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| Den gesellschaftlichen Stellenwert von Bildung ändern - "Ich bin gut! Wir sind besser!" |
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Klaus Schaake im Interview mit Prof Dr. Olaf-Axel BurowHerauszufinden, wozu man geeignet ist, und eine Gelegenheit zu finden, dies zu tun, ist für den Erziehungswissenschaftler Olaf- Axel Burow nicht nur der Schlüssel zum Glücklichsein, sondern auch zur Bildung. Schule und Gesellschaft müssten dafür anders organisiert sein. KS: Herr Prof. Burow, wo und wie lernen wir? Burow: Die neuen Untersuchungen über informelles Lernen gehen davon aus, dass 50 bis 70 Prozent des Lernens nicht in formalisierten Räumen stattfindet. Die Orte des Lernens sind da, wo ein persönliches Interesse ist und wo man seine eigenen Themen bewegt. Beispielsweise, wenn wir miteinander sprechen, ich Informationen bekomme und Neues erfahre. KS: Hört sich nicht nach einem Plädoyer für die Schule an. Burow: Die traditionelle Schule ist eine künstliche Umgebung, die zu oft noch nach einem antiquierten Modell funktioniert: alle zur gleichen Zeit, nach Jahrgangsstufen sortiert, rücken fließbandmäßig vor, wobei der "Ausschuss" aussortiert wird. Damit ist Schule für zu viele Kinder kein Ort des Lernens und der Förderung, sondern eher der Abwertung. Wenn Kinder in die Schule kommen, können sie fast alles! Sie haben es sich selbst beigebracht oder abgeguckt. Ausgerechnet in der Institution, die für Lernen gemacht ist, fällt es vielen schwer zu lernen. KS: Sie generalisieren! Burow: Natürlich kommen Schüler aus einem leistungsorientierten Elternhaus mit dem „klassischen“ Angebot besser zurecht als jene, wo es keine solch hohe Bildungsaspiration gibt und die durch die Selektionsprozesse unseres dreigliedrigen Schulsystems früh demotiviert werden. KS: Worum geht es also? Burow: "Herauszufinden, wozu man geeignet ist, und eine Gelegenheit zu finden, dies zu tun, ist der Schlüssel zum Glücklichsein", sagt John Dewey, der Gründer der „Laboratory School“ in Chicago. Dewey wurde durch den Ansatz "Learning by doing" und die Projektmethode bekannt. Für mich ist die Förderung individueller Neigungen bzw. Begabungen nicht nur der Schlüssel zum Glücklichsein, sondern auch zu nachhaltiger Bildung. Schulsystem bzw. Bildungseinrichtungen müssen Personen die Möglichkeit geben, herauszufinden, wozu sie geeignet sind und dann spezifische Unterstützungs- und Fördermaßnahmen bieten, so dass jeder das ihm innewohnende Potenzial entwickeln kann. Die Berücksichtigung persönlicher Neigungen spielt eine viel zu geringe Rolle. „Ich-fernes Wissen im Bildungsprozess“KS: Kann man auf die persönliche Neigung vertrauen? Burow: Wenn ich meine Lehramtsstudenten anschaue, die ja zur Elite unseres Bildungssystems gehören, fällt mir auf: Viele durchlaufen die Bildungsangebote oberflächlich angepasst und entfremden sich dabei von sich selbst. Zu viele wissen nicht, was ihr Potenzial ist und was sie wirklich interessiert. KS: Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer Praxis? Burow: „Nennen Sie mir mal zwei Prüfungsthemen“, kommt ein Student in meine Sprechstunde. „Was hat Sie interessiert? Wo sind Sie mit Energie und Leidenschaft dabei? Was ist das Thema, das Sie wirklich berührt?“, frage ich dann. Reaktion: „Sagen Sie mir doch ein Thema!“ Das ist ein Ergebnis von Bildungsprozessen, die nichts mit der Person zu tun haben. Was wir an Schulen und Hochschulen vermittelt bekommen ist zu oft ich-fernes Wissen. Es befähigt kaum zur Handlung. KS: Welches Wissen brauchen wir? Brrow: Der Hirnforscher Ernst Pöppel betont die zentrale Bedeutung von Bildwissen für unser Handeln. Das meint etwa 800 „innere“ Bilder, die wir im Verlaufe unserer Biografie entwickeln. Emotional tief berührende Situationen, die unser Fühlen, Denken und Handeln bestimmen. Diese Bilder laufen viel schneller als das Denken. Will man Handeln verändern, muss man an diese inneren Bilder herankommen, mit der individuellen Persönlichkeit und der Biografie der Person kommunizieren. Man muss eine Beziehung herstellen das ist das Entscheidende. KS: Und die Realität an der „Bildungsfront“? Burow: Wir haben in unseren Bildungsinstitutionen eine Tendenz, die Beziehung zum Lerngegenstand zu vernachlässigen. Äußerliche Ordnungen und Normierungen verhindern persönlich bedeutsames Lernen. Viele Lehr- und Lernprozesse sind deshalb wenig effektiv und führen zu trägem Wissen. Plakatives Beispiel: Der Mediziner kennt sämtliche Knochen und Details, kann aber nicht mit dem Patienten interagieren, den er vor sich hat. Leider ist unser Bildungssystem immer noch