Kongresszeitung Ausgabe 3 Drucken

Nr. 3 vom 14. Juli 2011

In dieser Ausgabe: ++ Der Kongress ist ein Organismus, er wächst ++ Arche Nova, die Grundidee ++ Mike Sandbothes Kolumne ++ Brief an die Schulen ++ Harald Welzer, Wachstum: Vor allem wachsen die Probleme

pdf Kongresszeitung im Zeitungsformat. Zum Ausdrucken.

Guten Tag,

man wird im adz-Büro in diesen Tagen schnell zum Zahlen- Junkie. Schon jetzt sind fast die Häfte der in Bregenz verfügbaren 1700 Plätze besetzt. Wenn es so weiter geht, werden wir die letzten 250 Plätze doch noch kontingentieren und für Mitglieder und Teilnehmer vorbehalten, die mitwirken wollen. Jedenfalls macht es Freude wie nun alles Form annimmt und wenn solche Mails kommen:

Fragen möchte ich, ob es eine Möglichkeit gibt, beim zweiten Kongress am Bodensee, Leute zu finden, die man beim ersten Kongress kennen gelernt hat und deren Namen man nicht mehr weiß, nur noch, dass sie aus Österreich/ Steiermark oder Kärnten kamen ... Ich gehöre zu denen, die von diesem Kongress bis heute zehren und die von diesem Kongress maßgeblich beeinflusst wurden!!! Vielen Dank, dass es möglich wurde, am Bodensee den zweiten Kongress zu gestalten. Ich freue mich wie ein kleines Kind darauf!

Susanne Link

Manche der Kongressideen schienen uns bis zuletzt riskant: eine Küche im Zentrum? Parcours aus Gärten und Cafés? Aber gerade diese Ideen lösen weitere Ideen und Vorschläge aus. Zum Beispiel werden die Produktionsschulen in Deutschland mit Dingen, die sie herstellen und von denen sich Geschichten erzählen lassen, nach Bregenz reisen. Und die Dinge werden Platz um sich herum bekommen, wie ein Kunstwerk im Museum. Kein Grabbeltisch! Kein Infotisch! Keine Normalverwahrlosung! Angela Dombrowski von der Geschwister Scholl Schule in Oberjoch, die vergangenes Jahr den Deutschen Schulpreis erhielt, schreibt, dass die Schule am Kongress „mitkochen“ will, „beispielsweise auch durch die Gestaltung eines Workshops z.B. zum Thema Heterogenität/Individualität, Inklusion oder Elterngespräche konstruktiv gestalten“. Ja!!! Die Mail aus Oberjoch hat noch mal deutlich gemacht, dass die allgemeine Aufforderung zur Mitwirkung eben doch zu allgemein ist. Deshalb heute ein Brief an die Schulen und Kindergärten mit der Bitte um Beteiligung. 91 Tage Vorbereitung sind noch!

In der heutigen Zeitung gibt es Fotos mit „Blickgedichten“ (nur in der PDF Version) von Kindern aus Linz zu sehen. Erwin Dorn von KUKUSCH (Kunst und Kultur an Schulen) schreibt dazu:

Die Kinder machten sich im vergangenen Schuljahr unter Begleitung einer Fotokünstlerin auf „Bildsuche“ in ihrer Stadt. Die Fotos, die dabei entstanden, wurden von den Kindern mit Kurz- und Kürzesttexten versehen und als Postkarten gedruckt. Als Blickgedichte liegen sie in jenen Einrichtungen aus, in denen die Kinder ihre Foto-Abenteuer erlebten.
Der Blick von Kindern auf ihre Welt, in ihrer Welt, unterscheidet sich deutlich von der Wahrnehmungswirklichkeit der Erwachsenen. In Form dieser Postkarten wird dieser Blick der Kinder zum Gegenstand von Kunst. Und die Kinder erfahren für ihre kreative Betätigung ein hohes Maß an Wertschätzung, da ihre eigenen Produkte außerhalb der engen Schulgrenzen jene Aufmerksamkeit bekommen, die ihnen gebührt.

Von dieser Ausgabe an schreibt Mike Sandbothe, der seit einigen Wochen mitarbeitet, eine Kolumne. Mike ist studierter Philosoph, aber das macht nichts. Denn er ist Pragmatist. Was das bei Philosophen bedeutet, werden wir noch erfahren. Im Moment macht er – als stolzer Vater seiner im vergangenen Jahr in Hamburg geborenen Tochter – eine fruchtbare Verschnaufpause vom akademischen Professorendasein, das ihn unter anderem nach Berlin und Kopenhagen geführt hat. Diese Pause kommt ihm und uns und dem Kongress gerade Recht.

Wer an der Nordsee Urlaub macht oder dort wohnt kann sich am Montag, den 18. Juli um 19:30 auf Sylt im Foyer des „Erlebniszentrums Naturgewalten“ in List, Hafenstraße 37 die Diskussion „Warum wir eine andere Schule brauchen“ anhören. Es diskutieren. Jesper Juul, Gerald Hüther, Andreas Müller, Philipp von Hardenberg und Reinhard Kahl.
r.k.

