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Jenaplan-Schule Jena Drucken

eigenwillige Schulen "In der Wendezeit beschließt eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern, den Dunstkreis pädagogischer Ideologie ein für allemal hinter sich zu lassen. Ihre Schule soll die Kinder in den Mittelpunkt stellen - Kinder ganz verschiedener Begabungen, Lebens- und Schulschicksalen, von der Vorschule bis zum Abitur. Das bestimmt Maß und Ziel der Jenaplan-Schule bis heute, es bestimmt ihr Verständnis von Lernen und Leistungsbewertung, von Didaktik, Schulleben und Lehrerberuf."
aus der Laudation für den Deutschen Schulpreis für die Jenaplan-Schule Jena 2006

Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus einem Manuskript des Radiofeatures „Freiheit und Standards“ von Icon Mitgliederbereich Reinhard Kahl für SWR2 Wissen.

… Zum Beispiel die Jenaplan-Schule in Jena. Die Schule fängt bereits mit dem Kindergarten an, alle Schüler lernen bis zur 10. Klasse gemeinsam. Ein großer Teil macht Abitur.

Gisela John, Schulleiterin:
Wir haben tolle Schüler – oder? Dass ich immer froh bin Lehrerin zu sein hier. Leute, die als Gäste kommen, sagen immer, das sind doch alles ausgesuchte Schüler, die machen doch nie Probleme. Die haben noch nicht begriffen, dass hinter dem Ganzen ein gemeinsam geschaffenes Regelwerk und gemeinsame Rituale stehen, dass man miteinander leben kann und sich nicht behindert.

Gisela John, die Schulleiterin. Ihr Stolz auf die eigene Schule ist Teil einer pädagogischen Produktivkraft, die nur entsteht, wenn die Schule keine nachgeordnete Behörde ist, wenn sie sich nicht als Erfüller von Lehrplänen versteht.

Heute ist die ganze Schule auf den Beinen – das heißt, fast die ganze, bis auf die „Spatzen“, die Kleinen aus dem Kindergarten. Aber alle anderen 400 Schüler von Klasse 1 bis 13 sowie das Kollegium ziehen von der Tatzendpromenade 9 quer durch Jena zum Universitätshügel. Ein großer Hörsaal reicht für die ganze „Jenaplan-Schule“ aus. An diesem Vormittag stellen die Lehrer ein Projekt vor, an dem in den nächsten drei Wochen alle Schüler und Lehrer und auch die „Spatzen“ arbeiten werden. Das Thema: „Die Moderne.“

Die Präsentation im Hörsaal ist kurzweilig und lehrreich. Eine Lehrerin trägt das Gedicht „Anna Blume“ von Kurt Schwitters vor. Ein Chor von Lehrern und Oberstufenschülern singt Songs aus dem Musical „Cabaret“. Lauter Proben aus Projekten, die nun beginnen. Die Reihe ist lang. Dann geht etwas schief. Während eine Lehrerin Brecht singt, erscheinen hinter ihr unpassende Dias und Schriften aus dem Beamer. „Der Computer spinnt,“ ruft jemand, „wo ist Konrad?“ Konrad ist ein Computergenie aus dem 9. Jahrgang, die Autorität auf diesem Gebiet.

Diese Szene wäre in manch anderer Schule der Auslöser für großes Gejohle im Saal geworden. Lauter prustende Schüler, die auf so etwas nur gewartet haben. Endlich mal Druck ablassen, ein kleines Match im sadistischen Pingpong mit dem Lehrkörper. Hier aber: nichts davon. Vielleicht ein Lächeln. Keine Störung der Aufmerksamkeit. Bloß einige Lehrer finden die Panne peinlich.

Wenn eine Schule diesen Test besteht, muss etwas ganz Besonderes mit ihr sein. Worin besteht ihr Geheimnis?

Es ist der Verzicht auf den Druck durch Selektion. Es ist der Abschied vom Gift des dreigliedrigen Schulsystems.

