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Kinder haben das Recht mitzubestimmen – auch in der Schule Drucken

Offener Brief an die Kultusministerkonferenz

Als engagierte Bürgerinnen und Bürger und als verantwortliche Pädagoginnen und Pädagogen stellen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Experten-Tagung „Demokratische Grundschule“ an der Universität Siegen fest: Die öffentliche Diskussion über die Qualität der Schule und ihre Probleme wird zurzeit einseitig geführt.

Im internationalen Vergleich zeichnen sich deutsche Achtklässlerinnen und Achtklässler durch den höchsten Grad an Fremdenfeindlichkeit aus. Ihre Bereitschaft zu politischem Engagement liegt unter dem Durchschnitt anderer Länder. Das sind zwei zentrale Befunde der CIVIC-Studie zur politischen Bildung, die uns mindestens so beunruhigen müssten wie die ebenfalls 2001 veröffentlichten PISA-Daten. Die Bildungspolitik wird aber von der Diskussion über die fachlichen Leistungen und ihre Verbesserung bestimmt. Damit wird der Bildungsauftrag gerade auch der Grundschule unzulässig eingeengt.

 

Wir fordern deshalb mehr Aufmerksamkeit für die Grundschule als sozialen Lebensraum und politischen Lernraum. Demokratisches Engagement wächst, wenn schon Kinder erleben, dass sie als Person respektiert werden, und wenn sie ihr Leben und Lernen in der Schule verantwortlich mitbestimmen können. Die Grundschule ist die einzige öffentliche Institution, in der junge Menschen aus allen sozialen Milieus verbindlich zusammenkommen. Damit ist sie der zentrale Raum, in dem unsere Gesellschaft zusammenwächst – oder Gruppen voneinander getrennt werden. Und sie ist alltäglicher Lebensraum, in dem Macht ausgeübt und Interessen ausgehandelt werden.

Im Alltag aller Schulen sind deshalb die grundlegenden Menschenrechte der Kinder zu achten, ist die Bereitschaft und Fähigkeit der Kinder zum demokratischen Zusammenleben zu fördern. Auch darüber, wie sie diesen Anspruch umsetzen, haben Schulen Rechenschaft abzulegen - nicht nur über die Förderung der fachlichen Leistungen. Dazu hat die Kultusministerkonferenz in ihrem Beschluss vom 3.3.2006 festgestellt:

„Die Kultusministerkonferenz bekennt sich ausdrücklich zu der Kinderrechtskonvention und dem darin festgeschriebenen Recht des Kindes auf Bildung, von dessen Verwirklichung die Zukunft des Einzelnen wie auch der Gesellschaft nicht unwesentlich abhängt. [...]
Die Kultusministerkonferenz spricht sich dafür aus, dass die Subjektstellung des Kindes und dessen allseitiger Entfaltungsanspruch in allen Schulstufen und -arten zu respektieren sind und Maßnahmen zur Förderung von Begabungsvielfalt sowie zur Vermeidung von sozialer Ausgrenzung verstärkt werden müssen.
Die Kultusministerkonferenz spricht sich dafür aus, dass die altersgerechte Berücksichtigung der Rechte des Kindes auf Schutz und Fürsorge sowie auf Partizipation essentiell für die Schulkultur ist.“

Wir begrüßen diesen Beschluss auch deshalb, weil er in der Grundschule auf vergleichsweise günstige Bedingungen trifft. Viele Grundschulen, viele Lehrerinnen und Lehrer haben tragfähige Ansätze entwickelt, die eine ernsthafte Beteiligung an Entscheidungen ermöglichen: von Freiräumen für selbstständiges Arbeiten über Klassenräte bis hin zu Schulversammlungen. Solche Ansätze brauchen Unterstützung und müssen verbreitet werden.

1. Wir fordern die Mitglieder der Kultusministerkonferenz auf, Hürden für die Umsetzung der Kinderrechte zu beseitigen und die schulrechtlichen Vorschriften entsprechend ihrem Beschluss von 2006 zu überarbeiten.