„Blickgedichte“ ist ein Projekt des Vereins KUKUSCH. Kunst und Kultur an Schulen. Nähere Informationen unter www.kukusch.at KUKUSCH wird natürlich in Bregenz dabei sein. Mit einem Workshop, im Garten, im Café und mit einem bereits formulierten Kochvorschlag in der Küche.

Arche Nova - Die Grundidee

von Reinhard Kahl

Der Anblick des Raumschiffs Erde ist für die meisten eher zum Weggucken. Ökologische Turbulenzen. Ökonomische Stürme. Die Währungen wanken und es stellt sich die Frage, ob wir nicht eine ganz andere Währungsreform bräuchten. Aber wie? Ist das Personal auf dem Raumschiff für das, was kommen könnte, überhaupt vorbereitet? Es weiß ja durchaus, dass es seine Zukunft verbraucht, aber die meisten sind zugleich davon überzeugt, dass es für die absehbare Zeit der heute über 30jährigen noch reicht. Und dann? Nach uns die Mutation?

Zukunft

Zukunft zu schaffen wäre etwas ganz anderes als Zukunft verbrauchen.
Aber wie entsteht Zukunft? Wie vermehren wir durch unser Handeln die Menge der Möglichkeiten, statt die Artenvielfalt biologisch und kulturell zu vermindern oder eigensinnige Individuen zu „streamlinen“, wie es kürzlich ein Siemensvorstand nannte und beklagte?
Wie entsteht Zukunft? Dies ist die Frage hinter all den Themen des Kongresses. Oder wie es Gerald Hüther formuliert: Wie schaffen wir den Übergang von einer Ressourcen verbrauchenden zu einer Potentiale schaffenden Gesellschaft?
Welches wären denn die Orte, an denen man mit dem Umsteuern beginnen könnte? Was sollte das Personal können? Welche Haltung sollte es bilden?
Da würden beim Blick auf das Raumschiff zuerst jene Häuser auffallen, die alle paar Straßen stehen und in denen die Kinder und Jugendlichen morgens verschwinden. Aber was wird da eigentlich gemacht?

Landen

Lassen wir den virtuellen Raumschiffblick, den kluge Philosophen inzwischen „view from nowhere“ nennen. Denn der hat seine Tücken. Sloterdijk schrieb schon vor Jahren: „Die Philosophen haben die Welt bisher nur verschieden umflogen, es kommt darauf an zu landen.“ Und Remo Largo hat den Spruch für unseren Kongress abgewandelt: „Die Pädagogen haben das Kind bisher nur auf verschiedene Weise eingekreist, es kommt darauf an, es zu verstehen.“ (Remo Largo wird übrigens wie auch Gerald Hüther vom Anfang bis zum Schluss auf dem Kongress dabei sein. Er wird an der Eröffnungsrunde teilnehmen und einen großen Vortrag halten und zwischendurch durch die Gärten und Cafés flanieren.)
Lassen wir jetzt die miesen Prognosen über das Raumschiff, die dann doch nur wieder auf die alten Diskurse des Müssens hinaus laufen und die Gegenreaktion heraus fordern, müssen wir denn wirklich? Ist nicht diese Frage wichtiger: Wollen wir so leben? Wie wollen wir leben?
Das klingt natürlich pathetisch und das wäre es auch, wenn diese Frage die einzige für den Kongress wäre. Der Blick zum Horizont ist nötig, kann aber unter der Hand just eine neue Art des Wegguckens etablieren.

Schritte

Die andere Art von Fragen und Antworten ist die nach Schritten, nach den Schritten, die wir machen, so oder so. Wie laufen wir? Wie bewegen wir uns? Jetzt! Fragen, die in den großen Debatten als die nach den bloß „kleinen Schritten“ verachtet werden. Vielleicht können aber diese kleinen Schritte gar nicht klein genug sein, wenn sie nur genau sind!
Es gibt für diese tänzerische Kombination - kleine, gut platzierte Schritte zu gehen und den Blick zum Horizont zu richten - ein überzeugendes Bild: das des Seiltänzers. Sein Blick zum Horizont ist eine Funktion seiner aufrechten Haltung oder physiologisch formuliert: des Gleichgewichtssinnes. Und behutsame Schritte verstehen sich auf dem Seil sowieso.

