Archiv Forum Forum RSS
Japanische und deutsche Schulen - ein Erfahrungsgericht Drucken

Japan Klassenraum (Foto von Darklanlan, http://commons.wikimedia.org/wiki/Image:Classroom2.jpg) Mari Furukawa-Caspary kommt aus Japan, wo sie selber zur Schule gegangen ist. Inzwischen lebt sie in Deutschland und ihre Kinder gehen in deutsche Schulen. Was alles ganz anders ist als gedacht - in Japan und in Deutschland - beschreibt sie in einem Erfahrungsbericht.

Eigentlich hatte ich mir das ganz anders vorgestellt. Wenn beide Kinder einmal in der Schule sind, dann kann ich endlich wieder durchstarten, ohne schlechtes Gewissen tagsüber mehr arbeiten! - hatte ich gedacht. Die Kinder würden ja immer selbständiger. Ich könnte endlich mal auch nachmittags ein, zwei Stunden vor meinem Computer sitzen und arbeiten, anstatt immer nur nachts, wenn alle im Bett sind. Seit 10 Jahren freute ich mich darauf.

Seit September geht mein großer Sohn ins Gymnasium und der Kleine in die Grundschule. Und die Realität hat mich eingeholt. Der Große geht jeden Morgen um 7.00 Uhr aus dem Haus, aber der Kleine hat zu drei unterschiedlichen Zeiten Schulbeginn. Dementsprechend kommt er auch zu drei unterschiedlichen Zeiten heim, nämlich zwischen 11.30 Uhr und 13 Uhr. Der Große kommt täglich um 13.30, beide sind dann ziemlich ausgehungert. Auch wenn der Kleine bis 13.30 mit dem Mittagessen warten muss, weil ich nicht will, das einer alleine seine Mahlzeit in sich hineinschaufelt, so muss er doch etwas zu knabbern haben - und bis beide Kinder mit dem Essen fertig sind, ist es meistens 14.00 Uhr vorbei. Zum Glück ist der Kleine dann mit seinen Hausaufgaben fertig, aber ein 5-Klässler noch lange nicht. 10-jährige sind zwar durchaus in der Lage einiges selbst zu erledigen, aber selbständiges Arbeiten im echten Sinne ist doch noch nicht möglich. Wie teilt man sich das Lernen ein? Wie kriegt man das hin, wenn man sich trotzdem noch mit Freunden treffen will? Ohne strikte Organisation geht das nicht, aber 10-jährige verlieren ohne Hilfe allzu schnell den Überblick - also stehe ich in Rufweite herum und versuche Leerlauf und Doppelarbeit des Kindes zu minimieren, damit es doch noch zum Kicken gehen kann.

Wenn wir Glück haben, kann er um 15.00 Uhr aus dem Haus, meistens wird es später. Und ich habe mehr als 4 Stunden damit zugebracht, im Grunde nur den Kindern zu assistieren. In Gedanken beschließe ich deshalb, den Kleinen recht bald in die sogenannte Kernzeitbetreuung zu tun, wo er unter Aufsicht bis 13.00 Uhr in der Schule spielen kann, aber innerlich sträubt sich etwas in mir, weil ich das Gefühl habe, irgendwie schiebe ich ihn doch nur ab, das Kind wird ja doch nur irgendwie beschäftigt, damit ICH mehr Zeit habe, und nicht, weil das Kind wirklich etwas zu tun hätte.

Ich sollte froh sein, dass ich überhaupt eine Wahl habe, ich weiß. Ich bin Übersetzerin, habe also meinen Arbeitsplatz daheim und kann mir meine Arbeitszeit sogar selbst einteilen. Aber was machen Frauen, die tagsüber arbeiten müssen? Als Verkäuferin oder im Büro? Alleinerziehende, oder Familien, die auf das Arbeitseinkommen der Mutter angewiesen sind? Neulich erzählte mir meine Friseurin, dass sie Angst um die Schulleistungen ihrer Tochter habe. Das Kind ist nachmittags in einem Hort mit Hausaufgabenbetreuung untergebracht, aber ihrer Meinung nach werden die Hausaufgaben zu wenig kontrolliert, da die Betreuer nicht als Lehrkräfte eingestellt sind. Sie sind ausdrücklich keine Nachhilfelehrer, deshalb sind sie nur dafür zuständig, DASS ein Kind die Hausaufgaben macht. Wie die Hausaufgaben aussehen, ist Sache des Kindes. Die Diskrepanz zu den Vollzeitmütterhaushalten vergrößert sich, wenn nicht schnell etwas geschieht, trotz Nachmittagsbetreuung, befürchtet meine Friseurin. Aber sie hat keine andere Wahl.

