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| Hartmut von Hentig - Das ewige Kind |
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Hartmut von Hentig, der große Pädagoge, hat seine Erinnerungen geschrieben.von Reinhard Kahl Es beginnt mit der ersten Erinnerung an den Verlust einer Spielzeugente auf hoher See. Die Familie ist auf dem Weg nach San Francisco. Und am Ende des ersten Bandes seiner Memoiren ist der 28-jährige Hartmut von Hentig wieder auf dem Atlantik. Nach dem Studium von Latein und Griechisch, zuletzt in Chicago, frisch promoviert. Er weiß nicht, was aus ihm werden soll. Auf dem Dampfer nach Deutschland gibt er amerikanischen Austauschstudenten einen Sprachkurs. Den muss er mehrmals wiederholen. Er empfiehlt Reiseziele in Deutschland, weist junge Amerikaner, Holländer und Franzosen auf Eigenarten seiner Landsleute hin, lässt sie deutsche Lieder lernen. Am Ende der Überfahrt hat Hentig die Passion seines Lebens entdeckt: Lehrer sein. »Ich spürte, dass man mir Autorität antrug.« Auf den 416 Seiten dazwischen bedenkt und bejaht, wie es im Untertitel des Buches heißt, der 81-jährige Nestor der deutschen Pädagogik sein Leben. Weitere 639 Seiten werden im September im zweiten Band folgen. Mein Leben – bedacht und bejaht klingt vielleicht etwas pathetisch. Manch einer wird viel pädagogische Moral befürchten. Tatsächlich werden die Leser Zeugen einer Erzählung von einem gelungenen, ja oft glücklichen Leben. Man erfährt allerdings auch, dass dieses nicht gratis zu haben ist. Gibt es ein Betriebsgeheimnis für das Gelingen? Hentig stellt die Frage nicht, aber vielleicht seine Leser. Die halbe Antwort steht bereits im allerersten Satz. »Was aus den hier beginnenden Aufzeichnungen wird, weiß ich nicht.« Hartmut von Hentig ist ein großer Anfänger. Seine Leidenschaft ist, die Schule neu zu denken. Aber mit dem akademischen Entwurf oder gar mit bloßer Kritik am angestrengten Leerlauf des wenig wirksamen Betriebs hat er sich nie zufriedengegeben. Der Anfänger wurde auch Gründer, weniger, um die Welt zu verändern, das auch, vor allem aber, um Erfahrungen zu sammeln. Seine an die Bielefelder Universität angeschlossene Laborschule nannte Adolf Muschg das größte und schönste 68er-Symbol. Die Offenheit fürs Neue, auch wenn der Abschied von festen Überzeugungen für ihn wohl schmerzlich war, zieht sich wie ein Wasserzeichen durch sein Leben. Als er zum Beispiel aufgefordert wurde, für die Festschrift seines Freundes Richard von Weizsäcker einen Beitrag über die Lehrerbildung zu verfassen und er im Formular in der Titelrubrik las: »Nicht festgelegt«, war er sofort von dem mutigen angeblichen Titel begeistert. Aber die Lust an Neuanfängen ist nur die eine Seite. Ihr steht der ebenso starke Ordnungspol gegenüber. Zum Anfangen und Ordnen kommt als Drittes das Beobachten. Kein Zufall, dass er daran seine erste Erinnerung hat. Da sitzt der zweijährige Hartmut an Deck des Hapag-Lloyd-Dampfers nach Amerika, spielt mit seiner orangenfarbenen Zelluloidente und lässt sie durch ein Abflussrohr ins Wasser fallen. Er verfolgt ihr Verschwinden und wundert sich 80 Jahre später, dass er gar keine Trauer über den Verlust hatte. »Ich empfand die beruhigende Gewissheit: So ist das also! Was man loslässt, verliert man. Ich war aus dem bloßen Ablauf der Dinge heraus getreten und zum Beobachter geworden.« Dabei hatte sein Leben mit einem dramatischen Verlust begonnen. Ein Kindsraub. Im Sommer 1926, Hartmut ist noch kein Jahr alt, verlässt die Mutter in Posen klammheimlich mit ihren beiden Kindern den Mann, während dieser in Berlin ist. Der Vater war Diplomat, Preuße und Asket, alles aus Passion und pflichtbewusst. Sein Leben nannte er eine Dienstreise. Nachts brach er ins Haus seiner Schwiegereltern bei Reval ein, machte sich nach einem Handgemenge mit Hartmut und der zwei Jahre älteren Helga davon und fand mit den Kindern beim Grafen Dönhoff im ostpreußischen Friedrichstein Zuflucht. Die Sache kam vor Gericht. Für die Dauer des Prozesses wurden die Kinder dem Vater zugesprochen. Der Prozess dauerte sechs Jahre. Dann das scheinsalomonische Urteil: Hartmut zum Vater, die Schwester zur Mutter, die sie aber gar nicht mehr kannte. Bald durfte sie zurück zum Bruder nach Kalifornien, wo der Vater Generalkonsul war. Die Familie in Kalifornien wurde wieder so ein Gegensatz in sich, der ein anregendes Milieu bildete. Der preußische Vater und seine Patchworkfamilie. Miezi, die das Haus in San Francisco führte und