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von Silke Engesser
Nach Pisa wieder in weite Ferne gerückt: die Vision von der „Schule für Alle", in der Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden können, in der Persönlichkeitsbildung und soziales Miteinander und kein abstraktes Leistungsprinzip im Vordergrund stehen. Die Integrative Waldorfschule Emmendingen aber geht ihren eigenen Weg weiter.
Entwicklung
1995 wurde die Integrative Waldorfschule Emmendingen - als Schule in
freier Trägerschaft - mit dem klaren Ziel gegründet: „In dieser Schule
wollen wir allen Kindern, mit und ohne Behinderung, ein gemeinsames,
freudiges Lernen ermöglichen". Mittlerweile hat die Schule über 280
Schüler in 12 Klassen. Jede Klasse hat einen
Klassenlehrer/Klassenlehrerin und einen Heilpädagogen oder
Sonderpädagogen/in sowie entsprechende Fachlehrer/innen. Die
Klassengröße ist unterschiedlich, maximal jedoch 28 Schüler, vier davon
mit so genannt sonderpädagogischem Förderbedarf.
Die Realität
Der Weg zum „integrativen Ziel" war steinig und mühevoll und ist es
immer noch. Neben den allgemeinen Hürden (Finanzierung, Renovierung der
angemieteten Schulgebäude, Beachtung formaler Vorschriften) hatte die
Emmendinger Schulgemeinschaft ganz spezielle Nüsse zu knacken, denn man
betrat ja nichts weniger als pädagogisches Neuland. Schon das
Zwei-Lehrer-Prinzip, die auch noch gleichberechtigt im Team
zusammenarbeiten sollten, war für traditionell waldorf-sozialisierte
Pädagogen und Eltern höchst gewöhnungsbedürftig. Die Handicaps der
„besonderen" Kinder waren und sind in Art und Grad vollkommen
unterschiedlich, sodass jedes Klassenteam erst zu seinen speziellen
Unterrichtsformen finden musste. Das allerdings hielt und hält immer
noch die Türen offen über traditionelle Formen und „Althergebrachtes"
nachzudenken und es evtl. neu zu denken.
Für die Lehrer bedeutet integrativer Unterricht natürlich ein erheblich
höheres Maß an Vorbereitung, Begleitung und differenzierter Auswertung.
Nirgendwo kann ein Integrationspädagoge nachlesen „wie es geht", weil
dies niemand weiß. Verständnis, Engagement und praktischer Einsatz der
Eltern sind oft gefordert, denn Pionierarbeit zeitigt viele Provisorien
und führt gelegentlich auch in Sackgassen. Nicht jeder kann oder will
das auf Dauer aushalten.
Erfolge
Doch die Mühe ist es wert. Nach fast 14 Jahren kann guten Mutes gesagt werden - es ist gelungen und es gelingt weiter!
Erlebt man eine Monatsfeier, in allen Waldorfschulen ein fester
Programmpunkt im Jahreslauf, nehmen die vollkommen selbstverständliche
Atmosphäre des Miteinander, der frische Charme des Unfertigen und die
freudige Präsenz aller Kinder die Besucher sofort gefangen.
Und auch der berühmte Leistungsstand lässt sich mit jeder staatlichen
Schule - aber auch jeder traditionellen Waldorfschule ohne weiteres
vergleichen.
Bilanz
Das Emmendinger Modell ist mehr als eine weitere segensreiche
Waldorfeinrichtung. Hier ereignet sich ein Stückchen sozialer Utopie,
die einen gewichtigen Teil ihrer Basis in der integrativen Schulpraxis
findet. So steckt in dem, durch die (un)normalen Umstände exponierten
pädagogischen Ansatz ein allgemeines Prinzip. Diese Schule wirkt
dreifach kreativ in die Gesellschaft. Einmal kommen die Kinder
individuell in den Genuss veritabler humanistischer Pädagogik und die
Gesellschaft erfährt andererseits den praktischen Beweis der realen
Machbarkeit dieses Ansatzes - zur Nachahmung empfohlen. Drittens wird
die viel zu schwache Fraktion der Menschen mit ausgebildeter sozialer
Kompetenz gestärkt.