Mittlerweile verfestigt sich bei mir der Eindruck, die deutsche Schule sei wirklich hauptsächlich nur für Kinder da, deren Mütter sich tagsüber mehr als 4 Stunden in Rufweite des Kindes bereithalten können, oder deren Eltern Geld genug haben sich dafür spezielles Personal zu leisten, oder die zumindest in der Nachbarschaft ihrer Großeltern wohnen. Wie viel Prozent der Bevölkerung sind das denn? Kann denn so etwas möglich sein?

Seit Pisa weiß jeder, dass das deutsche Schulsystem eins der sozial undurchlässigsten der Welt ist. Die Kinder aus den benachteiligten Familien werden immer schlechter und die aus privilegierten immer besser gefördert. Allzu viele verlassen die Schule ohne Abschluss, ohne Minimalkenntnisse in den Dingen, die notwendig sind, um eine Arbeit zu bekommen, die eine annehmbare Existenz ermöglichte. Und seit Pisa tobt wieder einmal ein Grabenkampf zwischen Befürwortern des 3-gliedrigen Schulsystems und der Ganztagsschule. Es tobt wieder einmal eine Grundsatzdiskussion, in die sich Weltanschauungen, politische Vorlieben und ganz private soziale Abwehrmechanismen hineingemischt haben. Dabei ist, so ist zumindest mein Eindruck, vielerorts das Nachdenken darüber verloren gegangen, wie die Kinder am besten, fröhlichsten und motiviertesten viel lernen und auch lernen lernen.

Dabei wäre vieles so einfach. Wenn man bloß die Kinder nur etwas mehr selber machen ließe. Und die Erwachsenen ihre Energie dafür einsetzen würden, sie in dieser Richtung zu unterstützen.

Zum Beispiel: Mein älterer Sohn hat, als er in der dritten Klasse war, in der Sachkunde die Kartoffelpflanze durchgenommen. Daran wurden der Aufbau und alle Stadien der Pflanze samt ihren Endprodukten gelernt. Es wurden Kopien ausgeteilt, die ausgemalt werden mussten, ausgeschnitten und als Puzzles zusammengesetzt werden sollten. Am meisten Zuspruch fand das Experiment, in dem die Kinder selbst Kartoffelstärke herstellen sollten. Es war ein liebevoll gestalteter Unterricht. Ich habe an der Lehrkraft nicht im Geringsten auszusetzen. Aber dieser Unterricht war eben auch einer, in dem die Kinder sich auf den Erwachsenen als Informationsübermittler einlassen mussten. In der Schlussarbeit wurde abgefragt. Man musste eine Abbildung richtig beschriften und auswendig gelernte Fakten wiedergeben.

Natürlich habe ich mich davor mit dem Kind hingesetzt, und die Begriffe abgefragt. Aber ehrlich gesagt, mich überkommt in solchen Momenten eine Art Verzweiflung, als Mutter. Das kann man doch ganz anders machen, wenn man die Kinder als Selbstlerner in den Mittelpunkt stellt!, denke ich. Leute, denkt doch mal andersherum! Von der Kinderseite! Ich bin voreingenommen, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie das zum Beispiel in Japan gehandhabt wird.

In dem japanischen Sachkundeunterrichtsbuch für die erste Klasse ist auf einer Doppelseite ein großer Blumentopf abgebildet. Und 4 verschiedene Samen, von zwei blühenden Zierpflanzen und von zwei früchtetragenden Pflanzen. Ringsherum Fotos von Kindern, die diese Samen in die Erde pflanzen. Dann Abbildungen der verschiedenen Wachstumsstadien, umrahmt von Fotos, wie Kinder diese Pflanzen gießen und pflegen, oder auch von Kindern, die eine verdorrte Pflanze in den Händen halten. Da steht nur: Was passiert da? Das Thema Pflanze umfasst mehrere Doppelseiten in diesem Buch, und es werden mehrere Themen angedeutet. Weiter hinten im Buch stehen auch die Namen der einzelnen Teile oder Vorgänge.

In den Fächern, die auf Natur- oder Sozialkunde basieren, ist in der japanischen Grundschule die Gruppenarbeit von Anfang an die Regel. Eine Kleingruppe von 4 oder 5 Kindern sucht sich eine Pflanzenart aus, und versucht ein Jahr lang möglichst viel darüber herauszufinden. Was man alles herausfinden kann, wird natürlich vom Lehrer angeregt und begleitet. Er selbst hat vom Schulbuchverlag ein umfangreiches Begleitbuch, darin stehen alle Fakten und Möglichkeiten, Anregungen für die Unterrichtsgestaltung etc. drin, falls er mal so etwas braucht. Jeder Lernabschnitt endet mit einer Gruppen-Präsentation.

