Von Reinhard Kahl. 17. November 2009
Das Zivilisationsniveau der meisten deutschen Hochschulen und Schulen liegt weit unter dem Standard. Und es mangelt an Kreativität und Spielräumen.
Das Physikum in der Zahnmedizin hatten in Regensburg drei Studenten zu viel bestanden. Zu gute Leistungen. Nun fehlten Plätze im klinischen Teil des Studiums. Aber die Studierenden sollten sich mal keine Gedanken machen, wurde ihnen gesagt. Als sie dann am ersten Tag des Wintersemesters morgens früh angetreten waren, in den weißen Hosen und Kitteln, die sie von der Uni bekommen hatten, bemerkte der Professor im Nebensatz, dass ja wohl erst noch drei ausgelost werden müssten.
Er begann trotzdem schon mal mit seiner Einführung. "Dann kam der Herr vom Dekanat mit einer Schachtel voller Lose", notierte die Studentin Anja Spitzer, "jeder wurde aufgerufen und musste ein Los ziehen". Nachdem die drei, die den Kürzeren gezogen hatten, fest standen, "wurde mit der Vorlesung begonnen".
Anja Spitzer gehörte zu diesen Dreien. Auf die Frage, was denn nun mit ihnen geschehen soll, hieß es, vielleicht könnten sie im Winter schon mal eine Doktorarbeit anfangen oder lieber ganz die Uni wechseln. "Wir wurden quasi vor die Tür geschickt, niemand hat sich um uns gekümmert." Anja Spitzer notierte an diesem Tag: "Es war eins der demütigendsten, menschenverachtendsten Erlebnisse, die mir je passiert sind."
Dass dieser Vorfall nicht in der dröhnenden Normalverwahrlosung deutscher Hochschulen unterging, verdanken wir Manfred Spitzer, Anjas Vater. Er ist Medizinprofessor in Ulm, Direktor der Psychiatrie und berühmter Hirnforscher. Nicht zuletzt als Beobachter des Schulalltags seiner sechs Kinder ist er auch zum Lernforscher geworden und hat dafür ein Institut gegründet.
Aber so etwas hat er noch nicht erlebt. In einem Zeitungskommentar fragte er: "Stellen Sie sich vor, Sie kommen nach einer Weiterqualifizierungsmaßnahme wieder an Ihren Arbeitsplatz zurück und Ihr Chef eröffnet Ihnen, dass für Sie gerade kein Platz ist. Sie mögen doch bitte in einem halben Jahr wiederkommen - undenkbar? - keineswegs! Normalfall an einer deutschen Universität."
Tatsächlich liegt das Zivilisationsniveau der meisten deutschen Hochschulen weit unter dem Standard unserer Gesellschaft, unterboten nur noch von manchen Schulen. Diese Art, nicht willkommen geheißen zu werden, ist eine der Erbsünden unserer Hochschulen. Immer noch begrüßen Hochschullehrer die Erstsemester zumal in den Ingenieur- und Naturwissenschaften, mit dem Hinweis, dass die Hälfte von ihnen nicht hierher gehöre. Spätestens bei der Zwischenprüfung würden sie es schon merken.
Gerd Binnig zum Beispiel, einer der wenigen deutschen Nobelpreisträger, erinnert sich daran, dass er sich in seinem Leben nie so dumm und überflüssig gefühlt habe, wie als Student in seinen ersten Physik- und Mathevorlesungen. Um ein Haar hätte er sein Studium damals geschmissen. Gerettet haben ihn die Rockband, in der er spielte und Gedichte, in denen er etwas erschaffen konnte. Später schrieb er ein Buch über Kreativität: "Aus dem Nichts."
Denn Kreativität braucht Spielräume. Aber es mangelt in Hochschulen an einem inspirierenden Studium Fundamentale, an Themen und Übungen, in denen man herausfindet, wer man ist und was man will. Studierende werden stattdessen mit Wissenshäppchen voll gestopft und abgespeist.
