um jeden Preis die
eingeschlagene Richtung beizubehalten. Da phantasiert
Mercedes- Chef Dieter Zetsche, die Absatzmärkte
der Schwellenländer vor seinen leuchtenden
Augen, dass „die große Zeit des Autos erst
noch“ beginne. Die Berater der Autoindustrie halluzinieren
eine Verdoppelung des weltweiten Automobilabsatzes
bis zur Jahrhundertmitte - als hätten
sie nie etwas von CO2, Energiepreisen und Ressourcenkonkurrenz
gehört. In der ADAC-Motorwelt vom September 2010 schreibt Peter Voser, CEO der
Royal Dutch Shell, über die Zukunft der Mobilität
das Folgende: „Mehr Menschen, mehr Autos und
mehr Wohlstand tragen zu einer steigenden Energienachfrage
bei – allein bis 2050 könnte sie sich
global verdoppeln!“ Diese Perspektive ist für den
Vorstandsvorsitzenden eines Mineralölkonzerns
keine negative Utopie, sondern eine erfreuliche
Aussicht – und sein Vorstellungshorizont bleibt
entsprechend auch für die nächsten vier Jahrzehnte,
trotz peak oil, Klimaerwärmung, Ressourcenkonflikten
an die Welt der Gegenwart gebunden.
Seine Utopie formuliert sich nämlich in einem
moderaten technischen Fortschritt, wörtlich: „Wir
werden eine stärkere Diversifizierung von Antrieben
und Kraftstoffen bzw. Energiequellen sehen.
Dabei werden Automobilkonzepte und die eingesetzten
Technologien immer stärker vom Einsatzzweck
bestimmt: Stadt- und Kurzstreckenverkehr
erfolgen immer stärker hybridisiert oder elektrifiziert;
über Land und auf Langstrecken sind moderne
Dieselfahrzeuge weiter erste Wahl. Rückgrat
des Straßenverkehrs ist und bleibt der klassische
Verbrennungsmotor. Das nächste und übernächste
Neufahrzeug, das sich ein Autofahrer kauft, wird
sich nicht grundsätzlich von heutiger Technologie
unterscheiden. Wenn kurz- bis mittelfristig Klimaerfolge
erzielt werden sollen, können diese nur über
den Verbrennungsmotor führen.“ Zitat Ende.
Eine solche Perspektive bedarf kaum des Kommentars
– der Verbrennungsmotor rettet das Klima,
übrigens nur der Verbrennungsmotor. Dies ist
eine Utopie, wie sie den mentalen Infrastrukturen
der Industriegesellschaft auf das Genaueste entspricht.
Die an das Wachstum gebundenen Vorstellungshorizonte
lassen sich in der Formel bündeln:
so wie jetzt, nur noch mehr! Zum Glück, so derselbe
Peter Voser auf dem Swiss Economic Forum 2011,
verfüge allein Shell über Erdölreserven für die
nächsten 55 bis 60 Jahre; um aber keine Engpässe
entstehen zu lassen, investiere sein Unternehmen
jedes Jahr 30 Milliarden Dollar, um die jährlich um
5 Prozent fallende Produktion zu kompensieren –
zum Beispiel, indem jetzt auch im Mittelmeer Tiefseebohrungen
vorangetrieben werden.
In der Tat ist die industrielle Moderne durch exakt
jene expansiven Zukunftsstrategien gekennzeichnet,
wie Peter Voser sie zeichnet: Nicht nur ist die
Gegenwart eine bloße Durchgangsstation auf dem
Weg zu einer Welt, die von allem noch mehr bereithält,
sie bewältigt Zukunftsprobleme auch regelmäßig
durch Expansion: Wenn das Öl weniger wird,
bohrt man tiefer; wenn das Wasser knapp wird,
entsalzt man das Meer; wenn die Fischbestände
schwinden, fährt man weiter hinaus. Der Nutzung
expansiver Strategien – also der beständigen Erhöhung
von Produktivität und Verbrauch – verdanken
die Bewohner der frühindustrialisierten Gesellschaften
ihren historisch noch nie da gewesenen
Reichtum, ihre Lebenserwartung, ihr Bildungsniveau
genauso wie ihre Sicherheit. Das Problem ist
nur, wie Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“
eindrucksvoll gezeigt hat, dass Gesellschaften exakt
dann scheitern, wenn sie die Strategien, mit
denen sie lange Zeit erfolgreich gewesen sind, genau
dann intensivieren, wenn sie unter Stress geraten.