die der Vater heiratete, wurde nie Hartmuts Mutter, aber die von acht Geschwistern, an denen der große Bruder ohne jede Absicht, aber mit großer Freude sein pädagogisches Talent entwickelte. Der Vater war voller Prinzipien und hoher Ansprüche, er hatte für die Kinder Zeit, war wohlwollend und zuverlässig. Er schubste den kleinen Sohn vom Sprungturm ins Wasser, sprang hinterher und war zur Stelle. Hentig nennt seine Kindheit eine Landschaft irgendwo zwischen Sparta und Kosmopolis. Vielleicht ist das Wörtchen »und« das wichtigste in diesem Satz. Aus der Erfahrung des Zwischen und der Gewissheit, dass alles auch anders sein könnte, ist er nie ein reiner Theoretiker geworden. Bücher zu schreiben war für ihn Ordnen. Manchmal wird einem auch bei den Memoiren das Ordnen und Durchdeklinieren der Aspekte ein bisschen viel. Aber das ist eben nur die eine Seite. Auf der anderen Seite der Hunger nach Erfahrungen, die Neugier auf Menschen, auf Individuen. Einmal bemerkt Hentig in seinen Erinnerungen beiläufig: »Die Schönheit der individuellen Gestalt gegen das Ideal der Einheitlichkeit.« Das könnte sein Lebensmotto sein. Um allerdings das eigene Leben zu wagen, bedarf es einer freundlichen Atmosphäre, aber auch der Verlässlichkeit und Berechenbarkeit. Die Kindheit in Amerika nennt er angenehm wie die kalifornische Sonne. So begann dort auch die Schule. Als der Vater am ersten Schultag auf die Lehrerin einredete, seinen Sohn zu einem sachkundigen und tüchtigen, freien und verantwortlichen, keine Mühen scheuenden Menschen zu machen, hörte sie sich das alles an, nahm die Kinder bei der Hand und antwortete dem Herrn Generalkonsul: »Never mind, Sir, we shall just make them happy.« Nach dem sonnigen Kalifornien wurde der Vater mehrmals versetzt, auch zurück nach Deutschland. Das Aufwachsen in verschiedenen Ländern und der Besuch von sieben Schulen weitete den Möglichkeitsraum. Dieses »Es gibt viele Möglichkeiten« erfahren zu haben, es zu durchdenken und schließlich eine Institution dafür gründen zu können, das ist ein Glücksfall. Hentig hatte viel Glück. Nach dem Abitur in Deutschland und der kurzen Zeit als Soldat konnte er im Gefangenenlager in Latein- und Griechischseminaren eine kleine, nein eine ganz große Universität erleben. Dort sprang die Begeisterung für die alten Sprachen auf ihn über. Und als er unglücklich mit seinem Studium in Göttingen war, wurde er beim Trampen von einem amerikanischen Offizier mitgenommen, der ihm ein Stipendium in Amerika geradezu aufdrängte. Und dann nach einem durchschnittlichen College das Glück, an die University of Chicago zu kommen. Dort gab es die Regel für Studenten, alles studieren zu dürfen, aber ins Studienbuch durften pro Semester nur drei Seminare. Wenige Sachen gründlich machen, das war das Gegenteil der heutigen Credit-Point-Bulimie. Die intensive Platon-Lektüre in Chicago – und später in Sommerwochen zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker – stärkte zugleich den Ordnungspol wie das Fragenstellen und die Neugier. Denken war Hentig zeitlebens wichtiger als Wissen, das er nicht gering schätzt. Aber noch wichtiger ist ihm die Freundschaft. Lessing meinte ja, dass die Götter die Sterblichen beneideten, weil die Freundschaft nur den Unvollkommenen und Befristeten vergönnt sei. Hartmut von Hentig ist mit sich selbst oft streng umgegangen. Eine Mitgift des Vaters. Sich selbst zu prüfen, wie es Sokrates verlangt, war ihm das unvermeidliche Fegefeuer, ohne das ein lebenswertes Leben nicht vorstellbar ist. Nun als fröhlicher Greis dies alles noch einmal zu erinnern und zu bedenken und, wie der Titel sagt, zu bejahen, ist noch einmal ein großes Glück, auch für die Leser. Und immer steckt in Hentigs Betrachtungen Liebe, auch die zu dem kleinen Hartmut, der er war und in gewisser Weise geblieben ist. Liebe im Sinne des schönen Augustinus-Satzes: »Ich will, dass Du seiest!« Sein Rückblick offenbart den nicht so häufigen Fall einer im Verlauf des Erwachsenwerdens nicht abgetriebenen Kindheit. Das macht den Charme dieses Menschen aus und auch seinen Erfolg. Es ist wie bei Albert Einstein, der auf die Frage, wie er sich seine Leistungen erkläre, geantwortet hat: »Weil ich das ewige Kind geblieben bin.« Hartmut von Hentig: Mein Leben – bedacht und bejaht. Kindheit und Jugend; C. Hanser Verlag, München 2007; 416 S., 24,90 € Links
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Hartmut von Hentig, der große Pädagoge, hat seine Erinnerungen geschrieben.