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Glücklicher Sisyphos Drucken
hartmutvhenting_buchcover Der große Pädagoge Hartmut von Hentig erzählt im zweiten Band seiner Erinnerungen, wie er seine Pädagogik erfand.

von Reinhard Kahl

 

Eigentlich sollte es eine »Waldschratschule« werden. So nannten Hartmut von Hentig und seine Freunde Mitte der sechziger Jahre in Göttingen ihre Traumschule. Ein Haus mit Nischen und offenen Räumen.

Eine Schule ...


... die den Kindern ihren Eigensinn lässt und Welt hereinholt. Ein Ort, an dem nicht immer nur über die Dinge doziert wird. Eine Republik für Kinder mit vielen Gelegenheiten zum Lernen und Leben. »Waldschratschule« bedeutete auch, den Kindern ihre Geheimnisse zu lassen, Individuen nicht länger zu standardisieren.

In den noch steifen, aber mit vielen Ideen und Wünschen aufgeladenen sechziger Jahren fand ein großer Bildungsaufbruch statt. Eine produktive Zeit, in der Finnen und Schweden den Umbau ihrer Schulen begannen und mit langem Atem dranblieben. Deutschland hingegen verfiel nach 1968 in den Kulturkampf. Zu einem der verwüsteten Schlachtfelder wurde in diesem letzten Religionskrieg, der dem Land noch geblieben war, die Bildung.

Vor allem von dieser Zeit handelt der zweite Band der Erinnerungen dieses singulären Pädagogen, der sich bescheiden einen Lehrer nennt und doch ein Weltkind ist, wie es ganz selten vorkommt. Der erste Band, Anfang letzten Jahres erschienen, schließt im Jahr 1953 mit der Schiffspassage von Amerika zurück nach Deutschland. Hartmut von Hentig hatte in Chicago alte Sprachen studiert. Aber was sollte der 28 Jahre alte, frisch gebackene Doktor ohne, wie man heute sagen würde, berufsqualifizierenden Abschluss anfangen?

Das Netz der aristokratischen Freunde fing ihn auf. Bei Georg Picht, auch einem Altphilologen und damals Leiter des Internats Birklehof im Schwarzwald, kam er unter. Es folgten intensive Lehr- und Lehrerjahre. Zugleich publizierte er, unter anderem in der Zeit. In Tübingen machte Hentig sein Referendariat, um nicht länger ohne Staatsexamen auf Gedeih und Verderb dem Schulleiter Picht ausgeliefert zu sein. So wurde er Studienrat. Er war begeistert vom Lernen und vom Lehrersein, aber vor allem begeisterten ihn die Kinder, die ihr Lerngenie allerdings häufig ausgerechnet in der Schule verlieren.

Hentig litt unter den Regularien der verwalteten, unpädagogischen Schule. Er hätte in diesen Jahren auch andere Karrieren machen können, zum Beispiel als Leiter des S. Fischer Verlags. Aber er wollte Lehrer sein. An seiner Biografie versteht man, dass Leidenschaft ohne Leiden nicht zu haben ist und dass ein guter Lehrer nicht Fächer, sondern Schüler unterrichtet. Das wichtigste Curriculum des Lehrers, sagt Hentig immer wieder, ist seine Person. Er geht noch weiter: »Will ich meine Pädagogik erklären, muss ich mich erklären.« Lehrer sind eben keine Wissensdealer, die den Stoff rüberschieben, und sie sind auch keine Funktionäre von Lernprozessen. Lehrer müssen Meister im Dialog sein, auch in jenem Dialog mit sich selbst, den Platon Denken nannte. Sie müssen Auskunft geben können, wozu das Wissen wichtig ist, und sie müssen für das alles mit ihrer Person einstehen.

In seinen Lehr- und Lehrerjahren entwickelte Hentig, der selbst nie Pädagogik studiert hatte, die Grundzüge seiner Pädagogik. Zum Beispiel die drei R: Reviere bilden, Regeln machen, Rituale stiften. Und so kam es, dass der junge Mann aus Tübingen, mit seiner ganz eigenen, unüberhörbaren Stimme, ohne habilitiert zu sein, nach Göttingen auf einen der damals noch wenigen Lehrstühle für Pädagogik, den von Hermann Nohl, berufen wurde. Das war 1963.

Heute fangen viele Schulen in der nach dem deutschen Bildungskrieg verwahrlosten Schullandschaft dort wieder an, wo der Aufbruch damals abgebrochen wurde, als institutionelle Individuen. Gute Schulen sind keine geklonten Exemplare auch eines noch so guten Modells. Sie können nur gelingen, wenn sie Eigensinn haben. Verändern können sie sich nur selbst, aber dafür brauchen sie Gesellschaft.

Da kommt der zweite Band der Erinnerungen von Hartmut von Hentig gerade recht. Dieser ideenreiche und nie ideologische Mann erzählt und erzählt und erzählt von der Sisyphos-Arbeit an der Erneuerung unserer wichtigsten und notorisch unterschätzen kulturellen Einrichtung. Was Camus proklamierte, beglaubigt Hentigs Biografie: »Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.«

Zwar wurde aus der »Waldschratschule«, so wie geträumt, nichts. Die Idee einer Schule als Polis, als Lern- und Erfahrungsraum, damals bei der VW Stiftung eingereicht, war so erfolgreich, dass die hentigsche Laborschule (»diese Schule mit dem schrecklichen Namen«) Teil der neu gegründeten Universität Bielefeld wurde und erst mal an der schieren Größe litt. Dann geriet sie innen und außen in die Mühlen des Bildungskriegs. Auch von diesen Krisen wird erzählt, und man begreift, dank welchen Kurses die Schule bei allen Stürme erfolgreich blieb. Er heißt: Eine Schule, in der Schüler lernen, muss selbst lernen. Eine Schule, in der Kinder ihre Biografie entwickeln, muss selbst eine haben. »Die Schönheit der individuellen Gestalt gegen das Ideal der Einheitlichkeit« zu setzen, das ist gewissermaßen die DNA von Hentigs Denken und Leben.

Nach seiner Emeritierung ist der nun 82-jährige Nestor der deutschen Pädagogik nach Berlin, in die Stadt seiner Kindheit, zurückgekehrt. Jetzt provoziert er mit einem Untertitel, den sich nur ein Sisyphos leisten kann: Mein Leben – bedacht und bejaht.

 

Hartmut von Hentig: Mein Leben – bedacht und bejaht Band 2: Schule, Polis, Gartenhaus; Hanser Verlag, München 2007; 665 S., 25,90 €




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