Futur II

Um beides geht es auf dem Kongress. Harald Welzer, der an der Schlussrunde des Kongresses teilnehmen wird, formuliert diese Frage Wie wollen wir leben so: „Welche Geschichte kann man über sich bzw. über diese unsere Gesellschaft erzählen?“ Er schlägt vor dabei ins Futur II zu wechseln. Dann hieße sie: „Wer möchte ich gewesen sein?“ Angewendet auf die Herausforderungen von Klimawandel und Bildungskultur hieße sie: „Werden wir diejenigen gewesen sein, die das Ruder herumgerissen haben.“
Fest steht für den Sozialpsychologen Welzer, dass der Übergang zur postkarbonen Gesellschaft mit der ersten industriellen Revolution vergleichbar ist. Der große Unterschied ist, dass der heute erforderliche Wandel sich nicht wie eine soziale Naturgewalt einstellt, sondern gewollt werden müsse. Die Überwindung der Trägheit des Habitus wird von entscheidender Bedeutung für die Frage sein, wie wir leben wollen. Unser Habitus ist das größte Hindernis für den anstehenden kulturellen Wandel.
Harald Welzer war nie ein Autor erbaulicher Studien. Der Sozialpsychologe wurde bekannt mit „Opa war kein Nazi!“ (2002). Er untersuchte „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“ (2005) und „Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert gekämpft wird“ (2009). Zuletzt analysierte er zusammen mit Sönke Neitzel „Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben“ (2011). Zusammen mit Claus Leggewie blickte er zurück „Auf das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ (2009). In dieser Ausgabe der KongressZeitung schenkt er erschreckend klaren Wein ein zum Thema „Wachstum“. „Vor allem wachsen die Probleme.“ Welzer wird auf dem Kongress auch darüber sprechen, wie er, der Professor am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und an der Hochschule St. Gallen die nächsten Schritte in seiner Arbeit und in seinem Leben setzen will. Das gehört dazu. Man kann über diese Fragen nicht nur objektiv reden: „Man ist eben selber das Problem, über das man spricht,“ schrieb er kürzlich, sich von professoral pharisäerhaften Haltungen verabschiedend.

Welzer wird auf dem Kongress auch darüber sprechen, wie er, der Professor am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und an der Hochschule St. Gallen die nächsten Schritte in seiner Arbeit und in seinem Leben setzen will. Das gehört dazu. Man kann über diese Fragen nicht nur objektiv reden: „Man ist eben selber das Problem, über das man spricht,“ schrieb er kürzlich, sich von professoral pharisäerhaften Haltungen verabschiedend.

Sprechen

Mit dem Sprechen in der ersten Person wird denn auch der Kongress am Freitag den 14. Oktober beginnen. Reinhard Kahl, Ulrike Kegler und Remo Largo versuchen nach dem „Jahr des Missbrauchs“ eine Ortsbestimmung der „Schulveränderer und Lernaufwiegler“, wie uns eine Schweizer Zeitung nannte. Ein Thema, das nicht leicht fällt, zumal für all diejenigen, die Hartmut von Hentig viel verdanken.
Zum Ende am Sonntag den 16. Oktober wird der Kongress das Memorandum „Die Bildung kultivieren“ verabschieden, an dem der Kongress drei Tage gearbeitet haben wird. Hoffentlich viele Teilnehmer werden ein Commitment unterschreiben. Warum sagen wir nicht „Versprechen“? – Also ein Versprechen geben – mit den Schritten, die wir gehen und mit den Zielen, die wir in den beiden Jahren bis zur nächsten bbb Bildungs-Biennale-Bodensee erreicht haben wollen.


Mike Sandbothes Kolumne

Von Brünkendorf bis Patagonien

Erste Eindrücke aus dem Trockendock

Seit Juni gehöre ich zum Team des AdZ-Netzwerks, das die Arche Nova für den Bodensee vorbereitet. Das Schiff selbst – das Festspielhaus Bregenz – lerne ich in der übernächsten Woche kennen. Mein Schwerpunkt liegt im Bereich der thematischen Koordination der Passagiere.

Der Auftakt

Der Auftakt dieser Kuratorentätigkeit war ein Treffen des adz-Subnetzwerkes „Musik bildet“ im Wendland. Dort haben Reinhard Kahl und seine Frau Hanna ein altes Bauernhaus renoviert und zu einer Stätte von Erholung und Arbeit, Diskursen und geselligen Festen ausgebaut.
Brünkendorf liegt auf dem Höhbeck im Kreis Lüchow/ Dannenberg, nicht weit von Hamburg. Die Fahrt dauert knapp anderthalb Stunden. Schon die Anreise war spannend und hatte mit dem Bregenzer Kongress zu tun. Neben mir im Auto saß Andreas Doerne. Er ist Professor für Musikpädagogik in Freiburg und hat seit 2006 den Musikkindergarten Berlin wissenschaftlich begleitet.