Möglicherweise entwachsen dieser Gemeinschaft keine Kriegsminister,
Spitzenmanager oder millionenschwerer Couponschneider - vielmehr jedoch
selbständige, in sich ruhende Menschen, die ihren individuellen, am
Gemeinsinn orientierten Weg gehen können.
Das Emmendinger Modell und - wie geht's weiter?
13 Jahre lang als so genanntes ISEP (Integratives
Schulentwicklungsprojekt) vom Oberschulamt genehmigt, kräftig evaluiert
und abschließend als wirklich gut befunden, sieht sich die
Schulgemeinschaft in diesen Monaten mit der Tatsache konfrontiert,
dass Baden Württemberg integrative Schulen - als solche - nicht
vorsieht. Erst ein von der Schule angestrengtes Gerichtsverfahren gegen
die Ablehnung der Anerkennung der Schule bestätigte im März 2009 mit
richterlichem Urteil die Intention der Schule.
Der Ansatz stimmt!
Die Emmendinger Schule wird auch diese bürokratische Hürde nehmen - denn: „Es ist normal verschieden zu sein!" Und dafür lohnt es sich auch zu kämpfen.
Für den aktuellsten Stand und Einzelheiten lohnt sich ein Besuch bei: www.waldorfschule-emmendingen.de
Leitbild der IWS
Der Lebensraum Schule wird durch die zielgerichtete, vertrauensvolle
Zusammenarbeit von Lehrern, Eltern und Schülern gestaltet. Jedes Kind
soll erhalten, was es zu seiner geistigen, seelischen und physischen
Entwicklung benötigt. In der Schule wollen wir allen Kindern - mit und
ohne Behinderung - ein gemeinsames, freudiges Lernen ermöglichen.
Entsprechend ihrer Begabung erhalten die Schüler die Möglichkeit,
staatlich anerkannte Abschlüsse zu erwerben.
Um das
Entwicklungspotential der Kinder zu erkennen und zu wecken, strebt das
Kollegium eine vertiefte Wesenserkenntnis der Kinder auf der Grundlage
der anthroposophischen Menschenkunde an.
Leitend für das Unterrichts-
und Erziehungsgeschehen ist die Waldorfpädagogik und die
anthroposophische Heilpädagogik. In die konkrete Vorbereitung fließen
Erkenntnisse der Integrationspädagogik und der aktuellen
wissenschaftlichen Forschung ein.
Die soziale Integration der Schüler
ist eine Aufgabe der gesamten Schulgemeinschaft.
Der Träger von
Schule und Hort ist der "Förderverein Integrative Waldorfschule
Emmendingen e.V." Die Mitarbeiter tragen die Verantwortung für diese
Einrichtungen und werden dabei durch die Eltern unterstützt. Eltern
gestalten verantwortlich die Freizeit und werden durch Mitarbeiter
unterstützt.
Präambel
FÜR EIN HUMANES ZUSAMMENLEBEN
In unserer Gesellschaft hat es zu allen Zeiten eine Aussonderung von Menschen gegeben, die nicht dem Maßstab der jeweils durch gesellschaftliche,
kulturelle und wirtschaftliche Gegebenheiten bestimmten Normalität
entsprechen: Alte und kranke Menschen, Menschen mit körperlichen oder
so genannten geistigen Behinderungen, ethnische und kulturelle
Minoritäten. Sie als Menschen mit ganz eigenen Fähigkeiten und
Möglichkeiten zu verstehen, bedeutet für jeden Einzelnen, seine Werte
und Überzeugungen in Frage zu stellen und sich dem Menschlichen in all
seinen Facetten zu stellen. Aussonderung und Ausgrenzung des
"Nicht-Normalen" sind dagegen alltägliche Realität. Damit wird ein Leben in der Gemeinschaft, in der
jeder Mensch seinen Platz hat, verhindert. Eine Haltung, die mit dem
Artikel 1 des Grundgesetzes, in dem die Würde des Menschen garantiert
wird, nicht vereinbar ist.
Hinweis auf Art. 3, Absatz 3 Grundgesetz
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