Kolumne: Der blinde Seher Drucken

von Reinhard Kahl  14.April 2010

Am 26. Januar dieses Jahres war Jubel im "Weißen Saal" des Stuttgarter "Neuen Schlosses". Kultusminister Helmut Rau hatte Hartmut von Hentig zu einem Vortrag eingeladen, den dieser auf der Einladungskarte als seinen "letzten pädagogischen Vortrag" angekündigt hatte. Das Thema hieß: "Das Ethos der Erziehung. Was ist an ihr elementar". Hartmut von Hentig wurde gefeiert. An diesem Abend, wie so oft, dort und anderswo, mehrfach in diesem Ministerium, dessen frühere Kultusministerin Annette Schavan den Hentig so gerne zitierte, wie es ihre Gegenspieler taten, die sich Schule ganz anders vorstellen. Während ich diesen Text schreibe, es ist Gründonnerstag, kommt mir dieser 26. Januar wie Palmsonntag vor. Da wurde Christus vom Volk gefeiert, wie selten, und ein paar Tage später war dann Gründonnerstag, da wollte ihn niemand mehr kennen, auch Petrus nicht.

Vielleicht fällt mir dieser Vergleich auch deshalb ein, weil mich Hartmut von Hentig häufig an einen Christus erinnert, so leidend und leidenschaftlich, so freundlich und zart, so einfühlend und zerbrechlich. Ich sage "etwas von einem Christus" und bleibe dabei. Aber ich habe auch häufig eine andere Seite erlebt, eine streng kategoriale, herrisch rechthaberische, wenn er bei Interviews erst mal die Eingangsfrage korrigierte, wenn er das Raster zurechtrücken wollte, damit dann alles gut passt. Diese besserwisserische Seite, unter der manche seiner Mitarbeiter litten, gehört aber nicht zu dem eindeutigen Bild, das wir wollten. Wir, die wir immer noch viel zu sehr erlösungsbedürftig waren und sind und deshalb dem schönen platonischen Ideenhimmel zuweilen den Vorrang vor irdischen Beobachtungen geben. Da gibt es Abspaltungen, die Hentig schärfer an sich vorgenommen und Idealisierungen, die er schöner und perfekter modelliert hat, als seine Anhänger es konnten.

Seit Wochen gehen nun meine Gedanken durcheinander, ich bin verstört und ich will versuchen, hier keine größere Klarheit zu mimen, als ich sie habe. Noch mal zum Vortrag vom 26. Januar. Der liegt seit Wochen auf meinem Schreibtisch und ich habe versucht für die Einladung zum nächsten Kongress des Netzwerks "Archiv der Zukunft" vom 24. bis 26. September im Festspielhaus Bregenz daraus Wasserzeichen einzuziehen. "Arche Nova | Die Kultivierung der Bildung" soll der Kongress heißen. Es war ein schön empfundener Zufall, das Hentig am Tag zuvor seinen 85. Geburtstag hat. Der sollte dort gefeiert werden. Er hatte bereits zugesagt. Aber schon vor Monaten hörte ich davon, dass ehemalige Schüler der Odenwaldschule, die von Gerold Becker und anderen Lehrern sexuell missbraucht wurden, dieses zum 100. Geburtstag der Schule im Mai an die Öffentlichkeit bringen wollten. Ein zweiter Versuch nach dem ersten im Jahr 1998. Auch ich fand damals und bis vor kurzem, dass da eine Sache hochgespielt würde. Ich habe gefürchtet, dass es zum Skandal kommt und auch Hentig mit hineingezogen wird. Ich wollte es nicht wahrhaben. Schweigen. Die Pädagogik sollte nicht beschädigt werden. Verleugnen. Lieber erst gar nicht hin gucken. Mit der Folge, dass ich das Papier zum Kongress nicht loslassen mochte. Nun hat der Kongress ein Thema mehr.


Dann kam es dicke. Missbrauch in Klosterschulen und Missbrauch im Odenwald. Missbrauch des Missbrauchs auch in manchen Medien. Und vor allem das Schweigen der Päpste. Dessen in Rom und eben auch des deutschen Pädagogenpapstes. Aber während Priester und hohe Priester in Misskredit geraten, hat eine Praxis neuen Lernens in den Schulen längst ihre eigene Würde erlangt. Vielleicht ist die aktuelle Verstörung auch eine Chance: Dass die Intelligenz der Praxis sich von Priesterideologien freimacht. Vielleicht müssen wir auch Teile unserer Ideengebäude wegen ihrer Architektur zertrümmern, um mit den dabei gewonnenen Steinen weiterbauen zu können?


Jedenfalls bin ich mir sicher, dass hier eine Abspaltung im mentalen Betriebssystem vorliegt, die zu reflektieren Zeit braucht. Ein Schlaglicht: Hentigs Gegenspieler in Bielefeld, Niklas Luhmann, machte ein Kinderspiel zur Maxime seiner Theorie: "Ich sehe was, was Du nicht siehst". Jeder hat seinen blinden Fleck. Er ist physiologisch ja eine Bedingung, sehen zu können. Luhmann sprach auch von dem Knick in der Optik, der mit seiner Produktion von Missverständnissen eine logische Voraussetzung für Kommunikation sei. Daraus ergibt sich, dass wir den Blick der anderen brauchen, dass es Wahrheiten nur im Diskurs gibt. Also Wahrhaftigkeit. Diese radikal diesseitige Theorie hat für mich immer mehr an Überzeugung und auch an Faszination gewonnen. Hentig verkörpert demgegenüber jetzt den blinden Seher, der seine Ideen und Entwürfe von einer geliebten Welt möglichst nicht von Wahrnehmungen unreiner Wirklichkeit stören lasse wollte. Seine Biographie heißt "Mein Leben – bedacht und bejaht".Aber man erfährt nie, gegen welche Verneinung sich diese Bejahung behauptet. Lutz van Dijk hat zur verleugneten, verheimlichten und abgespaltenen Homosexualität, wie er sie bei Hentig kennengelernt hat, mutig und erhellend geschrieben.


Andererseits kenne ich niemanden, der so offen und freundlich auf andere zugehen kann, der bereit ist, Probleme und Irritationen so im Lachen aufzufangen, der Gedanken anderer so viel Resonanz geben kann, wie HvH. Er ist ein großer Mensch, dem man ansehen kann, wie sich Leiden in Leidenschaft verwandelt.Auch die eben bemühte Theorie vom blinden Fleck hat gewissermaßen ihren blinden Fleck: Ihr fehlt der Blick zum Horizont,Utopie, nennen wir es Vision. Wirbrauchen auch die Seher. Und wir müssen auch deren blinden Fleck in Kauf nehmen,ihn aber dann im Diskurs auflösen.Das größte Problem ist das Schweigen.Der größte Mangel ist der an Ambivalenz. Auch Hentig ist gut und nicht gut.

Kritik, Zustimmung oder Brainstorming: www.reinhardkahl.de

Der Text erschien zuerst in der Zeitschrift Pädagogik 5/10

 



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