Die deutsche Gewohnheit der Hausaufgabenbetreuung die viele Mütter in Deutschland sich als Nachhilfelehrerinnen betätigen lässt, während die professionellen Kinderbetreuer diese Tätigkeit aufgrund ihrer Arbeitsplatzbeschreibung ablehnen, erscheint mir sehr uneffektiv. Der ursprüngliche Sinn und Zweck der Hausaufgaben ist doch, dass die Kinder das vormittags in der Schule erworbenen Wissen noch einmal üben und vertiefen, oder? Ich denke, es ist einfach eine Sache der falschen Organisation, wenn Kinder grundsätzlich dazu Erwachsene brauchen. Und Kinder benachteiligt werden, die keine Vollzeitmutter zuhause haben. Oder wenn sich Erwachsene dazu verleitet fühlen, ganze Nachmittage neben dem Kind zu sitzen und zuzusehen, wie es die Hefte anmalt. Und das nur darum, weil das Ganze so organisiert ist, dass die Kinder einzeln um ihre Noten kämpfen müssen. Jede interessierte Mutter, die sich das leisten kann, steht dann ihrem Kind zur Seite. Die Hausaufgabenbetreuung ist ja auch dementsprechend ein großes Kampfthema bei der Diskussion um die Ganztagsschule. Dabei ist es doch so. Wenn man den Kindern - etwa wie in Japan - ein gemeinsames, kindgerecht formuliertes klares Ziel vorgibt, sagen wir einmal - "Wir machen in 10 Wochen eine Super-Ausstellung zu diesem Thema",- dann können sie sich sehr wohl selbst organisieren. Dann verändern sich auch die Anforderungen an die Erwachsenen, die die Kinder nachmittags betreuen.

In Japan gibt es in den Unterstufen der Grundschule auch keinen Nachmittagsunterricht. Nur gibt es nach der 4.Stunde für alle ein Mittagessen in der Schule, was für viele Familien die Alltagsorganisation vereinfacht. An den Nachmittagen treffen sich dann die Kinder fast von selbst, um irgendwelche Plakate fertig zu malen oder zusammen in die Bücherei zu gehen und zu recherchieren. Sie brauchen nur ein sicheres Basislager, das ein Elternhaus oder die lokale Bücherei oder das Kinderhaus oder aber auch die Schule sein kann. Wohnungen in Japan sind ja bekanntermaßen klein. Das lokale Kinderhaus mit Gruppenlernzimmern und Bücherei von allen intensiv genutzt. Es besteht kein Zwang, diese Einrichtungen zu benutzen. Wer lieber sein Wohnzimmer zur Verfügung stellen möchte, der kann das tun. Mütter, die leckere Kuchen backen können, erfreuen sich immer größter Beliebtheit. Aber die öffentlichen Angebote sind da. Für die Schule gelernt und gearbeitet wird in der Regel ohne Hilfe von Erwachsenen, und es funktioniert. Und es sind oft die Erwachsenen, die die Kinder in ihrem Arbeits- und Lerneifer bremsen müssen, damit sie überhaupt noch rechtzeitig zum Abendessen nach Hause kommen. Mit Vernachlässigung oder Abschieben hat das überhaupt nicht zu tun.

Ich weiß, natürlich kann man das ganze nicht so nach Deutschland übertragen. Aber ich meine doch, auf diese Weise sind die Kinder wirklich leichter zu begeistern. Und der Lehrer hätte es doch auch einfacher. Da ist sozusagen ein größerer Synergieeffekt. Weil die Kinder selbst viel zu ihrem eigenen Fortkommen und einem besseren Klassen- und Lernklima beitragen. Und am Ende wäre das gleiche Ziel erreicht. Die Kinder haben den Vegetationszyklus einer heimischen Pflanze durchgenommen, wissen, dass es Zier und Nutzpflanzen gibt, was man aus den Endprodukten der Nutzpflanzen machen kann, wie der Aufbau einer Pflanze ist. Oder nicht?

Ähnlich wird in der vierten Klasse mit dem Thema Stadtplan und Erfassung der näheren Umgebung samt Heimatkunde verfahren.

Da ist ein Jahr lang vorgesehen, die Kinder ihre nähere Umgebung erkunden zu lassen. Den Kindern werden keine Wissenshäppchen vorgesetzt, die dann auswendig gelernt werden müssen, sondern ein einfaches, klares Ziel vorgegeben: am Ende des Schuljahres machen wir eine Ausstellung für die Eltern und Nachbarn, in dem wir unser Viertel vorstellen.

