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| Erziehungscamps und härtere Strafen? |
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Der Leiter der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim, Joachim Walter, über Erziehungscamps, verschärfte Strafen und Ausländergewalt ein Interview des Südkuriers vom 05.01.2008 Herr Walter, stimmt es, dass die Jugend immer krimineller wird? Nein. Die Jugendkriminalität steigt auch in der offiziellen Kriminalstatistik seit Jahren nicht mehr. Auch unsere Haftanstalt ist derzeit nicht überbelegt. Ich habe da schon ganz andere Zeiten erlebt. Dabei spielt vielleicht auch der demographische Faktor eine Rolle. Es gibt eben gar nicht mehr so viele Jugendliche. In Baden-Württemberg haben wir daher im Moment kein Kapazitätsproblem. Wir haben in den letzten Tagen eine aufgeregte Debatte um Jugendkriminalität erlebt. Wie haben Sie die Debatte wahrgenommen? Ich habe sie ehrlich gesagt nicht verstanden. Aus zwei Gründen nicht: Zunächst hat die Bundesregierung gerade den zweiten periodischen Sicherheitsbericht verabschiedet, der von hochrangigen Wissenschaftlern verfasst wurde. Dort wird zum wiederholten Male festgestellt, dass nach allen Erkenntnissen in Deutschland, in Europa, selbst in den USA durch härtere Strafmaßnahmen keine gewaltvorbeugende Wirkung erwartet werden kann. Die Aussage "wer härter straft, erreicht Besseres" ist empirisch unhaltbar. Es gibt kein Fachbuch, das diese These vertritt. Dieser Bericht wurde gebilligt und veröffentlicht, insofern muss ich mich über die jetzige Diskussion schon wundern. Zudem ist gerade eine Änderung des Jugendgerichtsgesetzes in Kraft getreten. Darin heißt es, Jugendstrafen seien vorrangig am Erziehungsgedanken auszurichten. Das hat der Bundestag im Dezember verabschiedet. Fest steht: Prävention durch Erziehung braucht Zeit und auch Mittel. Besondere Härte braucht sie nicht. Einen Abschreckungseffekt schließen Sie aus? Die Jugend nimmt keine Gesetze wahr. Das interessiert sie nicht. Sie nehmen auch diese Diskussion nicht wahr. Unsere Jungs kommen ja nicht aus Familien, in denen man abends gemeinsam die Tagesschau sieht. Sie haben ein völlig anderes Mediennutzungsverhalten. Debatten über Gesetze finden dort nicht statt. Sollten die Gerichte schneller nach Erwachsenenstrafrecht urteilen? Davon halte ich nichts. Ich habe ja unsere Häftlinge vor Augen. Sie wurden von unseren Gerichten dem Jugendstrafrecht zugeordnet. Zwischen 18 und 21 Jahren entscheidet der Richter, ob ein Angeklagter nach Erwachsenen- oder Jugendstrafrecht beurteilt wird. In Baden-Württemberg wird etwa bei jedem Zweiten das Erwachsenenstrafrecht angewandt. Unsere Häftlinge wurden nach Jugendstrafrecht verurteilt. Mir kam in all den Jahren nur ein einziger Fall unter, bei dem ich den Eindruck hatte, einen Erwachsenen vor mir zu haben. Bei vielen springt einem die Unreife förmlich ins Auge. Die Richter gehen mit ihrer Ermessensentscheidung sehr verantwortungsbewusst um. Es ist wichtig, dass sie eine ganze Palette von Erziehungs- und Sanktionsmaßnahmen zur Verfügung haben. Wie hoch ist die Rückfallquote nach einem Haftaufenthalt in Adelsheim? Nach älteren Zahlen kehrten 56 Prozent der Entlassenen in einem Zeitraum von vier bis fünf Jahren in den Vollzug zurück. In neueren Forschungen waren es 45 Prozent. Allerdings war da der Messzeitraum kürzer. Kurz gesagt: Die Rückfallquote nach Jugendstrafvollzug ist nicht gering. Allerdings muss man sehen: Die Jungen werden mit rund 19 Jahren aus der Haft entlassen. Und genau dieses ist das kriminalitätsträchtigste Alter überhaupt. Der Jungmann ist nun mal kriminell am auffälligsten. Schaut man sich die Biographien zehn Jahre später an, haben sich aber mehr als zwei Drittel aus dem kriminellen Geschehen verabschiedet. Den totalen Erfolg wird es nie geben. Wie hoch ist der Ausländeranteil in der Haftanstalt Adelsheim? Besser müsste man nach dem Migrationshintergrund fragen, denn es gibt ja auch die relativ große Gruppe der Russlanddeutschen, die zwar einen deutschen Pass haben, aber eben doch Zuwanderer sind. Einen Migrationshintergrund haben etwas mehr als die Hälfte unserer Gefangenen. Sind Jugendliche mit