Physikalisierung der Seele

Dieses einzigartige Projekt wurde ein Jahr zuvor von Daniel Barenboim und der Staatskapelle Berlin initiiert. Gemeinsam mit den im Musikkindergarten ehrenamtlich tätigen Musikerinnen und Musikern üben sich die Erzieherinnen und Erzieher darin, Kindern im Alter von zwei bis sechs Musik als „Physikalisierung der Seele“ (Barenboim) erfahrbar zu machen.
Das ist eine der vielen wundervollen Geschichten, die im Horizont der Arche Nova spielen. Selbstverständlich wird unser Bildungsschiff auch mit exzellenten Musikern besetzt sein. Denn der Kongresskompass weist in Richtung „Die Bildung kultivieren!“
„Musik bildet“ heißt auch ein Buch, das Doerne über den Berliner Klanggarten geschrieben hat (Breitkopf & Härtel: Wiesbaden 2010). Das tönt wie für Bregenz komponiert! Und tatsächlich, im Nachwort betont Linda Reisch, Geschäftsführerin des Musikkindergartens und wie Doerne auf der Arche Nova in Bregenz aktiv mit dabei: „Es geht nicht um das Ausbilden von Wunderkindern, sondern um das Entwickeln der Sinne, um Wahrnehmungsschulung.“

Zwei (von acht) Foren

Sowohl der frühkindlichen Bildung („Die frühen Jahre“) als auch dem Gesamtfeld der sinnlichen Wahrnehmung („Kopf, Hand, Körper“) widmet die Bregenzer Arche in diesem Jahr eigene Foren. Das Sinnen-Team von Schloss Freudenberg (www. schlossfreudenberg.de) hat angekündigt, mobile Erfahrungsfeld-Stationen mit ins Festspielhaus zu bringen. Die Leiterin der Schule für Wahrnehmungskunst, Irene Wurst, will zusammen mit Lothar Backes und anderen „im Foyer und auf anderen Begegnungsflächen die Sinne, das Wahrnehmen und das Denken erlebbar machen.“
Noch einmal zurück nach Brünkendorf. Außer Andreas Doerne und Linda Reisch konnte ich auch Fabian Schäfer, Solo-Oboist in der Staatskapelle der Berliner Oper unter den Linden und den Musikpädagogen Peter Ausländer kennenlernen1. Dieser arbeitet an der Fachhochschule Bielefeld als Professor für Musik und Bewegung. Zuvor war er viele Jahre als Lehrer für Musik, Kunst und Religion an Haupt-, Real- und Sonderschulen tätig. Ausländer sprüht vor Ideen und bringt alles, was in seinen Erfahrungskreis kommt, sogleich zum Klingen. Seine Angebote für Bregenz reichen von Vokalspielen, Tanzen und Singen mit allen über Klanginstallationen im Festspielhaus („Das Gebäude selbst wird zum Instrument“) bis zu einem „Eargarden“, in dem „mit klingendem Zeug und Stimmlauten“ experimentiert wird.

Ein mögliches Beiboot

Auch Steine können als Klanginstrumente dienen. Darauf haben sich die Erfinder der Kieselschule (www.faustlos.de/kieselschule) spezialisiert. Sie möchten ihr „innovatives Programm zur nonverbalen, musikalischen Gewaltprävention an Grundschulen und Kindergärten“ auf der Arche Nova vorstellen. Das Ganze ist aus einem Teamwork von Musikern, Medizinern, Psychologen und Lehrpraktikern hervorgegangen. In 26 Lektionen zielt die rhythmische Schwingungsarbeit mit den (im Bregenzer Garten der Dinge anzuhäufenden!?) Kieselsteinen auf die Stärkung von Empathie, Impulskontrolle, Selbstbewusstsein, Kreativität und Entspannungskompetenzen. Der Fortbildungskurs umfasst fünf Stunden und wäre ein mögliches Beiboot2 für unsere Arche. Wir sind mit Dr. Andreas Schick im Gespräch!

Positive Energien

Nun habe ich über den Auftakt, über zwei von insgesamt acht Foren und über ein mögliches Beiboot von vielen, vielen hoffentlich bald realen Zusatzschiffen geschrieben. Das ist wirklich nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus dem, was mir in den letzten Wochen alles über Email und Telefon zu Augen und Ohren gekommen ist: ein wahrer Sturm von positiven Energien und kreativen Vorschlägen für die Inneneinrichtung, den Kurs und die Besatzung der noch auf dem Trockendock befindlichen Arche Nova.
Unter uns gesagt: Irgendwie habe ich das Gefühl, dass dieses wunderbare Schiff schon längst im Wasser schwimmt und als Ozeandampfer voller lebensfroher Geister die Weltmeere glücklich und den Planeten zukunftsfähiger macht.

Post aus Übersee

Gerade kam Post aus Übersee: „ein paar begeisterte Seelen aus Chile“! Ich zitiere: „Wir sind ein zauberhaftes Theater, am ‚schönsten Ende der Welt‘: zum Teil auf dem Lago Llanquihue und mit Blick auf fünf verschiedene Vulkane umrundet von der authentischen Natur Patagoniens.“ Und weiter: „Der entscheidende Schritt ist, dass wir uns mehr und mehr auf den erzieherischen Wert der Kunst stützen, um Kreativität in der allgemeinen Bildung der Schulen zu fördern.“! Die Truppe hat sich für Bregenz schon angemeldet. Sie wollen ihre Pläne für „2-3 innovative Schulen in Chile“ vorstellen.
Mehr Geschichten, mehr Visionen, mehr Fakten und Informationen, mehr zu den Rednerinnen und Rednern, den Tätigen und den Entspannten, den Workshops und den Relaxzonen, den Beibooten und den Freischwimmern in den nächsten KongressZeitungen. Bis bald!