Es werden wieder Gruppen gebildet, und dann geht es los. Die Kinder merken schnell, das man für diese Präsentation einige Fertigkeiten erst lernen muss. Etwa: Wie überträgt man die Häuser und Straßen auf Karten? Da die Kinder ein konkretes Ziel haben - nämlich eine Präsentation, mit der sie ihre Angehörigen überraschen wollen, sind die meisten motiviert. Im Unterrichtsplan ist auch vorgesehen, die Kinder nachforschen zu lassen, wovon die meisten Leute in ihrer Wohnumgebung leben. Interviews sollen geführt werden mit Leuten aus den Geschäften, Bauernhöfen oder Fabriken. Was wird da gemacht? Wer darf bei ihnen arbeiten? Was für Leute brauchen sie? Unpünktliche Arbeiter fliegen bei uns raus, zum Beispiel. Oder wenn man ein Geschäft hat und die Kunden unfreundlich bedient, dann kommen die nicht mehr, dann ist man pleite. Solche Sachen erfährt man ganz nebenbei. Und viele Kinder bekommen zum ersten Mal einen Einblick, was eigentlich alles außerhalb ihrer Familie in der Erwachsenenwelt vor sich geht.

Dann kommt die Vergangenheit dran. Vielleicht hat jemand einen Opa oder eine Uroma, die bereit wären, in die Klasse zu kommen und zu erzählen? Und alles wird von den Kindern aufgeschrieben und zusammengetragen, was da an Wissen aufgesammelt wurde. Natürlich weiß der Lehrer, welche Fertigkeiten und Fakten er den Kindern dabei an die Hand zu geben hat. Dass sie Pläne lesen und zeichnen lernen sollen. Oder Daten, wie die Einwohnerzahl des Ortes oder sonstige wissenswerte Fakten. Vielleicht weist er auch auf übersehene Aspekte hin. Aber die Kinder erfahren am eigenen Leib, dass es Spaß macht, etwas zu wissen und zu können Sie büffeln nicht für gute Noten, sondern sie lernen, weil sie merken, dass man durch Wissen und Können etwas auch schöner, toller und aufregender gestalten kann. Und die Kinder merken sehr schnell, dass der Schlaueste vielleicht nicht unbedingt die schönste Schrift hat. Der Langsamste vielleicht Sachen beobachtet hat, die die anderen übersehen haben. Dass es in der Gruppe darauf ankommt, verschiedene Stärken verschieden einzusetzen.

Das Aufgeben eines individualisierten Arbeits- Lern und Benotungsstils bedeutet nämlich nicht das Aufgeben von Individualität, im Gegenteil. Die Guten werden keinesfalls schlechter, sondern eher besser - solange man ihnen nur die Freiheit lässt, so viel zu lernen und zu üben, wie sie nur wollen, um die eigenen Fähigkeiten einzubringen, und wenn das von allen, vor allem von den Altersgenossen anerkannt wird.

Wenn ich mir meine Kinder heute ansehe, was sie so lernen, wie sie lernen, wie die Schulen organisiert sind, so werde ich den Eindruck nicht los, dass sie hierzulande immer noch viel zu viel strukturellen Ballast aus vergangenen Tagen auf ihren Rücken herumschleppen, und das im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne. Der Inhalt eines durchschnittlichen Schulranzens ist symptomatisch. Mein Sohn in der 5.Klasse trug neulich für 4 Unterrichtsfächer ein Gewicht von mehr als 7 Kilogramm auf dem Rücken, bei einem Körpergewicht von 28 Kilogramm. Im Mathebuch war sogar eine Abbildung eines Schulranzens drin, die Aufgabe hieß "Schätzt das Gewicht von Gegenständen und nehmt Gegenstände eurer Umgebung als Vergleichsmaßstab". Beim Ranzen stand ein Gewicht von 10 Kilogramm als Maßstab dabei. Das scheint also völlig normal zu sein.

Da werden also täglich Kiloweise dicke Schulbücher hin und hergeschleppt. Diese Wälzer sollten mindestens 5 Schülergenerationen halten, deshalb auch die extrem kostspielige, schwere, robuste Ausführung. Damit der Steuerzahler auch etwas davon hat, oder so ähnlich war das wahrscheinlich. Was das für die Kinder bedeutet, darüber denkt offensichtlich keiner nach. Orthopäden warnen, Eltern klagen, aber es ändert sich nichts. Wahrscheinlich, weil das immer schon so war.

