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Dritte in der Schule – Wie etwas begann Drucken

Wie externe Fachleute den Unterricht übernahmen und eine Schule so in die Gesellschaft der Praxis kam. Und: Wie eine Lehrerin mit diesem Umbau anfing und warum sie nicht auf die Schnürsenkel ihrer Schüler achtet.

Unsere Schule

Wir sind eine Grund- und Hauptschule und von Klasse 1 bis 10 nahezu zweizügig. Wir haben unmittelbare räumliche Nähe zur Realschule, zum Gymnasium, zur Förderschule sowie zu einer Förderschule für geistig Behinderte. An unserer Schule arbeiten 30 Lehrerinnen und Lehrer, 3 Betreuungskräfte, 2 Sozialarbeiter sowie viele engagierte Zusatzkräfte. Die Schulleitung besteht aus dem Schulleiter Manfred Balke und dem Konrektor. Wir verfügen über eine 7-köpfige Steuergruppe und werden im Herbst 2007 unseren Schulvorstand wählen.
Wir feiern gern und viel.

Wie etwas begann

Irgendwann im Juli 2007 : „Natalia, was hältst du denn davon: Wir bedienen den Wahlpflichtkurs-Bereich nur mit externen Fachleuten. Also, die Schüler haben dann nur Praxis.“
„Toll, Manfred. Was soll ich machen? Sag an.“

Die Verwandtschaft und der Freundeskreis sämtlicher Kollegen wurden nach brachliegenden Künstler- und Handwerkerressourcen durchforstet.

„Meine Freundin ist Grafik-Designerin, leider arbeitslos.“ „Meine Schwester kann richtig gut nähen und hat Lehramt bis zum ersten Staatsexamen studiert. Sie sucht zur Zeit einen Job.“ „Frau Hase aus der Betreuung ist doch eine super Köchin. Die möchte das bestimmt gern mit einer Gruppe machen.“ „Ich frage mal bei den Altenheimen, ob die Interesse an einer Zusammenarbeit haben.“ „Manche Schüler könnten doch auch den Jugendgruppenleiter-Schein machen. Ich frag’ mal beim Axel, dem Jugendpfleger an.“ „Herr Kehling vom Staatstheater und Peiner Musikschulleiter würde gern eine Rockband machen. Er kommt mit einem Gitarristen. Welche Schüler wollen wir denn dafür fragen?“ „Können wir uns das überhaupt leisten?“
„Okay, wie viele Kurse brauchen wir?“ „ Wir können die ja nicht so voll packen.“ „Außerdem sollen die Schüler ja eine Wahlmöglichkeit haben.“ „Aber wir können doch nicht jeden in die Schule für geistig behinderte Kinder lassen. Wie wählen wir die denn aus?“ „Wir fragen die Klassenlehrer. Dann fragen wir die Schüler, ob sie das wollen.“

Für die Bereiche Rockband, Altenheim-Besuche, JULEICA und Mitarbeit in der Astrid-Lindgren-Schule wurden ausgesuchte Schüler gefragt. Die meisten haben begeistert zugestimmt, manche waren aber auch verunsichert. „Frau Remmler, warum fragen Sie denn grade mich? Was ist an mir so Besonderes?“
„Ich glaube, du wirst das richtig gut machen.“ „Ich traue dir auch zu unsere Schule dort gut zu vertreten.“ „Du bist ein toller Mensch und wir Lehrer sind der Meinung, dass die anderen viel von dir lernen können.“ „Du spielst doch schon so gut dein Instrument. Wenn du jetzt mit richtigen Profis in einer Band spielst, wirst du noch mehr erreichen.“

Manfred Balke seines Zeichens Schulleiter der GHS Groß Ilsede und hervorragender Bassist in der Lehrerband hat die Finanzen fest im Blick. „Wenn wir uns Lehrerstunden auszahlen lassen, können wir pro Lehrerstunde zirka zwei Expertenstunden einkaufen. Uns bleibt dann noch Kapazität um die Schüler mit wichtigen Lehrerstunden zu versorgen, zum Beispiel im Mathematikunterricht Klasse 5.“