Mike Sandbothe

PS: Die Beiboote sollen Donnerstag und Freitagvormittag bzw. Sonntagnachmittag und Montag im Umfeld des Kongresses in Bregenz und Umgebung stattfinden. Sie bieten den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit, sich in einer überschaubaren Gruppe ohne Zeitdruck auf ein Thema zu konzentrieren.


Brief an Schulen und Kindergärten

Es gibt mehr gute Praxis in den Schulen – und vielleicht noch viel mehr in den Kindergärten – als bekannt ist. Immer wenn man auf gute Ideen trifft, wird’s bewusst: Wir kennen unsere eigenen guten Leute häufig nicht, oder eben nur einige. Aber es geht darum zu zeigen, was gemacht wird. Nicht nur drüber sprechen, auch, natürlich, aber eben zeigen! Sichtbar machen. Um damit auch unsere inneren Bilder von dem, was wir für möglich halten, zu modifizieren.

Weltgarten

Auf dem Kongress in Bregenz wollen wir Ideen, Choreografien, Alltagsmuster und eben die Dinge selbst so gut es geht sichtbar machen. Ein Garten. Kein botanischer Garten, ein Weltgarten. Es sind manchmal einzelne Objekte, oft aber deren Anordnungen. Ein Puzzle aus dem sich die gute Schule - und ebenso der schöne Kindergarten – die uns vorschweben, langsam zusammensetzen. In Bregenz wird allerdings nicht der Prototyp am Brett aufgerissen, damit dann die Blaupause in Serie gehen kann. Jeder wird aus den Puzzleteilen etwas anderes machen. Und seine Teile hinzufügen. Anders geht es nicht.
Es könnten zum Beispiel Lernlandkarten der Schüler (die Schülerinnen sind natürlich immer mitgemeint), die mancherorts die Zeugnisse ablösen oder ergänzen, ausgestellt werden. Da gibt es wirkliche Kunst und Poesie! Oder Logbücher. Oder Produkte. Oder Teile von Einrichtungen. Vielleicht Fotos von Toiletten, die zivilisiert oder sogar mit Künstlern zu schönen Orten umgebaut wurden? Vieles ist möglich, mehr jedenfalls als wir uns derzeit an Schreibtischen in Hamburg Eppendorf ausdenken können.
Wir werden um das nötige Geld kämpfen, um auch große Exponate zu transportieren, und wenn es auch ein Tieflader sein muss.

Wasserzeichen

Es wird nicht leicht werden auch das scheinbar Unsichtbare sichtbar zu machen. Institutionen haben einen kulturellen Code vergleichbar Wasserzeichen. Für die Schulen sind das Gedächtnisspuren an das Kloster und die Kirchen, an das Arbeitshaus und die Fabrik, auch ein bisschen Heim und Gefängnis ist immer noch dabei, langsam kommt auch das Labor hinzu oder die Bühne. Wie ändern sich die Anordnungen und Zwischenräume, in denen bekanntlich der Geist haust, wenn in die Schule die Küche und der Garten, das kreative Labor und die Garagen der Gründer und Erfinder eingeschleust werden.
Jörg Rainer Noennig, Juniorprofessor für Wissensarchitekturen an der TU Dresden wird in Bregenz zeigen, wie es in dem sagenhaften Labor von Thomas Alva Edison zuging. Sehr gemischtes Personal. Und ein bisschen unordentlich. Und nie gab es so viele Patente.

Sprechen? Sprechen!

Wir arbeiten an einem Kongress, in dem die Teilnehmer, so gut es geht, Mitwirkende werden. Die Bedeutung des Sprechens, wie es in Vorträgen und Werkstätten stattfindet, wird gemindert. Andere Sprechformen werden gesteigert. Das Sprechen wird dann heterogener, vielstimmiger, vielleicht jazziger. Es gibt ein Konzert, in dem auch die Dinge mitreden dürfen. Wie bitte, sagen jetzt bestimmt nicht wenige. Die Dinge sollen mitreden? Was für ein Quatsch! Wir müssen die Antwort auf den Oktober vertagen, und vielleicht kommt es zum richtigen Konzert erst bei der Bildungs-Biennale-Bodensee im Herbst 2013.
Jedenfalls – und dazu mehr in den nächsten KongressZeitungen, bitten wir die Lehrerinnen und Lehrer, die Erzieher, die Künstler, Profidenker und alle anderen – nicht nur Dinge mit zu bringen, sondern vor allem sich selber! Machen Sie Vorschläge auch für Werkstätten / Workshops.

r.k.