Wenn also in Zeiten schwindender Ressourcen
mehr abgebaut oder in Zeiten der Klimaerwärmung
mehr emittiert wird, beschleunigt man nur den Weg
in den Untergang. Die einzige Wette, die die Vosers
dieser Welt dabei machen, ist die auf ihre eigene
Zukunft: wenigstens für ihre Lebenszeit wird schon
noch reichen, was der Planet zu liefern hat.
Die Gegenwart ist dystopisch geworden. Die Sogwirkung
eines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells,
das die unablässige Steigerung von Glück
durch die unablässige Ausweitung der Konsumzone
anbietet, ist so stark, dass sich ihr kaum noch
jemand entziehen mag. Der Verzicht auf die Atomenergie
und die Hoffnung auf den nächsten Exportschlager
„erneuerbare Energien made in Germany“
kalkuliert leider nicht ein, dass auch dieses Wirtschaftswunder
vermehrten Ressourcenaufwand bedeutet.
Im Übrigen sind in historischer Perspektive
traditionelle Formen der Energieerzeugung nicht
aufgegeben worden, wenn sich neue etablierten.
Im Gegenteil: weil sich das Gesamtangebot vergrößert
hat, hat man altes und neues parallel genutzt,
und genauso wird es mit den erneuerbaren
und den fossilen Energien geschehen. Eine Wirtschaftsform,
deren Funktionsweise in beständiger
Wachstumsproduktion besteht, kann so wenig auf
die regelmäßige Dosiserhöhung verzichten wie ein
Suchtkranker, dessen Organismus stets nach mehr
Stoff giert. Seine Sucht ist in jeder Hinsicht - finanziell,
sozial, gesundheitlich – äußerst schädlich,
liefert aber einerseits solchen kurzfristigen Lustgewinn
und produziert andererseits solche langfristigen
Abhängigkeiten, dass der Süchtige ALLE Arten
von Kosten zu zahlen bereit ist, um zuverlässig an
den Stoff zu kommen.
Warum eigentlich kündigen die Bevölkerungen
nicht endlich ihr Einverständnis mit all dem auf
und rufen zu Protest, Umkehr, Veränderung auf?
Und warum praktizieren sie diese nicht endlich
selbst? Weil man mit unserer Leitkultur der Verschwendung
und Verantwortungslosigkeit immer
schon einverstanden ist, wenn man morgens mit
dem Auto zur Arbeit fährt, sich am Wochenende in
der Wellnessoase langweilt oder sich in den Flieger
nach irgendwo quetscht, um an irgendeiner anderen
Stelle des Planeten sinnlose Dinge zu tun. Mit
anderen Worten: man ist mit den Ackermanns und
Vosers viel einverstandener, als man glaubt, wenn
man sich gerade über sie empört:
stellen sie doch die Benutzeroberfläche
des ALLES IMMER zur Verfügung, aus
der man sich jederzeit gern selbst bedient.
Der zum Verbraucher heruntergekommene Bürger muss ja auch das nächste Auto, den nächsten iPad, die
nächste Nespressomaschine haben wollen, damit der ganze
Laden weiter funktioniert.
Das Perfide am kapitalistischen System und all
seinen Wohlstands-, Gerechtigkeits-, Gesundheitsund
Sicherheitsgewinnen ist ja, dass es jeden Aspekt
des Daseins in Waren verwandeln kann und
damit potentiell allen zugänglich macht, sofern sie
nur das Glück haben, sie kaufen zu können. Es kann
alles vereinnahmen und alle gleich machen im globalen
Glück des Konsums, aber weil es alles gleich,
nämlich kaufbar macht, hat es auch alle Alternativen
dazu selbst zum Verschwinden gebracht. Der
dramatische Befund lautet: es gibt keinen Plan B.
Wie gesagt: Gesellschaftliche Erfolgsmodelle enthalten
die Blaupause für ihren eigenen Untergang,
und neu ist bei all dem nur,
dass die Spanne zwischen Aufstieg und Implosion kürzer
wird. Das römische Reich hat 1500 Jahre bestanden; die
Kultur der Osterinsel immerhin neunhundert Jahre. Die
westlich- kapitalistische Gesellschafts- und Lebensform
braucht nicht einmal drei Jahrhunderte, um großartige
zivilisatorische Fortschritte zu erreichen - und sich selbst zu zerstören.
Stimmen zur Zeitung und zum Kongress an
Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können
|