Dabei ist das auf der praktischen Ebene recht unproduktiv. Erstens. Die kindliche Neugierde, die solchen abgegriffenen schweren Wälzern entgegengebracht wird, hält sich in Grenzen. Ich glaube, dass es kaum Kinder geben wird, die mit Spannung vor dem Unterricht in diese Bücher hineinschnuppern und es nicht erwarten können, dass der Lehrer ihnen endlich erklärt, welches Geheimnis dahinter steckt, wie sonst bei jedem schönen neuen Bilderbuch. Schade, denke ich. Verschenkte Chancen.

Und zweitens, wie werden diese Wälzer überhaupt genutzt? Natürlich bleibt mindestens ein Drittel ungelesen, das fing schon mit dem Sachkundebuch in der 3.Klasse an, und ist jetzt mit dem Deutsch-Buch der 5.Klasse nicht anders. Im Mathebuch werden auch nicht alle abgedruckten Aufgaben durchgenommen. Es steht ja auch einfach zuviel drin. Der Lehrer oder die Lehrerin überspringt immer wieder mehrere Seiten oder Aufgaben, sucht sich die ansprechendste Stelle aus, an dem sich genau das erklären lässt, was er oder sie sich vorgenommen hat, und der Rest bleibt ungelesen.

Dabei sind die Schulbücher gerade deswegen so teuer, weil sich wahrscheinlich Heerscharen von höchst gebildeten Schulbuchgestaltern den Kopf zerbrochen und Hunderte von Seiten vollgeschrieben haben, was ein Lehrer auf welche Weise vermitteln könnte. Diese Bücher versuchen alle Möglichkeiten, Eventualitäten, den gesamten potenziellen Unterricht vorauszuahnen und zu umfassen, - aber wozu? Sind solche Strukturen nicht an der konkreten Schulklasse vorbeigedacht? Kostspielige Doppelarbeit, die bei den Kindern nicht ankommt? Verschwendung an Zeit, Geld und vor allem Energien? Von Tausenden von Erwachsenen und Kindern?

Es kann doch auch anders gehen. Vom japanischen Unterrichtsministerium bekommen meine Kinder, da sie Doppelstaatler sind, halbjährlich ihre japanischen Schulbücher zugeschickt, weil in Japan Lehrmittelfreiheit herrscht und alle Staatsbürger versorgt werden. Die Schulbücher sind alle im etwas kleineren B4 Format und haben keinen festen Einband. Sie sind kartoniert, haben eine Hochglanzvorderseite wie sie auch bei manchen Edelzeitschriften üblich sind. Sie haben höchstens nur 80 Seiten, sind in der Mitte nur mit Heftzwecken zusammengehalten, sie werden ja auch nur für ein halbes Jahr benötigt. Aber die Illustrationen sind durchweg liebevoll und ansprechend gestaltet.

Zum Beispiel das Mathebuch für die erste Klasse, auf dessen Doppelseiten sich bunte Knetgummitierchen in Knetgummilandschaften tummeln, die man zählen, addieren und subtrahieren muss. Sie sind als eine fröhliche Ankündigung dessen gedacht, was ab jetzt alles Aufregendes im Unterricht kommen soll. Inhaltlich enthalten sie nur die Essenz des angestrebten Lernstoffes. Aber das, was da drin steht, muss man mindestens wissen, wird gesagt. Später wird es von den Kindern wie ein buntes Merkheft genutzt, man kann immer wieder mal reingucken, man darf sie ja auch behalten. Das eigentliche Unterrichts- und Übungsmaterial wird grundsätzlich in den Schulen, von den Kollegien vor Ort zusammengestellt. Je nach Schule und Lehrer und Klasse unterschiedlich und individuell, der jeweiligen Klassen- und Unterrichtssituation angepasst. Natürlich wird das in Deutschland auch gemacht, denn alle Lehrer stellen individuelles, oft auch liebevoll gestaltetes Unterrichtsmaterial zusammen, aber die Kinder schleppen trotzdem sozusagen nebenher noch die gesamten potenziellen Unterrichtsanregungen mit in die Schule.

Es sind einfach keine Bücher, die dafür gedacht sind, die Kinder altersgemäß anzuregen, etwas selbst zu entwickeln und zu machen. Das ist der Knackpunkt, denke ich. Das Selbermachen. Die Kinder selber machen lassen. Dieser Ansatz fehlt hier einfach zu oft. Obwohl hier alle über die Erziehung zur Selbständigkeit reden.