in erster Linie ein Selektionssystem. Es geht um Zuteilung von Lebenschancen und Aussortierung. Erst in zweiter Linie ist es ein Qualifikationssystem. „Wir müssen uns gemeinschaftlich weiterentwickeln“KS: Wie muss die Qualifizierung demnach aussehen? Burow: Denkt man über Formen des persönlich bedeutsamen, selbstgesteuerten Lernens nach, funktioniert dies nur, wenn die Gesellschaft insgesamt eine andere Vorstellung vom Stellenwert von Bildung hat. Bildung nicht nur als Qualifikation und Anpassung an die schnell sich wandelnden Bedürfnisse eines rasant wachsenden, globalisierten Marktes, sondern als etwas, was der Erfüllung des Einzelnen dient. Das wäre eine Vision. KS: Ist es nicht eine Illusion zu glauben, alle seien bildungswillig? Burow: Wir arbeiten seit 20 Jahren mit Gruppen von Lehrern, Eltern und Kindern und auch in der Wirtschaft mit Managern. Wenn sich die Menschen in unserem Verfahren „Zukunftswerkstatt“ ihre optimale Lernumgebung vorstellen sollen, kommen nie rechteckige Kästen mit langem Behördenflur heraus, in denen die Leute frontal ausgerichtet sitzen und mit einer 45-Minuten-Glocke belästigt werden, die übrigens auf den Erlass des preußischen Kultusministeriums von 1911 zurückgeht. Wer sich das vorstellt, würde als gestört gelten. Unseren Kindern tun wir das an und nehmen es als normal hin. KS: Nach PISA steht Vergleichbarkeit auf der Agenda. Sie fordern genau das Gegenteil. Burow: Wenn Sie alles kontrollieren und messen, entstehen eine Reihe von Nebenfolgen. Die Lehrer werden immer ängstlicher und versuchen, mehr Druck zu machen. Das kann dazu führen, dass die Schüler weniger lernen, obwohl das Ziel ist, mehr zu lernen. Vielleicht braucht es mehr Gelassenheit. KS: Aber ich muss mich doch anstrengen, damit ich nach Vorne komme. Nicht nur in der Schule. Burow: Die Ideologie, man könne individuell durch Selbstoptimierung an die Spitze kommen, trifft für Ausnahmen zu, für die große Mehrheit nicht. Wir müssen nach Strukturen suchen, wie wir uns gemeinschaftlich weiterentwickeln. „Ich bin gut, wir sind besser“, ist meine Devise. KS: Und wie bekommen wir das hin? Burow: Der Schlüssel liegt in der Aufhebung der Fragmentierung und Individualisierung, um eine Durchmischung zu bekommen. Vielfalt ist wichtig. Wenn es eine bestimmte Umgebung gibt, ich nenne das ein "Kreatives Feld", stellt sich Lernen und Kreativität automatisch ein. „Mehr Gewinner-Gewinner-Spiele organisieren“KS: Sie reden der Individualisierung beim Lernen das Wort und wollen sie gleichzeitig aufheben? Burow: Die Schule versucht alle, auf ein gleiches Niveau zu heben. Das ist Unsinn. Jeder muss auf sein Niveau gehoben werden und lernen, „andockfähig“ zu werden. Ich muss wissen, was meine Stärken sind. Meine Schwächen bekämpfe ich nicht, denn sie sind die „Andockpunkte“ für passende Partner. Denken Sie an Lennon/McCartney, Jobs/Wosznikak (Apple) oder Gates/Allen (Microsoft). Da haben sich Menschen zusammengefunden, ihre Stärken und Schwächen ergänzt und so gemeinsam Großes geschaffen. Einer allein wäre dazu nicht in der Lage gewesen. KS: Was bedeutet das für Schule und Berufswelt? Burow: Wir müssen viel stärker die Fähigkeit entwickeln, herauszufinden, wozu wir geeignet sind und Gelegenheiten schaffen, das zu tun. Und zwar in einer vielfältig gemischten Gruppe. Das ist aus meiner Sicht das Erfolgsmodell. Das funktioniert natürlich nur dann, wenn die Gewinne gerecht verteilt werden. Die emotionalen, sozialen und in der Wirtschaft natürlich auch die finanziellen. KS: Wie sieht der Gewinn in der Schule aus? Burow: Die Benotung. Wir konstruieren ständig Gewinner-Verlierer-Spiele. Dabei sind gute Noten eigentlich im Übermaß vorhanden, sie sind nicht begrenzt. Wir führen künstlich ein System ein, in dem es eine kleine Schicht von Gewinnern, eine große Schicht in der Mitte und eine mittlerweile immer größer werdende Schicht von absoluten Verlierern gibt. Absurd. Auch die aktuelle Bankenkrise ist ein reines Gewinner-Verlierer-Spiel. Wie können wir mehr Gewinner-Gewinner-Spiele organisieren?, ist die Frage. Da geht es um ein neues Gesellschaftsbild, denn auch die Wachstumsideologie ist ein Gewinner-Verlierer-Spiel. Olaf-Axel Burow ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel. Schwerpunkte sind: Kreativitätsforschung, Organisationsentwicklung, Schul- entwicklung, Verfahren der Partizipation, der Bürgerbeteiligung und der Zukunftsmoderation, Theorien und Methoden der Erziehungswissenschaft, Gestaltpädagogik. erschienen in: Klaus Schaake, StadtZeit Kassel, No. 32, Juni/Juli 2009, www.stadtzeit-kassel.de |

Klaus Schaake im Interview mit Prof Dr. Olaf-Axel Burow