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| Interview mir Marc Luyckx Ghisi zum Thema Bildung im Jahr 2020 |
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Von Ariane Brena Bei der EUDEC-Konferenz im Juli/August 2008 in Leipzig sprach Marc Luyckx Ghisi über „Bildung im Jahr 2020?“. Sein lebhafter Vortrag ist vielen ZuhörerInnen sicher in Erinnerung geblieben. Für eine gründliche Diskussion seiner aufrüttelnden Thesen blieb wenig Zeit. Deshalb bat Ariane Brena Marc darum, einige seiner mündlich vorgetragenen Gedanken nochmals darzustellen. Hier sind seine Antworten. Marc, bei deinem Vortrag sprachst du über den Wechsel von der industriellen zur Wissensgesellschaft, den wir derzeit erleben. Dieser Wechsel geht einher mit einem Bewusstseinswandel, der sich zum Beispiel in der Gründung neuer Schulen ausdrückt. Weshalb haben sich die traditionellen Schulen und Hochschulen überlebt? Was müssen Bildungseinrichtungen im 21. Jahrhundert leisten? Ich sagte, wir treten in eine neue Ära ein. Wir sind an einem ähnlichen Punkt wie Ende des Mittelalters am Beginn der Renaissance. Der einzige Unterschied ist der, dass die Transformation viel tiefer und viel, viel schneller geht. Sie könnte innerhalb von 30 Jahren geschehen. Wohin gehen wir? In Richtung einer postindustriellen, postkapitalistischen und postpatriarchalen Ära. Braucht es dann überhaupt noch Schulen? Brauchen wir überhaupt noch Schulen? Ja, ich denke, wir brauchen noch immer welche. Aber sie werden völlig anders sein. Ich betonte, dass das Ergebnis des Bildungssystems des 21. Jahrhunderts, für die Wissensökonomie, ein völlig anders ist. Anstelle von Spezialisten, die alles über ein sehr kleines Gebiet wissen, BENÖTIGEN WIR UNBEDINGT GENERALISTEN. Menschen, die kompetent in Management, Buchhaltung, Technologie, Psychologie, Theater, Philosophie usw. sein können. Unsere Universitäten werden „Dr. phil. in generellen Dingen“ produzieren müssen. Wir brauchen Leute wie Pico della Mirandola[2] zu Beginn der Renaissance. Menschen, die ein umfassendes Bild davon haben, was in der Gesellschaft vor sich geht. Und diese Dr. phil. in generellen Dingen werden auch darauf vorbereitet werden, in der radikal trans-disziplinären Universität zu lehren, die die Wissens-Ökonomie braucht. Wir werden auch technische Spezialisten einsetzen, aber sie werden an zweiter Stelle stehen. Sie werden sich nicht mehr in Führungspositionen befinden. Diese Ära ist zu Ende. Kinder, die 2008 ihren ersten Schultag hatten, werden 2020 vermutlich die Schule verlassen haben. Was sollten sie dann können, worauf müssen sie vorbereitet sein? Wenn sie 2020 einen Job bekommen wollen, müssen sie extrem kreativ und sehr sensitiv gegenüber den Weltproblemen, wie der Umwelt und der sozialen Gerechtigkeit, sein. Die Technologien, die sie anwenden werden, sind heute noch nicht einmal erfunden worden. Deshalb wird der Inhalt ihrer Bildung weniger wichtig, wohingegen die Fähigkeit, ihren eigenen Lernprozess auf kreative Weise selbst zu steuern,entscheidend wird, weil es genau dieser Prozess kontinuierlichen Lernens ist, den sie während ihres gesamten Berufslebens in Gang halten müssen. Deine Frau und du habt 6 Kinder erzogen. Glaubst du, sie sind in dieser Weise vorbereitet? Was hat dazu beigetragen, und welche Bedingungen haben das eher behindert? Einige meiner Kinder haben es geschafft, sich an das aktuelle Schul- und Universitätssystem anzupassen. Manche sind sehr kritisch geworden. Und eins schließlich hat die Schule verlassen und lehnt das System komplett ab. Ein Sohn zum Beispiel wird Universitätsprofessor für (westliche) Medizin. Keine sichtbaren Probleme. Eine Tochter ist Assistentin der Philosophie an derselben Universität Leuven. Aber sie ist viel kritischer und sich dessen bewusst, wie wirklich unangemessen das