PS

Ein kleiner Nachtrag zu den Dingen. Der französische Philosoph Bruno Latour plädiert für ein „Parlament der Dinge“.
Hier der Anfang eines Essays von Scott Lash: „Bruno Latour argumentiert für die Rechte des Objekts. Er ist der Sprecher des „Parlaments der Dinge“. Latour zufolge hat sich die Moderne – teilweise aufgrund ihres systematischen Hangs dazu, im Dualismus von Subjekt und Objekt zu denken – systematisch geweigert, den Rechten des Objekts Beachtung zu schenken. Er behauptet, dass wir zu einer Anerkennung der Rechte, der Autonomie und der Handlungsfähigkeit des Objekts gelangen können. Dies ist dann möglich, wenn wir erkennen, dass die moderne Form der Klassifizierung nie mit dem korrespondierte, was in Theorie und Praxis wirklich passierte, und nie von den Konsequenzen dieser Praktiken Notiz nahm. Latour vertritt die Ansicht, dass die „Moderne“ nie mehr war als eine Form der Klassifizierung, eine Form der Taxonomie oder besser eine Ideologie, die nachwies, wie wir klassifizierten und einordneten. Er glaubt, dass wir mit der althergebrachten soziologischen Chronologie brechen müssen, in der das wilde Denken (la pensée sauvage) primitiver Klassifizierungen durch ein dualistisches modernes Denken (la pensée moderne) moderner Klassifizierung ersetzt wird; dass wir uns stattdessen damit auseinandersetzen müssen, worin unsere sehr unmoderne Form der Klassifizierung besteht, und gleichzeitig erkennen müssen, dass wir nie modern gewesen sind. Erst dann werden Rechte und Repräsentation, die Rechte zu sprechen und repräsentiert zu werden, dem Objekt zugestanden und von diesem behauptet worden sein.“
Mehr unter: http://eipcp.net/transversal/0107/lash/de