Schüler: Also ich find’s gut mit den Noten, dass man da nicht so unter Druck gesetzt wird, in vielen Schule, (sonst sagt man) „ja, gut, lernen, ja, viel lernen, ja, machen, dass man ne gute Note bekommt im Diktat oder in `ner Mathearbeit“. Hier ist das nicht so. Hier kriegt man in Englisch vielleicht mal Exercises, also wird nicht so unter Druck gesetzt. „Hoffentlich habe ich ne gute Note, hoffentlich“, das ist hier nicht so. Jede Woche haben wir sechsmal Englisch, also jeden Tag. Man lernt hier schon viel, es wird nur ruhiger angegangen. Ich lern hier mehr wie in einer anderen Schule. Ich bin hier um Längen besser wie in anderen Schulen. Und ab der 8. gibt es ja eh Noten, aber ich finde da ist man reifer, viel reifer.

Wolfgang geht in die fünfte Klasse. Er hat erst kürzlich an die Jenaplan Schule gewechselt. Jetzt lauscht er weiter der Projektpräsentation im Unihörsaal. Ein Lehrer skizziert, worum es bei Studien über den Komponisten Eric Satie gehen wird. Ausschnitte aus Charly Chaplins Film „Modern Times“ werden gezeigt. Eine Exkursion zum „Bauhaus“ wird vorgestellt. Worum soll es bei den „Blauen Pferden“ des Malers Franz Marc gehen; wie wurde Fritz Langs „Metropolis“ gedreht? Nicht leicht, sich für eines der Angebote zu entscheiden. Und bei allen Projekten wird Wolfgang viele jüngere und ältere Mitschüler treffen. Auch das ist spannend.

Die Grundidee des Jenaplan, den der Reformpädagoge Peter Petersen in den zwanziger Jahren entwickelt hatte, ist die der Gemeinschaftsschule. Schüler sollen nicht nur mit gleichaltrigen Kindern oder Jugendlichen zusammen sein. Sie lernen besser in gemischten Gruppen. Nicht nur, weil Jüngere von Älteren lernen - die Älteren bekommen auch von den Jüngeren Impulse.

Verschiedenheit zuzulassen, Freiheit zu wagen, die Pflicht, zu erklären, was man will und zu verantworten, was man getan hat - das war so ziemlich das größte denkbare Gegenteil zur Schule der DDR. Aber auch im Westen herrscht – wie man weiß – noch Lehrplanwirtschaft.

In Jena wurde in der Wendezeit diese Schule gegründet, die so sehr an lichte deutsche Bildungstraditionen anknüpft und auf die dunklen verzichtet. Später wurde sogar ein Passus in das Thüringer Schulgesetz aufgenommen, der reformpädagogisch ausgerichteten Schulen besondere Spielräume zubilligt, zum Beispiel was die Notengebung betrifft oder die Möglichkeit, vom Kindergarten über die zehnjährige Regelschule bis zur gymnasialen Oberstufe alles unter einem Dach zu haben. Eine Schule muss also nicht bloß Gesetze erfüllen, sie kann auch auf deren Veränderung hinwirken. Und es zeigt sich: So etwas wie den „Geist“ einer Institution gibt es wirklich. Er wirkt in der großen Konzeption wie im Alltag jedes Schülers.

Gisela John: Jeder Klasse Klassenraum ist anders, einer hat Streifen, einer ist grün, einer ist blau. Die Schule lebt von der Individualität der Schüler und von der Individualität der Lehrer und im Grunde auch von den Stärken und Schwächen, von den Macken der einzelnen. Man muss erkennen, wie ein Schüler lernt, und jeder lernt anders, und ich muss dem Schüler helfen, dass er erfolgreich ist. Ich muss dem nicht die Schwierigkeiten aus dem Weg räumen. Ich muss ihm helfen, dass er bereit ist Anstrengung aufzubringen und dass er sieht, es lohnt sich, er kommt damit zum Ziel. Also, ne Sache muss auch irgendwo ästhetisch sein. Also ein Gegenstand muss immer zu Ende gebracht werden und zwar so, dass es schön aussieht.