Im letzten Jahr habe ich eine Gruppe von Lehrern davon überzeugen können, dass der Mathematikunterricht in Klasse 5 in der bisherigen Form ziemlich unsinnig war. Die Schüler wurden mit Inhalten „zugetextet“ für die jegliche Grundlage in den Köpfen fehlte. Mathematik entwickelte sich mehr und mehr zum Hass-Fach.
Nach einer aufschlussreichen Veranstaltung in Hamburg, die vom mittlerweile eingestampften SINUS-Projekt initiiert wurde, kam ich enttäuscht von Funktionären der deutschen Bildungslandschaft (so tun als ob man weiß worüber man spricht und das auch noch exzessiv), aber mit einer tollen neuseeländischen Idee zurück nach Hause. Wir führen das Numeracy Project nun schon im zweiten Durchgang nach unseren Möglichkeiten und Erfordernissen durch. Das heißt, wir interviewen die Kinder mit Hilfe eines speziellen Fragebogens stellen fest, was sie brauchen und gehen mit ihnen den handelnden mathematischen Weg gemeinsam. Mathematik ist keine Wissenschaft, die um ihrer selbst Willen existiert, sondern sie ist eine wichtige dienende Wissenschaft. Vier Lehrer in zwei Klassen sorgen dafür, dass Mathematik Spaß macht. Zensuren gibt es in der 5. Klasse im Fach Mathematik nicht. Davon musste natürlich die Gesamtkonferenz überzeugt werden, die zustimmen musste, dass die doppelte Lehrerstundenzahl in das Projekt fließt.

Glücklicherweise findet sich an unserer Schule ein Kollegium, welches neue Ideen nicht behindert und auch hilfsbereit mit einsteigt, finden sich Elternvertreter, die selbstbewusst nachfragen und gern mit Lehrern zusammenarbeiten, finden sich Einzelne, die Visionen in ihrem Herzen tragen und oftmals belächelt, aber wenn es darauf ankommt, auch unterstützt werden. Jetzt schreiben wir alles auf. Wir bemühen uns die einzelnen Experten miteinander bekannt zu machen, Bindungen zu schaffen.
An unserer Schule konnten die Schüler aus 20 Kursen wählen. Allen Schülern konnten wir den Erst- oder Zweitwunsch erfüllen. Alle Kurse sind reine Praxiskurse, geleitet von externen Fachmännern und -frauen. Die Kurse laufen über ein halbes Jahr und können dann bei Bedarf gewechselt werden.

Was junge Menschen bewegen, wenn man ihnen etwas zutraut, wenn man einfach nur deutlich macht: „Hey, ich nehme dich wahr und ernst.“ erlebe ich jetzt Tag für Tag: Da wachsen vorher eher unscheinbare Persönlichkeiten über sich hinaus; organisieren einen Gottesdienst für Altenheimbewohner und fragen mich, ob ich Gitarre spielen würde. Ich darf Gitarre spielen und fühle mich geehrt. „Warum bedanken Sie sich denn?“

Da organisieren sich Fünft- bis Neuntklässler selbst, um in den Pausen im Musikraum Schlagzeug, Bass, Keyboard und E-Gitarre zu spielen. Keiner ist mir böse, wenn ich den Raum schließe, weil es Streit gab. Jeder ist bemüht Frieden und Verlässlichkeit herzustellen, um auch wieder gemeinsam zu musizieren. Klar bin ich konsequent, ich weiß aber auch: Das sind junge Menschen, die müssen ihre Fehler begehen, ihre Unstimmigkeiten zum Ausdruck bringen, denn nur so können sie lernen, wie es besser geht. Ist der Frieden wieder hergestellt, bin auch ich wieder hilfsbereit und fröhlich. „Hören Sie mal.“ „Toll!“
Und das alles so, im täglichen Geschäft, aus der Lust am Tun heraus.

 

Im kommenden Jahr wird unsere Schule 100 Jahre alt.

Und wir wollen es richtig krachen lassen. Was gibt es dabei Schöneres, als wenn alle zusammen in einem Boot, bzw. in einem Zelt sitzen?
Ich habe den Zirkusdirektor Gerhard Sperlich (was für ein toller, irrer Typ) zu einer Steuergruppensitzung eingeladen. Er hat uns sein Zirkusprojekt für die Grund- und die Hauptschule vorgestellt und angeboten. Ein Zelt für 600 Leute, eine Woche Arbeit mit den Schülern und Lehrer, vier Vorstellungen, Tiere, Artisten, Kostüme, Licht, Musik, Manege und Bauchladen. Was für eine Atmosphäre…. Alles zusammen kostet 12.500€ plus MwSt. und wird im Oktober 2008 stattfinden.
Wir werden mit einem Lehrerworkshop starten. Alle Schüler schauen sich dann ihre Lehrer in einer exklusiven Vorstellung an: Lehrer in der Manege, Schüler auf den Rängen. (Manfred wollte schon immer mal Feuerspucker sein.) Erst nach der Lehrervorstellung folgt die Projektwoche, mit den abschließenden Vorstellungen der Schüler. Die Vorbereitung und Planung hat begonnen. Was muss eigentlich alles geplant werden? Plakatwettbewerb, Kartengestaltung, Catering-Organisation, Platzvorbereitung, Ver- und Entsorgung, Licht und Technik, Dokumentation, Internetpräsenz, Pressearbeit, Artistengruppen, und und und