Vor allem wachsen die Probleme

Warum Wirtschaftswachstum ins Desaster führt

von Harald Welzer

Der Super-GAU in Japan, der seit vier Monaten stattfindet und noch auf unabsehbare Zeit weitergehen wird, hat einmal mehr die Gewissheit kontaminiert, in der besten aller denkbaren Welten zu leben: nämlich in einer Welt des unaufhörlichen Fortschritts, die sich selbst von den Zwängen der Natur und damit der Endlichkeit befreit hatte. Dass ein Land fast ohne Rohstoffe die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein kann, erschien uns ja schon lange nicht mehr als Absurdität, sondern als eine Selbstverständlichkeit. Im Augenblick des Desasters blitzt auf, dass so etwas wohl nur auf kurze Sicht möglich ist.
Auch die Kernenergie entbindet nicht von der trivialen Tatsache, dass die Grundlage des Überlebens immer die Beziehung von Mensch und Umwelt ist. Der Traum der Moderne war es, sich vollständig von der Natur zu emanzipieren, aber so wie es im vergangenen Jahr die Havarie der Ölbohrplattform Deepwater Horizon war, die einen bis heute unabsehbaren Schaden am Ökosystem des Golfs von Mexiko anrichtete, so waren es dieses Jahr eben die Dilettanten von Tepco, die einen Teil der Welt nachhaltig verseuchen. Und nächstes Jahr oder gleich morgen wird es etwas anderes sein, was die Biosphäre weiter zerstört.
Die Verwandlung der Welt hat sich im 19. Jahrhundert als unerhörter Produktivitätsfortschritt formuliert, im 20. als Zeitalter der unaufhörlich wachsenden Verschwendung. Das 21. Jahrhundert wird dadurch gekennzeichnet sein, dass der Menschheit die Kosten ihres Traums von der Naturenthobenheit auf die Füße fallen. Weil der Stress aus Ressourcenkonkurrenz, Finanzkollaps, geopolitischen Verschiebungen und Umweltkatastrophen sich kontinuierlich vergrößert , wird die Suche derjenigen, die heute Kinder und junge Erwachsene sind, vor allem einer Ressource gelten, die im 20. Jahrhundert noch grenzenlos schien: der Zukunft nämlich.
Gerade bei dieser Suche nach der Wiedergewinnung von Zukunftsfähigkeit haben die gegenwärtigen Eliten kaum Hilfestellung zu bieten. Sie unterwerfen ihr Handeln dem radikalen Diktat der Gegenwart: so wie die Wachstumsraten der deutschen Wirtschaft zur Freude von Managern und Politikern ganz ungeahnte Höhen erreichen, so gilt dasselbe für die Staatsverschuldung und die Menge an Energie, die verbraucht wird. Und für die Steigerung bei den weltweiten Emissionsraten. Zukunftsfähigkeit? Das Jahr 2010 war das Jahr mit dem höchsten Energieverbrauch der Menschheitsgeschichte. Weltweit wuchs der Energieaufwand um 5,6 Prozent, die Menge an Dreck, die dabei anfiel, sogar um 5,8 Prozent. In den letzten zwanzig Jahren sind die klimarelevanten Emissionen um 100 Prozent angewachsen, aber für die nächste Verdoppelung wird es nur noch ein Jahrzehnt brauchen, wenn der Energiehunger der Industrie- und Schwellenländer weiter so schnell wächst wie im Augenblick. Der Erdölverbrauch, der gegenwärtig ein Drittel des Primärenergieverbrauchs ausmacht, wird heutigen Prognosen zufolge von 84 Millionen Barrel täglich im Jahr 2005 auf 116 Millionen Barrel bis 2030 ansteigen,1 bei kontinuierlich erschwertem Zugang. Und die vielbeschworene Energiewende? Fossile Energieträger, allen voran die Kohle, stehen noch für viele Jahrzehnte reichlich zur Verfügung – lange genug auf jeden Fall, um die Klimaerwärmung locker auf drei, vier oder fünf Grad im globalen Mittel hochzupushen.
Angesichts der rapide wachsenden Übernutzung jener Ressourcen, die Menschen tatsächlich zum Überleben brauchen – Böden, Wasser, Meere zum Beispiel – fällt weder den politischen noch den wirtschaftlichen Eliten mehr ein, als weiterhin Wachstum zu predigen und um jeden Preis die eingeschlagene Richtung beizubehalten. Da phantasiert Mercedes- Chef Dieter Zetsche, die Absatzmärkte der Schwellenländer vor seinen leuchtenden Augen, dass „die große Zeit des Autos erst noch“ beginne. Die Berater der Autoindustrie halluzinieren eine Verdoppelung des weltweiten Automobilabsatzes bis zur Jahrhundertmitte - als hätten sie nie etwas von CO2, Energiepreisen und Ressourcenkonkurrenz gehört. In der ADAC-Motorwelt vom September 2010 schreibt Peter Voser, CEO der Royal Dutch Shell, über die Zukunft der Mobilität das Folgende: „Mehr Menschen, mehr Autos und mehr Wohlstand tragen zu einer steigenden Energienachfrage bei – allein bis 2050 könnte sie sich global verdoppeln!“ Diese Perspektive ist für den Vorstandsvorsitzenden eines Mineralölkonzerns keine negative Utopie, sondern eine erfreuliche Aussicht – und sein Vorstellungshorizont bleibt entsprechend auch für die nächsten vier Jahrzehnte, trotz peak oil, Klimaerwärmung, Ressourcenkonflikten an die Welt der Gegenwart gebunden. Seine Utopie formuliert sich nämlich in einem moderaten technischen Fortschritt, wörtlich: „Wir werden eine stärkere Diversifizierung von Antrieben und Kraftstoffen bzw. Energiequellen sehen. Dabei werden Automobilkonzepte und die eingesetzten Technologien immer stärker vom Einsatzzweck bestimmt: Stadt- und Kurzstreckenverkehr erfolgen immer stärker hybridisiert oder elektrifiziert; über Land und auf Langstrecken sind moderne Dieselfahrzeuge weiter erste Wahl. Rückgrat des Straßenverkehrs ist und bleibt der klassische Verbrennungsmotor. Das nächste und übernächste Neufahrzeug, das sich ein Autofahrer kauft, wird sich nicht grundsätzlich von heutiger Technologie unterscheiden. Wenn kurz- bis mittelfristig Klimaerfolge erzielt werden sollen, können diese nur über den Verbrennungsmotor führen.“ Zitat Ende.
