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Eine liebevolle Erziehung kostet mehr Zeit Drucken

Remo LargoRemo H. Largo plädiert in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Juli 2009 für eine intensive Beziehung und zeigt, dass fehlende Disziplin nicht das eigentliche Problem heutiger Erziehung ist.

Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet Autorität, hat keinen Respekt vor älteren Menschen und schwatzt, wo sie arbeiten soll. Kinder widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen und tyrannisieren ihre Lehrer!“ Diese Klage ist kein Leserbrief aus dem Jahr 2009, sondern wurde von Sokrates vor 2400 Jahren formuliert. Leidet Deutschland also am Niedergang von Autorität und Disziplin in Familie, Schule und Gesellschaft? Anders ist es nicht zu erklären, dass Bernhard Bueb und Michael Winterhoff mit ihren Büchern eine so große Zustimmung bei einer breiten Leserschaft gefunden haben.

Was wollte uns Bernhard Bueb mit seinem „Lob der Disziplin“ sagen? Dies: „Disziplin ist das ungeliebte Kind der Pädagogik, sie ist aber das Fundament aller Erziehung. Disziplin verkörpert alles, was Menschen verabscheuen: Zwang, Unterordnung, verordneter Verzicht, Triebunterdrückung, Einschränkung des eigenen Willens.“ Michael Winterhoff ortet in seinem Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ aus einer tiefenpsychologischen Warte die Ursache der Erziehungskrise in einer gestörten Beziehung zwischen Kind und Erwachsenen. Diese werde heutzutage durch Eltern und Lehrer vergiftet mit Partnerschaftlichkeit, Projektion und Symbiose. Als Folge des Partnerschaftsideals stelle sich eine Orientierungslosigkeit beim Kind und ein Steuerungsverlust bei den Erwachsenen ein. Die Projektion führe dazu, dass die Erwachsenen nicht mehr fähig seien, dem Kind etwas zu versagen, weil sie eine negative Reaktion des Kindes als Liebesentzug erlebten, den sie aufgrund ihrer eigenen Bedürftigkeit nicht ertragen. Die Symbiose schließlich führe beim Kind zu einer narzisstischen Aufwertung und zu einem Verbleib auf der psychischen Entwicklungsstufe eines Kleinkindes.

Kein Plädoyer für die Wohlfühloase

Bueb und Winterhoff rufen also zur Rückkehr zu einer autoritären Grundhaltung auf. Die autoritäre Erziehungsform bestehe schließlich seit biblischen Zeiten und sei universell verbreitet. Weshalb also aufgeben, was sich bewährt hat? Es gibt nun aber eine Erziehungsform, die noch weit älter ist als die autoritäre und die von den Müttern seit jeher angewendet wurde. Sie basiert auf dem kindlichen Bindungsverhalten, das wir Menschen mit allen höheren Tieren, insbesondere den Säugetieren gemeinsam haben. Es stellt sicher, dass das Jungtier ständig die Nähe der Mutter sucht, damit seine Ernährung, Pflege und Schutz gewährleistet sind. Beim Menschen dient das Bindungsverhalten überdies dem Transfer von Lernerfahrungen und der Sozialisierung.

Jedes Menschenkind bindet sich an jene Personen, die ausreichend verfügbar sind und es umsorgen. Meistens sind dies die Eltern, vor allem seine Mutter. Das Kind bindet sich bedingungslos. Es wird die Beziehung zu den Eltern nie in Frage stellen oder gar davonlaufen, selbst dann nicht, wenn es misshandelt wird. Das Kind bindet sich nicht nur an seine Eltern, es will sich, wenngleich in einem geringeren Ausmaß, auch an seine Lehrerin binden. Es will von ihr angenommen und akzeptiert werden, als Person und nicht nur wegen seiner Leistungen. Dies ist kein Plädoyer für die Schule als Wohlfühloase. Vielmehr belegen diverse Studien, dass Schüler leistungsfähiger, aber auch gehorsamer sind, wenn die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern gut sind.

Wann Kinder gehorchen wollen

Es ist diese emotionale Abhängigkeit, die den Eltern und Lehrern ihre eigentliche erzieherische Macht gibt: Kinder gehorchen, weil sie emotional abhängig sind, und weit weniger, weil sie durch erzieherische Massnahmen dazu gebracht werden. In der Pubertät kommt es zur Auflösung der Bindung an die Bezugspersonen. Die Pubertät wird damit zur erzieherischen Konfliktzone. Wenn die Kinder in die Pubertät kommen, erleben Eltern und Lehrer, wie sehr ihnen die emotionale Abhängigkeit die Erziehung in den Jahren zuvor erleichtert hat und deren Schwinden nun zu einem eigentlichen Kontrollverlust führt. Dem Jugendlichen fällt es leicht, nein zu sagen und sich zu verweigern, weil er den Liebesentzug nicht mehr fürchtet. Jugendliche gehorchen nicht mehr aus einer emotionalen Abhängigkeit heraus, sondern wollen mit Argumenten überzeugt und wie Erwachsene behandelt werden. Für Eltern und Lehrer ist damit ein ständiges, mühsames Aushandeln von Pflichten und Rechten angesagt. Ein anstrengender Erziehungsauftrag, dem sie sich jedoch stellen müssen, wenn sie dem Jugendlichen wirklich helfen wollen, sich in der Gesellschaft zurechtzufinden.