Das ahnt zwar noch keiner, aber hier beginnt sich der Kreis dann zu schließen:

Die praxisorientierten Wahlpflichtkurse (WPKs) werden dem Zirkusprojekt und der damit verbundenen 100-Jahr-Feier zuarbeiten. Im Arbeit-Wirtschaft-Bereich sind die jetzt erst entstehenden Schülerfirmen in den Kinderschuhen. Auch hier wird deren erster großer Auftrag in Zusammenhang mit der 100-Jahr-Feier stehen.
Der an unserer Schule sehr aktive Musikbereich wird sich mit der musikalischen Untermalung beschäftigen. Die Schüler müssen dann wohl schreiben, rechnen, gestalten, präsentieren, sprechen, Erfolg und Misserfolg teilen. Das Schöne an dieser Schule ist, dass Schulleitung, Eltern und Kollegium trotz des ungewissen finanziellen Rahmens für das Projekt gestimmt haben. Dabei sind wir eine ganz normale Schule, mit allen Facetten, die das Lehrer- Schüler- und Elternklientel so zu bieten hat. Aber anscheinend einem großen Vertrauensvorschuss für unsere Steuergruppe.

Wir haben vor drei Jahren damit begonnen, im Rahmen eines Weihnachtskonzertes die Ergebnisse aus dem Musik- und Kunstunterricht vorzustellen. Mittlerweile ist daraus so eine Art Weihnachtsmarkt geworden. Die Einnahmen haben wir bisher für den Musikbereich verwendet.
Auf unseren Schulfesten verkaufen wir Kuchen und türkische Spezialitäten, die von Eltern gespendet wurden. Auch hier fließen die Einnahmen in die 100-Jahr-Feier-Kasse. Sponsoren suchen ist Manfreds Aufgabe. (Er hat so eine unnachahmliche Art.)

Wir sind auf dem Weg und sehr optimistisch schon für das nächste große Projekt: Gestaltung unserer Schule.

 

Die Lehrerin Natalia Remmler

An der GHS Groß Ilsede bin ich seit 4 Jahren als Hauptschullehrerin tätig. Ich unterrichte alle Fächer. Ich bin Klassenlehrerin einer 5. Klasse.
Für Geschichte, Politik und Erdkunde habe ich die Fachkonferenzleitung und führe in dieser Eigenschaft regelmäßig Projekte zu aktuellen Themen auch für die ganze Schule durch. Meine unterrichtliche Arbeit ist unter anderem geprägt durch die Inhalte aus dem Cooperative Learning, welches ich vor einigen Jahren auf einer beeindruckenden Fortbildung bei Norm und Kathy Green erleben durfte. Ich bin als Trainerin für Unterrichtsqualität für die Landesschulbehörde Braunschweig tätig und ziehe los und infiziere andere Schulen mit guten, bewährten, praxisbeständigen Ideen, die Schüler das selbst gesteuerte Lernen ermöglichen mit Lehrern, die die ungekünstelte Rolle des Begleiters und Moderators als erfüllend erleben.

In der Schulprogrammarbeit fungiere ich als Motor und Antreiber.
Ich bin gut zu gebrauchen für die organisatorische und systematische Umsetzung ungewöhnlicher Ideen, versuche aber dabei stets die Bodenhaftung zu behalten.
Zurzeit habe ich den Vorsitz in der Steuergruppe, da ich bereits an meiner vorherigen Schule eine umfangreiche Ausbildung absolviert habe. Meine Kollegen folgen aber bereits und wir wechseln uns dann in der Leitung ab.
Als Triple-P-Elterntrainerin helfe ich in Hausbesuchen auch meinen Schüler und deren Eltern für ein gutes Miteinander zu sorgen. Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass Eltern erkennen, dass ihr vermeintlich unter ADS leidendes (oder ADHS oder latent autistische oder hyperaktive oder latent hyperaktive oder……) Kind ausgesprochen normal, liebenswert und aufgeweckt ist. Sie erleben, dass ihr Kind durch gelebte Regeln glücklich und ausgeglichen auch ohne Medikamente sein Dasein bestimmt.