Eine solche Perspektive bedarf kaum des Kommentars – der Verbrennungsmotor rettet das Klima, übrigens nur der Verbrennungsmotor. Dies ist eine Utopie, wie sie den mentalen Infrastrukturen der Industriegesellschaft auf das Genaueste entspricht. Die an das Wachstum gebundenen Vorstellungshorizonte lassen sich in der Formel bündeln: so wie jetzt, nur noch mehr! Zum Glück, so derselbe Peter Voser auf dem Swiss Economic Forum 2011, verfüge allein Shell über Erdölreserven für die nächsten 55 bis 60 Jahre; um aber keine Engpässe entstehen zu lassen, investiere sein Unternehmen jedes Jahr 30 Milliarden Dollar, um die jährlich um 5 Prozent fallende Produktion zu kompensieren – zum Beispiel, indem jetzt auch im Mittelmeer Tiefseebohrungen vorangetrieben werden.
In der Tat ist die industrielle Moderne durch exakt jene expansiven Zukunftsstrategien gekennzeichnet, wie Peter Voser sie zeichnet: Nicht nur ist die Gegenwart eine bloße Durchgangsstation auf dem Weg zu einer Welt, die von allem noch mehr bereithält, sie bewältigt Zukunftsprobleme auch regelmäßig durch Expansion: Wenn das Öl weniger wird, bohrt man tiefer; wenn das Wasser knapp wird, entsalzt man das Meer; wenn die Fischbestände schwinden, fährt man weiter hinaus. Der Nutzung expansiver Strategien – also der beständigen Erhöhung von Produktivität und Verbrauch – verdanken die Bewohner der frühindustrialisierten Gesellschaften ihren historisch noch nie da gewesenen Reichtum, ihre Lebenserwartung, ihr Bildungsniveau genauso wie ihre Sicherheit. Das Problem ist nur, wie Jared Diamond in seinem Buch „Kollaps“ eindrucksvoll gezeigt hat, dass Gesellschaften exakt dann scheitern, wenn sie die Strategien, mit denen sie lange Zeit erfolgreich gewesen sind, genau dann intensivieren, wenn sie unter Stress geraten. Wenn also in Zeiten schwindender Ressourcen mehr abgebaut oder in Zeiten der Klimaerwärmung mehr emittiert wird, beschleunigt man nur den Weg in den Untergang. Die einzige Wette, die die Vosers dieser Welt dabei machen, ist die auf ihre eigene Zukunft: wenigstens für ihre Lebenszeit wird schon noch reichen, was der Planet zu liefern hat.
Die Gegenwart ist dystopisch geworden. Die Sogwirkung eines Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, das die unablässige Steigerung von Glück durch die unablässige Ausweitung der Konsumzone anbietet, ist so stark, dass sich ihr kaum noch jemand entziehen mag. Der Verzicht auf die Atomenergie und die Hoffnung auf den nächsten Exportschlager „erneuerbare Energien made in Germany“ kalkuliert leider nicht ein, dass auch dieses Wirtschaftswunder vermehrten Ressourcenaufwand bedeutet. Im Übrigen sind in historischer Perspektive traditionelle Formen der Energieerzeugung nicht aufgegeben worden, wenn sich neue etablierten. Im Gegenteil: weil sich das Gesamtangebot vergrößert hat, hat man altes und neues parallel genutzt, und genauso wird es mit den erneuerbaren und den fossilen Energien geschehen. Eine Wirtschaftsform, deren Funktionsweise in beständiger Wachstumsproduktion besteht, kann so wenig auf die regelmäßige Dosiserhöhung verzichten wie ein Suchtkranker, dessen Organismus stets nach mehr Stoff giert. Seine Sucht ist in jeder Hinsicht - finanziell, sozial, gesundheitlich – äußerst schädlich, liefert aber einerseits solchen kurzfristigen Lustgewinn und produziert andererseits solche langfristigen Abhängigkeiten, dass der Süchtige ALLE Arten von Kosten zu zahlen bereit ist, um zuverlässig an den Stoff zu kommen.
Warum eigentlich kündigen die Bevölkerungen nicht endlich ihr Einverständnis mit all dem auf und rufen zu Protest, Umkehr, Veränderung auf? Und warum praktizieren sie diese nicht endlich selbst? Weil man mit unserer Leitkultur der Verschwendung und Verantwortungslosigkeit immer schon einverstanden ist, wenn man morgens mit dem Auto zur Arbeit fährt, sich am Wochenende in der Wellnessoase langweilt oder sich in den Flieger nach irgendwo quetscht, um an irgendeiner anderen Stelle des Planeten sinnlose Dinge zu tun. Mit anderen Worten: man ist mit den Ackermanns und Vosers viel einverstandener, als man glaubt, wenn man sich gerade über sie empört: stellen sie doch die Benutzeroberfläche des ALLES IMMER zur Verfügung, aus der man sich jederzeit gern selbst bedient.
Der zum Verbraucher heruntergekommene Bürger muss ja auch das nächste Auto, den nächsten iPad, die nächste Nespressomaschine haben wollen, damit der ganze Laden weiter funktioniert.
Das Perfide am kapitalistischen System und all seinen Wohlstands-, Gerechtigkeits-, Gesundheitsund Sicherheitsgewinnen ist ja, dass es jeden Aspekt des Daseins in Waren verwandeln kann und damit potentiell allen zugänglich macht, sofern sie nur das Glück haben, sie kaufen zu können. Es kann alles vereinnahmen und alle gleich machen im globalen Glück des Konsums, aber weil es alles gleich, nämlich kaufbar macht, hat es auch alle Alternativen dazu selbst zum Verschwinden gebracht. Der dramatische Befund lautet: es gibt keinen Plan B. Wie gesagt: Gesellschaftliche Erfolgsmodelle enthalten die Blaupause für ihren eigenen Untergang, und neu ist bei all dem nur, dass die Spanne zwischen Aufstieg und Implosion kürzer wird. Das römische Reich hat 1500 Jahre bestanden; die Kultur der Osterinsel immerhin neunhundert Jahre. Die westlich- kapitalistische Gesellschafts- und Lebensform braucht nicht einmal drei Jahrhunderte, um großartige zivilisatorische Fortschritte zu erreichen - und sich selbst zu zerstören.

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