Autorität, die auf Macht und sozialen Status gründet, ist heutzutage immer weniger glaubwürdig, und so wird derzeit das Heil in Erziehungsmethoden gesucht, die sich am Behaviorismus und an der Verhaltenstherapie orientieren: Das Kind soll mit Belohnen und Bestrafen erzogen werden. Gehorcht es nicht, erklärt man ihm die negativen Konsequenzen und setzt sie gegebenenfalls um. Unbestritten ist: Es gibt keine Erziehungsform, die ohne disziplinarische Maßnahmen auskommt. Auch die kompetentesten Eltern müssen ihrem Kind Grenzen setzen. Doch Disziplin allein reicht nicht, denn Beziehung kommt vor Erziehung. Eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und Eltern ist die Grundvoraussetzung, damit das Kind auch gehorchen will. Eltern und Lehrer wissen aus Erfahrung: Je tragfähiger die Beziehung zum Kind ist, desto seltener müssen sie zu erzieherischen Maßnahmen greifen. Wenn das Kind sich nicht geborgen fühlt, kann es den Gehorsam verweigern. Wenn es übergangen oder gar abgelehnt wird, sucht es negative Aufmerksamkeit, die immer noch besser ist als gar keine.

Der Faktor Zeit

Eltern, die ihrem Kind nicht das notwendige Maß an Geborgenheit und Zuwendung geben, verlieren die erzieherische Kontrolle über ihr Kind und werden erpressbar. Erzieherischer Kontrollverlust, fehlende Abgrenzung und Verwöhnung entstehen zumeist eben gerade nicht, wie Winterhoff postuliert, durch ein übermäßiges Eingehen der Eltern auf das Kind. Bernhard Bueb weist ebenfalls in die falsche Richtung, wenn er mahnt: „Wir müssen lernen zu gewichten, wir müssen vor allem lernen, uns nicht verführen zu lassen, der Güte, der Liebe und der Fürsorge immer den Vorrang zu geben.“ Die meisten Kinder sind nicht deshalb ungehorsam, weil ihre Eltern zu fürsorglich sind, sondern weil sie von ihnen zu wenig Zuwendung erhalten.

Hier haben wir die wohl wichtigste Ursache der Erziehungskrise: Eine beziehungsorientierte Erziehung ist zeitlich aufwendiger als eine autoritäre, doch genau an der Zeit mangelt es den meisten Eltern und Lehrern. Mehr als achtzig Prozent der Mütter und Väter in Deutschland sind gemäß dem Bundesministerium für Familie insgesamt weniger als eine Stunde pro Tag mit Kindern im Schulalter zusammen. Die Zeit, welche Eltern mit ihren Kindern täglich im direkten Kontakt verbringen, liegt im Minutenbereich. In der Schweiz beschränken sich die gemeinsamen Aktivitäten des Vaters mit dem Kind auf zwanzig Minuten pro Tag. Mit der gleichzeitigen Anwesenheit unter demselben Dach ist es nicht getan.

Man kann nicht alleine erziehen

Es geht um die Verfügbarkeit der Eltern, also darum, mit den Kindern zu reden, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, gemeinsam etwas mit ihnen zu erleben, sei das zu Hause, im Wald oder beim Baden. Wenn die Kinder erzieherisch aus dem Ruder laufen, dann sollten die Eltern nicht in erster Linie die Disziplin verschärfen, sondern sich mehr Zeit für ihre Kinder nehmen. Aber nicht mehr Zeit zur Kontrolle der Hausaufgaben, sondern für Aktivitäten, die dem Kind Freude machen und seine Beziehung zu den Eltern stärken. Jede gemeinsam verbrachte Minute ist Gold wert und erspart nervenaufreibende Auseinandersetzungen und Strafaktionen. Etwas vom Kostbarsten, das Eltern und Lehrer den Kindern geben können, ist ihre Zeit.

Doch allein können die wenigsten Eltern ihre Kinder erziehen. Das ha-ben sie auch früher nicht geschafft. Zu keiner Zeit und in keiner Kultur lag die erzieherische Verantwortung ausschließlich bei den Eltern, gar nur bei der Mutter. Die erweiterte Gemeinschaft, in der die Kinder leben, aber auch die Gesellschaft muss sich vermehrt für die Kinder einsetzen, indem sie die Eltern bereits im Vorschulalter und während der ganzen Schulzeit mit Angeboten wie Krippen und Tagesschulen unterstützt. Wenn wir es schaffen, die sozialen und emotionalen Bedürfnisse der Kinder in Familie und Schule ausreichend zu befriedigen, werden sie nicht zu kuschenden Bürgern, sondern zu selbstbestimmten und beziehungsfähigen Menschen heranwachsen.

Remo H. Largo ist Professor für Kinderheilkunde und Autor des Buches „Schülerjahre. Wie Kinder besser lernen“.




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