Der Unterschied hat sicherlich auch historische Gründe. Als in Japan die Schulpflicht nach europäischen Muster im späten 19.Jahrhundert eingeführt wurde, wollte man damit gleichzeitig etwas völlig neues installieren, nämlich die Idee des Zentralstaates, der die feudalen Strukturen der Vormoderne aufbrechen sollte. Die Kinder der bis dahin leibeigenen Bauern der lokalen Herrschaften sollten mit den Kindern ihrer Herren, Handwerkern und Kaufleuten gemeinsam nun als Untertanen des Kaisers in die staatliche Pflichtschule gehen, was eigentlich revolutionär war, denn in Japan gab es bis dahin kein emanzipiertes Bürgertum wie in Europa, höhere Bildung war dem Adel vorbehalten und es gab eine rigide Trennung zwischen den Ständen.

Die Schule war also nicht als ein Hort des Bürgersinns entstanden, sondern fungierte eher als Vehikel für die niederen Stände, mithilfe der Zentralgewalt die feudalistische Ständeordnung zu überwinden und sich zu emanzipieren. Der Zentralstaat hat den Schulbetrieb bewusst so organisiert, dass gerade das Weiterkommen von sogenannten bildungsfernen Schichten in den Mittelpunkt der Bemühungen gestellt wurde, Kinder von analphabetischen Landarbeitern etwa, die zahlenmäßig dem Adel überlegen, aus dem Einflussbereich der lokalen Machthaber der Zentralgewalt zugeführt werden sollten. Deshalb ist in der Bevölkerung die Angst vor einer Vereinnahmung durch den Staat allgemein weniger ausgeprägt als denn die Freude über die Emanzipation und das soziale Weiterkommen durch Bildung, da auch der Staat bewusst seine soziale Elite sich auf diese Weise herangezüchtet hat.

Das Ergebnis ist eine Schule, die sich traditionell mehr um die Motivierung der Schüler kümmert, vor allem um diejenigen, die von Zuhause wenig Knowhow mitbekommen haben. Die Kräfte, die in den Kindern selbst schlummern und elternunabhängig sind, werden stärker in die gesamte Lern-Organisation mit einbezogen.

Worauf in den ersten Grundschuljahren und eigentlich schon im Vorschulalter Wert gelegt wird, ist das kooperative Verhalten und das dadurch ermöglichte Erfolgserlebnis. Es werden je nach Fach und Möglichkeit immer wieder verschiedene Lern- und Arbeitsgruppen gebildet. Natürlich gibt es Bereiche, in denen das nicht möglich ist, wie zum Beispiel das Einpauken der 92 japanischen und 1006 chinesischen Schriftzeichen, die man in den ersten sechs Schuljahren lernen muss, um später wenigstens die Zeitung lesen zu können. Aber, da wo es geht, wird es gemacht, besonders in den Unterstufen. Die Gruppenarbeit findet ihren Abschluss in einer Präsentation. Es gibt immer Kinder, die schneller oder langsamer sind als andere. Aber wenn man lernt, die Synergien zu aktivieren, kommt man als Gruppe oftmals weiter als wenn es zu viele Einzelkämpfer gibt. Wenn sich mal ein Kind destruktiv verhält, schaffen es die Kinder untereinander meist besser, es wieder einzubinden um als Gruppe weiterzukommen. Manchmal ist die Hilfe durch den Lehrer trotzdem von Nöten. Auch in manchen japanischen Wohngebieten überwiegt die Anzahl der Kinder, die sich im Sozialverhalten schwer tun.

Der Lehrer muss darauf achten, dass die Kinder ihre Konflikte konstruktiv austragen, zum Beispiel nicht aus lauter Ehrgeiz Schwächere ausgrenzen oder quälen. Oder die Unmotivierten die Motivierten mit in ihre Unlust hinunterziehen. Der Lehrer fungiert als Motivator. Das hat natürlich auch eine lange Tradition. Das Yaru-Ki, die positive, innere Antriebskraft eines Kindes wird als etwas sehr Kostbares erachtet, ob in der traditionellen Kampfkunst oder in der Schule, seit Jahrhunderten.

Kinder möchten gelobt werden. Kein Kind möchte hinter anderen zurückstehen oder zurückgesetzt werden. Alle Kinder möchten auch gebraucht werden. Diese positiven Kräfte muss man so gut es geht erhalten, bis die Kinder in ein Alter kommen, selbst aus sich etwas machen zu können oder auch nicht. Das ist eine allgemein anerkannte Erkenntnis. Es steckt einfach die Erfahrung darin, dass einer, dessen Antriebskraft ein Leben lang nicht erlischt, es zu einer höheren Meisterschaft bringen kann als ein Genius, der sich zu früh selbst aufgibt oder zur Ruhe setzt. Natürlich klappt das nicht immer. Es gibt wunderbare Pädagogen und unfähige, wie überall. Aber oft wirkt gerade bei Kindern aus schwierigen Verhältnissen das Streben nach Anerkennung in der eigenen Kleingruppe und in der Klasse als ein Motor, konstruktiv zu handeln, vor allem, wenn sie noch klein sind.