Dabei wird angesichts einer unsicheren Zukunft Bildung wichtiger als Ausbildung. Die Geschäftsgrundlage von Ausbildung ist nämlich, dass die Zukunft als Wiederholung der Vergangenheit bereits bekannt ist. Scouts, die sich ins Neuland wagen, brauchen neben einer guten Orientierung vor allem Selbstvertrauen.
Tatsächlich fühlen sich die meisten Studenten verloren wie Findelkinder auf dem Bahnhof. Großes Gedrängel. Immerfort neue Durchsagen. Wohin die Züge wirklich fahren und ob sie am Ziel überhaupt ankommen, ist unklar. Wohin man denn will, das ist nirgendwo Thema. Die Frage, ob man vielleicht auch mal umsteigen sollte, wird nicht gern gehört. Aber die Fahrpläne werden fortwährend in Details perfektioniert. Und wenn die Ziele völlig abhanden kommen, dann fahren eben alle Züge nach Bologna.
Und das Resultat? Eine Studie der Uni Konstanz, erhoben im Auftrag der Bundesregierung, kommt zu dem skandalösen Ergebnis, Studenten in Deutschland seien heute so "labil und teilnahmslos" wie nie zuvor. Sie hätten den Eindruck, "als könnten sie weder ihre berufliche Karriere noch politische Entscheidungen wirklich beeinflussen", sagt Studienleiter Tino Bargel. Was bislang nur für Jugendliche ohne berufliche Qualifikation gegolten habe, treffe nun auf mehr und mehr Studierende zu.
Wie macht man junge Leute apathisch? Zeit verknappen und fein gemahlenen Stoff in Köpfe füllen, die sich dafür nach der Klausur nicht weiter zu interessieren brauchen. Bulimie lernen. So wird alltägliche Verwahrlosung produziert.
Denn die vielfältige und schöne Welt wird gleichgültig. Wissen und Können werden wertlos, wenn sie zu Mitteln für abstrakte Erfolge, für Abschlüsse werden und am Ende nur zum bloßen Überleben taugen. Diese Auszehrung nennen die Studentinnen und Studenten die Ökonomisierung des Studiums.
Aber es fällt ihnen schwer, diesen Überdruss zu artikulieren und ihre Gefühle in Sprache zu fassen. Ratlos flüchtet der Protest zu Klischees. Vermutlich wird auch dieser "Bildungsstreik" nicht explodieren und aufrütteln, sondern wie seine Vorgänger bald implodieren und spätestens Weihnachten verschwunden sein.
Dabei können sich die streikenden Studenten anders als ihre Vorgänger über Zustimmung und sogar über Ermunterung nicht beklagen. Aber mancher Zuspruch ist durchschaubar. Die Bildungslobby will ihre Ressourcenströme sichern.
Gewiss, Bildung braucht Geld. Viel mehr Geld. Aber sie braucht eine noch wichtigere Ressource: Ideen. Und mehr noch als Ideen brauchen die Findelkinder in den Unis, starke Mentoren. Wie wäre es denn, wenn unsere Nestoren wie Enzensberger, wenn Wissenschafter wie Binnig, wenn Schriftsteller und Künstler, wenn Bürger, auch kluge Unternehmer und Manager, wenn vielleicht auch Politiker in die Hochschulen gingen. Der Bundespräsident voran.
Wenn sie mit den Studenten die Zukunft träumen und denken. Wenn sie ihre Geschichten mitbringen. Denn Biografien verlaufen anders als Studienpläne. Nicht nur die Big Shots, die mit so etwas anfangen müssten, sind gefragt sich als Mentoren anzubieten. Die Studentinnen und Studenten brauchen Gesellschaft. Und wenn manche Hochschule keine einladenden Räume hat, in denen man die halbe Nacht diskutieren will, dann sind die Theater gefragt, Stadthallen oder die leer stehenden Kirchen ihre Türen zu öffnen.
Der Artikel erschien zeitgleich in der Zeit online. Foto: Timur Emek/ddp
|