2. Wir fordern, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Schulen die Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention im Alltag umsetzen können, so insbesondere den Verzicht auf eine frühe Selektion und auf eine Leistungsbeurteilung, die die unterschiedlichen Voraussetzungen der Kinder missachtet.

3. Im Anschluss an das Programm „Demokratie lernen und leben“ der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung sind Netzwerke von Schulen aufzubauen, in denen unterschiedliche Formen der Selbst- und Mitbestimmung auf allen Ebenen des Schullebens und des Unterrichts erprobt werden. Dabei sind sowohl staatliche Regelschulen einzubeziehen als auch freie Schulen und Gründungsinitiativen, die weitergehende Demokratisierungsansätze umzusetzen versuchen. Anzustreben ist zudem eine enge Kooperation mit Reformverbünden, in denen Schulen ihre Entwicklung selbstverantwortlich und selbstkritisch von unten organisieren.

4. Reformversuche sind durch Evaluations- und Forschungsprojekte zu begleiten. In ihnen sollten die Potenziale und die Schwierigkeiten einer „demokratischen Schule“ so untersucht und ausgewertet werden, dass den Schulen konkrete Hilfen für ihre Entwicklung gegeben werden können. Offene Fragen sind aus unserer Sicht:

  • Welche Merkmale zeichnen Grundschulen aus, in denen Schülerinnen und Schüle sich als autonom und kompetent respektiert fühlen und in denen sie stabile demokratische Einstellungen entwickeln können?
  • Wie kann das Potenzial von Ganztagsschulen genutzt werden, um Grundschulen in Kooperation mit Trägern von Horten sowie der verbandlichen, vor allem aber der Offenen Kinder- und Jugendarbeit zu sozialen Lebens- und politischen Lernräumen zu entwickeln?
  • Auf welche Weise lässt sich die Qualität demokratischer Grundschulen so erfassen, dass Schulen Rechenschaft über die Einhaltung der Kinderrechte im Unterricht und im Schulleben geben können?
  • Wie kann insbesondere verhindert werden, dass Kinder mit Migrationshintergrund oder mit wenig Förderung in der Familie bei der Nutzung von Beteiligungsmöglichkeiten benachteiligt werden?
  • Wie lassen sich die aktuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes, die der Gruppe und die Allgemeinbildungsforderungen der Gesellschaft situativ ausbalancieren?
  • Wie muss Lehrerbildung gestaltet werden, damit eine Demokratisierung der Grundschule unterstützt wird?
  • Welche Formen der Schulleitung, der Schulaufsicht und der externen Evaluation lassen sich mit demokratischen Vorstellungen von Schule vereinbaren?

5. Wir erwarten, dass bei der 2009 nach Art. 44 der UN-Kinderrechtskonvention anstehenden nationalen Berichterstattung zur Verwirklichung der Rechte des Kindes über konkrete Fortschritte in diesen Fragen und über Schwierigkeiten bei der Umsetzung des KMK-Beschlusses berichtet wird."

Verfasst und unterzeichnet von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Experten-Tagung „Demokratische Grundschule“ vom 19. bis 21.9.2007 an der Universität Siegen:

Althof, Dr. Wolfgang, Teresa M. Fischer Professor of Citizenship Education, Center for Character and
Citizenship, University of Missouri - St. Louis

Backhaus, Axel, Grundschullehrer und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Siegen/
AG Primarstufe

Bambach, Heide, Grundschulrektorin i. R., Schulentwicklungsberatung und Evaluation, Hamburg

Bartnitzky, Dr. h. c. Horst, Dipl.-Päd., Vorsitzender des Grundschulverbandes, Duisburg

Bauder-Zutavern, Brigite, Rektorin der Neckarschule, Grundschule, Mannheim

Behnken, Dr. habil. Imbke, Leiterin des Zentrums für Kindheits-, Jugend- und Biografieforschung,
Universität Siegen

Bernshausen, Janina, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen, AG Primarstufe

Beutel, Dr. Silvia-Iris, Prof’in an der Universität Dortmund, Jury des Förderprogramms
„Demokratisch Handeln“

Bois-Reymond, Dr. Manuela, Prof’in (em.) für Pädagogik, Universität Leiden, European Group for Integrated Social Research