Die eigene Bären- oder die Erdbeerengruppe in der Grundschulklasse als eine Art Ersatzfamilie, das kommt häufig vor. Für Kinder, in deren Familien vielleicht die Erwachsenen eher als Feind denn als Freund des Kindes auftreten, funktioniert die Disziplinierung durch den Lehrer nur bedingt. Aber wenn die eigenen Gruppenmitglieder einem böse werden weil man etwas kaputt gemacht hat? Wenn man merkt, dass die eigene Gruppe eher weiterkommt, wenn man nicht mehr stört? Zuhört, Informationen beschafft, mitmacht? Viele merken, dass es sich lohnt, einfach weiter am Ball zu bleiben. Auch wenn man nicht von Anfang an der Beste ist

Hierzulande wird häufig über den Schulstress in den japanischen Schulen berichtet, von Schülerselbstmorden und anderen negativen Erscheinungen. Es werden auch sehr gerne die Fotos von uniformierten Mittelschülern beim Morgenappell gezeigt, um den Drill und die Phantasielosigkeit an japanischen Schulen zu suggerieren. Aber ich glaube, es ist anders. Diese Erscheinungen gibt es, aber die Zusammenhänge sind anders, als oft dargestellt. Meiner Meinung nach haben diese eher mit der weiterführenden Schule und mit dem Umgang der Gesellschaft mit der Pubertät zu tun. Da liegt sicher einiges im Argen. Aber auf die Grundschulen zumindest trifft diese düstere Schilderung nicht zu.

Denn Japan kennt kein dreigliedriges Schulsystem. Es gibt eine 9 jährige Schulpflicht, die in eine 6 jährige Grundschule und in eine 3 jährige Mittelschule gegliedert ist. In diesen 9 Jahren gilt das Wohnortprinzip, und es gibt faktisch kein Sitzenbleiben, sofern man anwesend war. Das hat eben mit der oben genannten Einstellung zu tun, dass bis zu einem gewissen Alter keiner demotiviert werden soll, durch Fleiß und eigene Motivation doch noch weiterzukommen. Natürlich gibt es Noten, und natürlich gibt es Kinder, die besser oder schlechter lernen. Aber den Kindern wird mehr Zeit und Raum gelassen, die eigene Biografie selbst zu bestimmen.

Ich habe später in meiner Oberschulzeit Klassenkameraden und Klassenkameradinnen kennen gelernt, bei denen ich stark bezweifle, ob sie im dreigliedrigen deutschen Schulsystem jemals zu dem geworden wären, was sie heute sind. Viele, die ich später kennen gelernt habe, haben erst in der Mittelschule, nämlich in der 8. und 9. Klasse plötzlich so etwas wie einen Lernkick gehabt und angefangen, selbst für die Eingangsprüfung der Oberschule zu lernen. Vor allem die, die keine ehrgeizigen Eltern im Hintergrund hatten. Aus eigenem Antrieb. Vielleicht, weil sie in ein Alter gekommen waren, ein anderes Leben führen zu wollen als ihre Eltern. Sicher aber, weil sie sich ab einem gewissen Alter konkret vorstellen konnten, wie so etwas geht. Weil sie eng mit anderen Kindern zusammen gearbeitet und gelernt haben, die aus anderen Verhältnissen kamen. Weil sie sich und die anderen allmählich realistisch einschätzen lernten. Weil die Zeit dazu reichte. Wie meine Freundin Mieko, die heute leitende Ärztin in einem großen Krankenhaus ist, deren Eltern eine winzige Wäscherei nahe eines Vergnügungsviertels hatten und von frühmorgens bis spätabends in ihrem Laden schufteten. Oder eine andere, die Noriko, deren koreanischstämmige Eltern mit ihrer Näherei ständig am Existenzminimum entlang schlitterten. Die plötzlich für ein paar Tage nicht in die Schule kam, weil sich ihre Familie vor dubiosen Inkassounternehmen verstecken musste. Sie wurde Juristin und arbeitet jetzt als freie Publizistin und Hochschullehrerin. Oder aber der Junge, der eine Jahrgangsstufe älter, uns nachmittags in der Sport-AG als Vertrauensschüler betreut hat. Der heute als Führungskraft eines großen Konzerns arbeitet und dessen Eltern und Großeltern Hähnchenspieße an fahrende Essbudenbesitzer lieferten und so in ständigem Kontakt zur Halb- und Unterwelt lebten.