System dem heutigen Bedarf ist. Ein anderer Sohn hat Kunst studiert und lehrt Malerei. Er ist ebenfalls „neben“ dem System. Schließlich hat mein jüngerer Sohn die Uni verlassen und studiert Musik. Bei deinem Vortrag sagtest du, die demokratischen Schulen sollten aufhören, sich als „alternativ“ zu bezeichnen. Wie meinst du das? In der Tat entspricht das, was wir heute „alternative“ Schulen nennen, genau dem, was wir im 21. Jahrhundert brauchen. Deshalb war meine Hauptbotschaft in Leipzig: „Bitte hört auf, euch selbst als alternative Schulen zu betrachten. Und versteht, dass ihr die Schulen für des 21. Jahrhundert seid.“ Das ändert vollständig die Perspektive und auch die finanziellen Möglichkeiten! Denn es ist sehr gut möglich, dass fortgeschrittene Unternehmen daran interessiert sind, diesen Schulen von morgen finanziell zu helfen! Bei der EUDEC hatte ich den Eindruck, einige Menschen verstehen deine Ausführungen als Modell, als Utopie. Ich habe es eher so verstanden, dass du beschreibst, was bereits voll im Gange ist, dass wir allerdings jeden Tag wieder neu darüber entscheiden, ob diese Entwicklung zum Wohle aller führt. Ja genau. Die Wissensgesellschaft ist keineswegs eine Utopie. Wir sind so mit dem industriellen, kapitalistischen und modernen Gedankensystem identifiziert, dass wir nicht einmal sehen und nicht verstehen, dass wir bereits zu 50 % in einer neuen Ökonomie sind, während die alte industrielle Ökonomie mit Höchstgeschwindigkeit stirbt. Schau dir an, was mit Chrysler, General Motors und Ford in Detroit geschieht. Das sind industrielle Dinosaurier, und sie stehen in Gefahr einen schnellen Tod zu sterben. Nun ist meine Überraschung, dass die europäische „Linke“ genauso mit dem industriellen kapitalistischen System identifiziert ist wie die Rechte. Bitte wacht auf! Die Welt wandelt sich schnell, und ihr, die EUDEC, seid auf der guten Seite!!! Deine Vortragsweise ist sehr lebhaft und engagiert. Was begeistert dich an der Perspektive der postkapitalistischen, transmodernen Gesellschaft? Was ist dein Anliegen?
Nun, wie ich in meinem Buch[3] erkläre, könnte dieser Wechsel der
„Weltanschauung“, dieser Paradigmenwechsel, sehr positiv sein, uns zu
einer gerechteren und nachhaltigeren Welt 2030 führen. Wir könnten
sogar an einer Wiederverzauberung unserer Leben und unserer Welt
teilnehmen. Und Bildung könnte einer der interessantesten und am
meisten herausfordernden Jobs im 21. Jahrhundert werden. Das ist das
positive Szenario, welches in einem wichtigen Teil der gegenwärtigen
Ökonomie bereits passiert. Aber da ist eine andere Seite der Medaille. Das negative Szenario ist nicht nur möglich, sondern es nimmt in großem Umfang real Formen an. Und in diesem negativen Szenario geht es um Manipulation von Menschen in einer viel ausgefeilteren und subtileren Art und Weise als selbst Orwell es vorausgesehen hatte. Und dies passiert bereits heute. Eine der Gesellschaften, die das tun, ist Motorola.[4] Und das Schwierigste daran ist, dass die meisten Unternehmen und die Regierungen das Problem nicht sehen. Sie sind immer noch in dem modernen industriellen Paradigma, wo Maschinen Menschen beherrschen und wo was auch immer die Wissenschaft erfindet, per definitionem OK ist, quasi jenseits der Ethik, weil es objektiv und rational ist. Also ist für die „modernen“ Jungs kein Problem dabei, durch Manipulation mit Computern „menschliches Potential zu erweitern“. Diese Diskussion zwischen den zwei Visionen wird heute in Kalifornien ziemlich lebhaft geführt. Manche Menschen reagieren allergisch auf den Begriff „Spiritualität“. Magst du etwas über den Zusammenhang von Lern-Begleitung von Kindern und Spiritualität sagen?
Lass uns zu Carl Gustav Jung zurück gehen. Er ist derjenige, der –
gegen Freud – erneut die innere Dimension in allen Menschen bestätigte.