Migrationshintergrund gewaltbereiter als Deutsche? Nein. Man muss vielmehr die soziale Herkunft anschauen. Unsere Migranten stammen aus den ganz unteren sozialen Schichten. Vergleichen wir mit anderen Jugendlichen, die in Hartz-IV-Empfänger-Familien leben, dann lässt sich kein Unterschied mehr feststellen zwischen jungen Deutschen und jungen Migranten. Fänden Sie es richtig, jugendliche Kriminelle mit ausländischem Pass abzuschieben? Das ist nur bei einer Minderheit überhaupt möglich. Das hängt damit zusammen, dass diejenigen, die hier geboren und aufgewachsen sind, einen relativ weitreichenden Ausweisungsschutz haben. Möglich könnte das sein, bei einem Einwanderer, der erst seit ein, zwei Jahren im Land lebt und dann straffällig wird. Bei den anderen aber - und das ist die große Mehrheit - geht es nicht. Zudem ist es hochproblematisch, wenn man Menschen, die man selbst hier sozialisiert hat, die hier geboren sind, Kindergarten und Schule durchlaufen haben, in eine Heimat verfrachtet, die sie nie gesehen haben. Das entspricht nicht gerade dem Verursacherprinzip. Es sind schließlich die Produkte unserer Sozialisation. Diskutiert werden derzeit auch Erziehungscamps, eventuell nach dem Muster der amerikanischen Boot-Camps. Ist das sinnvoll? Nein. Wobei ja überhaupt erstmal jemand sagen müsste, was das für Lager sein sollen. Die amerikanischen Boot-Camps auf jeden Fall sind gut erforscht. Sie haben deutlich geringere Resozialisierungserfolge als der auch schon sehr harte amerikanische Jugendstrafvollzug. Und der hat deutlich schlechtere Rückfallquoten als der deutsche. Sollten die Vorschlagenden also Boot-Camps gemeint haben, kann ich nur sagen: Bringt nichts, da wird aufs falsche Pferd gesetzt. Baden-Württemberg setzt auf ein anderes Pferd, das den Namen "Projekt Chance" trägt. Ist das ein Erfolgsweg? Die Gefangenen in den derzeit laufenden Projekten kommen ausschließlich aus Adelsheim, daher kenne ich die Projekte gut. Die Kandidaten werden von uns handverlesen. Es ist eine gute Alternative zum Strafvollzug. Ein direkter Erfolgsvergleich ist aber schwer möglich, weil wir natürlich die besonders geeigneten Gefangenen in diese Projekte schicken. Dort sind ja keine Mauern. Deswegen müssen wir natürlich Leute aussuchen, die für die Öffentlichkeit nicht gefährlich sind. Wer zehn Jahre wegen Mordes absitzt, kommt dort sicher nicht hin. Bräuchte man mehr derartige Projekte? Wir sind in Baden-Württemberg mit den 30 Plätzen des "Projekt Chance" ganz gut dabei. Wenn man mehr Plätze hätte, müsste man die Zuweisungskriterien lockern. Das muss dann auch erstmal politisch verantwortet werden. Welche Mittel vermissen Sie, um noch mehr zu erreichen? Man jammert natürlich immer über zu wenig Personal. Uns fehlen sicher Ansprechpartner für junge Männer mit anderem kulturellen Hintergrund. Die einen sind im postsowjetischen Kasachstan erzogen worden, die anderen waren in Schwarzafrika auf der Flucht vor Bürgerkriegen. Wir haben einen jungen Mann vom Balkan, der bei der Flucht selbst verwundet wurde. Wir haben Afrikaner, die mitansehen mussten, wie ihre Eltern umgelegt wurden. Das sind Biographien, die einen ganz verschiedenen kulturellen Hintergrund haben. Da bräuchte man eigentlich relativ viele Spezialisten. Wir haben zwar Psychologen, aber keine Leute, die diesen interkulturellen Brückenschlag professionell begleiten können. Immerhin haben wir aber gerade zusätzliche Stellen für Psychologen und Sportlehrer bekommen - daher will ich nicht klagen, das wäre unfair. Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Jugend heute im Allgemeinen aggressiver ist als früher. Stimmt das oder vergessen sie, dass sie sich früher auch mal geprügelt haben? So scheint es fast zu sein. Ich bin jetzt 35 Jahre im Vollzug tätig, davon 25 Jahre im Jugendstrafvollzug. Meine Wahrnehmung ist eine andere. Früher mussten wir viel häufiger unmittelbaren Zwang anwenden als heute. Wir hatten mehr Ärger mit den Insassen. Die Haftanstalten sind insgesamt deutlich friedlicher geworden. Natürlich machen auch wir manches anders als früher und offenbar auch besser. Mit Joachim Walter sprach Karina Christen. Links
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