Brinkmann, Dr. Erika, Prof’in an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd

Brinkmann, Lisa, Studentin, Lernwerkstatt OASE („Offene Arbeits- und Sozialformen entwickeln“),
Universität Siegen

Brügelmann, Dr. Hans, Prof, für Erziehungswissenschaft (Grundschulpädagogik und –didaktik) an der
Universität Siegen

Coelen, Hendrik, wiss. Mitarbeiter an der Universität Siegen/ AG Primarstufe

Coelen, PD Dr. Thomas, Vertretungsprofessor für Sozialpädagogik an der Universität Siegen

Deimel, Rainer, Bildungsreferent beim ABA Fachverband, Stellv. Vorsitzender der AGOT-NRW, Mitglied im Landesvorstand NRW der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Eichholz, Dr. Reinald, Velbert

Franzkowiak, Thomas, Lehrer für Sonderpädagogik/Wiss. Mitarbeiter am FB 2 der Universität Siegen/
AG Primarstufe

Fooken, Insa, Prof’in für Entwicklungspsychologie, Universität Siegen

Harder, Dr. Wolfgang, ehem. Leiter der Odenwaldschule, Schulverbund "Blick über den Zaun"

Harms, Leonie, Studentin, Lernwerkstatt OASE („Offene Arbeits- und Sozialformen entwickeln“),
Universität Siegen

Hecker, Ulrich, Schulleiter der Regenbogenschule in Moers, Stellv. Vorsitzender des Grundschulverbands

Hermann, Dieter, Leiter der Glocksee Schule Hannover

Heymann, Dr. Hans Werner, Prof. für Erziehungswissenschaft (Schulpädagogik und Didaktik für den Sekundarbereich) an der Universität Siegen

Imhäuser, Dr. Karl-Heinz, Vorstand Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Bonn

Knorre, Simone, Grundschullehrerin und Sozialpädagogin, Siegen

Moser, Markus, im Auftrag des Bundesverbandes der Freien Alternativschulen in der BRD (BFAS)

Moskopp Melanie, Lehramtsanwärterin, Grundschule Harmonie, Eitorf

Müermann, Britta, wiss. Mitarbeiterin in der Lernwerkstatt OASE/ Universität Siegen, z. Zt. Lehramtsanwärterin im Studienseminar Siegen

Müller-Naendrup, Dr. Barbara, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Siegen, AG Primarstufe und Leiterin der Lernwerkstatt OASE („Offene Arbeits- und Sozialformen entwickeln“),

Peschel, Dr. Falko, Grundschullehrer und Erziehungswissenschaftler

Rohlfs, Dr. Carsten, wiss. Mitarbeiter und Lektor an der Universität Bremen

Roth, Sara, Lehramtsanwärterin, Grundschule Harmonie, Eitorf

Sappir, Michael, Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender der Schulversammlung der demokratischen
Sudbury-Schule Jerusalem

Schiemann, Elena, Studentin, Universität Siegen

Schmalz, Angelika, Grundschullehrerin, Reichshof

Sliwka, Dr. Anne, Prof’in für Bildungswissenschaften an der Universität Trier und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik

Stadelmann, Mario, Schulberater, Personal- und Unternehmensentwickler, Gründungsmitglied der Scola Nova, Bremen

Ufer, Inge, studentische Hilfskraft in der Arbeitsgruppe Primarstufe an der Universität Siegen

Uhrig-Lüer, Charlotte, Lehrerin an der Neckarschule, Grundschule, Mannheim

Wagener, Anna Lena, wissenschaftliche Hilfskraft in der Arbeitsgruppe Primarstufe/ Universität Siegen

Wilke, Martin, Vorstand der Sudbury Schule Berlin-Brandenburg e.V., Mitglied der KinderRÄchTsZÄnker (K.R.Ä.T.Z.Ä.)


Wer sich diesem Offenen Brief anschließen will, kann ihn mitzeichnen
über die Homepage zur Tagung ( www.demokratische-grundschule.de ) oder
über den Direktlink www.uni-siegen.de/fb2/demokratische_grundschule/dokumentation/ob.html



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