Schönheit ist ein Maß des Gelingens, auch das einer Schule. Das ist in Deutschland ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Wenn man an die Normalverwahrlosung vieler Schulen denkt, kann man traurig werden. Aber warum sollten nicht Schönheit und Spiel, Ernst und Eleganz, die Anstrengung, eine Sache zu vollenden und sie dann anderen vorzustellen, Prinzipien von Schulen werden?

Gelingen kann allerdings nur, was auch misslingen darf. Wenn Freiheit und Unsicherheit aus lauter Furcht vor dem Misslingen klein gehalten werden, dann wird der Kreativität die Seele genommen. Gelingen können Dinge nur, wenn im Handeln das Neue eine Chance bekommt, wenn nicht bloß Bewährtes angewendet, ausgeführt oder gar nur kopiert wird.

An der Jenaplan Schule ist das Selberhandeln der Schüler eines der Bildungsziele. Das kann man nur erfüllen, wenn es nicht in eine ferne Zukunft geschoben wird, sondern wenn es sofort gilt.

Von 10.30 Uhr an sind an drei Tagen die Woche 100 Minuten Projektzeit. Über das ganze Jahr. Wer zu dieser späteren Vormittagszeit durch die Schule geht, erlebt eine für deutsche Schulen ungewohnte Arbeitsatmosphäre. Auf den Fluren, im Treppenhaus, in der Bibliothek, selbst im Lehrerzimmer und natürlich in den Klassenzimmern - überall sitzen, hocken oder stehen Schüler. Sie sind ganz bei sich selbst und bei ihrer Sache. Die meisten Türen stehen offen. Manchmal trägt ein Schüler etwas vor. Das nennt man Präsentieren, ein wichtiges Wort in dieser Schule. Diese 100 Minuten sind der Höhepunkt des Tages in dieser Ganztagsschule.

Jedes Projekt dauert in der Regel drei Wochen, anschließend werten die Lehrer es aus und versuchen, es für das nächste Mal zu verbessern. So lernen auch die Lehrer. Ja, man könnte sagen, sie forschen. Sie sind nicht in erster Linie Fachlehrer, sondern Experten des Lernens. Sie beobachten die Schüler, sich selbst und die Wirkung ihrer Arbeit. Je freier die Schüler im Unterricht lernen, um so gewissenhafter müssen Lehrer den Unterricht entwerfen, ja choreografieren. Und Schulleiterin Gisela John sogt dafür, dass die Lehrer miteinander im Gespräch bleiben.

Gisela John: Lehrer, die nicht wissen was wir machen – in Jena, die reden schlecht über uns. Die sagen Spielschule, hier kann jeder machen was er will, hier geht´s kunterbunt durcheinander, Kraut und Rüben. Leute die kommen und gucken sagen, Mensch, ihr habt keine Schüler, das sind Wunderleute, die ihr hier habt, aber dass es eingebettet ist in eine Struktur, und die Schüler wissen, sie müssen ihre Leistungen abrechnen. Wenn ich präsentiere vor den anderen, wenn ich in der Präsentation mir ein kleines Stückchen von meinem erarbeiteten Wissen raus suchen muss und zwar nach dem Aspekt, wie kann ich das interessant für die anderen gestalten und wie kann es anfangen, dass die mir zuhören und dass es den anderen auch was bringt. Und wenn ich in der Situation erfahren habe, dass ich andere belastet, weil ich das nicht richtig durchdacht habe oder mich nicht richtig vorbereitet habe, dann ist das unwahrscheinlich heilsam. Die wissen, es ist eineingebettet in einen Rhythmus in ein Ritual.