Ich bin selbst Mutter von drei Kindern (16,14,6) und gehe mittlerweile weder zu Elternabenden noch zu Elternsprechtagen, nachdem ich vielfach für meine „unverantwortlichen“ Erziehungsmethoden kritisiert wurde. Ich bin es jetzt einfach nur leid, in der Grundschule über das Abitur zu diskutieren oder die Hausaufgabenfrage oder die Stundentafel immer wieder aufs Neue in sämtlichen Schulstufen heiß zu erörtern. Wirkliche Partizipation ist oft nicht erwünscht und worauf es wirklich ankommt ist nicht Thema von Elternabenden.
Ein nettes Erlebnis und repräsentatives Beispiel war ein Elternsprechtag in der 2. Klasse Grundschule:

“Frau Remmler, bitte achten Sie in Zukunft darauf, dass ihr Sohn seine Schuhe zubindet. Er könnte stolpern und sich schwer verletzen.“
„Ist er schon mal gestolpert?“
„Nein, aber er könnte ja.“
„Mein Sohn findet es glaube ich zur Zeit schick, mit offenen Schnürsenkeln herumzulaufen. Sein großer Bruder läuft auch immer so rum; sie wissen schon, weite Hose, offene Turnschuhe. Was soll ich Ihrer Meinung nach denn tun?“
„Achten Sie einfach darauf, dass er seine Schuhe zubindet.“
„Aber wenn er doch nicht stolpert und damit gut zurechtkommt ? Ich weiß gar nicht, wie ich ihm das klarmachen soll, zumal ich ja auch nicht in der Schule bin, wenn seine Senkel offen sind.“
„Das sollten Sie ihm aber klarmachen!“
„Ich vermute, dass er das schon ganz gut allein entscheiden kann. Er geht mit seiner Gesundheit sehr fürsorglich um und hat auch ein gutes Körpergefühl.“
„Ach ja?“
„Ja, wir waren im letzten Urlaub Klettern im Ith und da hat er sich aus 20m abgeseilt. Da war zwar ein Kletterlehrer dabei, aber ich wusste gar nicht, dass er sich das traut. Ich hatte zwar Angst, aber ich glaube, das war wichtig für ihn. “
„Finden Sie das nicht sehr verantwortungslos ihn alles selbst entscheiden zu lassen? Und irgendwann entscheidet er dann auch allein, welche Drogen er konsumiert.“
„Bitte? Was hat das denn damit zu tun?“
„Wir haben jetzt keine Zeit das zu diskutieren. Bitte achten Sie darauf, dass sich ihr Sohn in Zukunft in der Schule die Schuhe zubindet!“

Hinstellen und Losjammern hilft da natürlich herzlich wenig, aber Lachen hilft. Man muss schon so eine gewisse Sättigungsgrenze erreicht haben, bis man rigoroser und durchsetzungsfreudiger wird. (Und manchmal auch die Dinge aus Loriot's Sicht sehen.)

Ich versuche das System auf meine Art zu beeinflussen und zu verändern, indem ich in die Schulen als Lehrertrainerin gehe und ihnen tolle Möglichkeiten für Teamentwicklung, Eigenverantwortung, Selbststeuerung und Lehrerentlastung aufzeige, indem ich mich bei den Eltern aufs Sofa setze und zuhöre und ehrlich interessiert bin, indem ich meinen Schülern mit Respekt und Wertschätzung begegne und sie die Konsequenzen aus ihrem Verhalten erleben lasse.

Die Zeit nehme ich mir.

Ich glaube dieser Weg ist langfristig effizienter als die Rolle der nörgelnden, begriffsstutzigen, erziehungsunfähigen Mutti zugewiesen zu bekommen.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Erziehung Spaß und Erfüllung für alle Beteiligten bieten kann und sollte. Schade finde ich, dass Eltern vielfach durch Lehrer, Institutionen und Medien dermaßen verunsichert werden, dass sie ihren Fokus verschieben müssen und irgendwann nur noch auf die Außenwirkung ihrer Erziehung achten oder annehmen müssen versagt zu haben.

Eltern müssen wieder den Mut zur Erziehung haben dürfen. Kinder müssen wieder die Chance haben Respekt, Wertschätzung und Gelassenheit zu erleben und mit der Unterstützung von Erwachsenen zu erlernen. Lehrer müssen ehrlich das einzelne Kind in den Mittelpunkt ihrer unterrichtlichen Arbeit rücken dürfen und professionell auch miteinander arbeiten. Dazu gehören selbstverständlich sehr individuelle Lösungen für individuelle und einzigartige Menschen, die gemeinsam von allen Erziehenden unterstützt werden.

Und dafür setze ich mich ein.

 

Natalia Remmler



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