Von diesen weiß ich, dass sie im Gegensatz zu uns verwöhnten Mittelstands-Angestellten-Kindern zuhause nie gefördert wurden. Dass sie erst in der Schule ihre Namen schreiben und lesen lernten, aber auch die Freude am Lernen. Und dass ihre Begeisterung fürs Lernen auch manch ein hochbegabtes Muttersöhnchen wachgerüttelt hat, das sich pubertierenderweise gegen die Vereinahmung durch die übereifrigen Eltern durch Leistungsverweigerung behaupten zu müssen glaubte. Und bin davon überzeugt, dass wir uns gegenseitig enorm bereichert haben. Weil wir nicht zu früh separiert worden sind. Weil wir über die Schule ein Generationen-Wir-Gefühl entwickeln konnten, in dem die Herkunftsfamilie überhaupt keine Rolle spielte. Weil man uns genug Zeit und Raum gelassen hat, unsere wirklich individuellen Stärken und Schwächen kennen zu lernen und auszubauen. Nicht die von den Eltern eingeredeten oder verlangten.

Natürlich gibt es einige Sachen, die ich als Kind an der japanischen Schule scheußlich fand. Das regelmäßige Klassenzimmerputzen nach dem Freitagsunterricht fand ich zum Beispiel grässlich, vor allem wenn man mit dem Klo dran war. Es gibt in Japan nämlich einen gesellschaftlichen Konsens darüber, dass es ein Unding sei, wenn Kinder von den Eltern oder Steuerzahlern extra eine erwachsene Frau beschäftigt bekommen, die ihnen ihren Dreck wegmachen soll. Oder das obligatorische gemeinsame Mittagessen aus der Kantine, das wir uns selbst auf großen Essenswagen holen und in den Klassenzimmern ausgeben mussten. Es schmeckte oft scheußlich und viele Eltern regten sich über den Niedergang der japanischen Esskultur auf. Aber jetzt da ich weiß, wie viel Zeit und Energie es kostet, allen Kindern zur rechten Zeit ein ordentliches Essen bereitzustellen, und da ich weiß, dass in vielen Familien so ein Schulessen vielleicht sogar eine Verbesserung der Ernährungsqualität bedeutet, denke ich anders darüber.

Und ich muss feststellen, seit damals hat sich das japanische Schulsystem sogar fortentwickelt. Die damals in Ansätzen vorhandenen Stärken wurden ausgebaut, und der Unterrichtsstil konsequent in diese Richtung weiterentwickelt - das Augenmerk immer stärker auf das SELBST lernende Kind gerichtet.

Und irgendwie glaube ich zu ahnen, dass das letztendlich - vielleicht auch eine ganze Gesellschaft bereichern konnte. Wenn ich zum Beispiel an Toyota denke. Oder Nintendo oder Sony. Die erfolgreichen unter den japanischen Herstellerfirmen aus der Nachkriegszeit. Diese haben bekanntermaßen das Potenzial und Engagement aller Mitarbeiter, auch der untersten Ebene, konsequent gefördert und genutzt. Ob das vielleicht doch nicht mit unseren gemeinsamen Erfahrungen in der Grund- und Mittelschule zusammenhängt? Wo wir ständig damit beschäftigt waren, zusammen irgendwelche Projekte zustande zu bringen? Und weil das allen einen so großen Spaß gemacht hat?

Pisa scheint mir Recht zu geben. Das Leistungsniveau der japanischen 15-jährigen ist international gesehen recht hoch. Nicht nur an der Spitze. Sondern insgesamt. Wenn jemand denken sollte, dass das nur durch größeren Drill oder gar frühzeitiger Separation und Extra-Förderung der Hochbegabten vom Durchschnittsvolk erreicht werden kann, dann sollte er mal in eine japanische Grundschulklasse gehen. Oder wenigstens ein japanisches Schulbuch für die Grundschule in die Hand nehmen. Oder eine Fabrik besichtigen.

Ich bin mir sicher. Es ist genau umgekehrt. Man muss nur anders herum denken. Nicht von oben herab. Es geht hier primär nicht um die Frage, ob irgendwelche neue Systeme, Einrichtungen oder Gebäude - also Apparaturen- notwendig sind. Auch nicht darum, ob die Kinder länger oder kürzer die Schulbank drücken sollen, als ginge es um Maschinenlaufzeiten. Da sitzt nämlich der Denkfehler. Die notwendigen formalen Lösungen, wie die der optimalen Infrastruktur, kämen doch nach und nach alle von selbst - wenn man erst einmal nur in die Augenhöhe der Kinder gehen würde! Von unten her denken. Und dann die Synergien heben - von der Basis her. Das meiste ist doch schon da. Man muss es nur aktivieren. Und das nicht nur in der Schule.




Technische Umsetzung und Joomla-Support von 2st-online.de