Erschöpfung? Drucken

Archiv der Zukunft : Debatte

„Burnout ist kein Modethema“, sagte Hartmut Rosa kürzlich auf unserem „Theater träumt Schule“ – Wochenende im Theater Freiburg. Rosa zitierte Studien, die zeigen, dass Erschöpfung zunimmt. Dies liegt nicht unbedingt an gewachsener Anstrengung, sondern eher an einem Mangel von Resonanz und Sinn. 

Wir wollen dieses Thema in den nächsten Wochen hier von verschiedenen Seiten, unter anderem mit Beiträgen von Hartmut Rosa und Andreas Weber, beleuchten und diskutieren. Diskutieren Sie mit! Senden Sie Ihren Beitrag an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können  

Wir beginnen mit dem Video eines Gesprächs mit dem Psychiater für Kinder und Jugendliche Prof. Michael Schulte-Markwort. Reinhard Kahl hat es mit ihm im Rahmen der Bildungsgespräche in der Autostadt Wolfsburg geführt.


Von seinen Beobachtungen war er zuerst selbst irritiert. Anfangs wollte er ihnen nicht recht trauen. In die Praxis des Psychiaters für Kinder und Jugendliche kamen Kinder mit Erschöpfungsdepressionen. Das war neu. Michael Schulte-Markwort ist Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Universitätskrankenhaus Hamburg Eppendorf und leitet außerdem die psychiatrische Kinderabteilung im größten Allgemeinkrankenhaus der Hansestadt. Er gehört nicht zu denjenigen, die Sympathie for the Devil hegen, also keiner, dem es gar nicht schlimm genug kommen kann, wenn er denn mit seinen finsteren Prognosen nur Recht behält. Er hat erst gezögert ein Buch darüber zu schreiben, weil er fürchtete, damit Skandalisierungen anzuheizen, die nach einem Strohfeuer doch nur die Gleichgültigkeit und Erschöpfung steigern.
Aber die Diagnose ist doch zu beunruhigend. Immer häufiger kamen in die Sprechstunden Familien mit Kindern, die ihr Leben verwirkt sehen, wenn es mit dem Gymnasium nichts wird. Aber Erschöpfung und die Angst ein Niemand zu sein, erfassen nicht nur diejenigen, die fürchten, an den Schleusen des Systems zurückgewiesen zu werden. Schulte-Markwort schreibt in seinem Buch „Burnout - Kids“: „‚Ich kann nicht mehr!‘ ‚Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.‘ ‚Ich bin erschöpft, traurig und mein Leben ist sinnlos geworden.‘ Das sind die Sätze, die ich von Kindern und Jugendlichen in meiner Ambulanz höre. Sie befinden sich in einer verzweifelten Lage und wissen keinen Ausweg – und ihre Eltern auch nicht. Noch ist es keine große Gruppe von Patienten, aber wir sind gefordert zu verhindern, dass es immer mehr werden.“ (Seite 261)

Jugendliche, die zu Schule-Markwort kommen, sind in der Regel nicht etwa Schulversager. Im Gegenteil. Es sind Jugendliche, die unbedingt gut sein wollen. Sie wollen sogar unbedingt sehr gut sein. Allerdings nicht nach eigenen Maßen und Zielen, sondern in der Währung von Schulnoten, Ranglisten und Punkten. Das ist die harte Währung, an die sie glauben. Es sind Jugendliche, die im Abitur nur einen Schnitt von 1,5 erwarten. Der reicht ihnen nicht. Sie wollen Spitze sein. Absolute Spitze! Soll das Superabitur sie zum Traumberuf führen? Das ist eher die Ausnahme. Es geht um Optionen auf die höchst dotierten Aktien, die im späteren Leben Sicherheit garantieren und hohe Renditen abwerfen sollen. Jetzt leben? Erst mal durch die Schule kommen! Kein Jemand sein, sondern einfach Spitze sein, aus Angst davor, sonst ein Niemand zu sein.

Nicht wenigen geht es wie Gewinnern von Bronze- oder Silbermedaillen, die sich dennoch als Verlierer fühlen, weil ihnen die Goldmedaille entgangen ist. Es ist die absolute Eins, die zählt. Diese Kinder und Jugendlichen haben gelernt, auf Selbstoptimierung und Perfektion zu setzen, nicht auf Eigensinn. Sie verlangen häufig sogar nach einem Lebensskript, das sie ausführen sollen. In einer eigenen Biografie, die eine Reise ohne Fahrplan wäre, sehen sie vor allem die Gefahr zu scheitern. Es geht ihnen dann um Quanten, Quoten und exakte Pläne, weniger um die Vorfreude auf sich selbst, auf die Abenteuer des Zusammenlebens und die Freude an der Zusammenarbeit mit anderen. Zugleich beobachtet Schulte-Markwort eine Generation von Kindern und Jugendlichen, die durchaus optimistisch in die Welt blicken und etwas bewirken will. Das Bild ist also gar nicht eindeutig. Aber dass die Erschöpfung an vielen zehrt ist unabweisbar.





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