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Freie Stillarbeit an der Bodensee-Schule St. Martin in Friedrichshafen Drucken
von Icon Mitgliederbereich Ursula Herchenbach

Bild aus dem Film "Treibhäuser der Zukunft" Die wichtigste Aufgabe von Schule ist die Annahme jedes einzelnen Kindes, so wie es ist, und nicht so, wie wir es uns wünschen. Es gilt, jedem einzelnen Kind einen Lernraum zu bieten, der es ihm ermöglicht, sich mit den Grundlagen unserer Kultur vertraut zu machen, damit es zunehmend selbstständiger sich Welt aneignen kann. Lernen bedeutet Freiraum zu nutzen, Zeit und Freiheit für selbstständiges und selbsttätiges Lernen und eigenverantwortliches Handeln. Dazu muss Schule diesen Lernraum zum Lebensraum erweitern.

Der Marchtaler Plan - der Erziehungs- und Bildungsplan für freie katholische Schulen der Diözese Rottenburg/Stuttgart - weist als ein wesentliches Strukturelement von Unterricht die „Freie Stillarbeit" aus. Zehn bis zwölf Stunden pro Woche arbeiten alle Kinder und Jugendlichen von der ersten bis zur zehnten Klasse in dieser Arbeitsform. In der Pädagogik Maria Montessoris fanden wir Grundaussagen, die das christliche Menschenbild des Marchtaler Plans verdeutlichen: Jedes Kind baut seine Persönlichkeit selbst auf, nach seinem inneren Bauplan, der uns Erwachsenen oft verborgen bleibt. Wir müssen ihm die Umgebung vorbereiten, die es ihm ermöglicht, seine Persönlichkeit bestmöglich entfalten zu können. Dazu muss ihm die dazu notwendige Freiheit gewährt werden. Wir Pädagogen sind nur Begleiter, Beobachter und Vorbild des Kindes. Wir müssen Hilfestellung geben, wenn wir gefordert sind. Wir beobachten seine sensiblen Phasen, um zu wissen, wann wir diesem Kind einen „Schlüssel zur Welt" geben müssen. Wir sind Mittler zwischen Kind und Welt, bereiten die Lernumgebung entsprechend vor und begleiten das Kind in die Gemeinschaft. „Hilf mir, es selbst zu tun!" - ist die große Aufgabe des Erziehers und der Schule.

Zu dieser „Vorbereitete Umgebung" gehört neben der Bereitstellung der entsprechenden Lernmaterialien auch die altersgemischte Gruppe und ein großzügiger Zeitrahmen.

In dieser Vorbereiteten Umgebung hat das Kind die Möglichkeit frei zu wählen:
das Thema,
den Ort,
die Sozialform und
die Zeitdauer.

Eine solche Freiheit hat als Grenze immer die Gemeinschaft mit den anderen Kindern. Stille ist dabei eine der grundlegenden Voraussetzungen, ohne die sich die „Polarisation der Aufmerksamkeit" beim einzelnen Kind nicht einstellen kann. Das Miteinander in dieser Arbeitsform übt soziales Handeln ein und ist eine unverzichtbare Chance für den jungen Menschen durch die tägliche Wiederholung den Gebrauch von Freiheit selbst zu verantworten.

Durch solches Arbeiten wird das Kind, der Jugendliche in zunehmendem Maße selbstverantwortlich seine Fähigkeiten ausformen und erweitern. Es zeigt sich beim einzelnen Kind eine Normalisation, die eine wichtige Funktion im Prozess der Personwerdung des jungen Menschen darstellt. Das Kind ist fasziniert von der Handlung und den Ergebnissen und wird sich der eigenen Fähigkeit und Mündigkeit bewusst. Die Freiheit, die dafür gewährt wird, führt zu Selbstreflexion und Entscheidungskompetenz - zu Bindung und Verantwortung.

So wird Schule zum Lebensraum, in der das Kind Erfahrungen sammeln und weitergeben, sich behaupten und bewähren, erproben und verwerfen kann, immer in einem Schonraum, der eine Umkehr gefahrlos ermöglicht. Hier kann es Unterstützung und Annahme erfahren, fühlt sich wichtig und gebraucht, seine Eigenarten werden begutachtet und angenommen. Es erweitert zunehmend seinen Freiraum und gestaltet ihn verantwortungsvoll nach seinen Fähigkeiten. Das führt zu Selbständigkeit und Übernahme von Verantwortung für das eigene Handeln, das stärkt seine Persönlichkeit auch für die Widrigkeiten, die ihm in der Welt außerhalb der Schule begegnen.



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