Die Präsentation ist das wichtigste am Projekt. Darauf laufen die Arbeit, die Mühe und die Lust hinaus. Jetzt muss jeder Schüler zeigen, was er geschafft hat. Er muss sich verständlich machen und Fragen beantworten können. Er muss seine Zuhörer interessieren. Es gibt keine bessere Prüfung als das Präsentieren. Bei dieser Art der Abrechnung des Geleisteten kann man kaum betrügen - und will es gewöhnlich auch nicht. Wer mogelt oder blufft wird schnell durchschaut. Da sind die Mitschüler gnadenlos. Und vor seinen Mitschülern will jeder gut da stehen. Außerdem lernen die Schüler von den Präsentationen der anderen mehr, als wenn Schritt für Schritt das Pensum durchgenommen wird. Der größte Effekt: Mit diesem Lernen in Zusammenhängen gewinnt die Schule Zeit. Denn wie aufwendig ist es, die komplexe Welt in dünne Schichten zu sezieren, auf Fächer zu verteilen und sie dann nach Lehr- und Stundenplan wieder aufzuwärmen? Das gelingt selten; und am Ende ist die verschulte Welt erkaltet und fühlt sich wie Pappe an.

In dieser Schule weiß jeder Schüler, zu welchem Jahrgang er gehört, aber wichtiger ist eine andere Einteilung: Man gehört erst drei Jahre zur Untergruppe mit den Jahrgängen eins bis drei, kommt dann in die Mittelgruppe mit den Jahrgängen vier bis sechs und schließlich in die Obergruppe für Jahrgänge sieben bis neun. Der 10. Jahrgang wird auf den Abschluss vorbereitet. Dann kommt die Oberstufe, die der größte Teil der Schüler besucht und dann Abitur macht.

Neben den Stunden, in denen die Schüler in ihren altersgemischten „Stammgruppen“ zusammen sind, gibt es Kurse, die nach Jahrgängen angeboten werden. Während es in den gemischten Gruppen auf Klassengespräche, Zusammenarbeit und die Selbständigkeit der Schüler ankommt, steht in den Kursen eher der Unterricht des Lehrers im Mittelpunkt. Doch seit ihrer Gründung driftet die Schule immer mehr von den Kursen hin zu den heterogenen Stammgruppen, vor allem zu Projekten. „Da trauen wir uns immer mehr,“ sagt die Schulleiterin. Natürlich, gibt sie zu, haben Lehrer dabei Ängste zu überwinden. Lehrer erleben, wie sie ein heimliches, tief sitzendes Misstrauen zu überwinden haben: Irgendeine Stimme sagt noch, eigentlich wollten und könnten die Schüler von sich aus gar nicht lernen.

Wenn Schule gelingen soll, dann muss der Lehrkörper diese Mitgift, die er aus der eigenen Schülerzeit in sich trägt, aufspüren und abbauen. Auch das macht man in Jena.

Zu dieser Schule gehören auch behinderte Kinder und Jugendliche. Von den schwierigen Schülern lernt die Schule am meisten. Sie lernt, wie gelernt wird, und sie lernt, wie vielfältig die Menschen sind und dass alle aus ihren Schwächen versuchen, neue Stärken zu machen.

Gisela John: Wir haben 16 Kinder, oder 17 Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf, ein Kind aus dem Koma, das alles neu lernen musste, die beiden und richtig stark lernbehinderte Kinder, die kriegen auch keinen Schulabschluss.

Am Umgang mit den Schwierigkeiten und Behinderungen der Schüler wächst die Schule. Das kann sie natürlich nur, wenn sie die Freiheit hat, aus ihren Erfahrungen und Beobachtungen Konsequenzen zu ziehen - wenn also die Schule selbst ein lernender Organismus ist. Werden allerdings diejenigen Schüler, die Schwierigkeiten haben oder Schwierigkeiten machen, exportiert - von der höheren in die niedere Schule, von der Regelschule in die Sonderschule - dann nimmt sich die Schule die Chance, selber zu lernen.

Jenaplan Schule Jena

 


Video aus Treibhäuser der Zukunft. Wie Schulen in Deutschland gelingen“ von Reinhard Kahl, Archiv der Zukunft


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