Er erklärte, dass das Ziel menschlicher Evolution im Leben für jeden
darin besteht, den tiefsten Teil unserer menschlichen Seele jenseits
des Ego zu erreichen und zu integrieren. Und das könnte man als die
tiefste menschliche Entwicklung beschreiben, was fast allen Weisheiten
rund um die Welt entspricht. Man könnte es auch als die spirituelle
Erfahrung oder den spirituellen Weg bezeichnen. Die meisten Gründer der
Haupt-Weltreligionen waren sehr erleuchtete Wesen. Sie schlugen ihren
Anhängern solch einen transformativen Weg vor. Aber diese Anhänger verwandelten diesen schwierigen Weg oft in religiöse Riten, die leichter zu erfüllen und sicherer sind, weil sie nicht notwendigerweise zu dieser tiefen Transformation führen. Wenn ich meine Kinder und die neue Generation ansehe, habe ich den Eindruck, dass sie eher nach so einem transformativen Weg suchen, nach einer führenden Persönlichkeit, einer weisen Person, einem „Staretz“, der sie durch so eine tiefe Erfahrung leiten könnte, die eher menschlich und spirituell als religiös ist. Es ist wesentlich, in das neu Denken von Bildung diese tiefste Dimension der „Seelen“ unserer Kinder mit einzuschließen. Wir müssen auch ihre Seelen entwickeln. Und übrigens sind ihre Seelen auch die tiefste Quelle von Kreativität, Kunst und Schönheit. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, den unser „modern-rationaler“ Bildungsansatz fast völlig vernachlässigt hat. Bitte erläutere uns zum Schluss. „Let the dinos die, but never kill them.“ Am Ende des Mittelalters und zu Beginn der Renaissance gelang keineswegs, das mittelalterliche klösterliche Schulsystem zu verändern. Man erfand einfach ein neues Bildungssystem , das „humanistische“, welches wir noch heute haben, zumindest in der Theorie. Meiner Meinung nach ist es UNMÖGLICH, das bestehende Bildungssystem zu reformieren. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, die Sorbonne in Paris oder irgendeine Universität oder Schule in Europa zu reformieren. Deshalb benutzte ich die Metapher der Dinosaurier. Dinosaurier starben plötzlich, weil sie unangepasst waren an den plötzlichen Klimawechsel in der Geschichte. Niemand hätte sie retten können. Also lautet meine Warnung, die Bildungs-Strukturen, die keine Zukunft haben, nicht anzutasten. Versucht nicht sie zu reformieren. Kritisiert sie nicht. Sie werden sich wandeln, wenn sie es beschließen. Sonst werden sie plötzlich sterben. Und sie könnten jeden zerstören, der sich in ihrer Nachbarschaft befindet! Vielen Dank für deine Antworten. Zu Marc Luyckx Ghisi
Geboren 1942 in Leuven (Belgien), studierte Marc Luyckx Ghisi zunächst Mathematik und Philosophie und promovierte später in russischer und griechischer Theologie. Verheiratet und Vater von sechs Kindern. Von 1990-1999 Mitglied der Forward Studies Unit/Cellule de Prospective der Europäischen Kommission. Derzeit Vizepräsident der Cortugli Business Academy, Zagreb und Belgrad, Mitglied des Auroville International Advisory Council, Pondichéry ((Puducherry,Indien) und Professor an der Ecole supérieure de Commerce, Rouen. Zahlreiche Veröffentlichungen in verschiedenen Sprachen zur Wissensgesellschaft und zum von ihm geprägten Begriff „Transmoderne“ (transmodernité). Marc Luyckx Ghisi stellt fast alle seine Publikationen kostenlos auf seinem Blog http://vision2020.canalblog.com zur Verfügung. Das Interview wurde per E-Mail im Herbst 2008 durchgeführt. Übersetzung der Antworten aus dem Englischen: Ariane Brena [2] Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494), italienischer Humanist und Philosoph. Sein Ziel war, eine fundamentale Übereinstimmung aller philosophischen und religiösen Lehren aufzuzeigen, die letztlich alle im Christentum enthalten seien, und damit zu einer weltweiten Verständigung und zum Frieden beizutragen. (Wikipedia 03.02. 2009) [3] „The knowledge society: a breakthrough to genuine sustainability” . Editions India, Cochin, 2008. Kostenloser Download: http://vision2020.canalblog.com [4] Siehe zum Beispiel die Diskussion unter http://forums.dealofday.com/religion-politics/146653-fda-about-approve-under-skin-chip-us.html
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